Johannes Weissingers siebter Bericht

Ich fahre ins Gemeindebüro mit dem festen Vorsatz, endlich die Berichte über die zurückliegenden Tage zu schreiben, zumal Rick gerade drei Tage außerhalb Tiffins unterwegs ist. Doch als ich gerade meinen Laptop ausgepackt habe, höre ich, wie sich die beiden Sekretärinnen über die gestrige Fernsehdebatte unterhalten. Da will ich doch schnell mal hingehen. Zurück an meinem Laptop beginne ich die Fortsetzung der Berichte.

12. Oktober 2012

Mehrmals in den letzten Tagen wurde ich eingeladen, zum Lunch der „Keenager“ zu kommen. „Keenager“ sind die Menschen, die über 55 Jahre alt sind. Die meisten Menschen, die ich bisher in der Gemeinde getroffen habe, gehören zu dieser Altersgruppe. Es ist also ein großes Gemeindetreffen und „das Speiseangebot ist wirklich so, dass für jeden Geschmack etwas Köstliches dabei ist“. Trotzdem gehe ich nicht dahin, sondern zur Heidelberg Universität. Dort hält Professor Daniel Horowitz einen Vortrag. Ich werde nicht enttäuscht, im Gegenteil: Ich höre gespannt zu. Horowitz spricht über den amerikanischen Exzeptionalismus, eine Vorstellung, die im gegenwärtigen Wahlkampf eine große Rolle spielt, wirft doch Romney Obama vor, diese Einzigartigkeit Amerikas nicht zu verstehen, ein Vorwurf, den Obama kontert mit der Bemerkung, seine eigene Karriere sei das beste Beispiel dieser Einzigartigkeit Amerikas.

Horowitz will sechs Punkte benennen, in denen sich Amerika von anderen Ländern unterscheidet, in drei Punkten in positiver, in drei anderen in negativer Weise. Er beginnt mit den sympathischen Seiten Amerikas (korrekter: der USA). 1.: Amerikas Inventiveness, Amerika ist das Land mit den meisten Erfindungen. (Freilich stammen die meisten Erfindungen von Immigranten.) 2. Amerika hatte in seiner Geschichte nie die Vorherrschaft einer Staatskirche, die der lutherischen Staatskirche z. B. in Schweden und Deutschland vergleichbar wäre. Deshalb gab es in Amerika immer eine große Diversität der christlichen Konfessionen und heute der religiösen Überzeugungen insgesamt. (Freilich sind diese heute allesamt ein Teil des alle überwölbenden Consumerism, einer Konsumreligion.) 3. Die Integrationsleistung Amerikas ist bewundernswert. In keinem anderen Land wurden Fremde so schnell integriert wie in Amerika. Man sehe nur zum Vergleich auf die Lage der Türken in Deutschland. (Freilich ist auf diesem Gebiet in Amerika längst nicht alles zum Besten bestellt. Man sehe nur auf die soziale Stelle der Hispanics.) Diesen sympathischen Seiten stehen unsympathische gegenüber. 1. Amerika hatte lange Zeit keine imperialistischen Neigungen. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Man sehe nur die Kriege, die Amerika in aller Welt führt. 2. In keinem anderen (westlichen) entwickelten Industriestaat ist ein so großer Teil der Bevölkerung inhaftiert. Die Zahl der Gefängnisinsassen ist – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – in Amerika siebenmal so hoch wie in Deutschland und mehr als zehnmal so hoch wie in Japan. Wenn man den unverhältnismäßig großen Anteil der Menschen hispanischer Herkunft betrachtet, kommt man nicht umhin, auch ein rassistisches Moment zu konstatieren. 3. Amerika gibt doppelt so viel Geld im Gesundheitswesen als die anderen westlichen Industrieländer aus, die Ergebnisse sind aber nicht doppelt so gut, im Gegenteil, in manchen Bereichen sind die Ergebnisse deutlich schlechter. Als Beispiel führt Horowitz sich selbst. Nur weil er selbst energisch gegen erst vor kurzem schon durchgeführte und deshalb offensichtlich überflüssige Untersuchungen protestierte, konnte er den ihn behandelnden Arzt davon abhalten, diese Untersuchungen vorzunehmen, an denen der Arzt natürlich gut verdient hätte.

Die anschließenden Fragen kommen noch einmal auf den Wahlkampf zurück. Ja, ein Problem Obamas sei, dass viele US-Bürger es zwar nicht laut sagen, aber insgeheim denken: „Obama ist keiner von uns.“ Wobei das Spannende an der gegenwärtigen Situation ist, dass die Frage nach dem Selbstverständnis „Wer sind wir?“ neu beantwortet werden muss. Die Protestanten stellen nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung. Ihr Anteil ist erstmals unter 50 Prozent gesunken. Unter den neun Richtern des Supreme Court sind sechs Katholiken und drei Juden. Diese Veränderung ist vor allem ein Problem der Republikaner, wollen sie nicht ihre politische Mehrheitsfähigkeit verlieren. Im Anschluss an die Veranstaltung spreche ich Horowitz auf seine Bemerkung an, als Jude die Erfahrung, Außenseiter zu sein, selbst gemacht zu haben. Ja, sagt Horowitz, diese Erfahrung sei in früheren Jahren sehr krass gewesen. So habe er sich gescheut, an Familienfesten seiner nicht-jüdischen Freunde teilzunehmen. Heute fühle er sich nicht mehr als Außenseiter, und das liege nicht daran, dass er sich geändert habe, sondern die Gesamtsituation sei heute eine andere. Zum Beweis führt er die vielen (berühmten) Universitäten an, die gegenwärtig Juden als Präsidenten haben. Und dann erzählt er, wie sehr er bei einem Besuch in Hamburg von den dort verlegten Stolpersteinen beeindruckt gewesen sei. Ich berichte von den Stolpersteinen in Bad Laasphe und Bad Berleburg. Ein Wort gibt das andere. Als er den Namen Bonhoeffer erwähnt, frage ich ihn, ob er Interesse an meinem Vortrag über Dietrich Bonhoeffers Wandel von einem nationalen Kriegstheologen zu einem ökumenischen Friedenstheologen habe. Er bejaht das (und wird mir in den nächsten Tagen eine Mail schicken: „You convinced me“). Er weist mich seinerseits auf den mir unbekannten Theologen Hans Frei hin. Eine gute Beschreibung würde ich im Internet finden. Diese weckt wirklich mein Interesse. Was meint Frei, ein aus Deutschland geflohener Jude, der in den USA den christlichen Glauben annimmt, genau, wenn er von einer „eclipse“ (laut Wörterbuch „Verfinsterung“) der Christologie im 18. und 19. Jahrhundert spricht?

In Upper Sandusky ist das Gerichtsgebäude das höchste und durch seine Kuppel auch imposanteste Gebäude der Stadt.

Nachmittags mache ich mich auf den Weg nach Upper Sandusky. Ich bin gut in der Zeit. Deshalb fotographiere ich noch das Gerichtsgebäude, das höchste und durch seine Kuppel auch imposanteste Gebäude in der Stadt. (Upper Sandusky ist da, scheint mir, kein Einzelfall. Ein fast gleiches Gebäude stand auch in Tiffin, das aber, nachdem man es zehn Jahre hat leer stehen lassen, baufällig war und abgerissen wurde. In Fremont hatte ich ebenfalls ein Gerichtsgebäude gesehen, das man auch für einen prächtigen Theaterbau halten könnte.) In dem mir schon von dem Besuch der Pfarrkonferenz her bekannten Altenzentrum „Fairhaven“ treffe ich mich mit Beth Long-Higgins, Mitglied des UCC-Partnerschaftsausschusses in Ohio, und Elga Zachau, Pfarrerin in der MÖWe (Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung in der Evangelischen Kirche von Westfalen) und Mitglied des UCC-Partnerschaftsausschusses der EKvW. Elga Zachau ist auf einer zweiwöchigen Rundreise, um zu sehen, welche Themen in der UCC in Wisconsin, Michigan und Ohio dran sind. Dass wir uns in Fairhaven treffen, ist in der Person des Pfarrers Kenneth V. Daniel begründet. Er ist der Präsident von „United Church Homes“, einem Verband, der 67 Altenheime mit über 4000 Plätzen in 13 Staaten der USA, davon ein knappes Drittel in Ohio, unterhält. Er war in diesem Jahr in der EKvW zu Besuch und hatte Elga Zachau zu einem Gegenbesuch eingeladen. Zudem ist Beth Long-Higgins auf dem Weg zu dem Wochenende für ehemalige Studierende an der Heidelberg Universität. Da liegt Upper Sandusky auf dem Weg.

80.000 bis 90.000 Dollar kostet ein Platz im Altenzentrum „Fairhaven“ im Jahr.

Wir sitzen in dem Büro des Leiters von Fairhaven Dan Miller und sprechen darüber, wie sich auf diesem Sektor die diakonisch-kirchliche Arbeit entwickelt hat. 80.000 bis 90.000 Dollar kostet ein Platz in Fairhaven im Jahr. Diese Kosten werden nicht vollständig von Medicare und der privaten Versicherung übernommen. Der Fehlbetrag von rund 10.000 Dollar wird von den beteiligten Kirchen und Sponsoren aufgebracht. Die Summe der Sponsorengelder übertrifft übrigens die Millionengrenze. Beim Rundgang über die einzelnen Stationen weist Dan Miller auf ein Nachbarhaus hin: „Da bin ich als Kind aufgewachsen. Mein Vater war in Fairhaven Pastor.“ Er zeigt auf ein bestimmtes Zimmer: „Das war mein Kinderzimmer.“ In der Kapelle des Hauses fällt mir auf, dass die amerikanische Flagge fast versteckt in einer Ecke hinter dem Eingang steht, so dass sie während des Gottesdienstes, wenn alle Teilnehmer nach vorne sehen, nicht zu sehen ist. Ich frage neugierig, ob das eine bewusste und von den Heimbewohnern akzeptierte Entscheidung sei, die Flagge dort zu platzieren. Sofort nimmt mich Beth Long-Higgins beiseite: „Frage nie, wenn eine Sache gut läuft.“ Ich habe verstanden. Elga Zachau und ich bekommen Tragetaschen mit einem Trinkbecher und Informationsbroschüren als Gastgeschenke. Das Dinner, zu dem uns Kenneth Daniel eingeladen hat, gibt es dann nicht, wie ich vermutet habe, in Fairhaven, sondern wir fahren mit den Autos zu einem Restaurant am Stadtrand. Elga Zachau und ich tauschen unsere Eindrücke aus. Für die Rückfahrt nach Tiffin muss ich von dem Restaurant eine kurze Strecke über die Autobahn fahren. Es ist schon ein etwas eigenartiges Gefühl, von einem riesig langen hupenden Truck überholt zu werden. Das Hupen, denke ich, ist vielleicht kein Protest dagegen, dass ich zu langsam fahre, sondern eine Vorsichtsmaßnahme, dass ich nur ja nicht vorzeitig auf die Überholspur wechsele in der falschen Annahme, der Truck sei schon vorbei. Macht nichts. Ich komme wohlbehalten nach Tiffin.

(In der Selbstvorstellung „United Church Homes. Celebrating the Spirit“ heißt es übrigens: „United Church Homes does not discriminate based upon race, color, national origin, religion, gender, sexual orientation, gender identity and expression, age, disability, veteran´s status or ancestry.“ Auch so ein Punkt, wo der Rat „Frage nicht, wenn etwas gut ist“ gilt.)

„Auf den Tischen stehen Schilder „Heidelberg Fund Goal 2012-2013: Dollar 1.100.000“. Darum geht es also, wie auch die Reden deutlich machen.“

13. Oktober 2012

Susan und Randy Halen holen mich ab, damit ich während meines Aufenthaltes wenigstens ein Football-Match live miterlebe. „Das muss man einfach gesehen haben.“ Ist es nur Freundlichkeit, dass sie mich mit ihrem Auto abholen, oder ist es eine Maßnahme, die sicherstellen soll, dass ich auch wirklich bis zum Spielende bleibe? Egal, ich steige willig in ihr Auto. Ich wundere mich etwas, warum wir schon so früh losfahren. Vor dem Spiel soll es noch ein Mittagessen geben. Es ist dafür aber doch ein bisschen zu früh, denke ich. Schnell stellt sich heraus, was ich alles nicht wusste. Es ist das Wochenende für die ehemaligen Studierenden an der Heidelberg Universität. Heute gibt es erst einmal, nachdem wir einen Parkplatz gefunden haben, einen Umzug („eine Parade“) mit bunten Wagen und Musikkapellen. Dann treffen wir Rick und Donna, beide an der Heidelberg Universität graduiert. Im neuen Sauerwein-Fitnesscenter gebe ich leichtsinnig meinem Drang nach, meine Tischtenniskünste vorzuführen. Das scheitert kläglich, was „natürlich“ aber „nur“ daran liegt, dass der zur Verfügung stehende Tischtennisschläger keinen Schaumstoffbelag hat. Noch immer weiß ich nicht, was folgt: ein großes Festessen in der Turnhalle. Irgendwie komme ich mir falsch angezogen vor. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir einen etwas feiner aussehenden Pullover angezogen. Aber das scheint nur für mich ein Problem zu sein.

Auf den Tischen stehen Schilder „Heidelberg Fund Goal 2012-2013: Dollar 1.100.000“. Darum geht es also, wie auch die Reden deutlich machen. Nach einem Studentenvertreter spricht der Präsident der Universität, Dr. Robert H. Huntington. Er zeigt auf seinen Vorredner: „Seinetwegen sind wir hier.“ Es ist eine Dankesrede für die bisher geleistete Unterstützung der Universität, die Bob Huntington verbindet mit der Werbung, diese in Zukunft noch zu steigern. Auf den Tischen liegt eine Broschüre, in der jeder nachlesen kann, wie viel Dollar die einzelnen Spender geben und auch, wie lange schon. In nach der Höhe der gespendeten Geldsumme unterteilten Gruppen, die mit „über 25.000 Dollar“ beginnen und mit „250-499 Dollar“ enden, sind die Namen in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Ich zähle überschlägig 800 Namen, nicht berücksichtigt, dass die meisten als Ehepaare vertreten sind. Und es sind nicht wenige, die schon 40 Jahre dabei sind. Dieser Lunch geht nach Darbietung einer Musik- und Tanzgruppe der Universität mit der von allen stehend gesungenen Universitätshymne zu Ende. „Sweet Alma Home! Where`er we be,/ Where`er we roam, On land or sea,/ Our Swift winged memeory in yearnings,/ Yearnings backward flies to thee. Sing Alma Mater Heidelberg!/ Sing till the vaulted heavens ring!/ Sing till the gales on swiftest wing/ Bear the song away!/ Sing till returning echoes bring/ Back again the lay!/ Sing till the echoes bring back the lay!/ Sing Heidelberg!“.

Angestimmt wurde die Hymne durch den Senior. Er steht am Nachbartisch. So kann ich sehen, wie er seinen Körper strafft und alles an Sangeskraft – und das ist nicht wenig! - aus sich herausholt. (Nach der Veranstaltung sehe ich ihn gestützt auf einen Rollator den Raum verlassen.) Es ist zweifellos der emotionale Höhepunkt der Veranstaltung. Eine solche Verbundenheit mit der Universität, an der man studiert hat, und mit denen, die dort ebenfalls vor oder nach einem selbst studiert haben, kann ich mir in Deutschland nicht vorstellen. Andererseits ist ein solches Netzwerk zum Unterhalt (und Ausbau!) einer Privatuniversität auch nötig.

  • Der frühere Conference Minister der UCC Ohio, Ralph Quellhorst, als Heidelberg-Fan beim Football.
  • Der Kofferraumdeckel des Autos von Percy und Mary Lilli.

Dann geht es zum Football-Match Heidelberg gegen Otterbein. Die beiden Universitäts-Mannschaften haben bei einem Besuch in Deutschland gegeneinander gespielt, um der deutschen Partneruniversität Heidelberg zu demonstrieren, wie Football gespielt wird. Dazu wurde ein „Rhine River Cup“ gestiftet. In den Jahren 2003 bis 2010 hat jeweils Otterbein gewonnen. Aber diesmal – wie auch schon im vergangenen Jahr - dreht Heidelberg den Spieß um, und zwar eindrucksvoll. 21:0 steht es am Ende für Heidelberg: „Heidelberg Keeps the Cup“. Übrigens führt auch Beth Long-Higgins Elga Zachau für einen kurzen Besuch zu diesem Match. Man muss einfach mal bei einem Footballmatch gewesen sein, wenn man in den USA ist. Ich werde Zeuge einer netten Begegnung am Rande: Beth Long-Higgins trifft ihren früheren Biologieprofessor an der Heidelberg Universität Percy Lilli wieder und erinnert sich und ihn an die folgende Szene vor über 25 Jahren: „Das meiste aus meinem Studium habe ich vergessen, aber nicht, wie Sie uns eines Tages mit einem Glas Wasser in der Hand erklärt haben, wie wertvoll Wasser ist.“

Abends sehe ich im Ritz-Theater die Aufführung „Tagebuch der Anne Frank“, die einen ansprechenden Eindruck von dem Zusammenleben von acht Personen auf engstem Raum in einem Versteck vermittelt. Das Ensemble setzt sich zum großen Teil aus Schauspielern aus der Umgebung von Tiffin zusammen. Der Theaterraum ist spärlich besetzt.

14. Oktober 2012

Im Gottesdienst predigt Rick über die Frage des „reichen Jünglings“ an Jesus, ich spreche das Gebet nach der Predigt. Wie soll man in einer Gemeinde, in der die meisten – zu mindestens an den deutschen Verhältnissen gemessen – zu den Reichen gehören, über diesen Abschnitt (Markus 10) predigen? Rick greift meine Erinnerung an einen Gedanken Dietrich Bonhoeffers auf, der sich vorstellte, dass nach diesem Gespräch auch Jesus selbst - wie der reiche Jüngling - traurig gewesen sei, weil er nicht die richtigen Worte für den Fragenden gefunden habe und die Kommunikation zwischen ihnen gescheitert sei. Rick gibt seiner „Message“ die Überschrift „The Happy Life“. Wer von seinem Besitz besessen wird statt seinerseits diesen zu besitzen, ist nicht glücklich. Und mit Bezug auf das Verhältnis zurzeit fügt Rick einen Satz des Dalai Lama an: „Wer lebt, als ob er niemals stürbe, sehe zu, dass er, wenn er stirbt, niemals gelebt hat.“

„In dem Restaurant haben wir auch Percy und Mary Lilli getroffen, die sich zu uns setzen.“

Nach dem zweiten Gottesdienst kann ich einer Einladung zum Lunch nicht widerstehen. Al Bilger und seine Frau Marsha haben Besuch aus Deutschland. Christine aus Lübeck hat vor bald zehn Jahren als Gaststudentin bei dem Ehepaar Bilger gewohnt. Nun ist sie mit ihrer Mutter zu Besuch. In ihrem Beruf als Handelskauffrau ist sie arbeitslos geworden, will jetzt zur Kindergärtnerin umschulen und kann nicht verstehen, dass das Arbeitsamt kurz vor ihrem Abflug seine Zusage, die Umschulung zu bezahlen, zurückgezogen hat. In dem Restaurant haben wir auch Percy und Mary Lilli getroffen, die sich zu uns setzen. Mary unterstützt im Wahlkampf offen Obama, Percy hatte gestern am Rande des Footballmatches kurz angemerkt, dass er Romney gewählt hat (beide haben ihre Stimmen schon abgegeben). Ich frage beide, ob sie sich die bisherigen Fernsehdebatten gemeinsam angesehen hätten. „Ja“, antwortet Percy, „und das ganz friedlich.“ Und Mary ergänzt: „Ich komme aus einer Familie, die immer schon die Demokraten gewählt hat, und seine Familie hat immer die Republikaner gewählt.“ In der Wahlentscheidung zur Besetzung der lokalen Posten stimmten sie schon eher mal überein, merken sie abschließend an.

Der Sonntagnachmittag ist wieder gut für einen Spaziergang.

15. Oktober 2012

Ich fasse mich kurz. Ich besuche eine Klasse (Seminar, Lektürekurs?) des Studentenpfarrers Paul Stark. Im Gang durch die Kirchengeschichte steht heute Martin Luther auf dem Plan. Manche Studenten merken an, dass sie mit diesem Namen nichts anfangen könnten. „Na, da solle doch der Pastor aus Deutschland mal etwas zu Luther sagen“, sagt Paul zu mir gewandt und nennt gleich als spezielle Frage, wie das Verhältnis Luthers zu den Juden gewesen sei. Nun, darauf will ich in aller Kürze antworten, so gut es mein Englisch zulässt. Und so geht es weiter. Vielleicht sei es doch ganz gut, wenn er mir mal vor der Stunde sage, was er mit mir vorhat. Er verspricht mir die Themen, die am kommenden Mittwoch dran kommen, zu mailen.

Danach eile ich in das Archiv, in dem Bob Berg auf mich wartet. Er ist so freundlich, mir zu sagen, wie ich für die Predigt am kommenden Sonntag manche deutsche Redewendung am besten ins Englische übersetzen kann.

Anschließend gehen Bob und ich zur zweiten der vier studentischen Präsentationen über Deutschland. Diesmal berichten vier amerikanische Studierende von ihrem Studiensemester in Deutschland, im „deutschen“ Heidelberg. Zwei Dinge will ich festhalten: Ben Kieffer, der, nebenbei bemerkt, an einer Arbeit über den Heidelberger Katechismus sitzt, zeigt nicht nur Fotos vom Heidelberger Schloss, sondern auch Fotos von Amsterdam, Stockholm, Brügge und Brüssel, Genf und Straßburg. Er berichtet von seinem Aufenthalt in Deutschland, aber wenn man da schon einmal sei, schaue man sich auch gleich die Umgebung an. So sind sie, die Amerikaner, denke ich und erinnere mich an einen Studienkollegen aus den USA, der über Weihnachten von Hamburg aus mal eben nach Nairobi fliegen wollte, „weil er nun schon einmal ganz in der Nähe sei“. Ben ist besonders von dem deutschen Eisenbahnnetz, speziell dem Nahverkehrsnetz, angetan. Als er im Anschluss an seine Präsentation gefragt wird, ob ein solches Eisenbahn-Nahverkehrsnetz nicht auch für die Umgebung von Tiffin eine gute Idee sei, verneint er die Frage: „In Tiffin und Findlay (20 Meilen entfernt von Tiffin) wohnen nicht so viele Menschen, dass sich eine Zugverbindung lohnen würde, und im Übrigen hat hier sowieso jeder ein Auto.“ Die Studentinnen aus China, die in der Reihe vor mir sitzen, schütteln heftig ihre Köpfe. Und ich denke, in Tiffin und Findlay wohnen mehr Menschen als in Wittgenstein.

Abends ist wieder Bell Choir.

16. Oktober 2012

Zu Beginn des Seminars über die gewaltfreie Aktion am Beispiel Martin Luther Kings erinnert Professor Tom Newcomb an die Kubakrise. Auf den Tag genau vor 50 Jahren erhielt der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy die Nachricht, dass die Sowjetunion dabei sei, Raketen nach Kuba zu bringen, um diese dort zu stationieren. Newcomb widerspricht der Ansicht, dass damals die Bereitschaft zu einer militärischen Auseinandersetzung den Sieg gebracht habe. Es gab damals intensivste diplomatische Bemühungen. „Wir haben nicht gewonnen, wir haben eine Menge aufgegeben. Fortan haben wir die Sowjetunion als ebenbürtigen Gegner anerkannt, wir haben einen Kompromiss geschlossen.“

Wieder bin ich beeindruckt, wie sehr die Studierenden bereit sind, auf die Frage zu antworten, ob sie die Predigten Kings über die Kraft der Feindesliebe und der Vergebung auf ihr eigenes Leben anwenden könnten („applicability“). Als die Reihe an mich kommt, weise ich darauf hin, dass, was das Gebot, seine Feinde zu lieben, angeht, in der hebräischen Sprache das Verb „ahav“ nicht mit dem Akkusativ wie in dem Gebot der Gottesliebe, sondern mit dem Dativ verbunden ist, was so viel wie „dem anderen zugute“ bedeutet. Den, der mich hasst und verletzt, im emotionalen Sinn zu lieben, ist nicht gefordert, sondern so zu leben, dass das eigene Handeln nicht nur gut für mich ist, sondern auch für den, der mir feindlich begegnet. Vielleicht kann dieser Sinn ja auch durch ein Wortspiel mit dem englischen Wort „to forgive“ erläutert werden. Wenn man die Präposition „for“ umstellt, kommt „to give for“ heraus. (Aber: Vorsicht mit Wortspielen!)

Tom Newcomb spricht seine Studenten noch an einer anderen Stelle sehr persönlich an. Er selbst habe eine Afroamerikanerin geheiratet. Psychologische Untersuchungen hätten gezeigt, dass schwarze Amerikanerinnen viel seltener als weiße Amerikanerinnen das Gefühl hätten, sie seien schön. Das läge an dem in der Werbung verbreiteten weißen Schönheitsideal. Und dann macht er mit seiner Hand eine Rundumbewegung: „Wir Weißen sind alle Teil des Problems.“

Ich gehe zurück zum Gemeindebüro und fahre nach einer halben Stunde in das Spirituelle Zentrum der Siedlung St. Francis. Mit Josie Seltzer und Schwester Paulette überlege ich, worüber ich bei meinem Besuch der Pax Christi Gruppe am Donnerstag sprechen soll. Die Geschichte der Kriegsdienstverweigerer in Deutschland wäre ein interessantes Thema, auch eine Kritik der Rede von der Notwendigkeit militärischer Gewalt als ultima ratio. Aber mich reizt doch mehr, den Psalm 52 mit Elementen der jüdischen Auslegung und friedenspolitischer Aktualisierung auszulegen. Diesem Vorschlag stimmen Josie und Schwester Paulette zu.

Zum Dinner bin ich von James (Jim) und Ruth Linthicum eingeladen. Sie haben ihr Haus im Jahre 1978 gebaut, in dem Jahr, das mit schlimmen Schneestürmen begann. Den Innenausbau haben sie selber gemacht. Er ist Techniker von Beruf und hat sein ganzes Arbeitsleben bei der Maschinenbaufabrik in Tiffin gearbeitet. Daneben hat er verschiedenen Hobbys gefrönt. Die Bilder, die an den Wänden hängen, hat er mit einer Ausnahme selber gemalt. Im Garten hat er „gourds““, eine wie Weinreben herabhängende Kürbissorte, gepflanzt und zu eindrucksvollen „Scheppen“ verarbeitet. Ich schreibe „Scheppen“, weil diese mich an die Wittgensteiner Scheppen aus Holz erinnern, nur dass bei diesen Kürbisteilen der Griff viel länger ist. Zum Abschied wird mir Jim auch noch einen Kugelschreiber schenken, den er aus mehreren Holzringen verschiedener Sorten zusammengebaut hat. Was Jim nicht alles kann! Besonders dankbar aber bin ich Ruth und Jim für eine andere Idee. Als wir nach dem Essen in einem Kreis zusammensitzen, schlagen sie vor, dass sich jeder der Reihe nach vorstellt, wobei im Vordergrund stehen soll, wie die einzelnen Mitglieder der Trinity Church wurden.

Wieder wird eine konfessionelle Vielfalt deutlich. Dann ist die Reihe an mir, zu erzählen, was mich nach Tiffin geführt hat und was mich mit Amerika verbindet. Ich erzähle hauptsächlich von meinem Vater. (Nebenbei bemerkt: Auch hier ist die „Quäkerspeisung“ deutscher Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg völlig unbekannt. Das wird mir noch öfter begegnen.) Ich habe mich richtig wohl gefühlt. Darum wage ich, vorsichtig zu fragen, ob meine Gastgeber die zweite Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten sich auch ansehen wollen. Wollen sie. So sitzen wir dann zu viert vor dem Fernseher. Außer mir ist noch Dale, der „Recyclingman“, geblieben. Die Fernsehdebatte läuft diesmal nach einem anderen Schema als die erste ab. Obama und Romney antworten in abwechselnder Reihenfolge auf Fragen aus dem anwesenden Publikum. Obama tritt diesmal deutlich kraftvoller auf. Als Romney Obama vorwirft, nicht genug zum Schutz der kürzlich in Benghasi (Libyen) getöteten Diplomaten getan und nach dessen Tod keine Worte der Trauer und der Würdigung gefunden, sondern seinen Wahlkampf fortgesetzt zu haben, wirft sich Obama in Pose: „Das weise ich als eine Beleidigung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zurück.“ Anschließend tauschen wir einige eigene Eindrücke aus. (Vorher hatte Jim mir übrigens gesagt, wie ich diese Fernsehdebatte einzuschätzen hätte: „Nur 10 Prozent des Gesagten ist faktisch zutreffend, das andere ist ein Spiel mit Worten, die amerikanischen Zuschauer betrachten die Debatte auch als ein solches Spiel.“)