Johannes Weissingers achter Bericht

Es wird nicht besser mit meiner unverzüglichen Anfertigung der Berichte. Mal sind es Termine, die neue Eindrücke versprechen, mal ist es mein Bedürfnis nach einer Pause, die mich davon abhalten, meine Berichte auf den aktuellen Stand zu bringen. Aber heute will ich dies in einem schnellen Durchgang durch die vergangenen Tage tun.

17. Oktober 2012

Bevor ich meine Unterkunft verlasse, sehe ich in meine E-Mails. Paul hat versprochen, mir vor der nächsten Stunde die Themen, die besprochen werden sollen, mitzuteilen. Es sind sehr spezifische Fragen, z.B. über die Arminianer in Holland und den Heidelberger Katechismus. Ich schreibe kurz zurück, dass ich diesmal nur zuhören möchte. Dann aber werde ich doch nach meiner Ansicht gefragt und will diese auch nicht verschweigen. Als die Lehre von der doppelten Prädestination referiert wird, sehe ich in die Gesichter der Studierenden. Sollen sie das alles lernen? Ich weise auf Karl Barth als Interpreten der reformierten Tradition hin. (Bei Barth ist die Prädestinationslehre Teil der Versöhnungslehre. Ich charakterisiere Barths Interpretation als Befreiungslehre, eine Lehre, die die Menschen frei von Furcht machen will. Wie der Heidelberger Katechismus ist die Ethik eine Lehre von der Dankbarkeit. Ob Max Weber Recht hat mit seiner These, dass der Kapitalismus seine geistige Wurzel im Calvinismus hat? Ich verweise auf die Erklärung des Reformierten Weltbundes von 2004 in Accra, die den gegenwärtigen Kapitalismus scharf verurteilt.) Nach Ende der Stunde komme ich mit zwei Studierenden ins Gespräch. Sie bedanken sich bei mir. Einer kommt aus einer Baptistengemeinde, sie war Mitglied der Grace Brethren Church, hat diese aber verlassen, ohne sich einer anderen Gemeinde anzuschließen. Ich höre, dass dieses Seminar nicht Teil des Theologiestudiums ist, sondern Teil eines Geschichtscurriculums ist. Von den Studierenden, die an diesem Kurs teilnehmen, gehören nicht alle zu einer Kirchengemeinde oder würden sich als Christen bezeichnen.

Abends gehe ich wie erbeten zu der Probe des Bell Choir der Fortgeschrittenen. Bei der letzten Probe blieben vier Stellen unbesetzt. Ich könne ja vielleicht mit einer Hand aushelfen. Zudem könne ich noch andere Techniken „how to ring the bells“ lernen. Ich beginne und merke sofort, wie viel höher die Anforderungen sind. Als dann noch ein Chormitglied nach dem anderen kommt, gebe ich meinen Platz mit Freuden ab.

Anschließend trifft sich der Ausschuss „Gottesdienst und Musik“. Dass ich diesen Ausschuss nun schon das zweite Mal besuche, erinnert mich daran, wie lange ich schon in Tiffin bin und dass ich nur noch einmal werde teilnehmen können (wenn überhaupt, denn der dritte Mittwoch im November ist der Tag vor Thanksgiving).

18. Oktober 2012

Heute beginnt Tom Newcomb sein Seminar damit, dass er den Song „Blowing in the Wind“ von Bob Dylan vom Rekorder vorspielt. Anschließend teilt er eine Graphik über das durchschnittliche Einkommen verschiedener Bevölkerungsgruppen an die Studierenden aus. Ein weißer Amerikaner „verdient“ 22-mal mehr als ein schwarzer Amerikaner. „Haben Sie das gewusst? Warum steht diese Tatsache nicht auf der politischen Agenda? Warum wird darüber nicht diskutiert? Was ist das anderes als Rassismus?“ Gegen Ende der Seminarstunde wird der Gastdozent Dr. Marc O'Reilly kommentieren: „Als einem Kanadier fällt mir auf, wie ausdrücklich sich die Vereinigten Staaten als ‚christliche Nation’ verstehen. In völligem Kontrast dazu steht ihr Verhalten in dieser Frage der sozialen Gerechtigkeit.“ Von Studierenden vorgestellt und diskutiert wird die Predigt Martin Luther Kings über den Gast, der seinen Freund um Mitternacht aufweckt und um Brot bittet. Es geht um den Zusammenhang von Vertrauen und Mut. Wieder werden die Studierenden aufgefordert, dies auf ihr eigenes Leben zu beziehen: „Gab es in eurem Leben Situationen, in denen ihr mutig für Benachteiligte eingetreten seid?“ Ich meine aus dem Gespräch der Dozenten untereinander im Anschluss an die Seminarstunde herauszuhören, dass Tom Newcomb sich selbstkritisch fragt, ob eine so direkte Frage an die Studierenden angemessen war.

Abends bin ich zu Gast in der Pax Christi Gruppe von Tiffin. Wegen terminlicher Überschneidungen nehmen heute weniger Menschen teil als sonst. Neben der Leiterin der Gruppe, Josie Seltzer, ist auch eine UCC-Pfarrerin aus Fremont gekommen. Aus Forstoria sind ein Lehrer im Ruhestand – er war früher auch Bürgermeister in Forstoria – und eine Frau aus der lutherischen Gemeinde, die jetzt aber am liebsten die Quäkermeetings besucht, gekommen. (In Forstoria habe es auch einmal eine aktive Friedensgruppe gegeben, aber die sei zum Schluss nicht mehr arbeitsfähig gewesen, darum habe man sich der Gruppe in Tiffin angeschlossen, wird Henk, der frühere Lehrer, mir am Sonntagabend in Toledo erklären. Er selbst arbeite in Forstoria aktuell auch gleichzeitig in einer Umweltgruppe. Diese Arbeit sei etwas leichter als die Friedensarbeit, weil sie schneller zu sichtbaren Ergebnissen führe.)

Wie vorgestern verabredet spreche ich über den Psalm 52 als ein „Maskil“, als ein Gedicht, das uns über etwas aufklärt und aus dem wir etwas lernen können. (vgl. die „Haskala“ als jüdische Aufklärungsbewegung.) Ich nenne folgende Punkte: Manch Mächtiger scheint nur mächtig zu sein. (Wo ist unsere Wahrnehmung verzerrt?) Manchmal muss man sich entscheiden, auf wessen Seite man stehen will. (Was heißt „die Wahrheit sagen?“) Unser Reden hat Folgen auch für uns selbst, manchmal Folgen, die wir nicht gewollt haben. Wissen allein reicht nicht. Die Frage der Sicherheit ist eine Frage, wem wir vertrauen. Ich erinnere an die Zeitdiagnosen Friedrich Siegmund-Schultzes und Dietrich Bonhoeffers zu ihrer Zeit (Fanö 1934: „Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Misstrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir schuldig werden, wie nie zuvor?“)

Zum Schluss werden die nächsten Aktivitäten der Gruppe besprochen. Jo aus Forstoria berichtet von dem Stand der Vorbereitungen für den Studientag zur Friedensarbeit in Palästina. Wer sogt für Essen, wie hoch dürfen die Teilnehmergebühren sein? (25 Dollar inklusive Lunch und ein festliches Dinner sind für Erwachsene nicht zu viel, aber für Studierende? Die Gruppe einigt sich auf eine Ermäßigung auf 10 Dollar.) Mit welchem Betrag kann die Tiffiner Pax Christi Gruppe die Arbeit des Gastes aus Palästina unterstützen?

19. Oktober 2012

In dem ältesten Gebäude der Heidelberg Universität mit dem Namen „Founders“, das früher der Unterbringung der Studierenden diente, werden heute Sprachkurse abgehalten. Der Deutschkurs von Christine Maiberger wird von sechs amerikanischen Studierenden besucht. Ich soll über Integration in Deutschland sprechen. Ich spreche über die Integration der früher „Gastarbeiter“, dann „ausländische Arbeitnehmer“ und heute „Menschen mit Migrationshintergrund“ genannten Menschen, über die Integration der Menschen mit Behinderung und der Muslime. Jeweils verbinde ich eigene Erfahrungen mit allgemeinen Informationen.

20. Oktober 2012

Ich bereite meine Predigt für morgen vor.

21. Oktober 2012

In den beiden Gottesdiensten halte ich die Predigt (die Predigt finden Sie hier). Viele Menschen bedanken sich. Michael Moore (nein, er sei nicht der Filmemacher, der hat noch mehr Haare auf dem Kopf, sagt Michael), ein Pfarrer im Ruhestand und Mitglied des Partnerschaftsausschusses der UCC, freut sich, durch meinen Gebrauch einiger griechischer und hebräischer Wörter und die Erwähnung Karl Barths an seine Studienzeit erinnert worden zu sein. Im Gespräch mit Bob, meinem Gastgeber, finde ich meine Vermutung, dass mein „Gedicht“ mit dem Reim „heaven“ und „leaven“ nicht allen verständlich gewesen ist, bestätigt. Da man in den USA Brot nicht mit Sauerteig backt, ist auch die Redewendung „Sauerteig sein“ nicht geläufig. Auch habe ich in den vergangenen Wochen kein Seminary, sondern ein Seminar besucht.

Um 2 p.m. bin ich mit Schwester Paulette in der St. Francis Siedlung verabredet. Sie hat mich eingeladen, mit ihr nach Toledo zu fahren. Dort spricht am Abend Mark Braverman aus New York über das Unrecht, das Israel den Palästinensern antut. Für den Nachmittag ist Sr. Paulette von ihrer muslimischen Bekannten in Toledo und deren Ehemann zu einem Essen im Kreis muslimischer Freunde eingeladen. Das erste Mal werde ich stutzig, dass dieses „Essen“ im Hilton-Hotel stattfindet. Das zweite Mal stutzt auch Sr. Paulette: Wir sind auf der Jahresversammlung der United Muslim Association of Toledo (UMAT). Nach der Eröffnung durch Gebet und Koranlesung folgen viele Reden: der UMAT-Präsident erinnert an den Anschlag auf die Moschee in Toledo vor drei Wochen am 30. September, aber auch die Werte, die muslimische Flüchtlinge aus vielen Ländern der Erde in den USA gesucht und gefunden hätten. Diese Werte Amerikas werden wir Muslime „Schulter an Schulter“ mit unseren amerikanischen Freunden verteidigen. Von der Integration in die Gesellschaft spricht auch die Vorsitzende des muslimischen Studentenverbandes an der Universität Toledos: „Wir muslimische Studierenden sind kreativ und werden unseren Beitrag zu einer guten Zukunft Amerikas leisten.“ Bevor das Wort je einem Vertreter der demokratischen und der republikanischen Partei gegeben wird, mahnt eine Muslima die Politiker: „Wir werden Sie daran messen, was Sie konkret gegen die Diskriminierung von Muslimen tun werden.“

Dann wirbt ein früherer Bürgermeister von Toledo für die Wiederwahl von Obama. Obama habe ein schweres Erbe angetreten, aber er habe die Wirtschaft des Landes Schritt für Schritt wieder vorangebracht. Zum Beleg hält er mehrere Zeitungen hoch. Ihm antwortet ein Republikaner, der für den Wahlbezirk, in dem Toledo liegt, im Repräsentantenhaus in Washington sitzt. Man erinnere sich nur der großen Versprechen Obamas vor vier Jahren. Fühle sich jetzt etwa jemand besser als vor vier Jahren? Das Land könne sich weitere vier Jahre der Präsidentschaft Obamas nicht leisten. (Morgen werde ich auf YouTube ein Gespräch mit dem Wirtschafts- und Politikprofessor Cohen aus Berkeley sehen. Cohen: „Obama ist ein Jahr zu früh Präsident geworden. In der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren hatte Roosevelt das Glück, dass alle Amerikaner ihre Hände in den Himmel reckten und vom Präsidenten wünschten: ´Tu endlich etwas!` Im ersten Jahr der Regierungszeit Obamas wurden die Folgen der zerstörerischen Politik seines Vorgängers deutlich, aber eben in der Zeit, in der Obama Präsident war.“)

Es folgt der Hauptredner des Tages: Mohammed Hameeduddin. Er ist Bürgermeister von Teaneck im Staat New Jersey – der bisher einzige muslimische Bürgermeister in den USA. Er ist jung und kann reden, Sr. Paulette traut ihm eine weitere politische Karriere zu, die ihn bis in den Kongress bringen wird. Er sei mit den Regeln des politischen Geschäfts nicht vertraut gewesen, sagt Hameeduddin, aber das könne man lernen. Nichts werde für die Muslime in diesem Land besser, wenn die Muslime es anderen überließen zu definieren, wer die Muslime seien. Es sei die Aufgabe der Muslime, zu sagen, wer sie seien. Dabei gehe es nicht darum, für oder gegen die eine oder andere Partei zu sein, sondern die Probleme, die alle beträfen, gemeinsam zu lösen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Hameeduddin mit über 70 Prozent der Wählerstimmen in sein Amt gewählt worden.

Anschließend werden drei Personen geehrt: Jim Warden für seine Verdienste um die Verständigung zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen und die Repräsentanten der Polizei und der Feuerwehr von Perrysburg für ihren Einsatz beim Anschlag auf die Moschee. Der Polizeivertreter ist sichtlich ergriffen. „Nein, er könne jetzt nichts sagen“, wehrt er eine diesbezügliche Frage ab. Dann ist es Zeit für das Dinner. Aber nicht für Sr. Paulette und mich. Denn wir wollen ja zu dem Vortrag von Mark Braverman. So verlassen wir den Saal – vorbei an duftenden und dampfenden Speisen. Sr. Paulette lässt sich von einer Angestellten des Hilton-Hotels den Weg zu dem Law Center der Universität Toledo beschreiben. Auf geht’s. Aber verflixt! Wo kann das Law Center sein? Mehrmals hält Sr. Paulette an, um nach dem Weg zu fragen. Wir fahren einmal im Kreis. Als des Rätsels Lösung stellt sich schließlich heraus, dass der Eingang zu dem Veranstaltungsgebäude an einer anderen Straße, als wir (fälschlicherweise) annehmen, liegt. Das Auditorium ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. (Sind es 200 oder eher 300 Plätze?)

Mark Braverman, ein Jude aus New York mit vielen Verwandten in Israel, ist längst über die Hälfte seines Vortrages hinaus, nehme ich an. Denn er bewertet das, was er vermutlich vorher beschrieben hat. Ihn habe das, was er in Israel und Palästina gesehen habe, tief verunsichert. Er sei aufgewachsen mit der Lehre der Thora. Waisen, Witwen und Fremden zu ihrem Recht zu verhelfen, darauf komme es an. Darauf sei es auch Jesus angekommen. Darauf käme es auch der christlichen, palästinensischen Befreiungstheologie an. „Also, was jetzt?“ Der Blick in den Spiegel sei schmerzhaft, aber unausweichlich. Braverman hält nichts (vielleicht nichts mehr?) von einer Zwei-Staaten-Lösung. Eine solche Lösung sei der Einrichtung „selbständiger“ Bantustans in Südafrika zur Zeit der Apartheid vergleichbar. Braverman verweist auf den Brief Martin Luther Kings aus dem Gefängnis in Birmingham: Das größte Hindernis auf dem Weg zur Gerechtigkeit seien die Wohlmeinenden, die nur schöne Worte machten und nichts (oder zu wenig und zu langsam?) änderten. Braverman spricht als US-Bürger zu US-Bürgern: „Wir haben uns zu fragen, was unsere Aufgabe ist. Wenn die Palästinenser in ihrem Kairos-Papier von uns einen Boykott der in den besetzten Gebieten produzierten Waren fordern, dann können wir uns dieser Forderung nicht entziehen.“ Keiner solle ihm mit dem Argument kommen, dieser Boykott schwäche in erster Linie die Palästinenser selbst. Man erinnere sich an den Boykott südafrikanischer Früchte zur Zeit der Apartheid. Auch damals haben die, die den Boykott abgelehnt hätten, auf die angeblichen Interessen der Unterdrückten hingewiesen. Aber diese hätten damals gebeten: „Boykottiert uns.“ Dieselbe Bitte äußerten jetzt die Palästinenser. Braverman wertet es als einen wichtigen Fortschritt in der Debatte darüber, was zu tun ist, dass vor Kurzem 16 Kirchenvertreter einen Brief an das Weiße Haus geschickt hätten. Ihr „Call to Action“ greift die wesentlichen Forderungen des Kairos-Papiers christlicher Palästinenser auf. Die Initiative ging von der Presbyterianischen Kirche aus, auch der Bischof der UCC, Ron Williams, hat unterschrieben. Für mich überraschend weist Braverman auch in der anschließenden Diskussion immer wieder auf die Schlüsselrolle der Kirchen in dieser Frage hin. Die USA seien eine christliche Nation, ohne die Kirchen ginge es in diesem Land nicht. „Lest den Brief Martin Luther Kings aus dem Gefängnis in Birmingham“, antwortet Braverman das eine um das andere Mal, zuletzt auf die fast flehentliche Frage: „Was können wir tun?“ Zuvor hatte eine Rechtsanwältin noch einmal eindringlich die durch Israelis begangenen Menschenrechtsverletzungen vorgetragen.

Auf der Rückfahrt profitiere ich von der Vorliebe, die Sr. Paulette für eine bestimmte Route hat, die zunächst noch einmal durch Toledo führt. So kann ich einen Blick werfen auf das Gerichtsgebäude in der Stadt und das Museum für Kunst (zurzeit wird eine Ausstellung mit Bildern von Manet gezeigt), beides prächtige Gebäude, aber auch auf ein dunkles Viertel mit drei- und vierstöckigen Gebäuden. „Da wohnen die Armen“, sagt Sr. Paulette. Als junge Schwester habe sie auf der Straße gearbeitet: „Dabei habe ich viel gelernt.“ Wir fahren über eine Brücke über den großen Fluss Maumee, der durch Toledo fließt: Bei Nacht auf eine beleuchtete Stadt zu schauen ist vielleicht überall ein herrlicher Blick.

  • St. Pauls ist eine methodistische Kirche.
  • Sharing Kitchen bedeutet, dass Bedürftige hier ein warmes Essen bekommen.
  • Der Leuchter in der St. Pauls Kirche ist beeindruckend, darunter bieten Freiwillige des ökumenischen Projekts „Sharing Kitchen“ Bedürftigen etwas Warmes zu essen.

22. Oktober 2012

In meinem Kalender steht: 8.30 a.m. Sharing Kitchen in der St. Pauls Kirche. Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes hatte ich diesen Termin in meinen Kalender geschrieben. Ich sehe im Internet nach, wo diese Kirche liegt, und freue mich, dass ich den Weg dahin kenne. Ich mache mich rechtzeitig auf. Die Türen der Kirche sind verschlossen, niemand ist auf der Straße zu sehen. Ich lese die Hinweistafeln des Denkmalschutzes. Diese Kirche war die erste Kirche in den USA, die die von Edison erfundenen Glühbirnen benutzte. Ein Mann, der eine asiatische Sprache spricht, sucht ein Hotel. Ich kann ihm nicht helfen. Schließlich fahre ich zurück zur Trinity Church und frage Virginia, die Gemeindesekretärin. „Ja, sagt sie, heute sei Trinity Gemeinde mit Sharing Kitchen dran. Der Eingang ist von einer kleinen Seitenstraße aus.“ Also fahre ich zurück zur St. Pauls Kirche. In der Küche treffe ich mehrere mir schon bekannte Frauen an, unter ihnen auch Wilma Farmer, die mir das Buch „Peace Is the Way“ geliehen hat. Heute gebe es nicht viel zu tun, weil von irgendeiner Stelle eine Menge Essen gestiftet worden sei. Das brauche man nur warm zu machen. Wir haben also Zeit, in aller Ruhe miteinander zu klönen. Was hat der Mann, der diese regelmäßigen Angebote eines kostenlosen Mittagessens organisiert, gemeint, als er zu Beginn der Frühstückspause Gott „im Blick auf die Wahl“ darum bat, „unserm Land in dieser schwierigen Situation zu helfen“, frage ich mich. Die anderen zu fragen traue ich mich nicht.

An dem Tisch, an den ich mich gesetzt habe, kommt das Gespräch auf die Finanzwelt. Als ich erkläre, dass den Steuerzahler etwaige Steuerkürzungen teuer zu stehen kämen, sagt mein Gegenüber: „Mag sein. Davon verstehe ich zu wenig. Ich bin Ingenieur.“ Mir fällt ein Mann auf, der sich vor allem auf das Abwaschen spezialisiert zu haben scheint. Vier Töchter haben seine Frau und er, zwei von ihnen haben dieses Jahr geheiratet. Da sei er, was die Finanzen angehe, zu bedauern, höre ich von anderen und frage nach. „Die Eltern der Braut hätten die Hochzeit zu bezahlen, nicht die Eltern des Bräutigams“, wird mir erklärt. Tim zieht die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Achseln: „So sei das eben. Aber manchmal würden natürlich auch die Eltern des Bräutigams helfen.“ Tim heißt mit Nachnamen „Barth“. „Barth?“, wiederhole ich. „Ja, wie der Theologe Barth. Ich habe etwas aus seinem „Römerbrief“ gelesen. Und meine Vorfahren kommen aus der Schweiz. Vielleicht sind wir weitläufig miteinander verwandt.“ Tim arbeitet in der Nationalen Maschinenbaufabrik an einem Computerarbeitsplatz. Im Jahr 2001 sei dieses Werk geschlossen worden. Er sei damals zehn Monate (oder Wochen?) arbeitslos gewesen. Dann hätte sich zum Glück ein Investor gefunden, der das Werk wieder eröffnete. So habe er wieder Arbeit gefunden. Heute stehe das Unternehmen gut da. Es habe in Nürnberg eine Filiale, auch in China und Japan. Tim wird im nächsten Jahr 60 Jahre alt.

  • Beim dem ökumenischen Projekt „Sharing Kitchen“ engagieren sich viele Freiwillige, damit Bedürftige etwas Warmes zu essen bekommen.
  • Beim dem ökumenischen Projekt „Sharing Kitchen“ engagieren sich viele Freiwillige, damit Bedürftige etwas Warmes zu essen bekommen.
  • Beim dem ökumenischen Projekt „Sharing Kitchen“ engagieren sich viele Freiwillige, damit Bedürftige etwas Warmes zu essen bekommen.

Das Essen ist fertig. Wir stellen uns zur Ausgabe auf. Ich erhalte letzte Instruktionen. Ich zähle die Plätze. Drei Tischreihen mit je zwölf Stühlen auf jeder Seite, macht zusammen 72 Plätze – gerade passend für ein Mahl mit Jesus und seinen siebzig Jüngern und einem freien Platz für Elia. Eine alte Frau mit nur einem Auge ist schon da. Sie bekommt als erste. Dann wird die Tür geöffnet. Ruhig treten sie ein, insgesamt mehr Männer als Frauen, junge und alte. Überraschend viele junge Menschen, wenig Schwarze. Auf den Pullovern und T-Shirts Aufschriften aller Art. Die beiden Universitäten Tiffins sind vertreten, die Footballclubs ebenso (neben Ohio State auch Michigan!) Zweimal lese ich Sätze: „Let´s Talk“ und „Hope begins here“. Aber es ist wohl müßig, sich über den Sinn von solchen Sätzen zu viele Gedanken zu machen. Wir stehen zu sechs Personen in einer Reihe und fragen jeweils, ob die betreffende Speise gewünscht wird. Ich gebe Pizzastücke aus. „Die werden wohl nicht reichen“, denke ich. Aber siehe da: Viele wollen gar keine Pizza. So reicht meine Pizza fast bis zum Ende der Schlange. Neben mir gibt eine Frau Salat aus. Der wird noch seltener als Pizza gewünscht. (Das hole ich dann im Anschluss nach und werde sofort gefragt, ob ich Vegetarier sei!) Manche holen einen Nachschlag. Nur einmal sehe ich, wie jemand die Aufforderung „Take what you want, but eat what you take“ nicht befolgt. Ein fast voller Teller wandert in den Abfall. Im Anschluss an das Essen können sich die Menschen in Tüten eingepackte Lebensmittel, darunter viele Konserven, mitnehmen. Heute wurde an 47 Menschen Essen ausgegeben.

Danach essen wir selbst von dem, was übrig geblieben ist. 47 sei eher eine geringe Zahl, gegen Ende des Monats werde sich die Zahl erhöhen. Es kämen an manchen Tagen auch schon einmal an die 80 Menschen. Essen wird an jedem Montag und Donnerstag einer Woche ausgegeben, zusätzlich am letzten Samstag eines Monats. Auch Tim setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Tim sei jedes Mal dabei, wenn die Trinity Church an der Reihe sei, sagt Wilma zu mir, also circa acht Mal im Jahr. Ich stutze und frage Tim, ob er schon im Ruhestand sei. „Nein“, antwortet Tim. Das muss sie mir wohl erklären, denkt sich anscheinend Wilma und beantwortet meine unausgesprochene Frage: „Er nimmt sich jedes Mal einen Urlaubstag.“ Wie sagte Tim doch vorhin: „Ich habe nicht vergessen, wie ich mich fühlte, als ich meine Arbeit verloren hatte. Nun, da ich einen guten Arbeitsplatz habe, will ich einen Teil zurück geben an die, denen es schlechter geht als mir.“

Da ist sie wieder, die Redewendung von dem „Zurückgeben“, die ich auch schon von den Studenten im Seminar von Tom Newcomb so oft gehört habe. Tim ist ein sympathisch ruhiger und zurückhaltender Mensch. Es passt zu ihm, dass die zwei Worte auf seinem T-Shirt „Jesus inside“ sehr klein (aber deutlich lesbar) geschrieben sind. (Trotzdem: Würde bei uns jemand sein T-Shirt so beschriften?) Im Anschluss gehe ich noch etwas bummeln. Als ich auf einmal vor einem Wahlbüro der Demokraten stehe, gehe ich hinein, um nach Informationsmaterial zu fragen. Ich staune nicht schlecht. Wer kommt mir als Büromitarbeiterin entgegen? Eine Frau, die soeben noch in der St. Pauls Church beim Sharing Kitchen geholfen hat. Ich nehme zwei Faltblätter mit, die Gründe, Obama zu wählen, nennen. Ein drittes Faltblatt lasse ich auf dem Tisch. Es ist das letzte seiner Art. (Faltblätter sind offensichtlich nicht das Medium, mit dem viel geworben wird.) Etwas weiter auf derselben Straße liegt ein Buchladen, einem aushängenden Poster folgend würden wir vielleicht von einer Universitätsbuchhandlung sprechen. Durch eine schmale Eingangstür gelange ich in einen doch erstaunlich großen Raum. Doch ich sehe nur wenige Bücher, dafür viele Zeitschriften und anderes. Dass die Buchhändlerin das Buch, nach dem ich frage, in ihrem Computer nicht findet, kann ich verstehen. Sowohl den Titel des Buches als auch den Namen des Autors hatte ich falsch angegeben. (Der Autor heißt nicht Cruline, sondern Cohen und das Buch hat den Titel „The End of Influence“ und nicht „The Loss of Influence“ - immerhin stimmte ein Hauptwort. Die Studenten an der Heidelberg Universität, die dieses Buch ab diesem Donnerstag abschnittsweise lesen werden, haben ihr Exemplar sicher nicht hier gekauft, sondern bei Amazon bestellt.)

Abends gehe ich erst zu dem Bell Choir. Anschließend gehe ich nicht zu dem Kreis, der die Seligpreisungen Jesu bespricht, obwohl dieser Kreis mich beim ersten Besuch so beeindruckt hat und ich mich auch auf diesen Abend vorbereitet habe. Mich reizt doch mehr eine Sitzung der Arbeitsgruppe „Habitat for Humanity“, einer nicht nur kirchlichen Gruppe. Aus der Kirchengemeinde kenne ich etwa die Hälfte der etwa 20 Anwesenden – unter diesen sind fünf Frauen. Habitat vergibt Darlehen zum Hauserwerb an Menschen, die von keiner Bank ein Darlehen erhalten würden, und hilft bei der Instandsetzung der erworbenen Häuser. 24 Häuser konnten bisher auf diese Weise vermittelt werden, pro Jahr sind es ein bis zwei Häuser. Die Gruppe trifft sich monatlich. Die Themen, die jeweils besprochen werden, kann man sich leicht denken: Wie steht es um die Finanzen, wird pünktlich zurückgezahlt? Was muss an und in einzelnen Häusern repariert oder instand gesetzt werden? Wie kann die Werbung um Spenden und neue Mitglieder verbessert werden? Es gibt erfreuliche und besorgniserregende Nachrichten. Ein Ehepaar hat seine Rückzahlungsverpflichtungen nicht eingehalten. Der Rückstand beläuft sich mittlerweile auf rund 10.000 Dollar. „Wie lange können wir da noch zusehen?“, fragt der Schatzmeister. Eine Frau, die meiner Vermutung nach in der Stadtverwaltung arbeitet, will (noch einmal?) mit dem Ehepaar sprechen.

Ein Mann, der offensichtlich die Ansprechperson für Menschen, die ein Darlehen beantragen wollen, ist, berichtet, dass er insgesamt über 1000 Personen per E-Mail über die Arbeit von Habitat informiert. Es ist wie in Deutschland: In der kommenden Adventszeit will er eine neue Werbeaktion starten. Vier neue Mitglieder, habe er im letzten Monat gewonnen. Unter diesen sind drei Professoren der beiden Universitäten. Auch der Schatzmeister hat eine gute Nachricht: Die Kirchengemeinde Upper Sandusky hat eine größere Spende aus einer Erbschaft erhalten. Der größte Teil (fast 90.000 Dollar) ging an die Einrichtung Fairhaven. Der andere Teil wurde an mehrere Gruppen verteilt. Habitat erhielt fast 4000 Dollar. Im Anschluss begrüßt mich noch der Vorsitzende dieser Gruppe. Er sei als Soldat in Deutschland stationiert gewesen, in Herzogenaurach („da, wo adidas zuhause ist“), aber er könne nur wenig Deutsch sprechen, erzählt er mir. Ich denke mir, dass es interessant wäre, darüber nachzudenken, was das heißt, andere Länder hauptsächlich als Soldat (oder Geschäftsmann) zu erleben.

Ich denke dabei auch an Carl, der mir gegenüber saß und von dem ich seit letzter Woche weiß, dass er 1971 für einige Monat zu den amerikanischen Soldaten gehörte, die im monatlichen Wechsel mit den anderen einstigen Alliierten die Gefangenen im Gefängnis Spandau bewachten. Für ihn war das eine erholsame Zeit, nachdem er vorher in Vietnam stationiert gewesen war. Er macht auf mich einen nervösen Eindruck. Aber das kann auch daran liegen, dass er zurzeit vor einer Entscheidung steht, die ihm nicht leicht fällt. Eine Freundin, die eine Farm 40 Meilen nördlich von Tiffin besitzt, möchte, dass er zu ihr zieht. Seine beiden Töchter aber wohnen genau in der entgegengesetzten Richtung 40 Meilen von Tiffin entfernt. „Da sei Tiffin genau in der Mitte, eigentlich sei das ganz gut“, sagt er lächelnd. Und im Übrigen habe er mich neulich gesehen, als ich den Memorial Garden für die gefallenen Soldaten fotografiert hätte, fügt er hinzu. Ob Carl da öfter hingeht? Ich habe nicht gefragt. Vielleicht erzählt er mir von sich aus mehr, wenn es sich einmal ergeben sollte. Vielleicht an dem dritten Mittwoch im November, wenn sich Männer früh morgens um 7.30 Uhr in einer Gaststätte zu einem „Männerfrühstück“ treffen. Da habe er mich bisher vermisst, sagt er mit einem gewissen Unterton. Oder höre ich diesen Unterton nur, weil ich mir dieses Versäumnisses bewusst bin? Aber in der letzten Woche bin ich Dienstagabend nach der zweiten Fernsehdebatte auch erst spät ins Bett gekommen, entschuldige ich mich vor mir selbst. Für November will ich rechtzeitig fragen, wo die Gaststätte liegt, deren Namen ich zwar jetzt mehrmals gehört habe, ohne aber zu wissen, wie man diesen Namen schreibt.