Johannes Weissingers fünfter Bericht

3. Oktober 2012

Ich rechnete mit einer Pfarrkonferenz, aber das war ein Missverständnis. Das Treffen, zu dem mich Donna Van Trees, die Pastorin der United Methodist Church abholt, ist eher ein Arbeitskreis von - sozial engagierten - Pastorinnen und Pastoren. Wir fahren zum neu gebauten Mercy Hospital, gehen zunächst in die Cafeteria, um uns etwas für den Lunch zu holen, den wir in unserem Konferenzraum einnehmen. Donna und ich sind die beiden ersten Teilnehmer. Das hat den Vorteil, dass ich die neu Ankommenden nacheinander begrüßen kann. Das heißt leider nicht, dass ich mir deren Namen merken kann.

Leichter fällt es mir, einige verschiedenen Kirchengemeinden zuzuordnen. Die Methodisten sind neben Donna durch eine junge Pastorin, die ganz neu in der St. Pauls Church angefangen hat, vertreten. Der Pfarrer der katholischen Kirche ist auch ohne Vorstellung an seiner Kleidung zu erkennen. Ähnlich gekleidet ist der Pfarrer der lutherischen Kirche, und weil es derer wohl mehrere in Tiffin gibt, heißt es genauer der First Lutheran Church. Ihn kenne ich schon von der Vorbereitung des crop walk. Von der UCC ist die Pastorin der St. Johns Church, Pam, anwesend. Insgesamt sind wir ein Kreis von etwa zwölf Personen.

Dieser Kreis trifft sich, um Informationen über Projekte und Termine in Tiffin auszutauschen. Ein Punkt nimmt mehr Zeit in Anspruch als üblich. Terry, Pastor der Christ Church, einer Independent Church, berichtet im Zusammenhang des Morrison House von aufgetretenen Schwierigkeiten. Das Morrison House ist ein gemeinsames Projekt mehrerer Kirchengemeinden - auch Rick ist in dem Leitungskreis - und nicht-kirchlicher Organisationen. Es soll Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - dringend eine Unterkunft brauchen, eine solche anbieten, für ein paar Tage oder auch für Monate. Eine solche Einrichtung gibt es derzeit in Tiffin noch nicht, ist aber dringend nötig, da die Zahl der Obdachlosen (homeless people) steigt. Wie in Deutschland auch wächst der Anteil der Frauen und der jüngeren Menschen unter ihnen.

Um diesen eine Anlaufstelle zu bieten, wurde ein altes Haus angekauft. Auf der Rückfahrt zeigt Donna mir dieses Haus. Ich würde es als alte Villa bezeichnen. Wie das aber so bei alten Häusern ist: Sie bergen manch unerfreuliche Überraschungen. Im Morrison Haus sind die Wasserleitungen defekt. Das verursacht Mehrkosten und erfordert neue Verhandlungen mit den Banken. Probleme über Probleme. Gegen Ende der Sitzung wird die Vorsitzende des Arbeitskreises vorschlagen, aus den Mitteln des Arbeitskreises die Kosten für die Reinigung der Teppiche, die noch brauchbar sind, zu übernehmen. Dieser Vorschlag wird einstimmig unterstützt.

Dann meldet sich die Vertreterin der Franziskanerinnen zu Wort und fragt: „Kann das nicht vielleicht jemand kostenlos machen?“ Eine andere Frau kennt jemand aus dem Kiwanis Club, der eine Reinigungsfirma hat. Darauf die Frau von St. Paul: „Ja, diese Firma hat bei uns gearbeitet, ohne der Gemeinde die Arbeiten in Rechnung zu stellen.“ Die Folgerung ist klar. Der beschlossene Betrag kann also für andere anfallende Kosten genommen werden. Ich denke: Das ist ein wunderbares Beispiel, was man schaffen kann, wenn man sich zusammen den Herausforderungen stellt.

Auf der Tagesordnung steht der Bericht über ein anderes Projekt, das Projekt „Teen Center“. Mitglieder des Kiwanis Club haben es in den 1990er Jahren gestartet. Patricia Hilmer, erkennbar im Rentenalter, berichtet. Den Schülerinnen und Schüler der High Schools - also der Gymnasien - machen viele Organisationen und Vereine Angebote. Aber wer kümmert sich um die jüngeren, speziell aus der Mittelschule, vielleicht der Hauptschule vergleichbar? Manche dieser Kinder und Jugendlichen haben keinen Ort, an dem sie sich treffen und vertrauenswürdige Bezugspersonen, die sie ernstnehmen, finden können. Patricia berichtet von guten Erfahrungen mit den Jugendlichen: „Wenn eine(r) eine Arbeitsstelle gefunden hat, ist es immer ein Fest.“ Aber auch von Problemen berichtet sie. Sie mussten schon ein paar Mal den Ort wechseln, weil das Haus jeweils für einen anderen Zweck benötigt wurde - zuletzt musste das Haus einem Parkplatz weichen. Aber immer haben sie es bisher geschafft, an einem anderen Ort weiterzumachen. Ganz unaufgeregt berichtet die weißhaarige Frau. Ich ahne etwas von ihrer Ausdauer und Beharrlichkeit.

In der Mensa der Heidelberg Universität wird heute ein Oktoberfest gefeiert, es gibt jede Menge deutscher Speisen. Ob es wirklich typisch deutsche Speisen sind? Eine Pizza ist in Deutschland beliebt, also mag sie als German Food durchgehen. „Sind Sie allein hier?“, werde ich angesprochen. Ich schließe mich Susan Halen an, der Nachfahrin von Wilhelm Knepper, der mit Alexander Mack nach Amerika ausgewandert ist. Sie ist in Begleitung ihrer Freundin, die, als sie noch berufstätig war, an der Universität Deutsch unterrichtet und rund 20 Mal Gruppen nach Deutschland begleitet hat. Diese bedauert, dass Deutsch und Französisch zugunsten von Spanisch und Chinesisch aufgegeben oder zumindest - nach meinem Einspruch - reduziert worden sind. Susan weist mich nach dem Essen noch auf ein Ehepaar hin. Ich begrüße die beiden.

Er ist nach eigener Auskunft Kanadier, war als Kind in Dresden, als Dresden bombardiert wurde - „das ist zu kompliziert zu erklären“ erklärt er, als ich verwundert nach dem Grund frage -, dann von 1958 bis 1960 als Soldat in Deutschland. Dort hat er seine jetzige Frau gefunden. Zurück in Kanada fand er keine Arbeit, deshalb zog es ihn nach Tiffin, wo er in der hiesigen Maschinenbaufabrik eine Stelle fand. Seine Frau weist mich derweil auf einen Studenten an ihrem Tisch hin: „Sehen Sie, er betet, das ist gut.“ Das tut der Student wirklich auffällig lange und demonstrativ. Er stützt seinen Kopf auf die aufgerichteten Arme und hält die Augen geschlossen. Ihr Mann fährt mit seinem Bericht fort: Jetzt habe die Fabrik Filialen in China und Japan, und in Deutschland auch - ich habe die entsprechenden Fahnen vor dem Fabrikgebäude bei meinem Rundgang durch das Universitätsgelände gesehen.

Dann kommt er auf die Kirchen in Tiffin zu sprechen: 28 verschiedene Kirchen gebe es in Tiffin. Er besuche die Christ Church. (Rick wird mir später erklären: Eine Independent Church wird als solche bezeichnet, weil sie sich keiner bestimmten Denomination angeschlossen hat.) Die Gottesdienste dort gefielen ihm am besten, und dann fügt er vielsagend hinzu: „Das werden Sie noch merken, die Pastoren hier stehen in einem Wettbewerb untereinander.“

Heute Abend findet die erste Fernsehdebatte zwischen Obama und Romney statt. Zum ersten Mal schalte ich den Fernsehapparat, der in meinem Zimmer steht, ein. Ich will auch die Vorberichterstattung zu der Debatte nicht versäumen. Zunächst sehe ich eine Diskussionsrunde, an der auch John Huntsman, der sich 2012 anfangs selbst um die Präsidentschaftskandidatur beworben hat, teilnimmt. Es scheint etwas Neid mitzuschwingen, wenn er fragt: „Wo ist ein Bill Clinton in der heutigen republikanischen Partei?“ (Er spielt damit auf die allseits als besonders überzeugende Rede Bill Clintons auf dem „Wahlparteitag“ der Demokraten an.) „Theodore Roosevelt, Eisenhower und Reagan übten solche leadership (Führung) aus; aber wie soll eine solche im 21. Jahrhundert aussehen, das uns durch eine immer stärker werdende Rolle des Internets im politischen Prozess noch überraschen wird?“

Das ist eine berechtigte Frage, finde ich, aber dass Huntsman damit die Bemerkung eines anderen Diskussionsteilnehmers, Bart Gordon, als Republikaner aus Tennessee im Repräsentantenhaus von 1985 bis 2001, als eine Frage von gestern bezeichnet, verwirrt mich, hatte Gordon doch angemerkt, dass Obama und der Sprecher des Repräsentantenhauses „nicht miteinander könnten“, und den Einfluss der so genannten Tea Party auf die republikanischen Abgeordneten etwa durch ihre Leugnung des Klimawandels als „nicht real“ bezeichnet. Ist da die Reaktion Huntsmans der bezeichnend clevere Versuch, schnell das Thema zu wechseln, wenn es unangenehm wird. An diese Diskussion schließt sich die übliche Vorberichterstattung an. „Wir wechseln in die Universität Denver (dort findet die Debatte statt).“ Die Debatte wird moderiert von Jim Lehrer, der dies schon zum zwölften Mal macht. Sechs Themen sind für die 90 Minuten vorgesehen, dreimal Wirtschaft, das Gesundheitswesen, das Verständnis von politischer Führung und Regierung.

Die Debatte selbst sehe ich mit meinen Gastgebern auf deren großem Bildschirm. „Na, was meinen Sie, wer gewonnen hat?“, fragt mich Bob anschließend. Ich antworte: Obama. Mein Argument: Ich beobachtete die beiden Diskutanten, wenn der jeweils andere sprach. Romney mit immer gleichem Gesichtsausdruck wirkte auf mich eher verkrampft, Obama mit wechselnder Mimik lebendiger. In einem Punkt habe ich mich, wie ich in der Berichterstattung lesen werde, gründlich geirrt. Wenn Romney einen Punkt an den anderen fügte, blickte Obama zu Jim Lehrer, nach meinem Eindruck sich überlegen wissend: Wann gibst du mir das Wort, dass ich mit einem kurzen Hinweis auf den entscheidenden Punkt diese Redeflut kontern kann. In diesem Blick Obamas haben die allermeisten Zuschauer aber eher Hilflosigkeit und Zerfahrenheit wahrgenommen. Nach einer Umfrage von CNN haben 67 Prozent der Zuschauer Romney als Sieger gesehen, nur 25 Prozent Obama. Übrigens war auch für Bob klar: Romney hat eine starke Vorstellung abgeliefert.

4. Oktober

Morgens lese ich in der Tageszeitung, dass heute Morgen um 10.30 Uhr eine Veranstaltung in der Stadtbücherei ist, der Titel: „Let´s talk about“. Die Zielgruppe: „for adults“, also für Erwachsene. Da will ich doch mal sehen, was das wohl ist. Im Gemeindebüro noch aufgehalten komme ich auf die letzte Minute. Da sitzt ein Kreis von Frauen verschiedenen Alters, dazu ein junger Angestellter der Bücherei. Sie treffen sich an jedem ersten Donnerstag eines Monats und sprechen über ein bestimmtes Buch.

Diesmal ist es das Buch von Tony Horwitz „Confederates in Attica“. Horwitz ist ein bekannter Reisejournalist. In diesem Buch berichtet er von seinen Eindrücken einer Reise durch die Südstaaten der USA, speziell von den Folgen des Bürgerkrieges im 19. Jahrhundert. Dieser Bürgerkrieg ist das beherrschende Thema in den Büchern über die amerikanische Geschichte. Jeder könne sich durch einen Gang in eine Buchhandlung davon überzeugen. In der Abteilung „Geschichte“ stünden einige wenige Bücher, dann aber ein ganzes Regal voll mit Büchern über den Bürgerkrieg und Abraham Lincoln. Das Gespräch ist lebhaft, alle Anwesenden beteiligen sich. 750.000 Tote hat der Bürgerkrieg, ein „Krieg von Amerikanern gegen Amerikaner“ gekostet, ein ungeheurer Verlust. Wiegt der Sieg im Bürgerkrieg dieses große Leid auf?

Es ist die Perspektive der Opfer, aus der der Krieg beurteilt wird, auch der gegenwärtige Krieg in Afghanistan. „Und was wäre denn gewesen, wenn sich in unserem Bürgerkrieg des letzten Jahrhunderts eine fremde Macht eingemischt hätte? Tun wir heute in Afghanistan etwas anderes?“ Und ein junge Frau geht noch weiter: „Ist es nicht dieselbe Gewalt, die nur den eigenen Nutzen im Blick hat, die wir gegen die Tiere anwenden?“ Eine andere ergänzt: „Die Sklaverei ist damals zwar gesetzlich aufgehoben worden, aber ist die Beschäftigung von Menschen zu Niedrigstlöhnen nicht auch eine Form von Sklaverei?“ Zum Schluss noch eine Bemerkung zum gegenwärtigen Wahlkampf: „Abraham Lincoln war ein Republikaner. Wenn ausgerechnet die Republikaner heute für eine Schwächung der bundesstaatlichen, zentralen Macht eintreten, ist das schon ein erstaunlicher Wandel.“

Zur Mittagszeit treffe ich mich mit Pam Easterday, seit vergangenem Jahr Pfarrerin der UCC-Gemeinde St. Johns. Der gestern ausgemachte Termin erweist sich als Missverständnis. Dieser ungünstige Zeitpunkt wäre gar nicht nötig gewesen, was den Nachmittag angeht. Auch vormittags hätte sie gekonnt, sagt sie mit Achselzucken, denn die Hochzeit, die da hätte sein sollen, fiel aus, weil die Braut heute eine Mail schickte, dass ihr Bräutigam ins Gefängnis gebracht wurde. Das macht mich neugierig: Unterscheidet sich die soziale Struktur dieser Gemeinde etwa deutlich von der Struktur der Trinity Church?

Pam führt mich zunächst in den Gottesdienstraum. Mir fällt sofort der „Cry Room“ auf, ein durch eine Glasscheibe abgetrennter Raum, in dem Kinder nicht still sitzen müssen. Das müssten die Kinder aber auch sonst nicht, sagt Pam. Sie spielt temperamentvoll vor, wie aktiv sich Kinder am Gottesdienst-Geschehen beteiligen können. Eine schöne Anekdote: Als sie mit kleinen Kindern Abendmahl feierte, forderte ein Kind: „Ich will mehr.“ Da habe sie sich gefragt, ob Jesus darauf wohl „Nein“ gesagt hätte, und da sie sich ein solches Nein von Jesus nicht habe vorstellen können, habe sie dem Verlangen nachgegeben und sie habe mit den Kindern das ganze Brot aufgegessen und den Saft ausgetrunken. Diese Anekdote veranschaulicht ihre Aussage: „Die Gemeindeglieder lieben mich, weil ich ihre Kinder liebe.“

Auf meine Frage, was für diese Gemeinde charakteristisch sei, antwortet Pam: Alle Generationen sind vertreten. Und als zweiten Punkt: Die Gemeindeglieder ließen sich auch auf Neues ein. Das sei, nachdem ihr Vorgänger 31 Jahre in der Gemeinde war und zuletzt „ein Sonntag wie der andere“ war, auch nötig und mehrheitlich erwünscht. Sie erzählt, wie sie in diese Gemeinde gekommen sei. Ihre frühere Gemeinde habe sie „gefeuert“. Dann habe sie sich an mehreren Stellen beworben. Üblicherweise geschieht das schriftlich mit einer Darstellung des eigenen Profils (das Gleiche tut auch die Gemeinde, die jemanden sucht) und der Einsendung eines Videos. Bei Interesse folgt ein ausführliches Telefon-Interview. Sie selbst, sagt Pam, habe sich zunächst über das starke Interesse einer anderen Gemeinde gefreut: „Wenn man gefeuert wurde, baut das einen richtig auf.“ Bei ihrer jetzigen Gemeinde habe sie sich zunächst gar keine große Chancen ausgerechnet, aber dann doch gespürt: „Hier bin ich richtig.“ Nicht das alles nach ihrem Geschmack sei, aber sie sei zu Kompromissen bereit.

Ein Beispiel: Wie in den allermeisten Kirchen stehe in der Nähe der Kanzel die amerikanische Nationalflagge. Wenn es nach ihr ginge, würde sie entfernt. Vielleicht wäre zukünftig ein Kompromiss derart möglich, dass die Fahne an einem Platz im hinteren Kirchraum aufgestellt wird. Sie wolle dies aber (vorerst?) nicht zum Thema machen, wie es einige wenige Kollegen getan hätten. In diesem Zusammenhang erhalte ich von Pam eine weitere interessante Information: Es ist den Predigern verboten, von der Kanzel für eine politische Partei oder einen bestimmten Kandidaten zu werben. Täten die Prediger das doch, würde die Gemeinde ihre Befreiung von der Einkommenssteuer verlieren. Nicht verboten sei es, zu einzelnen Themen Stellung zu beziehen. Manchen fundamentalistischen Gemeinden sei die Unterstützung der Republikaner diese finanzielle Einbuße wert. Ob das häufig vorkomme, frage ich. Ja, ganz selten sei das nicht. Denn viele Predigten wären ja im Internet nachzulesen oder zu hören. Eine Mail an die zuständige Behörde reiche, um das Verfahren zum Entzug der Steuerbefreiung in Gang zu setzen.

Anschließend zeigt mir Pam auch noch die Empore. Neben Glasvitrinen zur Geschichte der Gemeinde steht auch ein Tisch mit den Glocken für den mir von der Trinity Church bekannten Bell Choir. Was es in der Trinity Church nicht gibt, sind die aufgereihten Namensschilder, die sich die meisten Gemeindeglieder auch anstecken, wenn sie zum Gottesdienst kommen. Das verleihe gerade den Kindern das Gefühl, wichtig zu sein, und erspare manchen die Peinlichkeit, den Namen eines anderen Gemeindegliedes vergessen zu haben. Die Namensschilder erleichterten es neuen Besuchern der Gottesdienste, auf andere zuzugehen, und förderten das Gespräch der Gemeindeglieder untereinander. Eigentlich eine einfache, zur Nachahmung empfohlene Sache. Es gibt ja keinen Zwang, sich namentlich auszuweisen. Bei einer anderen guten Gewohnheit erlebe ich eine Überraschung. Nach dem Gottesdienst werden Waren zum Kauf angeboten, die bei uns in EINE-WELT-Läden verkauft werden. Ob das nicht auch etwas für die Trinity Church sei, frage ich unvorsichtig. Pam lacht: „Nein, lassen Sie mir den kleinen Vorteil, den ich damit vor anderen habe.“ Wie war das doch gleich mit dem Wettbewerb untereinander?

Am Nachmittag besuche ich noch einmal Paul Stark, den Studentenpfarrer der Heidelberg Universität, um ihn zu fragen, welche Veranstaltungen für mich interessant sein könnten. Sein Tipp: In einer Art Ringvorlesung des Fachbereichs „Politikwissenschaften“ geht es in den nächsten zwei Wochen um die gewaltfreie Aktion am Beispiel Martin Luther Kings. Danke für diesen Tipp!

5. Oktober 2012

Morgens bespreche ich mit Rick die nächsten Gottesdienste. Ob ich es wagen kann, am 21. Oktober in der Trinity Church zu predigen? Ich will es wagen. Und für den 18. November vereinbaren wir, dass ich eine Einladung nach Sandusky annehme. In der Stadtbücherei lese ich in verschiedenen Zeitungen einige Kommentare zu der Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten. Auf einen Kommentar möchte ich hinweisen: Paul Krugman beklagte, dass Obama Romney nicht aufgefordert hat, sein Statement zum Gesundheitswesen einfach noch einmal zu wiederholen und noch einmal und noch einmal, damit der Wähler merkt, wie verlogen dies Statement ist. Da es Obama nicht getan hat, wolle er es jetzt tun, schreibt Krugman. (siehe New York Times vom 4. Oktober,  www.nytimes.com)

Wilma Farmer hat mich zum Dinner eingeladen und mir den Weg genau beschrieben. Ich finde den Weg ohne Schwierigkeiten. Manche Straßen in Tiffin sind mir inzwischen vertraut. Ich finde schon eine große Runde vor. Alle scheinen auf eine Wahlsieg Obamas zu hoffen. Dass die Zahl der Arbeitslosen sinkt, ist ein Hoffnungszeichen. Wie schon mehrfach werde ich danach gefragt, zu welcher Kirche die westfälische Kirche gehört. „Die ist auch 'united'“, antworte ich und führe in die Details der altpreußischen Union 1817 ein. Andere Fragen betreffen die Kirche in der ehemaligen DDR und - natürlich - immer wieder die Kirchensteuer. „Nein, es ist nicht so, dass unsere Kirche über die Kirchensteuer vom Staat finanziert wird.“

Alle Teilnehmer am Dinner haben an der Heidelberg Universität studiert. Reihum geht die Frage: „In welchem Jahr hast du deinen Graduierten – Abschluss gemacht?“ („Are you graduated“ als Passiv-Formulierung klingt in meinen Ohren freilich etwas anders.) Von „damals“ wird erzählt: wo man was eingekauft hat, wo die Straßenbahn fuhr und so weiter.  Dann setzt Percy, ein Biologe, zu einem längeren Bericht an: Raoul aus Kolumbien kam als Student nach Tiffin und Percy half ihm damals in mancherlei Hinsicht. Heute ist Raoul ein viel gefragter Forscher und Erfinder. Gerade hat er ein neues Verfahren entwickelt, mit dem man alte Teppiche bakteriell entsorgen kann. Sein nächstes Projekt: Eine Außenhaut für Schiffe zu entwickeln, die schädliche Algen abweist. Und es schwingt in diesem Bericht der Optimismus mit: „Wir können Probleme lösen. Das wird auch anderen Ländern helfen.“ Zum Schluss gibt es Schokolade von einem Koinonia-Projekt im Süden.

  • „Es ist wieder einmal Zeit, die Beine zu bewegen,...
  • ... auf der meiner täglichen Autofahrt zum Gemeindebüro gegenüberliegenden Seite des Sandysky-Flusses gibt es einen Park.“

6. Oktober 2012

Es ist wieder einmal Zeit, die Beine zu bewegen. Auf der meiner täglichen Autofahrt zum Gemeindebüro gegenüberliegenden Seite des Sandusky-Flusses gibt es einen Park. Offensichtlich ist gerade eine Aktion der Girl Scouts (Pfadfinderinnen), das Flussufer zu säubern, abgeschlossen. Es ist ein herrlicher Herbsttag. Als ich am Flussufer stehe, sehe ich auf einmal einen Fisch aus dem Wasser springen oder genauer, wie ein aus dem Wasser aufgetauchter Fisch gerade wieder in das Wasser eintaucht. Kein ganz kleiner Fisch, so groß wie seine Flosse ist. Noch zweimal sehe ich ihn auf dieselbe Weise, dann ist er anscheinend weiter. Als ich Bob anschließend nach dem Namen des Fisches frage, kann er es mir nicht sagen: „Ja, da gibt es mehrere große Fische im Sandusky.“ Von den Reihern im und am Fluss sehe ich gleich mehr als nur einen oder zwei. Aber keiner will sich von mir fotografieren lassen.

Am frühen Abend gibt es in der Trinity Church erst ein Potlack, dann einen Film mit anschließender Diskussion. Beim Potlack bringt jeder etwas zum Essen mit, was zusammen ein ausreichendes Angebot für alle ergibt. Was als Notlösung klingt, ist ein ganz herrliches Festessen. An diesem Abend zumindest. Aber nicht nur das Essen ergötzt mich. Wilma bringt mir das Buch des Herausgebers Walter Wink „Peace Is the Way“ mit: „Ich dachte gestern, das interessiert Sie vielleicht.“

In der Trinity Church gibt es einmal im Monat einen solchen Filmabend. Doug McConnell, der Leiter des Kirchenchores und Musikprofessor an der Heidelberg Universität, sucht die Filme aus und stellt diese vor. Diesmal: „Another Earth“. Wie die Diskussion zeigt, eine interessanter Film. Zum Inhalt: siehe Internet. Ob die Schlussszene wirklich ein Zeichen ist, dass Vergebung möglich ist, ist mir nicht so deutlich wie anderen, die sich zu Wort melden. Und wenn, dann wird Vergebung als etwas beschrieben, was auf dieser Erde und nicht auf einer anderen Erde bzw. einem anderen Planeten zu suchen ist. Auf diese Pointe weist meines Erachtens die folgende Aussage des Regisseurs hin: „Ein noch größeres Geheimnis als das Weltall ist die menschliche Seele.“

Vor dem Einschlafen schaue ich in das Buch „Peace Is the Way“. Es ist eine Sammlung ausgewählter Artikel aus der Zeitschrift des amerikanischen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes. Beim Aufschlagen des Buches fällt mein Blick auf einen Artikel von Glenn Smiley. Diesen Namen habe ich noch nie gehört oder gelesen. Was ist mir da entgangen! 25 Jahre war Smiley Mitglied des Vorstandes des Internationalen Versöhnungsbundes. Vor dem Beginn des berühmten Busstreiks in Montgomery 1955 ließ sich Martin Luther King von Glenn Smiley beraten, wie die Methode des gewaltfreien Widerstandes anzuwenden sei. Gegen Ende der 1960er Jahre verlor er sein Gedächtnis und seine Sprachfähigkeit. 15 Jahre lang konnte er sich nicht mehr öffentlich äußern. Und dann wachte er eines Morgens auf und war gesundheitlich wiederhergestellt.

Bevor er 1993 im Alter von 83 Jahren starb, hielt er über 100 größere Vorträge. Während des Zweiten Weltkrieges war er inhaftiert, weil er den Militärdienst verweigerte. Als ich in dem einleitenden Artikel über die Geschichte des Versöhnungsbundes die Beschreibung von dessen Gründungsszene, der Abschiedsszene zwischen dem englischen Quäker Henry Hodgkin und Friedrich Siegmund-Schultze, dem „pacifist chaplain to the German Kaiser“, 1914 auf dem Kölner Hauptbahnhof, lese, freue ich mich mächtig. Ich hatte angekündigt, in einer Frauengruppe der Gemeinde am kommenden Mittwoch über Siegmund-Schultze zu sprechen, wenn das gewünscht wird. Nun habe ich einen englischen Text, den ich zu Beginn vorlesen kann und diesen dann im Detail ergänzen kann. In diesem Sammelband ist übrigens auch ein Beitrag von Martin Niemöller zu lesen.

„In den beiden Gottesdiensten wird der 'World Communion Sunday' begangen.“

7. Oktober 2012

In den beiden Gottesdiensten wird der „World Communion Sunday“ begangen. Bestandteil der Liturgie ist die Präsentation heimischer Brote aus den Ländern Äthiopien, den Ländern des Nahen Ostens (hier des Middle East) Libanon, Palästina und Israel, Pakistan, Jamaica und den Ländern Asiens - letztere sind mein Part: „I offer this rice cake in honour of the people of Asia who struggle with changing political roles and, like the rest of the world, the effects of global warming.“ Rick predigt über den vorgesehenen Text Markus 10, 2 bis 16, den ich zuvor als Schriftlesung vorgelesen habe. Diesen Text kommentarlos vorzulesen, fällt mir nicht leicht. Ich hoffe darauf, dass die Gottesdienst-Teilnehmer die Rückseite des Gottesdienst-Programmes lesen.

Komm' und höre, geh' und diene, Gott spricht weiter (zu uns).

Auf dieser ist der jeweilige Text zugespitzt ausgelegt, für den heutigen Sonntag heißt es: „Die Möglichkeit, ein zweites Mal zu heiraten, ist nicht nur eine Frage des Mitgefühls, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit.“ (Wenn dann aber von einer Voreingenommenheit durch das Gesetz, die uns abhält von der Gnade, die wir brauchen, geschrieben wird, betrübt mich das. Ich versuche im Einzelgespräch meine abweichende Auslegung weiterzugeben. Die Regelung des Mose ist Halacha, d.h. sie antwortet auf die Frage: Wie ist in unserer Welt das Zusammenleben zu regeln? Jesus erinnert mit seinem Verweis auf den Beginn der Schöpfung an das Paradies. In diesem leben wir jetzt nicht mehr, aber auf die Spuren des Paradieses in unserer Zeit aufmerksam zu sein und daraus eine über die für unsere Zeit nötigen Regelungen hinaus gehende Vision wachzuhalten, scheint mir eine Haggada, d.h. eine den Bereich der Gedanken und Hoffnungen betreffende Auslegung zu sein. Ich möchte den Abschnitt im Markus-Evangelium so verstehen, dass kein Gegensatz zwischen Mose und Jesus, wohl aber ein sich wechselseitig lebendig und lebbar haltendes Zusammenspiel entsteht.) Rick unterstreicht in seiner Predigt kräftig, dass jemanden zu verdammen diesem nicht hilft, auf einen besseren Weg zu gelangen. In seiner Einladung zum Abendmahl verweist Rick darauf, dass der Tisch des Herrn nicht unser Tisch ist - „nicht deiner und nicht meiner“ -, sondern der Tisch des Herrn, von dem niemand ausgeschlossen ist.

8. Oktober 2012

Heute Nacht hat es Frost gegeben. Der Raureif auf dem Rasen hinter Bob und Nancys Haus im Licht der Morgensonne - das ist ein herrlicher Anblick. Da muss ich doch erst einmal den Fotoapparat holen.

  • „Der Raureif auf dem Rasen hinter Bob und Nancys Haus im Licht der Morgensonne - das ist ein herrlicher Anblick.“
  • „Vor dem Gemeindebüro treffe ich Dale Schwochow. Er bringe alles, was er an altem Papier und alten Kartons einsammeln könne, mit seinem Auto zu einer Recyclingstelle.“
  • „Ein Zeichen, wie lange ich schon hier bin, ist die von der Stadtbücherei per E-Mail zugeschickte Aufforderung, in den nächsten Tagen ausgeliehene Bücher zurückzugeben.“

Vor dem Gemeindebüro treffe ich Dale Schwochow. Ich frage neugierig, was er gerade macht. Er bringe alles, was er an altem Papier und alten Kartons einsammeln könne, mit seinem Auto zu einer Recyclingstelle. Dann will er von mir wissen, wie die Deutschen seinen Namen aussprechen, denn er hält diesen für einen deutschen Namen. So sicher bin da nicht, aber natürlich spreche ich seinen Namen „deutsch“ aus.

Ein Zeichen, wie lange ich schon hier bin, ist die von der Stadtbücherei per E-Mail zugeschickte Aufforderung, in den nächsten Tagen ausgeliehene Bücher zurück zu geben. Als ich das heute tun will, stehe ich vor verschlossener Tür. Heute ist „Columbus Day“. Deshalb sind alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen. In dem UCC-Planungskalender heißt dieser Tag übrigens „Indigenious People's Day“. Das ist ein sanfter Protest gegen die Rede von der „Entdeckung Amerikas“ durch Kolumbus.

Am späten Vormittag fahren Rick, Brenda und ich zur „Pfarrkonferenz“ nach Upper Sandusky (eine halbe Stunde Autofahrt in südlicher Richtung entfernt) in ein Altenzentrum Fairhaven. Der District Nordwest Ohio ist in drei Regionen unterteilt. Es sind weniger als zehn Pastorinnen und Pastoren (unter ihnen vielleicht auch zwei Pensionäre) gekommen. Es gibt erst einmal etwas zu essen und zu trinken, dann folgen wenige kurze Informationen über kommende Veranstaltungen (Crop Walk und das Konzert am Tag der Veteranen im November), dann ein ausführliches Referat. Eine Sozialarbeiterin in Fairhaven informiert über die Alzheimersche Krankheit. Fairhaven ist eine zentrale Auskunfts- und Beratungsstelle für die Menschen in Upper Sandusky und darüber hinaus. Die Information und Begleitung der Familienangehörigen macht einen großen Teil der Arbeit aus. Insgesamt: „Eine ganz normale Pfarrkonferenz.“

Abends gehe ich zunächst zu dem Bell Choir, danach zu einer Sitzung des Stewardship Committee, eine Art Finanzausschuss. Gekommen sind vier Mitglieder. Die Vorsitzende Fran, pensionierte Leiterin der Bibliothek der Tiffin Universität, hat gute Nachrichten. Es ist möglich, alle Wünsche der einzelnen Ausschüsse im Haushalt des nächsten Jahres zu erfüllen, weil an zwei Stellen eingespart werden kann: Rick erreicht das Alter, ab dem das staatliche Medicare-Programm einen großen seiner Krankenversicherung übernimmt. Einsparung: 12.000 Dollar. Die Gaspreise sind gesunken. Der neue Vertrag ermöglicht eine Einsparung von 6000 Dollar. (Die niedrigeren Gaspreise sind den neuen Fracking-Verfahren zu verdanken.) So sinkt zwar die Haushaltssumme insgesamt, aber ohne dass dies schmerzlich zu spüren ist. Eine glückliche Situation dieses Jahr. Wie es im nächsten Jahr sein wird? Dass das Einkommen der Gemeinde ständig steigt, ist nicht mehr zu erwarten. Ich melde mich zu Wort und berichte von erfolgreichen Versuchen, durch die Nutzung von Solarenergie nicht nur die Finanzlage der Gemeinde zu verbessern, sondern gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Stellungnahmen zum Klimawandel zu erhöhen. (Die Schrift der EKvW „Klima der Gerechtigkeit, Climate of Justice“ liegt inzwischen auf Ricks Schreibtisch.)

Parallel zum Finanzausschuss tagten noch zwei andere Gruppen im Gemeindehaus. „The League of Women Voters of Tiffin“ hat gerade eine Broschüre fertig gestellt, in der die Kandidatinnen und Kandidaten für die einzelnen Posten, die bei der Wahl am 6. November vergeben werden, sich vorstellen können durch Antworten auf Fragen nach ihrem Lebenslauf und ihrem politischen Programm. Außerdem wird die Funktion des jeweiligen Postens erklärt. Die League wird im Wesentlichen durch Mitglieder der Trinity Church geleitet. Die Präsidentin Mary Haynes ist die Vorsitzende des Church Council (Presbyteriums), die Herausgeberin des „Voter Guide“ Freddie Larsen wirkt auch im Kirchenchor und im Bell Choir mit.

Die zweite Gruppe „Habitat for Humanity“ hilft Menschen mit geringem Einkommen durch Beratung und praktischer Hilfe bei Eigenleistungen, ein Haus zu kaufen oder ihr Haus zu halten.

Warum bin ich bei so interessanten Alternativen zum Finanzausschuss gegangen? Dieser ist ein Ausschuss der Gemeinde. Aber bevor Rick und ich das Gemeindehaus verlassen, will ich doch noch einen kurzen Blick in den Raum werfen, in dem die Women Voters tagen. Ich schätze die Zahl der Anwesenden auf rund 20. An der Wand stehen viele Kartons, voll mit der Wahlbroschüre. Dass sie offensichtlich noch länger tagen, ist klar, hat die Wahl doch schon begonnen. Manche geben ihre Stimme schon vor dem 6. November ab.