Johannes Weissingers vierter Bericht

27. September 2012

Zum Lunch lädt mich Lewis Miller ein in den Kiwanis Club. Diesmal geht es ausschließlich um Clubangelegenheiten. Es ist ein wichtiger Tag für den Club. Die Vorsitzende wechselt. Nachdem es zunächst 34 Jahre seit der Gründung des Clubs im Jahre 1928 gedauert hat, bis eine Frau den Vorsitz übernahm, ist es nun schon das dritte Mal, dass im Vorsitz eine Frau einer anderen folgt. Die neue Vorsitzende stellt sich und ihre Ansichten vor. Ich finde es immerhin erstaunlich, dass sie betont – vorausgesetzt, ich habe das richtig verstanden -, dass an erster Stelle ihres Engagements weiterhin die Familie steht.

Ich gehe ins Gemeindebüro und arbeite am Computer. Die Zeit vergeht. Als ich das Gemeindebüro verlasse, bin ich schlicht baff. War es morgens noch unangenehm nasskalt, strahlt nun die Sonne. Eine gute Gelegenheit, denke ich, einige Fotos zu machen. Ich fahre noch einmal zu der Stelle, an der der toten Soldaten der verschiedenen Kriege gedacht wird. Jedem ist ein eigener Holzpflock gewidmet. Schwarz angestrichen und auf der Oberseite mit einem Namensschild versehen sehen diese aus wie Urnen. Sie stehen am Straßenrand. Dahinter ein Gedenkstein und ein erleuchtetes Transparent mit dem Text „Für euer Morgen gaben wir unser Heute.“

  • „In die Stufen, die zur imposanten Ohio Memorial Church führen,...
  • ... sind in aufsteigender Anordnung die Wörter „virtue“, „liberty“, „patriotism“ eingelassen.“

Ich wiederhole die Rundfahrt durch die soziale Anlage und informiere mich etwas gründlicher. 1896 kamen die ersten vier Waisenkinder in das von Kernan neu gegründete Waisenhaus, das mit der Zeit zur größten Einrichtung dieser Art in den USA wird. In der Zeit der wirtschaftlichen Depression 1931/32 sind es 1500 Kinder, die hier leben - die höchste Zahl in der Geschichte dieser Einrichtung. Im September 1944 wird die Einrichtung geschlossen. Heute werden hier Menschen mit Behinderungen betreut und unterrichtet in eigenen Schulen. In die Stufen, die zur imposanten Ohio Memorial Church führen, sind in aufsteigender Anordnung die Wörter „virtue“, „liberty“, „patriotism“ eingelassen.

Als ich zu meinen Gastgebern zurückkehre, arbeitet Bob gerade in seinem Vorgarten. Er trägt die Erde ab, damit diese nicht in der folgenden nassen Jahreszeit die Zufahrt zum Haus verdreckt. Morgen wird er sich in einem Krankenhaus in Fremont ein Hämatom am Zeh entfernen lassen. Er nimmt mein Angebot, zu helfen, gerne an. Angesprochen auf den unerwarteten Wetterwechsel antwortet er lachend: „Come to America. Wir leben hier an einer Wetterfront. Mal regnet es, im nächsten Augenblick scheint die Sonne.“ Nancy wird das am nächsten Morgen ergänzen: „Wir haben hier den Spruch, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beklagt: Warte fünf Minuten!“

28. September 2012

Heute Morgen soll und will ich Jim im Krankenhaus besuchen. Gestern habe ich von mehreren Gemeindegliedern gehört, dass es ihm „sehr schlecht“ ginge. Im Gemeindebüro frage ich nach der Adresse des Krankenhauses. Mein Stadtplan von 2003 ist veraltet, das Krankenhaus „Mercy Hospital“ ist inzwischen am Stadtrand neu gebaut. Als ich schon im Auto sitze, um zum Krankenhaus zu fahren, ruft mich die Gemeindesekretärin noch einmal zurück. Sie habe sich doch vergewissern wollen, ob Jim noch im Krankenhaus sei, und erfahren, dass er heute nach Hause entlassen ist. Dort soll ich ihn nach Auskunft des Bruders heute aber nicht besuchen. Vielleicht später. Am Sonntag wird Jim im Gottesdienst sein.

Ich überlege, was ich machen soll. Ich gehe in die Stadtbücherei und lese die Zeitung aus Findlay „Courier“. Nicht zum ersten Mal fällt mir auf, dass der Satz „Wir sind das Volk“ eine Parole der Republikaner ist. Der Staat soll sich aus dem Leben seiner Bürger heraushalten, sonst nehme das Verantwortungsgefühl der Bürger Schaden. (Nebenbei: „accountability“ und „responsibility“ werden im Langenscheidt-Wörterbuch beide mit „Verantwortlichkeit“ übersetzt. Den feinen Unterschied erahne ich nur.) So fremd mir das erscheint, sage ich mir doch gleichzeitig, dass sich die Bürger hier vielleicht doch verantwortlicher für den Zustand ihrer Stadt fühlen. Mag sein, dass mein Eindruck täuscht, weil Tiffin eine wohlsituierte Stadt ist und die Bürger dieser Stadt sich freiwillige Leistungen für andere eher als in anderen Städten leisten können.

In der Zeitung „The Columbus Dispatch“ lese ich in der Ausgabe vom 21. September einen Bericht über die Verurteilung von 16 Mitgliedern einer Amish-Abspaltung unter der (autoritären und kindermissbrauchenden) Führung von Mullet, die den an der Tradition festhaltenden Amishbrüdern die Bärte und den Amish-Frauen die Haare abgeschnitten haben, durch ein Gericht in Cleveland. Das Gericht sah darin keine Religionsangelegenheit, die unter dem Schutz des Gesetzes steht, sondern ein religiös begründetes Hassverbrechen („hate crime“). Die Opfer hatten sich an das Gericht gewandt. Auch in der Zeitung „The Advertiser-Tribune“, die ich jeden Morgen in meiner Unterkunft lese, war darüber ausführlich berichtet worden.

Ich entleihe zwei Bücher zum Verhältnis Kirche und Staat. In diesem Jahr erschien zu diesem Thema ein Buch in der Serie „Gegensätzliche Standpunkte“. Es geht um den Satz Jeffersons über die „Trennwand zwischen Kirche und Staat“. Gibt, besser gab es die je in der amerikanischen Geschichte? Und was wollte Jefferson sagen, wer darf sich auf ihn berufen? Man braucht nur die Überschriften „America is a Christian Nation“ und „America is a Secular Nation“ zu lesen, um zu sehen, dass der Anspruch der Reihe auf Gegensätzlichkeit verwirklicht ist. Erwähnen will ich, dass ein Autor die Arbeit der Militärgeistlichen und die Religionsfreiheit insgesamt durch das Verbot, Homosexuelle in der Armee zu diskriminieren, gefährdet sieht, weil es zur christlichen Verkündigung gehöre, die Homosexualität als Sünde zu ächten. (Heute, Dienstag, 2. Oktober, lese ich in der Zeitung, dass Kalifornien als erster Staat der Vereinigten Staaten ein Gesetz, das es verbietet, unter 18-jährige Homosexuelle einer „bekehrenden Therapie“ zu unterziehen, beschlossen hat. Die Vereinigung der Psychiater und Psychologen unterstützt dieses Verbot ausdrücklich, evangelikale Christen protestieren mit dem „Argument, Gott habe schließlich nicht Adam und James, sondern Adam und Eva geschaffen“. In derselben Zeitungsausgabe fordert die Journalistin Connie Schultz, Pulitzerpreisträgerin, die Pfadfinder auf, den Ausschluss von Homosexuellen aufzugeben. Schließlich hätten die Pfadfinder schon oft genug bewiesen, dass sie neue Wege gehen könnten.)

Das zweite Buch, das ich entleihe, stammt von Gregory A. Boyd und hat den Titel (von mir übersetzt:) „Der Mythos Christliche Nation. Wie das Streben nach politischer Macht die Kirche zerstört“. 2004 hielt er mehrere Predigten zu dem Thema „Kreuz und Schwert“. Die enge Verknüpfung des Christentums mit einer konservativen (der Beschreibung „nationalistisch und rassistisch“ nach könnte man auch sagen: „einer rechten“) Politik verdunkele die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Was habe die amerikanische Flagge im Gottesdienstraum zu suchen? Die Reaktion war heftig, von beiden Seiten. Wie nie zuvor, so Boyd, bedankten sich Menschen, wie nie zuvor wurde er angefeindet und beschimpft. Ein Viertel der Gemeindeglieder (rund eintausend Menschen) verließen die Gemeinde. Übrigens: Einem Kapitel seines Buches stellt Boyd ein Zitat Dietrich Bonhoeffers als Motto voran: „Jesu Wort ist nicht die Antwort auf die Fragen und Probleme des Menschen; es ist die Antwort Gottes auf die Frage Gottes an den Menschen. Sein Wort ist keine Lösung, sondern eine Erlösung.“

29. September 2012

Ich habe Lust, das schöne Wetter auszunutzen und eine kleine Wanderung zu machen. Ich habe zudem das Gefühl, eine Pause zu brauchen. Es sind so viele Eindrücke, die auf mich einwirken. Und mal die Beine zu bewegen, kann auch nicht schaden. Mein Ziel ist das Naturschutzgebiet Howard Collier Scenic River Area. Nachdem ich das Auto getankt habe, versuche ich die Straße dorthin zu finden. Auf Anhieb gelingt mir das nicht. Die Straße, die ich mir aufgeschrieben habe, ist eine Einbahnstraße – wie viele andere in Tiffin auch. Für einen Fremden ist es nicht ganz leicht, sich zurecht zu finden. Aber so sehe ich etwas mehr von der Stadt. Schließlich habe ich es geschafft, aus der Stadt heraus zu finden. Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Die Straße ist gerade, das Land ist flach, bis ich abbiege zum Naturschutzgebiet. Das letzte Stück der Fahrt erinnert mich an die Landschaft in Schleswig-Holstein. Hügelig ist sie und die Straße kurvig.

  • „Ich habe Lust, das schöne Wetter auszunutzen und eine kleine Wanderung zu machen. Anfangs ist da auch eine Art Weg, der Sandusky Fluss ist in Sichtweite.“
  • „Mein Ziel ist das Naturschutzgebiet Howard Collier Scenic River Area.“

Schließlich angekommen frage ich einen mir entgegenkommenden Jäger, wo ich hier wandern könne. Ich verstehe ihn kaum, eher seine Gesten als seine Sätze. Ich gehe los. Anfangs ist da auch eine Art Weg, der Sandusky Fluss ist in Sichtweite. Das Gras auf dem Weg wird immer höher, ich kann mir nicht vorstellen, dass hier in der letzten Zeit jemand gegangen ist. Aber es ist herrlich. Als ich in eine Art Totenwald komme, verliere ich allerdings die Orientierung. Wo war noch gleich der Rückweg? Wie gut, dass da der Fluss ist. Also zum Fluss. Und dann am Fluss entlang, über umgefallene Bäume und unter Ästen hindurch gehe ich Schritt für Schritt zurück. Versuche, von hier aus wieder auf meinen alten Weg zurückzukehren, gebe ich mehrmals wieder auf. Und dann bin ich nach einiger Zeit doch wieder auf dem alten Weg, den man – wie gesagt – kaum so nennen kann. Beim Auto angekommen fahre ich zurück und aus Neugier fahre ich auf der anderen Seite der Brücke durch ein Tor. Und siehe da: Dort ist ein richtiger Parkplatz mit Informationstafeln. Von diesem Parkplatz führt auch ein gut angelegter Weg in den Wald. Eine lange Holztreppe führt in mehreren Etappen über insgesamt 98 große Stufen abwärts zum Fluss. Ich gehe zurück. Schließlich habe ich meine Wanderung schon hinter mir.

Mit Bob sehe ich im Fernsehen das Football-Match Ohio gegen Michigan. Es ist fast so ein Derby wie das von Borussia Dortmund gegen Schalke. Ohio gewinnt knapp 17:16. Den Quarterback in der Mannschaft von Ohio, Baxton Miller, kenne ich schon mit Namen.

Im Ritz-Theater gibt es heute Abend ein Konzert von Michael W. Smith, genannt „Switti“. Angekündigt ist er als „christlicher Musiker“. Er ist ein Megastar. Ich verstehe zu wenig von diesem Geschäft. Er tourt durch die Welt, hat höchste Auszeichnungen bekommen, ist häufig im Radio zu hören. Es ist nicht meine Musik. Aber ein Mitglied hat mir zwei (sehr gute und teure) Karten geschenkt, weil er ein Abonnement hat und wegen des Besuchs einer Tochter nicht ins Konzert will. So gehe ich mit meiner Gastgeberin Nancy ins Konzert (mein Gastgeber Bob muss ja zuhause den operierten Fuss hochlegen). Es ist wie eine Veranschaulichung des gestern Gelesenen. Switti bittet diejenigen, die in der Armee gedient hätten, aufzustehen und widmet diesen sein nächstes Lied. Das Theater ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich frage mich, warum bei einem solch guten Besuch (das Theater hat über 1000 Sitze) und den Preisen für die Eintrittskarten von 35 bis 75 Dollar noch Sponsoren nötig sind, die die über die Einnahmen hinausgehenden Kosten begleichen. Er ist schon ein echter Star, dieser Switti. Was soll ich sagen, wenn ich erwartungsvoll gefragt werde, ob es mir gefallen habe. Ich ringe mich dazu durch, zu sagen, diese Musik „sei mir etwas fremd“. Noch wage ich nicht, wirklich kritische Fragen zu stellen.

30. September 2012

Die Predigt in den beiden Gottesdiensten in der Trinity Church hält ein pensionierter Pastor aus Waldo, eine Stunde Fahrzeit entfernt. Er empfiehlt im zweiten Gottesdienst der Gemeinde besonders das Lied „Schönster Herr Jesu“. Er „schmettert“ es mit Hingabe. Zwischen den Gottesdiensten nehme ich an der Gruppe der Sonntagsschule für Erwachsene teil. Die Kommentare der Teilnehmer sind erstaunlich direkt. Der 1. Timotheusbrief mahnt die Frauen, sich bescheiden zu kleiden. „Ist deine Kleidung etwa bescheiden?“ „Nein, ist sie nicht, aber ich fühle mich darin wohl.“ Und überhaupt: Was der Timotheusbrief da von den Frauen verlangt, gehört ja nun wirklich nicht in unsere Zeit. Darüber besteht in diesem Kreis Einigkeit.

Abends bin ich zum Dinner bei Marsha und Al Bilger eingeladen. Ich begrüße auch Marshas Mutter und deren Freundin und ein Ehepaar aus der Nachbarschaft. Al zeigt Fotos der deutschen Studentinnen, die zum Studium nach Tiffin gekommen sind. Offensichtlich sind Freundschaften entstanden. Er weiß von Hochzeiten usw. zu berichten. Und im letzten Jahr hat er sie auf einer Deutschlandtour von Lübeck bis Bayern besucht. Aus Bayern (Obermatingen?) hat er auch einen Bierkrug mit der Aufschrift Bilger-Bräu mitgebracht. Aber leider, leider: Er kann die Spur seines Vorfahren Johann Ludwig in Deutschland nicht finden. Aus Wittenberg oder Wittenberge soll dieser Johann Ludwig stammen.

Ich werde nach meinen in den vergangenen zwei Wochen gemachten Eindrücken gefragt. Als ich den Wahlkampf anspreche, zucken alle zusammen. „Das ist die schlimmste Wahl, die wir je hatten. Beide Kandidaten taugen nichts.“ Ich erinnere mich an das, was ich in der Zeitung gelesen habe: Noch nie wurde ein amtierender Präsident wiedergewählt, der in den Umfragen so schlecht bewertet wird wie Obama. Aber auch noch nie gewann ein Kandidat, der so wenig Zustimmung in der Bevölkerung hat wie Romney. Bis jetzt liegt Obama in Ohio deutlich vor Romney, sein Vorsprung beträgt 8 Prozent.

1. Oktober 2012

Morgens besuche ich das Archiv der Universität. Der emeritierte Deutschprofessor Bob Berg ist leider nicht da, weil er zuhause gebraucht wird. Sie hätten den Klempner im Haus, sagt Bobs Frau Dorothy. Ich nehme mir den ersten Jahrgang der Studentenzeitung „Aurora“ vor, erschienen 1895 über das Jahr 1894. Witzig, witzig. Und dann stutze ich. Die letzten Seiten sind gefüllt mit Reklame. U.a. wird für ein Buch geworben, das die Geschichte in Abbildungen darstellt. Als Beispiel ist die Geschichte der Reformation in der Form eines Baumes dargestellt. Ein Ast trägt die Aufschrift „Westphalia“. Leider kann ich trotz Vergrößerung die Angaben nicht lesen. Ob es um die Brethren geht?

„In der Universitätsbibliothek begrüßt mich eine Frau aus dem Bell Choir der Trinity Church.“

In der Universitätsbibliothek begrüßt mich eine Frau aus dem Bell Choir der Trinity Church. Sie zeigt mir, wo die theologischen Bücher stehen. Ich bin überrascht, dass ich meine Tasche nicht abgeben muss. „Nein, so etwas sei hier nicht üblich.“ Wohl auch nicht nötig, denke ich. Von den deutschen Theologen Ebeling, Moltmann, Pannenberg (auch Karl Barths Kommentar zum Heidelberger Katechismus steht an anderer Stelle) wurde nur Moltmann ausgeliehen, wenn ich den Entleihkarten in den Büchern trauen darf. Es reizt mich, Abraham Joshua Heschel auf Englisch, d.h. im Original, zu lesen.

Im Altenheim besuche ich die frühere Musiklehrerin Mary. Sie liest mir ein Kinderbuch vor, das ich zuvor in der Stadtbücherei für 10 Cent gekauft habe. Es ist eine illustrierte Geschichte einer Wichtelfamilie. Es macht uns beiden Spaß. Fortsetzung folgt.

Abends versuche ich mich an den Glocken im Bell Choir. Für den Anfang geht es erstaunlich gut. Ich darf wiederkommen.

2. Oktober 2012

Im Gemeindebüro kopiere ich die Unterlagen über Wilhelm (hier: William) Knepper, der mit Alexander Mack 1729 auf dem Schiff Allen nach Amerika ausgewandert ist.