Johannes Weissingers neunter Bericht

23. Oktober 2012

Den Tag über schreibe ich an meinen Berichten aus Tiffin, abends nehme ich an der Sitzung des Ausschusses „Christian Education“ teil. Brenda berichtet von ihrer Teilnahme an einem Kongress in Chicago mit vielen Workshops. Mag sein, dass es dort inspirierende Vorschläge und Berichte von gelungenen Aktionen gab. Den Ausschuss in Tiffin drückt ein elementares Problem: In den Monaten September und Oktober ist die Zahl der Kinder, die an den sonntäglichen, nach Altersgruppen unterschiedenen Angeboten teilgenommen haben, auf rund 20 Prozent des durchschnittlichen Besuchs im Jahre 2011 gesunken. Die Gründe für diesen Rückgang werden vor allem bei den Eltern gesucht. „Was ist für die Kinder wichtiger, der Sport oder die Begegnung mit Gott?“, fragt Rick. Man kann beklagen, dass es am Sonntagmorgen inzwischen viele Parallel-Angebote zum Gottesdienstbesuch gibt, ändern kann man das wohl nicht. Soll die Trinity Church die Gemeinden, die „erfolgreicher“ sind, nachahmen? Ist es für ein Kind oder zwei Kinder noch attraktiv, wenn mehr erwachsene Lehrer (teacher) als Kinder in einer Gruppe sind? Mir gehen die Fragen nach, ich will mit Rick morgen darüber sprechen.

24. Oktober 2012

Die Zeit für ein langes Gespräch hat Rick heute nicht. Er muss noch einen Trauerbesuch machen. Eine Frau aus der Gemeinde hat ihn gebeten, die Beerdigung ihres Enkelsohnes zu übernehmen. Dieser junge Mann wurde durch einen Verkehrsunfall verletzt, war danach in seiner Bewegung auf den Rollstuhl angewiesen, nahm trotz dieser Einschränkung aktiv am gesellschaftlichen Leben teil und ist jetzt im Alter von 28 Jahren gestorben. Die Bestattung ist heute Nachmittag.

Auch Rick haben die Fragen von gestern Abend nach der Sitzung noch weiter beschäftigt. Er beantwortet manche meiner Fragen. Ob denn jede Gemeinde alles anbieten müsse?, frage ich und weise auf die Angebote für Kinder in der UCC-Gemeinde St. John's hin, nicht ohne anzumerken, dass ich mittlerweile weiß, dass die Situation der Gemeinden in Amerika eine andere ist als die der Gemeinden in Deutschland, d.h. dass sie in einem Wettbewerb untereinander stehen. Trotzdem hätten vier Gemeinden, unter ihnen die beiden UCC-Gemeinden Trinity und St. John´s, vor zwei Jahren einmal versucht, vier Veranstaltungen für Jugendliche gemeinsam anzubieten, berichtet Rick. Als dann die lutherische Gemeinde ihre Verpflichtungen nicht einhielt, sprang Brenda von der Trinity Church kurzfristig ein. Seither ruht das Projekt. Rick erklärt mir auch noch einen anderen Punkt: In der Trinity Church wird zwar die Übertagbetreuung für Kinder angeboten. Aber diese Kinder gehörten entweder zu verschiedenen Gemeinden oder auch zu keiner Gemeinde. In jedem Fall dürfe die Trinity Church nicht für die eigene Gemeinde werben, andernfalls würden die öffentlichen Zuschüsse wegfallen.

Ob es denn Jugendliche gebe, die auf einem Gebiet besondere Fähigkeiten hätten, frage ich und erkundige mich in diesem Zusammenhang nach den beiden jüngeren Menschen schwarzer Hautfarbe, die ich im September in den Gottesdiensten gesehen hatte. Die junge Frau sei eine Studentin der Universität Tiffin, die sich für ihre von der Universität aus verpflichtende freiwillige Mitarbeit in einer sozialen Einrichtung eine Kindergruppe der Sunday School der Trinity Church ausgesucht habe. Auf diese Weise habe sie Zugang zur Gemeinde gefunden und besuche jetzt auch nach dem Ende ihres freiwilligen Praktikums ab und zu den Gottesdienst.

Als letzten Punkt spreche ich einen Gedanken aus, von dem ich selbst weiß, dass er das ist, was man einen frommen Wunsch nennt: Wenn schon die Trinity Church von allen Gemeinden am meisten mit der Heidelberg Universität verbunden sei, dann könnte sie vielleicht eine Gruppe anbieten, die sich ökumenischen, globalen und internationalen Fragen widmet. Wie viel gute Papiere auch der UCC gibt es, die in den Gemeinden völlig unbekannt bleiben. Und warum nicht für ein Projekt von vornherein ein Budget beschließen, das ein Unternehmen „fact finding“ ermöglicht - im eigenen Land, in Salvador oder Nicaragua, wohin es Verbindungen gibt, in Kambodscha oder im Nahen Osten. Bei dem letzten Punkt denke ich an das Papier „Call to Action“. Dass ein zur Verfügung gestelltes Budget Jugendlichen, die man ansprechen will, die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Angebotes unterstreicht, hat Rick in der gestrigen Sitzung angemerkt. Und er hatte eine Karte herumgezeigt, die er aus einer Kirche, die er während seines Urlaubes besucht hat, mitgebracht hat: „Erzähle einem Kind etwas - es wird das vergessen; zeige ihm etwas - es wird sich erinnern; beteilige das Kind - es wird verstehen.“

In Paul Starks Klasse geht es heute um die Täuferbewegung als radikalen Flügel der Reformation. Das unterschiedliche Verständnis der Taufe wird erkennbar auch von einzelnen Studierenden vertreten. Was ich denn dazu meine, werde ich gefragt. Beide Formen der Taufe hätten einen guten Sinn, antworte ich. Bei der Kindertaufe läge der Schwerpunkt auf der Zusage, dass Gott dem Menschen eine Würde zuschreibe, bevor dieser etwas geleistet habe; bei der Erwachsenentaufe läge der Schwerpunkt auf dem öffentlichen Bekenntnis des Getauften, dass er dem Weg Jesu nachfolgen wolle. So weit, so gut. Ich schließe kurz einige Sätze zur Verurteilung der Täufer im Augsburger Bekenntnis (CA 16) und zur Bedeutung der so genannten Historischen Friedenskirchen an. Eine gründlichere Auseinandersetzung verhindert das Ende der Stunde. Als ich wenigstens Paul Stark von dem Studientag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft „Kriegsdienstverweigerung und Frieden“ 2005 in Augsburg berichten will und dessen Bestreben, die Gültigkeit von CA 16 zu revidieren, sieht Paul mich groß an und antwortet: „Das Augsburger Bekenntnis sagt mir nicht viel, ich bin in einer anderen Tradition aufgewachsen.“

Nicht nur wegen des leckeren Apfelkuchens (diesmal sogar mit Sahne!) besuche ich wieder die Präsentation der Studierenden über ihren Deutschland-Aufenthalt, sondern auch, weil heute Hannah Long-Higgins, die Tochter von Beth Long-Higgins, die ich nächste Woche im Partnerschaftsausschuss der UCC treffen werde, von ihren Eindrücken berichtet. Vor allem zwei Eindrücke sind es, die die beiden Studentinnen an die Zuhörenden weitergeben: Die Universitätsgebäude liegen in dem deutschen Heidelberg nicht auf einem Campus beieinander, sondern zerstreut mitten in einer Stadt. Manche Studierende konnten bis zu fünf, sogar bis zu sieben verschiedene Sprachen - da komme ihnen Ohio auf einmal ganz klein vor.

„Freddie Larsen (links) will anschließend noch wissen, welchen Eindruck ich von dieser Veranstaltung mitnehme.“

Am Abend findet die „Nacht der Kandidaten“ (der englische Ausdruck „candidates night“ hat den Vorteil, dass er gendergerecht ist, weil es für Kandidaten und Kandidatinnen nur ein Wort gibt - das ist doch mal ein Grund, mehr Englisch zu sprechen!) in der Aula der Mittelschule statt. Das Programm ist straff: Zwei Runden Kandidaten-Befragung, unterschieden nach den politischen Ebenen, dazwischen Statements der auch zur Wahl stehenden städtischen Beauftragten (Polizei, Feuerwehr und so fort), eine Erklärung der auch zur Abstimmung stehenden Forderung nach Änderung der Festlegung der jeweiligen Wahlbezirke durch Freddie Larsen (aufgeregt sei sie, sagt sie mir vorher, aber ihre Aufgabe erledigt sie mit Bravour; ich bewundere ihren trockenen Humor) und zum Schluss eine Befragung des Bürgermeisters. Auch Rick und seine Frau Donna, die neben mir sitzen, sind von der Art beeindruckt, in dieser junge Bürgermeister - er ist 24 Jahre alt - auf die Fragen antwortet: „Die Stadt ist gesetzlich verpflichtet, nicht mehr Geld auszugeben als sie durch Steuern einnimmt. Wenn Sie keine Steuererhöhung wollen, im Übrigen die erste seit 27 Jahren und mit 25 Cent pro Tag moderat, dann kann die Stadt den Winterdienst, besonders bei Schneefall in der Nacht und am Wochenende, den zweiten Zug der Städtischen Feuerwehr, das Schwimmbad und die städtischen Feste nicht mehr bezahlen. Ich halte alles dies für notwendig, deshalb stehe ich für eine Erhöhung der städtischen Steuer. Wenn Sie diese nicht wollen, wählen Sie mich aus dem Amt.“ Wie begann dieser Bürgermeister doch gleich seine Antwort: „klare Frage - klare Antwort“. Er heißt übrigens Aaron Montz.

Freddie Larsen will anschließend noch wissen, welchen Eindruck ich von dieser Veranstaltung mitnehme. Ich gratuliere ihr und der League of Women Voters zu einer gelungenen Demonstration, dass Kandidaten auskunftspflichtig sind. Wenn an einem solchen Abend die Antworten durch die nur beschränkt zur Verfügung stehende Zeit auch notwendigerweise nur beschränkt aussagekräftig sind, so ist es doch gut, zu zeigen - wie es in dem Infoblatt der League steht -, dass „das Volk die Demokratie in seinen Händen festhalten soll“. Ob ich etwas über die Parteien gelernt habe, frage ich mich. Im Rückblick fällt mir auf, dass es in der zweiten Runde, in der es um die zwei Posten eines Commissioners ging, kaum der unterschiedlichen Parteizugehörigkeit zuzuschreibende Unterschiede gab. In der ersten Runde, in der es um einen Sitz im Senat und um zwei Sitze im Repräsentantenhaus des Bundesstaates Ohio ging, meine ich dagegen doch Unterschiede feststellen zu können: Die Republikaner kommen aus der Wirtschaft und weisen auf ihre Management-Fähigkeiten hin, die Demokraten sind ehemalige Lehrer und betonen, dass sie ihr ganzes Leben lang zwischen verschiedenen Menschen vermitteln mussten.

Vor allem die Kandidatin für den Sitz im Senat von Ohio wirbt mit ihren kommunikativen Fähigkeiten, die sie unter anderem auch als Mutter von fünf Kindern erworben habe. Dass sie zumindest kommunikationsfreudig zu sein scheint, habe ich vor der Veranstaltung selbst erlebt. „Ich bin Tanyce Addison“, stellt sie sich mir vor, als ich die Aula betrete. „Ich werde Sie nicht wählen“, sage ich lachend, „denn ich komme aus Deutschland und bin nicht stimmberechtigt.“ Ich wollte ihr die Gelegenheit geben, für sich bei wahlberechtigten Menschen zu werben. Sie aber will erst einmal von mir wissen, ob ich im amerikanischen Wahlkampf Unterschiede zu denen in Deutschland beobachtet habe. Ja, das hätte ich, antworte ich: In Deutschland wird die Wahlentscheidung viel stärker als eine Wahl zwischen den Parteien beschrieben. Ein Fremder könne hier an der Werbung für eine einzelne Kandidaten vorbeifahren, ohne anschließend zu wissen, für welche Partei diese denn kandidieren, weil die Partei auf den Werbetafeln nicht vermerkt ist. (Im Prinzip kandidieren die Kandidaten auch gar nicht für eine Partei, sondern als Person, die als Person gewählt wird. Aber das ist besonders oberhalb der lokalen und regionalen Ebene auch nur „im Prinzip“ zutreffend.)

25. Oktober 2012

Den Eingang zur Küche in der St.Paul's Kirche, in der das Essen für das „Kitchen Sharing“ zubereitet wird, kenne ich von vergangenem Montag. Diesmal gibt es auch wirklich etwas zu tun. Ich geselle mich zu denen, die die Kartoffeln schälen oder in kleinere Stücke schneiden. Die Frau neben mir ist schon über 90 Jahre alt, wird jemand verraten, sie geht zwar an einem (kunstvoll gebogenen) Stock, aber den hat sie neben sich abgestellt - an der Arbeitsplatte braucht sie den Stock nicht. Nach den Kartoffeln kommen Tomaten, Möhren und der Porree dran. Ich schneide alles für einen Salat in kleine Stücke. Meine Nachbarin zerteilt die Salatblätter. In der Kaffeepause wird ein Kuchen angeboten, den eine Frau gebacken hat.

Vor dem Essen aber noch schnell die Andacht des Organisators aus der methodistischen Gemeinde. Warum betet er bei dieser Gelegenheit dafür, dass „Gott unsere Nation segnen möge und unsere Truppen“, frage ich mich. Oder habe ich mich verhört, sagte er vielleicht nur „our troop“ und nicht „our troops“ („our troop“ könnte laut Lexikon auch „unsere Gruppe“ heißen)? Wie gesagt: heute wird wirklich gearbeitet. Aber das heißt nicht, dass man sich während der Arbeit nichts erzählen könnte.

Im Gegenteil. So erfahre ich von Wilma, dass ihr Mann nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als Pfarrer 1800 Dollar im Jahr verdient habe. Weil das nicht gerade viel gewesen sei, hätten sie von den Farmern immer noch Lebensmittel geschenkt bekommen. Bei ihnen sei es genau so gewesen, ergänzt eine andere Frau. Ihr Mann sei zu dieser Zeit auch Pfarrer gewesen. Die Farmer hätten ihnen so viele Schweinekoteletts geschenkt, dass sie davon 90 Stück eingelagert hätten. (Während ich dieses aufschreibe, muss ich vor mich hin lachen. Wer weiß, was ich möglicherweise falsch verstanden habe von dem, was sich im Laufe des Erzählens auch etwas von dem Geschehenen entfernt hat?)

Schließlich ist wieder soweit. Nachdem die Frau, die nicht mehr gut sehen kann, schon vorher ihr Essen bekommen hat, wird die Tür geöffnet und die Menschen kommen herein. Die meisten kenne ich schon von Montag. Aber es kommen auch Menschen, die ich am Montag nicht gesehen habe, unter ihnen zwei Mütter mit kleinen Kindern, die eine hält ein Baby auf dem Arm, „vier Wochen alt“, bekommen die, die fragen, zur Antwort. Diesmal fallen mir zwei Männer auf, die einen Button „Obama/ Biden“ tragen. Und ich höre, wie der eine von den beiden die Frau, die ich am Montag in dem Wahlbüro für Obama getroffen habe, fragt, wo sie denn gestern gewesen sei, er habe sie bei der Candidates Night nicht gesehen. Nein, sie habe nicht gekonnt, höre ich sie antworten. Und später wird sie mir erzählen, dass sie heute in einem Nachbarort ein Wahlkampfdinner mit vorzubereiten habe und deshalb gestern nicht konnte.

Es liegen wieder Sachen zum Mitnehmen bereit, diesmal auch viel Toilettenpapier und Reinigungsmittel. Als die Zeitschriften, die offensichtlich auch Artikel zum Wahlkampf enthalten, noch auf dem Tisch liegen, weil sie offensichtlich niemand mitnehmen wollte, frage ich, ob ich dieses tun könne. Niemand hat etwas dagegen. So häufe ich ungelesenes Material zum Wahlkampf an. Als ich die Zeitschrift „The Week“ durchblättere, fällt mir eine Karikatur auf: Die Freiheitsstatue, um den rechten Fuß eine Fessel mit der Aufschrift „Schulden“ und im Rücken eine Spritze mit der Aufschrift „Obamacare“.