Johannes Weissingers sechster Bericht

  • Der War Memorial Garden in Tiffin.
  • Auch in der Zeit, seit Johannes Weissinger in den USA ist, wuchs die Zahl der amerikanischen Opfer in Afghanisten und Irak beständig.

Täglich fahre ich von meiner Unterkunft zum Gemeindehaus. Von zwei Veränderungen will ich kurz berichten. Zu Beginn meines Aufenthaltes dachte ich manchmal: Was die Schlaglöcher in der Straße angeht, ist es an manchen Stellen noch schlimmer als auf den Wittgensteiner Straßen nach dem letzten Winter. Da fährt man besser in der Straßenmitte als am Rand, vorausgesetzt, dass weit und breit kein anderes Auto zu sehen ist. Aber es hat sich gebessert: Die Löcher wurden mit Teer gefüllt – keine dauerhafte Lösung, aber vorerst besser als nichts. Die andere Beobachtung betrifft den Memorial Garden, der am Weg liegt. Eines Tages fiel mir die Zahl 6470 an dem Fahnenmast auf. Sie weist auf die im Irak- und Afghanistankrieg getöteten amerikanischen Soldaten hin. 6470? Stand da nicht eine andere Zahl? Ja, das war wohl so. Inzwischen ist die Zahl auf 6478 gestiegen.

Ich bin eine Woche im Verzug mit meinem Bericht. Ich will etwas zügiger berichten.

9. Oktober 2012

Der Fachbereich „Politische Wissenschaften“ ist im Aigler-Haus untergebracht, einem Gebäude aus dem Jahr 1912. Nach einigem Suchen finde ich auch den Raum 205 (in meinem Kalender stand 25). Dort wird der erste Teil eines Films über Martin Luther King gezeigt. Der Professor Tom Newcomb stimmt die Studenten mit einem Song ein, abgespielt von einem Radiorekorder. Das klappt nach einem Fehlversuch. Aber für den Beamer ist er auf die Hilfe eines Studenten angewiesen. „Die Technologie ist nicht mein Freund,“ sagt er zu seiner Entschuldigung. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Gegen Ende der Sitzung wird noch einmal der Song abgespielt, damit „die Studenten den Raum würdig verlassen“.

Als nächster Termin steht in meinem Kalender eine Präsentation von vier deutschen Studierenden. Sie stellen ihre Heimatorte Hannover, Oberhausen, Karlsruhe und Tübingen per Powerpoint vor. Ich komme mir vor wie auf einer Tourismusmesse. Gezeigt werden Schlösser und attraktive Events. Ob das einem besseren Verstehen des jeweils anderen dient? Mit dem Studenten aus Karlsruhe komme ich ins Gespräch. Er studiert hier in einem Gastsemester Wirtschaftswissenschaften. Gefragt, wie die Optionen seiner Kommilitonen bei der kommenden Wahl aussehen, antwortet er: „Mich irritiert vor allem, dass ein Großteil der Studierenden offen erklärt, an der Wahl nicht teilnehmen zu wollen. Der Ausgang der Wahl sei ihnen schlicht egal. Bei den andern sind die Sympathien für Obama bzw. für Romney gleichmäßig verteilt.“ „Ob das daran liege, dass die Heidelberg Universität eine Privatuniversität ist,“ frage ich. „Ja, vielleicht.“ Der angebotene Apfelkuchen ersetzt mir das Dinner. Denn ich will nach Fremont zu einer Veranstaltung fahren, auf der Doug Jambaard-Sweet die von ihm gegründete Initiative „Toledo Move to Amend“ vorstellt. (Auf diese Veranstaltung hatte mich die Pfarrerin Kay Cox, die ich auf dem UCC-Forum im September getroffen hatte, aufmerksam gemacht.)

Dass die Unternehmen durch ihre finanzielle Unterstützung einer politischen Partei den Ausgang der Wahlen in einem solchen Ausmaß, wie es gegenwärtig der Fall ist, beeinflussen können, untergrabe die Demokratie, sagt der Referent und geht in seinem Referat weit in die amerikanische Geschichte zurück. Die politischen Bürgerrechte sollten den natürlichen Personen vorbehalten bleiben, fordert er und begründet seine Forderung wie folgt: „Ein Unternehmen ist keine Person, es kann von einem Tag auf den anderen seine Identität wechseln, es kann weiter existieren, auch wenn man ihm den Kopf abschlägt, es kann an mehreren Orten gleichzeitig sein, es braucht keine frische Luft zum Atmen und kein Wasser zum Trinken.“ Deshalb solle ein Urteil des Höchsten Gerichtes von 1886, das die politischen Rechte der Staatsbürger z.B. auf freie Meinungsäußerung auch den Unternehmen zuerkannte und deren finanzielle Unterstützung einer Partei mit der Meinungsäußerung eines Staatsbürgers gleichstellte, rückgängig gemacht werden.

Mit „Old Betsy“ hat General George Croghan 1813 einen Angriff der Briten und Indianer im Britisch-Amerikanischen Krieg auf Fort Stephenson in Sandusky County, Ohio abgewehrt.

Die Veranstaltung findet in der Stadtbücherei statt, vor dessen Gebäude die Kanone „Old Betsy“ ausgestellt ist, mit der General Croghan 1813 einen Angriff der Briten und Indianer im Britisch-Amerikanischen Krieg auf Fort Stephenson in Sandusky County, Ohio abgewehrt hat. Ich habe bis zum Beginn der Veranstaltung noch etwas Zeit, die ich zu einem Rundgang durch die Umgebung der Stadtbücherei nutze. Ich gehe in fünf Minuten an fünf Kirchen und zwei Denkmalen für gefallene Soldaten vorbei. Dass ich mich nach der Veranstaltung trotz Dunkelheit und Umleitung auf der Rückfahrt nach Tiffin nicht verfahre, finde ich bemerkenswert.

10. Oktober 2012

An jedem 10. Oktober eines Jahres denke ich seit 1981 an die große Friedenskundgebung im Bonner Hofgarten, die nach der Demonstration auf dem Hamburger Kirchentag in demselben Jahr 1981 den Auftakt zu Kundgebungen mit noch mehr Teilnehmenden in den folgenden zwei Jahren bildete. Der Tag in Tiffin beginnt mit einem Gang zur First Presbysterian Church. Dort treffe ich Kathy Venema, die an der Heidelberg Universität für verschiedene Förderprogramme für Studenten zuständig ist. Sie fragt, ob ich in einer Gruppe dieser Gemeinde einen Vortrag halten könne. Die First Presbyterian Church sei in vielem der Trinity Church vergleichbar, auch zu dieser Gemeinde gehörten viele Professoren als Mitglieder, „nur nicht ganz so viele wie in der Trinity Church“. Am Wahlabend wird es ein Dinner „Pork and Kraut“ geben. „Kraut“ ist Sauerkraut. Vor Jahren hat ein Gemeindeglied mal ein solch deutsches Menü (Sauerkraut und Kartoffelbrei) angeboten. Und daraus ist eine Tradition geworden. Das Wahlergebnis werde man an diesem Abend wegen der Zeitverschiebung innerhalb der USA allerdings nicht mehr erfahren. Die Gemeindeglieder seien in ihrer politischen Meinung durchaus geteilt, sagt sie, zu dem anvisierten Vortrag aber kämen sicher nur Wähler der demokratischen Partei. Ich schlage ihr einen Vortrag über Bonhoeffer vor. Diesen Vorschlag nimmt sie gerne auf. Wir suchen nach einer Überschrift und einigen uns auf die folgende: „Encounter and Responsibility. Bonhoeffer's Perspective of Peace.“

Die Gedanken in der Gemeinde sind oft bei den Menschen in Israel und in Palästina.

In Ricks Büro im Gemeindehaus der Trinity Church planen Rick, Brenda und Lewis Miller die nächsten „Talk in Trinity Church“. Vierteljährlich wird sonntagabends ein Vortrag mit anschließendem Gespräch angeboten. Wir suchen einen Sonntag im November und ein Thema für den Vortrag. Wir einigen uns auf den 18. November und das Thema: „The Role of the Churches in Promoting World Peace.“ 2013 sollen folgende Themen folgen: Bericht über die Arbeit des ökumenischen Friedensteams in Palästina und Israel, die Zunahme von „bullying“ - also Mobbing - unter den Schülern an den Schulen und das Verhältnis von Christen und Muslimen. Zu dem letzten Thema soll eine Muslima aus Toledo eingeladen werden.

Ob ich mitkommen wolle zum Lunch, fragt Brenda. „Nein“, antworte ich, „ich will mich noch etwas auf meinen Vortrag im „Mothers Club“ vorbereiten. Es ist wie bei manchen „Mütterkreisen“ in den Kirchengemeinden, die ich kenne: „Wir haben mal einen 'Mütterkreis' gegründet, aber inzwischen sind wir Großmütter und unser Kreis ist geschrumpft.“ Es sind aber immerhin fast 20 Frauen da. Und es geht sehr förmlich zu. An einem Rednerpult begrüßt die Vorsitzende die Anwesenden, ein Gruppenmitglied liest eine Andacht vor, Wilma Farmer stellt mich als heutigen Referenten vor, nach dem Vortrag gibt die Vorsitzende noch einen Monatsbericht und die Kassiererin einen Kassenbericht. Erst danach gibt es Kaffee und Kuchen, diesmal den auch für viele Anwesende in diesem Jahr ersten Kürbiskuchen. Dieser Pumpkin Cake ist eigentlich eine Spezialität zum bevorstehenden Halloweentag. Ich spreche über die Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes und Friedrich Siegmund-Schultze.

An manchen Stellen merke ich, dass es Verständnisschwierigkeiten gibt. Das ist ja auch klar, denke ich. Immerhin finden wir noch gemeinsam eine verständliche Übersetzung für „Missionsgesellschaften“. Das Wort „mission“ führt in diesem Zusammenhang eher in die Irre, „missionary“ ist da schon besser. Vom Kaffeetrinken verabschiede ich mich etwas vorzeitig, denn ich will mit Rick zu einer Besprechung in das Morrisonhaus fahren, das neue Projekt für Obdachlose. (Ihre Zahl in Tiffin schätzt Bob Berg am nächsten Tag auf 60 bis 70. Einige von ihnen sind tagsüber in der Stadtbücherei anzutreffen. Da gebe es Toiletten, da sei es warm und zu lesen gebe es auch etwas.) Rick gehört zu dem Leitungskreis des Morrisonhauses. Dieses war ein Hotel „Bed and Breakfast“, gebaut im 19. Jahrhundert. Es steht unter dem Denkmalschutz der Stadt Tiffin. Die Sitzung wird geleitet von einer Mitarbeiterin, möglicherweise Sozialarbeiterin, die für private Non-Profit-Gesllschaft „New Housing“ arbeitet. Sie macht einen sehr engagierten Eindruck. Aber ich frage mich, ob die denkmalgeschützten Innenräume für den neuen Verwendungszweck wirklich geeignet sind. Es wird über die Hausordnung gesprochen und die Möglichkeiten für die Kirchengemeinden, dieses Projekt zu unterstützen.

Abends nehme ich an der Sitzung des Presbyteriums teil. Der Haushaltsentwurf des Finanzausschusses wird gebilligt. Ein Punkt der Tagesordnung ist der Bericht des Pastors, der sich unterteilt in Activity Report, Highlights und wichtige Termine in den folgenden Wochen. Fast denke ich, hier hat der Pastor nicht nur einen Report zu geben, sondern auch zum Rapport anzutreten. Andererseits denke ich, ist ein solcher Tagesordnungspunkt doch eine gute Gelegenheit für den Pfarrer zu sagen, was ihm wichtig ist. So gerne ich diskutiere, heute bin froh, dass die Sitzung nach einer Stunde zu Ende ist. Und in dieser Zeit gab es für mich ein wirkliches Highlight. Ein ehemaliger Professor schlug vor, das Gemeindebüro zwischen Weihnachten und Neujahr zu schließen. Eine Frau widersprach ihm mit dem Argument, dass es sehr unpraktisch sei, den Gemeindegliedern die Gelegenheit, nach Weihnachten ihre restlichen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde noch im laufenden Jahr zu erfüllen, zu nehmen. Der Professor reagiert galant: „Danke, dass Sie meinen Antrag überzeugend widerlegt haben.“

„Ich frage die hinter dem Transparent stehenden Männer nach dem Anlass des Transparentes. Es gehe um die Arbeitsbedingungen und Löhne der nicht-akademischen Arbeitskräfte der Universität.“

11. Oktober 2012

Ich bin auf dem Weg zum Aigler-Haus, in dem das Seminar über Gewaltfreiheit stattfindet. Da sehe ich auf der anderen Straßenseite ein Transparent „Shame on You, Shame on You“. Das macht mich neugierig. Ich frage die hinter dem Transparent stehenden Männer nach dem Anlass des Transparentes. Es gehe um die Arbeitsbedingungen und Löhne der nicht-akademischen Arbeitskräfte der Universität. Dass ich als Gast aus Deutschland die Unterschriftenliste nicht unterzeichne, verstehen sie. Sie stimmen freudig zu, als ich frage, ob ich ein Foto machen dürfe. Bis ich meinen Fotoapparat herausgeholt habe, ist noch eine Frau zu den beiden Männern dazu gekommen. Und damit ich richtig berichten könne, geben sie mir noch ein Flugblatt.

Professor Tom Newcomb beginnt sein Seminar wieder mit dem Vorspielen eines Songs, diesmal „A Picture of Jesus“ von Ben Harper. In der Diskussion über den anschließend gezeigten zweiten Teil des Films über das Leben Martin Luther Kings wird ein Student sagen, dass er während der Filmvorführung an die folgende Stelle des Songs gedacht hat: „It has been spoken/ he would come again/ but would we recognize/ this king among men/ there was a man in our time/ his words shine bright like the sun/ he tried to lift the masses/ and was crucified by gun.“ Das gelte doch auch von dem Leben und Tod Martin Luther Kings. Am Ende des Seminars werden die Studenten aufgefordert, zu sagen, welche Impulse sie für ihr eigenes Leben durch das Beispiel M. L. Kings bekommen hätten. Mehrere Studenten antworten: „Ich habe bisher viel Hilfe und Unterstützung erfahren. Davon will ich später etwas an die Gesellschaft zurückgeben.“ Durch ihr Engagement an verschiedenen Stellen, als Spieler und Trainer im Footballclub u.a., wollten sie die „Welt verbessern“, sagen sie ebenso. Ein Student mit, wie ich vermute, hispanischer Herkunft thematisiert seine Verpflichtung gegenüber seinen in der Gegenwart diskriminierten Menschen gleicher Herkunft. Es ist schon eine eindrückliche Zusammensetzung der Studenten (es sind wirklich bis auf eine Studentin Studenten, etwa 15): Da sitzen sie zusammen, Schwarze und Weiße, und sehen sich den Film an, der zeigt, wie hart diese Möglichkeit erkämpft werden musste. Was wird wohl in ihren Köpfen und Herzen vorgehen?

Es fehlt an Zeit, ein begonnenes Gespräch mit dem kanadischen Dozenten Dr. Marc O'Reilly fortzusetzen. Er muss zu einem weiteren Seminar und ich ins Archiv, wo Bob Berg auf mich wartet. Er hat mich eingeladen zu einem gemeinsamen Besuch zweier Museen in Tiffin. Wie sollte ich eine solche Einladung nicht annehmen? Es ist so viel einfacher für mich, mich auf deutsch zu unterhalten. Auch dass er vorschlägt, zu Fuß zu gehen, kommt mir sehr entgegen. Habe ich doch in den vergangenen Wochen mehrfach den Eindruck gehabt, dass auch für kurze Wege das Auto benutzt wird, was nicht gut für die Gesundheit ist und zudem wegen der vielen Einbahnstraßen auch nicht schneller zum Ziel führt.

Zuerst führt mich Bob in das Glasmuseum. Ende des 19. Jahrhunderts war Tiffin ein Zentrum der Glasindustrie. Wahre Prunkstücke sind im Museum ausgestellt: Twilightglas (ein Glas, das je nach Beleuchtung die Farbe wechselt), eine Kollektion für das Ritz Clayton Hotel in New York (ich lerne nebenbei: deshalb heißt das Theater in Tiffin „Ritz Theatre“, weil „Ritz“ für einen glanzvollen Ort steht.), eine Kollektion in strahlendem Weiß mit der Bezeichnung „Palais Versailles“ (das kostbarste Stück der Ausstellung), die Elvis Presley für sich selbst in seiner Lieblingsfarbe Grün in Auftrag gegeben hat. Es sind auch kleine Stücke ausgestellt, die die Fabrikarbeiter nach Arbeitsschluss aus dem noch heißen Glas für sich selbst herstellen konnten. Und die beiden älteren Damen, die uns durch die Ausstellung führen, repräsentieren in ihrer Person nach meinem Endruck ein Stück der Wehmut nach vergangenen besseren Zeiten der Glaskunst in Tiffin: „Damals hatte man noch Sinn für Eleganz.“ Ausgesprochen aber wird ein solcher Satz nicht.

„Danach gehen wir zum Seneca County Museum. Hier hat Della Laird gewohnt.“

Danach gehen wir zum Seneca County Museum. Hier hat Della Laird gewohnt. Sie war die Frau des für Tiffin bedeutenden Industriellen Shawn und heiratete nach dessen Tod ein zweites Mal, wieder einen sehr reichen Mann. Sie zog in eine andere Stadt, kehrte aber am Ende ihres Lebens nach Tiffin zurück. Sie hat Tiffin nie vergessen und Einrichtungen wie die Stadtbücherei und das jetzt „Adams Hall“ genannte Gebäude, in dem die Wirtschaftswissenschaften untergebracht sind, gestiftet. In der Adams Hall gibt es unter dem Dach eine Ausstellung zu ihrem Leben. Dieser Raum ist gleichzeitig als ein angenehmer Aufenthaltsraum gestaltet, ein Ort, um sich zwischen den Studien auszuruhen. In diesem Museum kann jeder etwas ihn Interessierendes finden. Die eleganten Kleider sind mein Fall nicht, umso mehr eine Ausgabe der Advertiser Tribune (die hiesige Lokalzeitung) von 1961: Ein Sohn von Rockefeller ist in Südamerika entführt, ist da zu lesen, aber auch, dass in New Delhi die Vollversammlung des Ökumenischen Rates auf Drängen der Moskauer Patriarchen Alexei und des Metropoliten Nikodim beschlossen hat, die Staaten der Welt zu einer umfassenden Abrüstung zu drängen. Die ausgestellten Glasstücke kennen wir schon, nicht aber ein mehrere Meter langes Wandgemälde zur Geschichte Tiffins, u.a. zum Beginn des Eisenbahnverkehrs. Im nächsten Raum dann die militärischen Erinnerungsstücke. Dazu zählt auch eine gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erbeutete Naziflagge. Die daneben liegende Zeitung verkündet: „Victory“.

Weiter geht es in einen Küchenraum. Ein aus Seide in einer Holzfassung hergestellter Ventilator hielt die Fliegen über dem Küchentisch fern. Für den Besuch des Obergeschosses fehlt die Zeit. Bob und ich verabschieden uns von dem 18-jährigen Museumsführer, der in dem Museum ehrenamtlich arbeitet. Auf dem Rückweg zeigt mir Bob ein ehemaliges Bed and Breakfast Hotel, wie das Morrison Haus nicht mehr als solches genutzt. Ich frage ihn nach den unbewohnten Häusern, die ich auch auf der Straße direkt neben der Universität gelegen sehe. Um manche von diesen kümmere sich „Habitat for Humanity“. Als in der Diskussion nach der am Montag folgenden Präsentation über Eindrücke in Deutschland, diese Initiative als Beispiel dafür, dass die Amerikaner im Allgemeinen viel weniger Zeit als die Deutschen für sich selbst hätten, weil sie immer irgendwo unterwegs sind, genannt wird, frage ich Bob, ob sich viele Menschen bei „Habitat“ engagieren, was Bob bejaht und, als hätte er geahnt, dass ich das nicht gedacht hätte, hinzufügt, dass zum Beispiel der emeritierte Mathematikprofessor und seine Frau, beide aktiv in der Trinity Church, sich sehr intensiv engagierten, vielleicht „jetzt aus Altersgründen nicht mehr“.

Zum Dinner bin ich bei William und Jane Wickham eingeladen. Für mein Gefühl bewegte ich mich bisher auch schon in eher vornehmen Verhältnissen. So vornehm aber war es bisher noch nicht. Bill war ein erfolgreicher „Business Man“, der für ein in der Welt führendes Unternehmen, das Propeller herstellt, tätig war und deshalb häufig seinen Wohnort wechseln musste. Er kam geschäftlich in viele Länder, auch nach Deutschland. Einmal lieh er sich am Frankfurt Flughafen ein Auto und fragte, wie lange er wohl brauche zu seinem Zielort. „Eine Stunde, denke ich. Ach nein, Sie sind ja Amerikaner, dann brauchen Sie vielleicht zwei Stunden“, war die Antwort. Das erzählt mir Bill (die Kurzform von William), nachdem ich auf seine Frage, wie ich im Straßenverkehr zurecht komme, geantwortet habe: „Ganz gut, besonders gefällt mir, dass nicht so schnell gefahren wird wie in Deutschland.“ (Worauf man sich hier aber einstellen muss, ist, dass offensichtlich nicht klar geregelt ist, wer an einer Kreuzung Vorfahrt hat. Das ist „im Prinzip“ genau so geregelt wie in Deutschland. Nur scheint manchmal die Regel „Wer zuerst da war, darf fahren“ zu gelten. Aber wenn man das weiß, ist auch das kein Problem.)

Nach seinem Ausscheiden aus der Firma zog es seine Frau, geboren auf einer Farm in der Umgebung, und ihn wieder nach Tiffin, in die Stadt, in der sein Vater Präsident der Universität war und er aufgewachsen ist (in dem damaligen Haus des Universitätspräsidenten, das er mir auf der Rückfahrt zeigt). Und weil sie in Tiffin in der Trinity Church getraut worden sind, haben sie sich auch wieder dieser Gemeinde angeschlossen. Vorher waren sie – ganz so, wie es sich jeweils ergab – auch Mitglieder einer kongregationalistischen und einer methodistischen Gemeinde. In Tiffin lehrte Bill dann auch noch Wirtschaftswissenschaften.

Nach dem Dinner stellt Bill den Fernsehapparat an (einen speziellen Kanal, den ich in meiner Unterkunft nicht empfangen kann), um zu sehen, ob der Politikprofessor John Bing, sein früherer Kollege, auch heute wieder zwei Personen, die für dasselbe politische Amt kandidieren, interviewt. Bill interessiert mehr, „wie John seine Sache macht“, als was die Kandidaten zu sagen haben. In seiner Wahlentscheidung scheint Bill meinem Eindruck nach ohnehin festgelegt zu sein, zumal er die (republikanischen) Kandidaten anscheinend gut kennt. Bevor er mich in meine Unterkunft zurückbringt, zeigt er mir noch seine Märklin-Modelleisenbahn, die in den Stelltisch vor dem Sofa unter einer Glasscheibe eingebaut ist, und führt mich in sein Arbeitszimmer. An der Wand hängen Fotos der Häuser, die er im Laufe der Jahre bewohnt hat, dazu ein Foto seines Flugzeuges, das er selbst gern geflogen ist, und ein Foto, das er aus diesem Flugzeug heraus aufgenommen hat.

Als er mich für den heutigen Tag zum Dinner eingeladen hatte, zögerte ich und sagte, ich wolle doch die Fernsehdebatte zwischen Biden und Ryan, den beiden Kandidaten für das Vizepräsidentenamt, sehen. Da diese aber erst um 9 p.m. (21 Uhr) beginnt, sei es doch besser, sagt er, er würde mich vorher in meine Unterkunft bringen. So sehe ich die Debatte in meinem Zimmer. Biden hat – so scheint es mir – sich vorgenommen, seinen Gegenkandidaten schlicht auszulachen. Erst gegen Ende der Debatte unterlässt er das, speziell, als Ryan und er gefragt werden, was ihr katholischer Glaube ihnen persönlich bedeute. Ja, da lacht man nicht, denke ich. Aber als Biden auch in seinem Schlusswort auf mich merkwürdig kraftlos wirkt, mit leiser Stimme spricht, befürchte ich, am nächsten Tag in der Zeitung die Schlagzeile „Biden verging das Lachen“ zu lesen. Aber wieder täuschte mich mein Eindruck. Biden wird allgemein als Gewinner der Debatte angesehen. Und auch in einem anderen Punkt habe ich mich geirrt. Bill hat die Debatte auch gesehen, was ich nicht gedacht hatte. Denn am Sonntag wird er mich nach meinem Eindruck fragen und mir sein eigenes Urteil nicht vorenthalten: „Bidens Lachen war schlicht unhöflich.“ (Eine andere Stimme zu demselben Punkt: „Biden war wunderbar, so ist er, deswegen lieben wir ihn.“)