Johannes Weissingers zweiter Bericht

20. September 2012

Nach dem Mittagessen ändern Rick und ich unser Tagesprogramm. Dan, ein Gemeindeglied, das ich am vergangenen Wochenende im Gemeindezentrum kennen gelernt habe, hat eine Herzattacke gehabt und ist zur Sicherheit in das Krankenhaus in Toledo, 60 Meilen oder eine Stunde Fahrzeit entfernt von Tiffin, gebracht worden. Das Krankenhaus ist eine Privatklinik, äußerst großzügig eingerichtet. Jeder Patient hat ein Einzelzimmer. Seine Frau und sein Sohn mit Schwiegertochter, die zu Besuch sind, als Rick und ich eintreffen, finden Platz in einem bequemen Liegesessel und auf einer Sitzbank. Dan ist medikamentös neu eingestellt und wird am kommenden Sonntag mit seiner Frau schon wieder die Gottesdienstbesucher mit Kuchen und Getränken bewirten. Auf der Rückfahrt frage ich Rick, ob auch ein armer Mensch eine Chance hat, in diesem Krankenhaus behandelt zu werden. Ja, sagt er, die Kosten trägt dann der Staat aus dem Programm Medicaid – eine teure Angelegenheit für den Staat, mit ein Grund für die Obama-Regierung, für jeden Bürger eine Krankenversicherung vorzusehen. (Das andere heiß diskutierte Gesundheitsprogramm Medicare ist für jeden Bürger über 65 Jahren. Eine private Versicherung ist gedacht für mögliche Zusatzkosten.)

Abends steht eine Veranstaltung in der Heidelberg Universität auf dem Programm. Diese veranstaltet jedes Jahr eine Woche, die des (eines) Völkermordes gedenkt. Den Anstoß zu dieser Einrichtung gab ein amerikanischer Soldat, der an der Befreiung des KZ Mauthausen beteiligt war und anschließend mit einem Überlebenden in Kontakt blieb. Eine zentrale Person in der Organisation dieser Woche ist der Studentenpfarrer Paul Stark. An diesem Abend berichten Hoeur Kim, eine Frau aus Kambodscha, und ihre Tochter Sreng Kim-Chhay, wie sie den Völkermord der Roten Khmer, verübt in den Jahren seit 1975 bis zur Invasion Nordvietnams 1979, überlebt haben.

Zunächst jedoch wird die amerikanische Nationalhymne gesungen, dann folgen ein Grußwort des Präsidenten der Universität und eine Einführung in das Thema des Abends durch eine Professorin für Politikwissenschaften. Diese erinnert auch an die amerikanischen Bomben, die als Teil der Kriegsführung in Vietnam ab 1969 auf Kambodscha abgeworfen wurden, bis der Kongress diese Bombardierung 1973 stoppte. (In dem Buch von Nic Dunlop „The Lost Executioner. A Journey to the Heart of the Killing Fields“ wird für die Zeit dieser Bombardierungen die Zahl von mehr als einer Million Toten und Verwundeten genannt. Zudem sei fast die Hälfte der Bevölkerung Kambodschas geflohen.) Die Mutter hat mehrere Arbeitslager der Roten Khmer überlebt. „Die Kraft gab mir der Gedanke an meine Kinder. Für sie wollte ich leben.“ Sie findet ihre Tochter schließlich wieder, beide fliehen über die Grenze nach Thailand, geführt von einem bezahlten Ortskundigen, von dort weiter in die USA. Beide haben es geschafft, sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Das ist eine Botschaft des Abends: Man kann es schaffen, wenn man keine Arbeit scheut und wenn man lernt, lernt, lernt. Die andere Botschaft: Make a difference (das ist auch der Text des Abschlusssongs im Frühgottesdienst der Trinity Church) für eine Zukunft, in der die Menschen der Welt im Frieden miteinander leben.

Dan Busch vor dem Office der UCC North-West Ohio in Tiffin.

21. Septemer 2012

Zum Mittagessen sind wir verabredet mit Daniel L. Busch, dem „conference minister“ der UCC von Nordwest Ohio, dessen Amt vergleichbar ist mit dem der westfälischen Präses. Er erzählt mir von seinen Vorfahren, die im Gebiet der Wolgadeutschen lebten, 1913 nach Deutschland zurückkehrten und 1923 aus wirtschaftlicher Not in die USA, nach Colorado, auswanderten. Dort fanden sie schnell Aufnahme, weil ein Taxifahrer einen ihrer Verwandten kannte. Bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hätten die Deutschen in Colorado noch in der sonntäglichen Fürbitte für den deutschen Kaiser gebetet. Darüber sei es dann aber doch zum Konflikt mit den anderen Gemeindegliedern gekommen und diese Praxis sei eingestellt worden. Daniel Busch zeigt mir sein Office, eine ehemalige Lagerhalle mit einer Garage für LKWs. Neben mehreren kleineren Gruppen- und Besprechungsräumen gibt es auch einen größeren Versammlungsraum, an dessen einer Wand die Entstehungsgeschichte der UCC dargestellt ist. Neben einem sowohl lutherischen als auch reformierten deutschen Ursprung gibt es auch einen angelsächsischen kongregationalistischen Ursprung. Daniel Busch versorgt mich mit reichlich Informationsmaterial über die UCC. Hervorheben will ich einen Punkt. Die UCC hat ein aktuelles Glaubensbekenntnis verfasst, in dem u.a. steht, dass Gott die Menschen von ihrer Ziellosigkeit befreit.

Abends bin ich eingeladen zu einem Dinner in einer früheren Getreidemühle, die zu einem Restaurant umgebaut wurde. Im Untergeschoss sind noch die Mühlräder zu besichtigen, an den Balken im Restaurant zeugen Brandspuren von dem Ende des Mühlbetriebes. Das Gespräch dreht sich um die Vorfahren. Randys Vorfahren stammen aus Bratislava. Dort lebt noch ein Cousin. Leider blieb bei einem Besuch dort die Suche nach Spuren der Familiengeschichte erfolglos. Seine Frau Susan hatte mehr Glück bei einem Besuch in der Nähe von Heidelberg. Leimen ist nicht nur der Geburtsort von Boris Becker, sondern dort lebten auch einige ihrer Vorfahren. Jim, jetzt Pfarrer in Findlay, hat Vorfahren aus Bremerhaven. Die Vorfahren seiner Frau kommen aus Wales. Bei einem Besuch dort half ihnen ihr Englisch wenig. Es wurde Gälisch gesprochen. Die eigentliche Sensation kommt erst, als wir schon auf dem Weg zum Auto sind, um zurückzufahren. Susan fragt mich, ob ich mich für das Schicksal ihres Vorfahren Wilhelm Knepper interessiere. 1691 in Solingen geboren, schloss er sich 1716 den Brethren an, wurde 1717 verhaftet, weil er einer nicht erlaubten Konfession angehörte, verbrachte ein hartes Leben in der Festungshaft in Jülich, bis er 1720 freigelassen wurde, 1723 nach Surhuisterveen in Friesland zog und 1729 von Rotterdam aus mit Alexander Mack auf dem Schiff Allen nach Amerika auswanderte. Wilhelm Knepper schrieb mehrere geistliche Lieder. Und das sollte mich nicht interessieren?! Es regnet. Deshalb schnell zum Auto. Am Sonntag wird Susan mir noch mehr als nur das eine Blatt, das sie heute dabei hat, zum Lesen mitgeben. Vielleicht können wir das Haus, in dem von 1950 bis 1960 Angehörige der Familie Knepper wohnten, besuchen. Es liegt ganz in der Nähe von Tiffin. Mal sehen, was hier „ganz in der Nähe“ heißt.

Die Schüler des AFS-Austauschs, die Johannes Weissinger traf, kamen aus rund zehn verschiedenen Ländern: aus Italien, Deutschland, Bangladesh, Nigeria, Kasachstan, Japan, Belgien, den Niederlanden, Portugal und Norwegen.

22. September 2012

Bob lädt mich ein, mit ihm einen Ausflug zum Lake Erie zu machen. Bob ist Schatzmeister einer lokalen Gruppe der Organisation AFS, die einen internationalen Schüleraustausch organisiert. AFS entstand 1914 (oder nach einer anderen Quelle 1915), als unter dem Namen „American Field Service“ amerikanische Kriegsdienstverweigerer als freiwillige Sanitätswagenfahrer Verwundete von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges bargen und dies auch im Zweiten Weltkrieg wiederholten. 1946 beschlossen die Veteranen, einen internationalen Schüleraustausch mit dem Ziel der Völkerverständigung zu gründen. 1948 kamen die ersten beiden Schüler aus Deutschland nach Amerika. (Im Internet ist diese Geschichte unter der Überschrift „Vom Sanitätsdienst zur größten Jugendaustauschorganisation weltweit“ nachzulesen.) Die Schüler und Schülerinnen, die wir heute treffen, kommen aus rund zehn verschiedenen Ländern, die meisten (je drei) aus Italien und Deutschland. Bangladesh ist ebenso vertreten wie Nigeria, Kasachstan ebenso wie Japan, Belgien, die Niederlande, Portugal und Norwegen.

„Back to the wild“, heißt die Tierklinik, die Johannes Weissinger besuchte. Dort gibt es nicht etwa nur kleine Tiere, nein, er sah auch einen „bald eagle“, das Wappentier der USA.

Die erste Station ist eine Tierklinik eigener Art in Castalia. Ein Ehepaar Rutler begann vor mehreren Jahren damit, verletzte Tiere zu finden, gesund zu pflegen und dann wieder frei zu lassen: „Back to the wild“, so der Name. Jährlich sind es etwa 2200 Tiere, 60 Prozent von ihnen können wieder gesund in die freie Wildbahn entlassen werden. Es sind nicht etwa nur kleine Tiere, nein, wir sehen vier „bald eagles“ (Adler), das Wappentier der USA, mehrere Eulenarten, Schildkröten, Schlangen. Natürlich gibt es auch kleine Tiere, Kröten zum Beispiel. Es ist ein komprimierter Biologieunterricht. Ich wusste noch mehr nicht als z.B. die Tatsache, dass das Nest, das die Adler für ihre Jungen bauen, bis zu drei Tonnen schwer ist. Die Größe ist nötig, damit die Jungen geschützt erste Flugversuche machen können. Rutlers wurden 2006 zu „heroes of the year“ gewählt. Heute arbeiten auf ihrer Farm mehrere Freiwillige. 50.000 Besucher besuchen jedes Jahr diese „Schule für Naturunterricht“ und werden aufmerksam darauf gemacht, welche Eingriffe des Menschen in die Natur, z.B. liegengelassene Angelhaken, die Gesundheit der Tiere schädigen und wie sich einzelne Tiere ihrer Umwelt anpassen: die Augen der Eulen ermöglichen einen Rundumblick, die Länge der Zunge ermöglicht den Kröten, sich auch am Hinterkopf zu lecken.

Die zweite Station unseres Ausfluges ist der East Harbour State Park am Lake Erie in der Nähe von Mablehead. Dort machen wir Picknick. Bob hat einige Aufgaben zu erledigen. Jeden Monat werden die Teilnehmer am AFS-Programm einmal interviewt. Die meisten finden ihren Aufenthalt in den USA „excellent“. Der Schüler aus Dresden allerdings zögert, die Frage, ob er schon Freunde gefunden hätte, mit einem glatten „Ja“ zu beantworten. In drei Wochen kann man doch noch keine „Freundschaften“ schließen, na, ja, aber „make friends“ geht doch. Ja, ja!

Christie, die Frau eines Pfarrers in Archbold, weist in der Zwischenzeit die Gastgeber in ihre Aufgaben ein. Ich schnappe auf: Die freiwillige Arbeit ist ein wichtiger Teil der amerikanischen Kultur. Ich bitte einen Gastgeber, mich einen Blick in das Ringbuch, das er soeben bekommen hat, werfen zu lassen. Gute Tipps für einen gewaltfreien Umgang miteinander finde ich, z.B. soll diskutiert werden, wie mit den drei „Ss“ surprise, shock, stress umzugehen ist. Mir scheint, das ist ein gute Sache. Und es sind nur eine gute Handvoll Menschen, die diesen Verein tragen. Der Schüler aus Dresden und die Schülerin aus Selters im Westerwald rechnen damit, dass sie durch ihren Besuch der elften Klasse in einer amerikanischen Schule ein Jahr auf dem Weg zu ihrem deutschen Abitur verlieren. Aber die Erfahrungen, die sie in den USA machen, wiegen das locker auf, sagen sie. Leider fängt es nach dem Picknick wieder an zu regnen. Was in Erinnerung bleibt, sind die Bilder, wie ein Schüler aus Nigeria und ein Schüler aus Italien sich über ihren Schulalltag unterhalten, wie Jugendliche sich den Football zuwerfen. Über Port Clinton fahren wir zurück nach Tiffin.

23. September 2012

In den beiden Gottesdiensten am Morgen übernehme ich die alttestamentliche Schriftlesung (Psalm 1). Der Predigttext: Jakobus 3,13ff. Ricks Predigt beginnt und endet mit einem Bild des Football: Ein Spieler, der Quarterback, wirft den Ball weit voraus und hofft, dass ein anderer Spieler des eigenen Teams diesen Ball aufnehmen und ins Ziel bringen kann. So schön Football ist – und Rick ist ein begeisterter Zuschauer - , Football ist nur ein Spiel, nicht das Leben. Im Leben ist entscheidend, ob wir die Weisheit, die uns von oben gegeben ist, aufnehmen. Der Meinung, dass Kompromisse zu schließen ein Zeichen von Schwäche sei und Freundlichkeit den Menschen in eine gefährliche Lage bringen kann, setzt er mit Oscar Romero den Glauben entgegen: „Frieden ist nicht das Ergebnis von Furcht und Gewalt, sondern das Ergebnis der Arbeit mutiger Friedensmacher.“ Zum Schluss erzählt Rick von einem Studienfreund, der ein begeisterter Footballspieler war, für den Football „sein Leben“ war, bis er durch eine Knieverletzung gezwungen war, diesen Sport aufzugeben. Sein Vater sagte zu ihm: „Ich weiß, was dir Football bedeutet hat. Deine Mutter und ich haben uns an deinem Spiel - bei jedem Match - gefreut. Aber am Ende ist Football nur ein Spiel, nicht das Leben.“ Im Leben zählt am Ende: Recht und Gerechtigkeit (nicht nur „righteousness“, sondern auch „justice“) ist bei denen, die Frieden verbreiten. (Diese Abfolge im Jakobusbrief ist nur scheinbar ein Gegensatz zu der in dem öfter zitierten Jesajawort: Frieden wird die Frucht der Gerechtigkeit sein.) Kein Thema ist übrigens die Vollstreckung eines Todesurteils in Ohio, über die ich in der Zeitung einen längeren Bericht gelesen habe. Auf dem UCC-Forum in Villigst habe ich Buttons gesehen, mit denen die UCC gegen die Todesstrafe protestiert.

Zwischen den Gottesdiensten zeigt mir die Verantwortliche für die Unterweisungsklassen Jane Frederick die verschiedenen Klassen. Heute sind es drei: Acht Erwachsene bedenken gerade den Psalm 48 (oder 49), drei Kinder sind in der Vorschulklasse und vier noch jüngere Kinder kleben in einer weiteren Gruppe ein Bild auf, das Berge darstellen soll. Nach dem Gottesdienst gibt es ein geselliges Zusammensein mit dem Gast aus Deutschland. Es gibt viel Köstliches zu essen und zu trinken. Al Bilger, der Mann, der mir ein Auto leiht, hat wieder eine Überraschung parat. Er hat eine Landkarte von Deutschland ausgestellt. Auf ihr ist Bad Berleburg durch ein Fähnchen markiert. Und darunter eine Kopie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 in der Ausgabe der deutschsprachigen Zeitung des Wittgensteiners Sauer(?). Die Eltern Huenemann setzen sich mit ihrem 21-jährigen Sohn zu mir. Er unterrichtet an der Universität Computerwissenschaften, sein Vater und Großvater waren Pfarrer. Der Sohn ist Kriegsdienstverweigerer, studiert an der Heidelberg Universität, an der der Leiter des Kirchenchores Doug McConnell Musik, speziell Kompositionslehre, unterrichtet und sein Lehrer ist. Alle drei Huenemanns singen im Chor mit.

Nachmittags sehe ich die bisher gemachten Fotos durch. Einige sind leider nicht sehr scharf – ab in den Papierkorb. Nach dem Abendessen sehe ich im Fernsehen das Football-Match Pittsburgh Steelers gegen Colorado Raiders. Als ein Spieler anscheinend ernsthaft verletzt wird, ist gleich eine Schar von Ärzten und Helfern um ihn. Es dauert außergewöhnlich lange, bis er auf einer Trage liegend mit einem Fahrzeug aus dem Stadion gefahren werden kann. In der Zwischenzeit höre ich mehrmals den Kommentar: „Das ist Teil des Spiels.“ Das Match ist spannend wie selten, die Entscheidung fällt buchstäblich erst zwei Sekunden vor Schluss. Ich beginne, die Football-Regeln zu verstehen. Im Anschluss daran sehe ich Interviews mit Romney bzw. mit Obama. Im Vordergrund steht die Wirtschafts-, speziell die Steuerpolitik. Außenpolitisch geht es um den Nahen und Mittleren Osten. Bob und ich diskutieren über die Frage, ob Einkünfte aus Dividenden z.B., wie er sagt „zum zweiten Mal“, besteuert werden dürfen. Als ich darauf hinweise, dass ja auch das Zinseinkommen aus Ersparnissen von Arbeitnehmern besteuert wird, findet er auch das ungerecht. Nancy scheint in diesem Punkt anderer Meinung als ihr Mann zu sein.

24. September 2012

Morgens lese ich Zeitung. Ein Kommentator beklagt, dass der Afghanistankrieg im Wahlkampf so gut wie keine Rolle spielt. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen diesen Krieg. Kennedy und Reagan wären – so der Kommentator – einem solch wichtigen Thema nicht auf so erbärmliche Weise ausgewichen. Danach fahre ich ins Gemeindebüro. Was ich dort getan habe, kann sich jeder, der diesen Bericht liest, leicht denken.