Johannes Weissingers dritter Bericht

24. September 2012

Abends besuche ich zwei Gruppen der Gemeinde. Im „jubilee bell choir“ musizieren etwa zehn Mitglieder mit Glocken, die durch ihre unterschiedliche Größe auf unterschiedliche Töne gestimmt sind. Die Mitglieder betätigen ihre Glocken jeweils dann, wenn ihre Noten in der Partitur des Musikstücks vorkommen. Das hört sich in der Beschreibung etwas kompliziert an, aber es ist ein Genuss zuzuhören. Und dabei spielen in dem Chor, der sich montags trifft, diejenigen, die erst vor Kurzem angefangen haben. Wohl deshalb lädt die Leiterin mich anschließend ein, es am nächsten Montag einmal zu probieren. Ich will es versuchen, die Noten lesen kann ich ja wahrscheinlich.

In dem „faith circle“ treffen sich Menschen jeweils im Winterhalbjahr, in diesem Jahr, um gemeinsam ein Heft der Horizons Bible Study zu studieren. Das Thema: „Confessing the Beatitudes“. Die Autorin des Heftes: Margret Aymer, eine Theologieprofessorin aus Atlanta, Georgia. Sie kommt aus der Presbyterianischen Kirche. Es ist der erste Abend für diese Gruppe in diesem Jahr. Die Gruppe trifft sich ohne den Pastor. „Wir sind unsere eigenen Leiter“, informiert mich die Frau, die diese Sitzung leitet. Die Leitung wechselt von Sitzung zu Sitzung. Zuerst wird das Einführungskapitel gelesen. Es geht darum, die Seligpreisungen Jesu im Vergleich des Matthäus- und des Lukasevangeliums mit den Ohren der ersten Zuhörer Jesu zu hören. Es wird gründlich die Bedeutung des griechischen Wortes „ptochoi“ bedacht.

Danach die Frage: Wer sind die Armen in unserer Gesellschaft? Neun Prozent der Bevölkerung Ohios leben unter der Armutsgrenze. Eine Frau, die in einem Stadtteil, den die Franziskaner angelegt haben, lebt, berichtet von ihrem Versuch, einen Monat – wir würden sagen mit Hartz IV – zu leben, wohlwissend, dass ihre Situation viel besser ist, weil sie vieles im Schrank und in der Tiefkühltruhe etc. hat. Dann ist die Rede von einem Buch einer Autorin, die in einem sozial benachteiligten Viertel arbeitet und die Armen in dem, was sie leisten, zu ehren gelernt hat. „Greatly honored are you who are destitute!“ ist die Übersetzung in Lukas 6, 20a. Eine Frau trägt vor, was sie im Internet zu dem Unterschied zwischen Matthäus und Lukas gefunden hat. Die Methode entspricht dem „Bibel-teilen“, die inhaltliche Ausrichtung der „sozialgeschichtlichen Auslegung der Bibel“. Ich gehe sehr beeindruckt von dannen.

Vormittags treffen sich Vertreter verschiedener Kirchengemeinden in der St. Johns Church in Tiffin, die auch zur UCC gehört. Es geht um die Vorbereitung eines „crop walk“, wir würden sagen, eines Hungermarsches.

25. September 2012

Vormittags treffen sich Vertreter verschiedener Kirchengemeinden in der St. Johns Church in Tiffin, die auch zur UCC gehört. Es geht um die Vorbereitung eines „crop walk“, wir würden sagen, eines Hungermarsches. Aus Columbus ist als Referent Nicholas A. Kiger vom Church World Service (vergleichbar „Brot für die Welt“) gekommen. „Wir können mehr tun als wir meinen,“ ist die Botschaft. „Finde zwölf Freunde, die deine Teilnahme mit zehn Dollar unterstützen, dann hast du genug, um einen „bean bag“ zu kaufen, mit dem in einem Dorf in Nicaragua 25 Familien ihre Ernährung diversifizieren und ihr Einkommen steigern können. Dann wird das Lachen der Kinder ins Dorf zurückkehren.“ Kiger verteilt CDs mit kurzen Videosequenzen, zudem Poster und eine Postkarte, in die ein Loch gestanzt ist – die Größe des Loches entspricht der durchschnittlichen Größe eines Oberarmes eines achtjährigen Kindes in einem von dem Referenten besuchten Hungergebiet (den Namen habe ich nicht mitbekommen). Auf der Postkarte ist auch ein größeres Loch vorgezeichnet, das den Oberarm nach erhaltener Hilfe umschließen würde. Und – fast bin ich geneigt zu sagen „natürlich“ – gibt es auch einheitliche T-Shirts für die Teilnehmer. Die Trinity Church ist vertreten durch Brenda und wird sich an dem „crop walk“ beteiligen. Termin: 4. November – zwei Tage vor der Präsidentschaftswahl.

Dann holt mich Lewis Miller ab. Wir essen in einem kleinen Bistro um die Ecke eine Suppe zum Lunch, danach zeigt er mir eine Einrichtung, die um 1930 in der Zeit der wirtschaftlichen Depression für die Kinder, deren Eltern ihre Kinder aus wirtschaftlicher Not nicht mehr angemessen ernähren konnten, gegründet wurde. Nach Tiffin kamen damals Kinder aus mehreren US-Staaten. Heute ist es eine große soziale Einrichtung. Die damalige Kirche wird heute gern für Trauungen genutzt. Dann geht es in den Teil Tiffins, in dem die Franziskaner ein Krankenhaus und Altenwohnungen unterhalten. Die Franziskaner Tiffins sind sehr engagiert in der Friedensbewegung und in der ökologischen Bewegung. Am Rande der Siedlung stehen ein kleines Windrad und mehrere Solarzellen. Vor einem Lehmhaus gibt es ein Gehege für freilaufende Hühner.

Dann beginnen wir mit unseren Besuchen. Wir haben einen Zettel mit sechs Namen. In dem ersten Altenheim treffen wir die beiden Ersten, die wir besuchen wollen, zusammen an. Sie sitzen gerade in einem großen Kreis mit anderen Heimbewohnern. Eine Mitarbeiterin führt gerade ein Training durch, als wir kommen. Unseretwegen wird das Programm geändert. Schließlich kommt nicht jeden Tag ein Besuch aus Deutschland vorbei. Das Folgende kenne ich schon: Saras Vorfahren kommen aus dem Elsass. Und so geht es weiter. Frankreich und die Schweiz gehören auch zu den Herkunftsländern. Und dann erinnern sich zwei Hausbewohner an deutsche Wörter: „Schweinehund“ und „Dummkopf“. Warum gerade diese Wörter?

In dem Krankenhaus bzw. Altenheim, in dem wir unsere Besuche fortsetzen, treffen wir zufällig im Eingang den jungen Bürgermeister Tiffins, Mr. Aaron D. Montz. Er freut sich sichtlich, dass er die deutsche Amtsbezeichnung „Bürgermeister“ kennt. Danach die Besuche. Louise fühlt sich „at home“ in ihrem jetzigen Zimmer. Gut, dass ihre Kinder sich so keine Sorgen um ihr aktuelles Ergehen machen müssten, sagt sie. Und doch: Am liebsten wäre sie doch in ihrem eigenen früheren Haus, von dem sie ein Foto an der Wand hat. Stolz ist sie auf „ihre Gemälde“. Diese sehe ich auch in den anderen Zimmern. Offensichtlich geben die Mitarbeiterinnen den Bewohnerinnen Bildvorlagen, die diese je nachdem mit Wasserfarben und Buntstiften individuell verschieden und wirklich kunstvoll, wie ich finde, ausmalen. John, ein früherer Pastor, klagt, dass sein Gedächtnis nicht mehr gut funktioniere. Die Namen seiner früheren Gemeinden hat er vergessen. Aber zu meiner Überraschung bedarf es nur eines Anstoßes von Lewis, dass John einen Text von Gilbert Sullivan, eines Komikers, nach dem anderen in der Schnelligkeit Sullivans vortragen kann. Lewis und ich sind beeindruckt. Der Nächste, den wir besuchen, Mark, gehört vom Alter her gar nicht in diese Einrichtung. Aber das kenne ich von deutschen Altersheimen auch. Er kann nicht laufen, spricht nicht, blickt uns groß an. Ich halte lange seine Hand und blicke ihm ins Gesicht. Auch hier eine Überraschung. Zum Abschied sagt er: “Bye, bye, Captain.“ Zum Schluss gehen wir auf eine quasi geschlossene Abteilung. Anne hat die Alzheimersche Krankheit. Auch in ihrem Zimmer sehe ein selbst gemaltes Bild an der Wand wie im Zimmer von Louise. In der Eingangshalle begrüßt Lewis eine Frau, die gerade kleine Geschenke fertig macht, die sie zu Patienten bringen will. Was sie von der Gruppe, die sie leitet, erzählt, erinnert mich an die Arbeit der Grünen Damen.

26. September 2012

Vormittags bin ich mit Paul Stark, dem Studentenpfarrer, der hier allerdings „Director of Campus Ministry und Religious Life“ heißt, verabredet. Paul Stark kommt aus der methodistischen Kirche und hat an der Universität Chicago studiert. Er zeigt mir verschiedene Universitätsgebäude. Im Archiv kommen Robert Berg, der emeritierte Germanistikprofessor, und ich gleich wieder in ein lebendiges Gespräch. Er zeigt mir die ersten Jahrbücher der Universität und die ersten Studentenzeitungen, deren Namen „Kliklikit“ dem tagsüber ständig zu hörenden Geräusch der durch Tiffin fahrenden Güterzüge nachempfunden ist. In dem ältesten Gebäude der Universität treffen wir Christine Maiberger. Sie kommt aus Plettenberg, kennt das Internat „Schloss Wittgenstein“ in Bad Laasphe und unterrichtet an der Universität das Fach Deutsch. Sie lädt mich ein, in ihrer Klasse einen Vortrag zu halten. Als Thema schlägt sie „Integration“ vor. Als vorläufigen Termin vereinbaren wir den 19. Oktober.

Nach dem Lunch nimmt Paul mich mit in seine Klasse, die in dieser Stunde einen Aufsatz von Walter Wink über die Ratschläge Jesu in der Bergpredigt zur Entfeindung der Feinde bespricht. Und dann plötzlich die Frage an mich, wie die Deutschen mit ihrer Vergangenheit umgehen. Ich antworte anhand meiner eigenen Biographie: In der Schule habe ich bis zum Abitur (1967) nichts über die Nazizeit gehört. Der Geschichtsunterricht endete mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Mit Beginn der 1970er Jahre wurde mir die Schuld meiner Kirche und meines Volkes bewusst. Die Evangelische Kirche war in den ersten Wochen des von den Nazis so genannten Dritten Reiches eine wichtige Stütze Hitlers, dessen Partei bei der Wahl im März 1933 nicht einmal 44 Prozent der Wählerstimmen bekommen hatte, also einen Koalitionspartner brauchte, den sie in den mehrheitlich protestantisch geprägten Deutschnationalen fanden.

Für die Schuld des deutschen Volkes steht nicht nur der Mord an den europäischen Juden, sondern auch der Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht im Osten. Ein Beispiel: Belarus verlor rund ein Drittel der eigenen Bevölkerung. Und dann die Frage: Wie kann Deutschland im Bewusstsein der eigenen Schuld zu einem neuen Verhältnis zu den östlichen Nachbarn finden, was können wir selbst tun? Ich erzähle von der Einladung unseres Berleburger Arbeitskreises für Toleranz und Zivilcourage an die ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nach Wittgenstein. Für die Gegenwart wage ich zu sagen, dass die Erinnerung an die deutschen Verbrechen ein Teil der nationalen Kultur geworden ist, wenn auch das konkrete Wissen um die Verbrechen zu wünschen übrig lässt.

Und dann die Frage: „Was halten Sie von der Rolle der USA in der Welt?“ Ich erinnere an die Hilfe der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich selbst bin ein Beispiel für diese Hilfe, wurde ich doch zu einem nicht geringen Teil aus Paketen, die aus Amerika kamen, ernährt. Aber ich stelle auch die Frage im Anschluss an den Vortrag über den Völkermord in Kambodscha letzte Woche: Welche Konsequenzen sind aus der Rolle der USA im Vorfeld dieses Völkermordes zu ziehen? - Es ist der erste wirklich ernste Test auf meine Fähigkeit, mich in englischer Sprache verständlich zu machen. Es geht erstaunlich gut. Einige Studenten bedanken sich persönlich. Die Emotionen zehren an meinen Kräften.

Am frühen Abend besuche ich noch den Ausschuss für Mission. Es ist eine kurze Sitzung, die wieder gut vorbereitet ist. Es geht um die Verteilung von Finanzmitteln. Der Beitrag der Gemeinde zu OCWM (Our Christian World Mission, der VEM vergleichbar) soll um 5 Prozent steigen und für dieses Jahr 24.255 Dollar betragen. Und damit die Gemeindeglieder nicht das Gefühl haben, da werde einfach ein großer Batzen Geld irgendwohin abgeführt, wird diskutiert, ob in den nächsten Monaten nicht vor Beginn der Gottesdienste jeweils ein kurzes Video über die Arbeit des Programms „Neighbours in Need“ auf der Videowand, auf der regelmäßig die Geburtstage und die Texte der Lieder und Schriftlesungen angezeigt werden, gezeigt werden kann. Dieser Vorschlag wird einstimmig begrüßt. Ich berichte kurz von der Vorbereitung des „crop walk“ am 4. November. Im Protokoll der letzten Sitzung entdecke ich einen weiteren interessanten Punkt: Es geht um den Film „CoExist“ über ein Versöhnungsprojekt in Ruanda, den ein Lehrer der Heidelberg Universität in das hiesige Ritz-Theater bringen will. Die Kosten insgesamt: 5.000 Dollar. Die Trinity Church beteiligt sich mit 500 Dollar.

27. September 2012

In der Tageszeitung von heute wieder ein interessanter Artikel in der Reihe „Worum geht es bei der Wahl?“. Das Thema: Gleichgeschlechtliche Ehen oder Lebenspartnerschaften. Die überwiegende Mehrheit der Staaten lehnt diese per Gesetz ab, ebenso wie Mitt Romney. Kann ein Sieg Obamas Bewegung in diese Gesetzeslage bringen?