Johannes Weissingers 15. Bericht

3. Dezember 2012

Gisela und ich fahren nach Cleveland, wo uns Roy und Rachel Gonsenhäuser erwarten. Roy hat uns schon drei Mal in Berleburg besucht, bei der Verlegung der ersten Stolpersteine in Berleburg am 2. September 2008 vor dem ehemaligen Wohnhaus seiner Eltern eine Rede gehalten (worüber auch in der Zeitung „Jewish News“ in Cleveland berichtet wurde) und uns immer wieder eingeladen. Nun bietet sich uns eine gute Gelegenheit, dieser Einladung nachzukommen. Roys Vater Ludwig Gonsenhäuser konnte aus Nazideutschland nach Südafrika fliehen. Mitte der 1960er Jahre besuchte er noch einmal seine Heimatstadt, die Stadt, in der die Familie Gonsenhäuser über 200 Jahre gelebt hatte. Er war inzwischen südafrikanischer Staatsbürger geworden, in seinem Herzen aber war er ein Deutscher, ein Berleburger geblieben, dessen Wunsch es war, dort auch begraben zu werden. Durch glückliche Umstände konnte sein Wunsch nach seinem plötzlichen Tod während eines Urlaubes in Spanien auch erfüllt werden. Von diesem Teil seiner Geschichte zeugt ein Text, den der Schmallenberger Thomas Kemper für das soziale Kunstwerk von Jochen Gerz, das an den beiden Endpunkten des Waldskulpturenweges Berleburg-Schmallenberg aufgestellt ist, geschrieben hat und der seit 2004 in Berleburg in Langfassung vor dem Rathaus und in Kurzfassung vor unserem Haus zu lesen ist.

Ludwigs Sohn Roy und seine Frau Rachel verließen mit ihrem ersten Kind - Rachel war mit dem zweiten schwanger - in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre Südafrika, weil sie nicht in dem Staat und der Gesellschaft der Apartheid leben wollten. Sie gingen in die USA, wohin Roys Onkel Levi geflohen war. Roy hatte von seinem Vater den Teppichhandel gelernt und sich in London und Teheran an den dortigen Universitäten ein umfassendes Wissen angeeignet. In den USA arbeitete er zunächst formell als Angestellter der Firma seines Bruders, der nach wie vor in Südafrika lebte. 1983 konnte er sich selbständig machen. Jetzt ist er in der Region der größte Importeur von handgeknüpften Teppichen.

Roy hat vorgeschlagen, dass wir uns zunächst in seinem Teppichgeschäft treffen, weil dieses, nah an einer Autobahnabfahrt gelegen, für uns wie für seine Kunden auch leicht zu finden ist. Wir finden den Weg zu dem Geschäft im Ortsteil Warrensville Heights auch ohne Schwierigkeiten. Von außen ist die Halle, in der die Teppiche lagern, unscheinbar, aber in der Halle nimmt uns die Atmosphäre gefangen. Roy zeigt und erklärt uns, dass die Teppiche aus Indien, Tibet und China - um nur einige Länder zu nennen - kommen. Es sind wirklich „fine rugs“, wie es auf Roys Homepage heißt, Teppiche, die sich nicht jeder leisten kann. Von der Art seiner Kunden bekommen wir einen kurzen Eindruck. Ein Innenarchitekt ist von einer reichen Kundin beauftragt, eine neu gebaute bzw. erst noch zu bauende Villa einzurichten. Dass alte Teppiche auch zu modernen Möbeln passen, kann Roy mit vielen Beispielen belegen - in ihrer Art sind diese auch eine eigene Kunstsammlung. Roy zeigt uns auch geknüpfte Satteltaschen und Bänder, die vielleicht als Gürtel getragen werden, aus Afghanistan. In ihrer warmen tiefroten Farbe finden wir sie wunderschön. Leider, so hören wir von Roy, ist das Teppichhandwerk dort, wohin er Kontakte hat, durch den Krieg vollständig zum Erliegen gekommen. Roy zeigt uns - hier zeigt sich der Experte - mehr als 100 Jahre alte Teppiche, die nach ihrer Restaurierung zwar nicht wie neu aussehen (das sollen sie auch nicht), aber doch so prächtig, wie es vor ihrer Restaurierung kaum zu hoffen war.

Über Teppiche unterhalten wir uns weiter, nachdem wir nach Bentleyville gefahren sind, wo sich Roy und Rachel vor einigen Jahren ein Haus gekauft haben. Ist das Wohnzimmer mit einer offenen Treppe in das Obergeschoss und mit dem Ausblick durch eine große Fensterfront in den Garten an sich schon beeindruckend, so gewinnt es noch durch die ausliegenden und neben Porträtgemälden aufgehängten Teppiche. „Könnt Ihr hier die Gestalt eines Menschen erkennen?“, fragt uns Roy und weist uns darauf hin, wie sich das Bild des Teppichs durch die fortgesetzte Spiegelung des Grundmusters ergibt. Durch ein anderes darüber gelegtes Muster wird das erste Muster begrenzt, wodurch bewirkt wird, dass eine andere Dimension entsteht, in die der Betrachter wie durch ein Fenster blickt. Es ist wie bei der Rosette in einem mittelalterlichen Dom, bei der ein Muster vielfältig übereinander gelegt ist: Sie ermöglicht eine Tiefen- bzw. Höhenschau ohne Ende. „Nur das Verborgene kann das Allgegenwärtige sein“, sagt Roy und dieser Satz klingt für mich wie der Ausgangspunkt für eine Theologie des Teppichs. Schade, dass keine Zeit bleibt, ein Buch zu studieren, das orientalische Teppichmuster als Ausdruck der islamischen Kosmologie interpretiert.

Es sind aber wohl diese Anregungen, verstärkt durch die außergewöhnliche Einrichtung des Zimmers, in dem Gisela und ich übernachten dürfen, die mich in der folgenden Nacht inspirieren. Hatte ich Roy noch gezeigt, wie anhand des Zahlenwertes der drei Buchstaben, die das hebräische Wort ämät - übersetzt: Wahrheit - bilden, und deren Stellung im Alphabet erklärt wird, wodurch Wahrheit sich von Lüge unterscheidet, so geht mir zum ersten Mal auf, dass die drei Buchstaben auch noch eine andere Deutung ergeben: der Anfangsbuchstabe ist nicht nur zugleich der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, wie der dritte Buchstabe nicht nur der letzte des Alphabets ist, sondern beide werden auch als Präfixe verwendet, um die Verbform des Imperfekts in der ersten und zweiten Person Singular zu bilden. Der mittlere Buchstabe steht nicht nur auch im Alphabet genau in der Mitte (wenn man mit den 27 verwendeten Schriftzeichen rechnet), sondern wird auch (im Piel und Hifil) als Präfix zur Bildung des Partizips verwendet. Das Partizip wird aber sowohl in Verbindung mit der ersten wie mit der zweiten Person gebraucht. Ist das nicht eine Bedingung von Wahrheit, dass sie verbindet? Geschieht so Wahrheit, dass Gottes „Ich bin“ (1. Fall) des Menschen „Hier bin ich“ (4. Fall) hervorruft bzw. der Mensch mit seinem Tun des Guten die Güte Gottes spiegelt? (Das Wort „hallel“ - zu deutsch: loben - hat die Grundbedeutung „spiegeln“.)

Rachel hat heute einen langen Arbeitstag. Sie kommt kurz vorbei, begrüßt uns mit offenen Armen und muss zu einem Elternabend in ihrer Schule, die sie uns morgen zeigen wird. Roy lädt uns zum Abendessen in ein Restaurant in Chagrin Falls ein. Rachel hatte einen Tisch am Fenster reservieren lassen. So können wir während des Essens immer wieder auf den Wasserfall blicken. Nach dem Essen machen wir einen kurzen Rundgang durch das Stadtzentrum. Im Gegensatz zu Tiffin ergeben die einzelnen Gebäude ein harmonisches Ganzes. Ein Laden, in dem es jede Sorte von Popcorn zu kaufen gibt, ist wegen seines Alters berühmt. Mich macht ein Laden mit einer „Lesehalle“ neugierig. Er wird von einer Religionsgemeinschaft betrieben. Zum Abschluss des Tages zeigt Roy uns noch sein Musikzimmer. Er spielt Gitarre und seit Kurzem auch Posaune (in einer Jazzband). Ein anderes Musikinstrument spielt von alleine: ein mechanisches Klavier. (Davon werden gegenwärtig so viele angeboten, dass man sie geschenkt bekommen könnte, sagt Roy, wenn man sie nur abholt, weil viele alte Menschen, zum großen Teil deutscher Herkunft, sie einfach nur noch ohne eigene Kosten los werden wollen.) Roy hat eine umfangreiche Sammlung von den dazu gehörenden Musikrollen, eine sogar mit der Unterschrift von Rachmaninow „produced by the composer“.

  • „Die Gross Schechter Day School gehört zu den Solomon Schechter Schulen, von denen es an die 80 in den USA und Kanada gibt.
  • Diese Schulen sind dem konservativen Judentum verbunden, zu dem sich eine Million Juden in den USA zählen.“

4. Dezember 2012

Rachel ist schon früh zur Arbeit. Im Moment ist sie im Stress, weil sie die Arbeit einer erkrankten Kollegin mit erledigen muss. Umso mehr wissen Gisela und ich es zu schätzen, dass sie sich den ganzen Vormittag freigehalten hat, um uns die Schule zu zeigen, an der sie als Director of Admissions arbeitet. Die Gross Schechter Day School gehört zu den Solomon Schechter Schulen, von denen es an die 80 in den USA und Kanada gibt. (Der Name Gross erinnert an einen wichtigen Sponsor der Schule.) Diese Schulen sind dem konservativen Judentum verbunden, zu dem sich eine Million Juden in den USA zählen. Zu den Werten, die das pädagogische Handeln bestimmen, gehören neben der jüdischen Lebensweise und der Verpflichtung gegenüber Israel und dem jüdischen Volk auch die Pflege der Gemeinschaft und der Respekt vor dem Individuum, Toleranz und Akzeptanz sowie die Gleichheit der Geschlechter.

Was das konkret heißt, findet sich in den Regeln, die im Flur bildlich dargestellt sind, „include everyone in games of groups“ oder „treat all people and things with kavod“. Die letzte Regel lässt aufhorchen, ist doch kavod ein hebräisches Wort, ein Wort, das man nicht mit nur einem englischen Wort wiedergeben könne, wie Rachel bemerkt. Mit Menschen und Dingen so umzugehen heißt, diese als gewichtig anzusehen, sie zu ehren, ihnen mit Liebe und Ehrfurcht zu begegnen. Den Schülern ist dieses Wort vertraut, findet doch der Unterricht zu gleichen Teilen in Englisch und in Hebräisch statt. Das sei im Übrigen der Grund, warum nicht-jüdische Eltern, die zunächst daran interessiert sind, ihre Kinder in dieser Schule anzumelden, ihre Anmeldung doch wieder zurückzögen, wenn sie davon erfahren, antwortet Rachel auf unsere Frage, ob diese Schule auch für nicht-jüdische Schüler offen sei.

Die Anfangsklassen wechseln mit der Unterrichtssprache auch jeweils den Unterrichtsraum, der ganz in der entsprechenden Sprache gestaltet ist und manche Lerninhalte ganz nebenbei vermittelt. In den fortgeschrittenen Klassen findet der Unterricht in Fachräumen statt. Rachel führt uns zu den einzelnen Klassen. Eine Lehrerin erklärt ihrer dritten Klasse gerade, wie in den hebräischen Wörtern der Wortlaut auf Zusammenhänge hinweist. Das Wort „milchama“ (Streit und Krieg) hat in der Mitte die drei Buchstaben des Wortes „lächäm“ (Brot). Kennen wir diesen Zusammenhang nicht in der Redeweise „Kampf ums tägliche Brot“ oder in dem Ausdruck „Hungerkriege“? Das Wort „schammajim“ (Himmel) wird, wenn man jeweils den ersten Buchstaben weglässt, zu „majim“ (Wasser) und „jam“ (Meer). Ist darin nicht der Weg des Regens beschrieben? Als ich in der Pause bemerke, dass man das letzte Beispiel auch in der umgekehrten Richtung (vom Meer steigt durch Verdunstung das Wasser auf, um dann vom Himmel als Regen wieder auf die Erde zu fallen) verstehen könne, kommen wir in ein Gespräch, in dem ein Beispiel das andere gibt. Am Ende sagt Rachel lachend zu mir: „Johannes, was du dir in deinem Alter noch aneignen willst, lernen hier die achtjährigen Kinder.“ Von den Vorschul- und Grundschulklassen gehen wir hinüber zu den fortgeschrittenen Klassen.

Egal, ob wir den Musik-, Literatur-, Religions-, Geographie-, Physik- oder Sport-Unterricht besuchen, unser Eindruck ist der gleiche: Es ist eine hervorragende Schule. Die Schüler übernehmen eigenverantwortlich Aufgaben des Schulbetriebs und werden in deren Erfüllung ermutigt. Rachel kennt wirklich jeden und jede der über weit über 300 Schüler und Schülerinnen. In der Mitte des Gebäudes liegt die Bibliothek, in die sich Lehrer mit einzelnen Schülern zurückziehen, um sie im Einzelunterricht zu fördern. Die Hochschätzung der Bücher und des Lesens kommt in einer besonderen Gewohnheit zum Ausdruck. Von Zeit zu Zeit gibt es eine sogenannte Woche des Buches, in der jeden Tag nach dem Ertönen eines Gongs wirklich alle in der Schule Anwesenden eine Viertelstunde ein Buch ihrer Wahl lesen. Dies ist bei den Schülern äußerst beliebt und auch Rachel schwärmt von diesen Lesezeiten als Zeiten einer konzentrierten Stille. Hat sich Rachel auch diesen Vormittag für uns frei genommen, so wird sie doch zwischendurch immer wieder gerufen, um das eine oder andere zu regeln oder sich um ein Kind zu kümmern. Wir essen zu Mittag in der Lehrerkantine. Dabei habe ich die Gelegenheit, den Rabbiner kurz danach zu fragen, ob er mir die Bücher eines bestimmten zeitgenössischen amerikanischen Autors empfehlen könne. Er nennt zuerst Abraham Joshua Heschel, danach David Hartman und Elliot N. Dorff.

Roy holt uns in der Schule ab und startet mit uns zu einer kleinen Stadtrundfahrt. Wir fahren durch Clevelands Heights, einen Ortsteil, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur ersten Vorstadt - suburb - Clevelands heranwuchs. Hier wohnten in der Folgezeit viele jüdische Familien. Wir fahren an mehreren Synagogen vorbei, eine, schon in Richtung Innenstadt, ist an die Baptisten verkauft. Von dort ist es nicht weit zu der baptistischen Kirche, für die Roy einen Wandteppich angefertigt hat. Dieser sei wenige Tage vor dem Gottesdienst, in dem der Teppich übergeben werden sollte, angekommen, im Hafen aber von einem unachtsamen Gabelstapelfahrer beschädigt und von Roy in Windeseile repariert worden, so dass der Gottesdienst wie vorgesehen gefeiert werden konnte. In diesem Gottesdienst sei er der einzige weiße Teilnehmer gewesen. Sie hätten den Schaden so gut von der Rückseite unkenntlich gemacht, dass dieser wohl erst in 20 Jahren aufgefallen wäre, berichtet uns Roy, aber den Teppich nicht noch einmal ganz neu anzufertigen, hätte seiner Berufsehre widersprochen. Er kann uns den Teppich zeigen.

Weniger Glück haben wir auf dem Lakeview Friedhof, auf dem neben dem Grabmal für den amerikanischen Präsidenten James A. Garfield und dem Obelisken über dem Grab von John D. Rockefeller ein sogenanntes Tiffany Fenster („The Journey of Life“) in der Wade Kapelle sehenswert sein soll. Um diese Jahreszeit ist die Kapelle für Besucher geschlossen. So bleibt es bei einem flüchtigen Eindruck von der Größe dieses Friedhofs mit seinen über 100.000 Gräbern. Wäre es nicht so kalt und würde es nicht so regnen, gingen wir bestimmt etwas zu Fuß von Grab zu Grab. Aber so fahren wir weiter, kommen durch ein Viertel „Little Italy“, in dem immer noch wie früher, als es diesen Namen bekam, überwiegend Amerikaner italienischer Herkunft wohnen - wir sehen italienische Geschäfte und die italienische Fahne. Dann fahren wir durch eine Gegend, in der viele Häuser heruntergekommen sind und leer stehen. Hier wohnen nur arme Menschen schwarzer Hautfarbe. In den USA herrschten immer noch rassistische Strukturen, kommentiert Roy.

„Ganz neu ist ein Atrium, das den älteren Teil des Museums mit einem Neubau verbindet.“

Es regnet immer noch. Regenwetter ist Museumswetter. Wir beschließen, in das Museum of Art zu gehen, für das Cleveland berühmt ist. Ganz neu (in diesem Jahr eröffnet) ist ein Atrium, das den älteren Teil des Museums mit einem Neubau verbindet. Wir ziehen den Besuch der Sonderausstellung „Wari - Lords of the Ancient Andes“ der Besichtigung der Dauerausstellung, die  Bilder französischer Impressionisten zeigt, vor. Neben den Keramikarbeiten sind es vor allem die Textilarbeiten und Teppiche, die unser Interesse wecken - wie sollte es bei einem Besuch mit Roy anders sein. So schön diese Ausstellung auch ist, es ist Zeit für eine Tee- und Kaffeepause, in der wir die Weite des Atriums auf uns wirken lassen. Auf der Fahrt zurück verhindert das regnerisch-diesige Wetter den Blick auf den Lake Erie ebenso wie auf die Skyline von Cleveland.

Gestern hatte Rachel angekündigt, dass sie heute das Essen zum Dinner selbst kochen würde. Das hat sie auch getan. Es ist ein richtiges Festessen. Zu dem passt, dass wir an dem großen Tisch im Esszimmer sitzen, der ebenso wie die Stühle, auf denen wir sitzen, noch aus dem Besitz von Roys Vater stammt. Aus dem Erbe von Rachels Eltern stammt ein Bild an der Wand, das einen alten Rabbi mit einem Kind auf dem Arm zeigt. Es hängt so, dass der Blick, wenn man aus der Küche in das Esszimmer geht, auf dieses Bild fällt. An diesem Abend geht es vor allem um Rachels Familiengeschichte.

Rachels Mutter Eta Epstein stammte aus der Familie eines erfolgreichen Tabakhändlers in Kaunas. 1918 geboren wurde sie von einer deutschen Gouvernante, „Fräulein Gertrude“, erzogen. Früh interessierte sie sich für den Zionismus und wanderte 1934 in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus, wohin ihr ihre Eltern 1939 kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs folgten. Ihre Mutter kehrte noch einmal, aus welchem Grund auch immer, nach Litauen zurück, von wo sie nicht mehr zu ihrer Familie zurückkehrte. Über ihr weiteres Schicksal und die Art ihres Todes weiß niemand etwas Genaues. Vor Kurzem gab es Hinweise, dass Etas Mutter, Rachels Großmutter, vielleicht entgegen schlimmerer Vermutungen krank geworden und eines natürlichen Todes gestorben sei. Auch Rachels Vater wurde in Litauen geboren. Eta besuchte in Begleitung ihrer Töchter Rachel und Leora vor zwölf Jahren noch einmal ihre Heimatstadt und traf auf Ablehnung und Antisemitismus. Rachel erzählt, was sie lange Zeit nicht getan hat, von den damaligen Erlebnissen und zeigt uns das wenige aus dem Familienbesitz, das noch aus der Zeit in Litauen stammt. Es wird spät und Rachel verabschiedet sich von uns schon heute, denn morgen muss sie wieder so früh in die Schule, dass wir uns sicher nicht mehr sehen werden. „Das nächste Mal sehen wir uns hoffentlich wieder in Germany,“ sagt sie und wünscht uns eine gute Nacht.