Johannes Weissingers 14. Bericht

29. November 2012

Nach dem Frühstück machen meine Frau Gisela und ich uns auf den Weg nach Marblehead. Das Wetter spielt mit. Es ist, als wolle sich das Land von seiner schönsten Seite zeigen. Über die OH 53 fahren wir nach Port Clinton. Obwohl ich diese Straße jetzt das wiederholte Mal fahre, ist es nicht langweilig. Die Orte erinnern mich daran, was ich dort erlebt habe - es sind angenehme Erinnerungen. Und ich entdecke Neues. Am Ortseingang von Port Clinton lese ich auf einem Schild „We love and support our troops“ und in kurzem Abstand dahinter „Lutheran Peace Church“. Stammt das erste Schild von dieser Kirche? Ich weiß es nicht. In der Stadt sehen wir uns die Hauptstraße, die Post und einen Park für die Veteranen an. Heute ist mehr Zeit als am vergangenen Sonntag, Zeit, von der Straße nach Marblehead abzubiegen auf eine Küstenstraße.

In Catawba Point steht eine Fähre am Anleger. Sie fährt zu der kleinen Insel im Lake Erie mit Namen Put-in-Bay. An deren Südseite steht Perry's Victory Memorial, das an die Erfolge der amerikanischen Streitkräfte, die diese unter dem Kommando von General Oliver H. Perry im Krieg gegen die Briten im September 1813 errangen, erinnert und wegen seiner Höhe von weitem sichtbar ist. (Es ist insgesamt 107 Meter hoch, hat in der Höhe von 317 Feet eine Aussichtsplattform, wurde 1915 eingeweiht und heißt heute offiziell Perry's Victory and International Peace Memorial.) Wir haben Glück, die Abfahrtszeit der Fähre steht kurz bevor und es gibt nach zwei Stunden Insel-Aufenthalt eine Rückfahrtgelegenheit. So machen wir einen Abstecher nach Put-in-Bay.

  • „Während der Überfahrt spricht uns ein Mann an, der uns einige Tipps für unseren Aufenthalt auf der Insel gibt.
  • Auf der Nordseite könnten wir ein gestrandetes Schiff sehen, mit dem Bug sei es in den Felsen gefahren, stecke dort fest, so dass der hintere Teil des Schiffes bewohnt werden könne.
  • Zufrieden mit dem Abstecher auf diese Insel fahren wir weiter nach Marblehead, von dort über die große Brücke über die Bucht weiter nach Fremont und zurück nach Tiffin.“

Während der Überfahrt spricht uns ein Mann an, der uns einige Tipps für unseren Aufenthalt auf der Insel gibt. Auf der Nordseite könnten wir ein gestrandetes Schiff sehen, mit dem Bug sei es in den Felsen gefahren, stecke dort fest, so dass der hintere Teil des Schiffes bewohnt werden könne. Unweit dieser Stelle sei das Nest eines Adlers zu sehen. Und zu sich bemerkt er, dass er eine indianische Mutter habe und sein Sohn in der amerikanischen Armee kämpfe. Auf der Insel lebten dauerhaft nicht mehr als 200 Menschen. Da sei es schon erstaunlich, dass es auf der Insel eine Schule gebe, die von 90 Kindern besucht würde und in der 18 Lehrkräfte unterrichteten. Dieses Schüler-Lehrerverhätnis von 5:1 mache die Schule so attraktiv, dass auch Schüler vom Festland diese Schule besuchten.

Mit so guten Tipps versorgt machen wir uns nach dem Anlegen der Fähre auf den Weg. Unser erstes Ziel ist das Memorial, das aber - wie das Museum auch - zu dieser Jahreszeit geschlossen ist. Wir fahren weiter zur Dorfmitte mit dem Hafen, blicken hinüber zu Gibraltar Island (eine kleine Insel, die die Hafeneinfahrt verengt und wohl von daher ihren Namen hat) und finden schließlich nach mehreren Anläufen auch das Adlernest. (Ob es allerdings wirklich das Nest eines Adlers ist, daran bleiben Zweifel.) Leichter finden wir das Schiffswrack. Nachdem wir mit dem Auto die Insel erkundet haben, wollen wir noch einen Spaziergang machen. Dazu bietet der ausgeschilderte Fußweg durch das Naturschutzgebiet am östlichen Rand der Insel eine gute Gelegenheit. Zufrieden mit dem Abstecher auf diese Insel fahren wir weiter nach Marblehead, von dort über die große Brücke über die Bucht weiter nach Fremont und zurück nach Tiffin.

  • Larry und Dreah Cook
  • Mary Miller

Zum Dinner sind wir eingeladen von Wilma Farmer. Schon zwei Mal bin ich bei ihr zum Dinner gewesen. Die dritte Einladung erkläre ich mir damit, dass Wilma wohl gerne Gisela kennenlernen möchte. Und damit dafür mehr Zeit ist, habe sie diesmal schon für eine Stunde eher als üblich eingeladen, denke ich mir. Am Ende des Abends werde ich hören, dass Wilma heute Geburtstag hatte – und aus einem späteren Brief schließen, dass es ihr 90. Geburtstag war. Als wir ankommen, sind die anderen Gäste schon da: wieder Joan Groce, Lewis Miller, diesmal auch seine Frau Mary und das Ehepaar Larry und Dreah Cook. Dreah hatte ich schon im Gemeindebüro getroffen, sie hatte mir nach dem Stewardship-Gottesdienst die 130 Schachteln gezeigt, in denen für alle die, die für das nächste Jahr eine bestimmte Gesamtsumme an Spenden zur Finanzierung der Gemeindearbeit zugesagt hatten, für jeden Sonntag ein individueller Briefumschlag vorbereitet liegt zur Erfüllung ihrer Zusagen.

Larry singt mit im Kirchenchor. Er war, als er noch berufstätig war, eine lange Zeit Schulsuperintendent - das ist ein Amt, das vielleicht dem eines Schulrats bei uns entspricht - und zuletzt Professor für Pädagogik an der Universität Findlay. Wir sprechen über das jetzt leer stehende Schulgebäude, in dem die 1892 von deutschen Reformierten gegründete Schule untergebracht war, an der Lewis und Mary noch unterrichtet haben. (1892 muss ein bedeutendes Gründungsjahr gewesen sein: auch bei dem Pfleiderer- und Aigler-Haus und dem heutigen Jugendgericht ist dieses Jahr als Baujahr angegeben.) Larry schwärmt davon, wie Mary einen außergewöhnlich guten Schulchor aufgebaut habe, der von der hervorragenden Akustik des Musikraums dieser Schule profitiert habe. Wir kommen auf die Wichtigkeit von Sprachkenntnissen für das Verstehen der Welt und der Geschichte.

Als Gisela und ich von unseren Erfahrungen in Vilnius und Czernowitz, Minsk und anderswo berichten, fragen die anderen immer weiter nach. Wie wir auf unsere nationale Vergangenheit zurückblicken und welche Aufgaben sich aus diesem Rückblick für uns heute ergeben ist eine verbindende Fragestellung. Es war jedenfalls nicht nur das Essen, das Wilma wieder vorzüglich zubereitet hatte, was uns dankbar auf diesen Abend zurück blicken lässt.

Gemeinsames Mittagessen der Ehepaare Berg und Weissinger.

30. November 2012

Heute Morgen besuchen Gisela und ich Bob und Dorothy Berg im Archiv der Heidelberg Universität. Zum gemeinsamen Mittagessen gehen wir in das Bistro des Universitätscenters. Wir sprechen über unsere literarischen Interessen (Bob hat im deutschen Heidelberg studiert und seine Dissertation über Else Lasker-Schüler geschrieben.). Dorothy erzählt von ihrer Beteiligung an der Gründung einer freien katholischen Gemeinde, die von dem reaktionären Bischof in Toledo nicht als katholisch anerkannt wird, aber trotzdem katholische Gottesdienste feiert. Eine Kirche haben sie in Forstoria gefunden, ein Priester kommt eigens aus Toledo dorthin. Dorothy singt in dem Chor der Gemeinde mit.

„Marc O'Reilly, der Politikprofessor mit dem Schwerpunkt 'Internationale Studien', kommt vorbei und begrüßt uns. Wie an jedem Freitag habe er heute sein T-Shirt mit der Aufschrift 'Canada' angezogen, um, wie er sagt, den Blick seiner Studierenden auch über die Grenze der USA hinaus zu lenken.“

Marc O'Reilly, der Politikprofessor mit dem Schwerpunkt „Internationale Studien“, kommt vorbei und begrüßt uns. Wie an jedem Freitag habe er heute sein T-Shirt mit der Aufschrift „Canada“ angezogen, um, wie er sagt, den Blick seiner Studierenden auch über die Grenze der USA hinaus zu lenken. Er ist mit einer jungen Frau, die bei ihm studiert hat und jetzt anscheinend eine Dissertation mit ihm besprechen will, verabredet. Bob und Dorothy kennen diese auch. Sie habe es nicht leicht, berichten sie, ihr Mann sei Soldat in Afghanistan gewesen und habe sich nach seiner Rückkehr in Amerika nicht mehr zurechtfinden können. Beide hätten zwei kleine Kinder. In dieser Situation kann sich eine Studienberatung nicht auf den universitären Bereich beschränken, tut sie bei Marc auch nicht, wie wir teilweise mitbekommen, da das Gespräch am Nachbartisch stattfindet.

„Nach dem Mittagessen fahren Gisela und ich in die Redaktion der Zeitung 'Advertiser Tribune', wo wir mit der Redakteurin MaryAnn Kromer, die ein Interview mit uns machen will, verabredet sind.“

Nach dem Mittagessen fahren Gisela und ich in die Redaktion der Zeitung „Advertiser Tribune“, wo wir mit der Redakteurin MaryAnn Kromer, die ein Interview mit uns machen will, verabredet sind. Ich habe sie schon einmal am Wahlabend getroffen, sie arbeite sehr seriös, habe ich von allen gehört, die ich nach ihrer Meinung gefragt habe. Als eigenen inhaltlichen Akzent spreche ich die ökologische Verantwortung an, die wir angesichts des Klimawandels haben. „Wir haben schon einige Schritte in diese Richtung getan, in Zukunft werden diese Schritte größer werden müssen“, sage ich. In der Redaktion arbeiten knapp 20 Personen.

In unserem Quartier wartet Jon auf uns, um uns seine Farm zu zeigen. In seinem Truck fahren wir zu den einzelnen Feldern, Jon erläutert uns die Qualität der Böden, erzählt, wie er dort die vielen Steine im Boden beseitigen musste, hier die Stadt dazu bewegen konnte, einen Straßengraben zum Sammeln und Abführen des Wassers anzulegen und hier ein Stück unbeackert zu lassen (sein Sohn kann hier Holz einschlagen und das Gras als Heu für sein Pony ernten). Durch den Zukauf von Ackerfläche gehören nun knapp 1000 Acre Land zu der Farm - das sei nicht üppig, aber genug, um davon zu leben, sagt Jon und fügt hinzu: Und für die Zukunft sei es von Vorteil, dass neben seiner Farm die seines Cousins liege, der die Farm von Jons Onkel geerbt habe. Beide Ewald Farmen beackern eine zusammenhängende Fläche, vielleicht werden sie eines Tages zusammengelegt.

Wir machen Halt bei der Scheune, die neben dem Haus steht, in dem bis vor vier Jahren Dian und Jon gewohnt haben und in dem jetzt der Sohn Marc mit seiner Frau Andrea und ihrem Sohn lebt. Die Attraktion in der Scheune ist ein Pony, das es duldet, dass eine Ziege seinen Rücken besteigt, und das mit dieser Ziege auf dem Rücken im Stall hin und her geht. Anfangs hat die Ziege keine Lust, uns dieses Schaustück zu zeigen. Als wir schon gehen wollen, tut es sie es doch noch. Zum Abschluss unserer Rundfahrt führt uns Jon in die Halle, in der sein Mähdrescher und seine Traktoren stehen. Ich frage nach den Preisen. 450.000 Dollar habe der Mähdrescher (für die Ernte von Weizen, Mais und Soja werden verschiedene Vorsätze benutzt) gekostet – „nicht viel für so ein Gerät, meiner ist aber auch die kleinste Ausführung“; der große Traktor habe 250.000 Dollar gekostet, der kleine rund 100.000. Als Erinnerungsstück an frühere Zeiten hängt eine Handbügelsäge an der Wand. Seit diesem Jahr werde die Ernte in den Silos mit einem neuen Verfahren getrocknet. Dadurch werde viel Strom gespart.

Abends sind wir zum Dinner bei Rick und Donna Dorsch eingeladen. Rick hat jetzige und ehemalige Kollegen mit Ehepartnern und Pfarrwitwen eingeladen. Es ist eine große Runde (18 Personen). Ich bin froh, auch Dan Busch, den Associated Minister von Nordwest-Ohio, anzutreffen. Er hat gerade eine Augenoperation hinter sich und muss jedem neu Ankommenden die Frage beantworten, „was er denn gemacht habe“. Auf meine nächste Frage, worin er seine wichtigste Aufgabe sehe, antwortet er: „die Gemeinden zu unterstützen, dass sie lebendig bleiben (bzw. lebendiger werden)“. Das sei angesichts des Schrumpfungsprozesses, den die Kirche durchmache, eine riesige Herausforderung. Gerne hätte ich mit Dan darüber ausführlicher gesprochen, aber dazu ist jetzt keine Zeit. (Als ich es in der nächsten Woche nachholen will, ist es zu spät, weil er wegen der Teilnahme an einer Konferenz und eines anschließenden Besuches bei seiner Tochter in Kolumbien nicht in Tiffin ist.)

Pam Easterday und Gisela Weissinger

Beim Essen (das wegen der großen Zahl der Gäste in drei Räumen eingenommen wird) habe ich die Gelegenheit, Pam Easterday nach dem Ergebnis des Crop Walks am 4. November zu fragen. Die Einnahmen liegen knapp unter 4000 Dollar. Rund 200 Dollar sind von der Restaurantkette „Bob Evans“ gekommen. (Bob Evans führte 15 Prozent der Einnahmen durch die Gäste, die dort am 15. November mit einem Gutschein, der in den Gemeinden verteilt worden war, aßen, an die Aktion des Crop Walk ab. Überschlägig gerechnet, waren es mindestens 120 Gäste. Kein schlechtes Geschäft auch für Bob Evans, denke ich; für 200 Dollar eine kostenlose Werbung in den Gottesdienstabkündigungen und als Beilage in den Gemeindenachrichten zu bekommen und sich ein soziales Image zu geben, ist preisgünstig.) Auch mit der Beteiligung an dem Crop Walk, die gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist, ist Pam zufrieden.

Ein anderes Gesprächsthema ist der Straßenverkehr. (Von Montag bis Mittwoch dieser Woche stand auf der Titelseite der Advertiser Tribune jeweils der Bericht über einen Unfall in Tiffin, der letzte mit zwei Toten.) In der großen Runde geht es etwa um die deutschen Wurzeln vieler Gemeindeglieder, speziell um die Bedeutung vieler Namen wie Ziegler, Krüger. In meinem Gedächtnis bleibt die Anekdote, die Dan Busch erzählte: In einer Gemeinde, die ihre Gottesdienste in der Zeit des Ersten Weltkrieges nicht mehr in Deutsch, sondern in Englisch hielt, flüsterte nach dem englisch gesprochenen Vaterunser ein Mann seinem Nachbarn zu: „Das versteht unser Herrgott doch gar nicht oder glaubst du, dass der Englisch kann?“ Auch ein handfestes Souvenir kann jeder Gast von diesem Abend mitnehmen: Donna hatte für jeden Esstisch kleine Adventskränze gebastelt, für die vier Sonntage stehen die Wörter „hope“, „joy“, „love“ und „peace“. (Von Donnas Geschick zeugen in der Wohnung ansonsten viele kunstvoll gearbeitete Puppen und gestickte Bilder.)

1. Dezember 2012

Dian muss heute nicht arbeiten. Deswegen habe sie Zeit, ein üppiges Frühstück zu machen, sagt sie. Waffeln backt sie, dazu gibt es Marmelade und gebratene Speckstreifen. Ich genieße dieses Frühstück nicht das erste Mal. Was ich allerdings noch nie gesehen habe und mir bisher auch nicht vorstellen konnte, ist die Veröffentlichung der Namen derer, die ihre Steuern nicht oder nicht vollständig bezahlt haben, in der Zeitung. Auf drei Seiten stehen eng gedruckt mehrere hundert Namen, die Beträge reichen von 30 bis zu 5000 Dollar. Dian berichtet, dass sie in ihrer Bank diese Listen genau daraufhin durchsehen, ob sie die Namen von Kunden finden, die ihre Konten überziehen oder mit der Tilgung eines Darlehens im Rückstand sind. (Der Wirtschaftsprüfer Jon Laux wird nächsten Samstag beim Dinner sagen, dass auch er sich diese Liste angesehen hat und froh war, keinen Namen eines Kunden in dieser Liste gefunden zu haben.) Auch für die Gewährung neuer Kredite seien diese Listen eine Entscheidungshilfe. Wir kommen auf das Thema „Kreditkarten“. Dian berichtet, dass sie in Gesprächen mit Kunden immer wieder feststellen muss, dass diese durch den Gebrauch mehrerer Kreditkarten jede Übersicht über ihre finanzielle Situation verlören. (Entspricht dieses Verhalten einzelner nicht dem der ganzen Gesellschaft, die mehr verbraucht als sie herstellt, die mit fremdem Geld fremde Güter kauft - also in einem „geliehenen Wohlstand“ lebt?)

Gisela und ich machen uns auf zu einem Studientag in der St. Francis Siedlung. Die Pax-Christi-Gruppe und die Initiative „Peace Project“ haben den Palästinenser Iyad Burnat zu einem Bericht über den gewaltfreien Widerstand seines Ortes Bil'in gegen die Besatzungspolitik Israels eingeladen. Rund 70 Menschen sind gekommen (mit so vielen hatten die Organisatoren nicht gerechnet, als sie überlegten, wie hoch der Teilnehmerbeitrag sein müsste, um mit diesen die Kosten begleichen zu können), darunter auch einige aus der Trinity Church (Wilma Farmer, Joan Groce; Mary Lilli betreut zusammen mit Phyllis Putnam einen Stand, an dem Eine-Welt-Waren und Bücher zum Thema des Studientages verkauft werden. Auch Joe Moore und die Redakteurin MaryAnn Kromer sind da), viele sind von weither gekommen. Zu Anfang spricht Josie Seltzer ein Gebet: „Herr, öffne uns die Augen, dass wir die Tatsachen sehen, öffne unsere Ohren, dass wir die Wahrheit hören, unser Herz, dass wir Mitgefühl (compassion) haben, unsere Hände, dass wir dienen und handeln, gib uns deinen Geist, dass er uns leite zu Frieden und Menschenwürde.“

Iyad Burnat (links) und Sister Paulette (Mitte)

Iyad Burnat gibt zunächst einen historischen Rückblick, beginnend mit der britischen Mandatszeit (Besatzung). Er selbst war bei der ersten Intifada 15 Jahre alt, als Kind wurde er inhaftiert („für ein Kind ist es schwierig, die Situation zu verstehen“). 2003 wurde mit dem Bau der Mauer, die in der israelisch-amerikanischen Propaganda „Sicherheitswall“ heißt, begonnen. Sechs Kilometer lägen zwischen dem Wall und der grünen Linie, die einst die Staatsgrenze war. Gegen die Konfiszierung ihres Bodens und die Errichtung von Hochhäusern für Tausende von Bewohnern wuchs der Widerstand in seinem Dorf, ab Dezember 2004 gibt es jeden Freitag gewaltfreie Demonstrationen, jedes Mal mit einer neuen Botschaft wie „you are inside our village“. Unterstützt werden die Einwohner von Bil'in von internationalen, auch israelischen Aktivisten. Die Israelis verfolgten das Ziel, in den palästinensischen Gebieten die Infrastruktur zu zerstören und die Palästinenser zu zwingen, ihr Land zu verlassen, sagt Burnat und weist darauf hin, dass schon jetzt die Hälfte der Palästinenser außerhalb Palästinas wohne.

Obama habe in Kairo eine gute Rede gehalten, geschehen aber sei anschließend nichts. „Wir haben eine Regierung, aber wir merken nichts davon, dass wir eine Regierung haben.“ Ein Satz prägt sich mir tief ein: „Jerusalem ist 12 Kilometer entfernt von meinem Dorf, aber ich war noch nie dort.“ Was Iyad Burnat vorgetragen hat, unterstützt durch wechselnde Bilder auf der Leinwand hinter ihm, wird nach der Mittagspause noch einmal in dem Film „Five Broken Cameras“ gezeigt. Gedreht haben diesen Film Iyads älterer Bruder Emad und der Israeli Guy Davidi. Der Film zeigt den Widerstand des Dorfes Bil'in über einen Zeitraum von fünf Jahren, in Etappen unterteilt, die markiert werden durch den Gebrauch einer Kamera, die jeweils durch die Gewalt der israelischen Soldaten unbrauchbar gemacht wird - manchmal gezielt, manchmal zufällig wie etwa durch herumfliegende Granatsplitter. Der Film geht unter die Haut und weckt doch auch Fragen: Welche Armee lässt sich sonst auf der Welt in ihrem Tun von laufenden internationalen Fernsehkameras dokumentieren? Fühlt sie sich im Recht, wenn sie etwa 1000 Jahre alte Ölbäume entwurzelt? Immer wieder bittet Emads Frau ihn, das Filmen einzustellen, aber Emad kann nicht aufhören, er muss festhalten, was seinem Dorf angetan wird. Die letzten Bilder sind noch mit Emads Kamera gedreht, aber nicht mehr von ihm selbst, weil er dazu aufgrund seiner Verwundungen nicht mehr in der Lage ist.

Zum Mittag gibt es ein palästinensisches Gericht mit Pita und Falafel. In der Mittagspause gibt es die Gelegenheit, einen kleinen Spaziergang zu dem Öko-Musterhaus zu machen, das auf dem Gelände der St. Francis Siedlung gebaut wird. Das Haus wird aus Lehm gebaut und es werden - wie stolz berichtet wird - zum ersten Mal in den USA aufgeblähte Glaskügelchen als Dämmmaterial verwendet. Als uns die Pumpe für die Klimaanlage gezeigt wird und wir hören, dass diese Anlage ständig frische Luft in die Wohnräume blase, fragt Gisela, warum man dazu nicht einfach die Fenster öffne. „Im Winter geht das doch nicht“, antwortet die Frau, die den Interessierten das Haus zeigt. „Wieso geht das nicht?“, erwidert Gisela, „das machen wir doch auch.“ Ihre Antwort wird - welch ein glücklicher Zufall - unterstützt von einem anwesenden Amerikaner: „Ja, das machen die Deutschen wirklich, das habe ich bei meinem Aufenthalt in Deutschland selbst gesehen.“

Nach dem Film fahren Gisela und ich zurück in unsere Unterkunft. Ich muss noch meine Predigt schreiben und übersetzen.

2. Dezember 2012

Heute predige ich in den beiden Gottesdiensten in der Trinity Church (die Predigt finden Sie hier). Soll ich die Predigt eine Abschiedspredigt nennen? Noch ist es nicht ganz so weit, dass es gilt, Abschied zu nehmen. Das werden Gisela und ich am folgenden Sonntag tun, an dem es statt einer Predigt ein Weihnachtsspiel geben wird.

Zum Mittagessen ist der Stab der Trinity Church zu einem gemeinsamen Mittagessen in einem Nebenraum der Universitätsmensa eingeladen. „Jetzt können wir doch noch einmal zusammen Mittag essen“, sage ich zu Brenda Weslow, der Verantwortlichen für die „Christian Education“, die von der Kinder- über die Jugendarbeit bis zur Arbeit mit Erwachsenen alle Bereiche betrifft, die mit Bildung zu tun haben. Brenda ist ohne ihren Mann John gekommen, der sich mit Nierensteinen und einer Lungenentzündung quält.

Am späten Nachmittag kommen die Gäste, die Dian und Jon zum Dinner eingeladen haben. Es sind Sarah, die beste Freundin Dians, mit ihrem Mann, der eine Farm in der Nachbarschaft bewirtschaftet, dazu Sarahs Mutter mit ihrem Mann. Sarah und ihr Mann haben ihre Tochter durch einen Verkehrsunfall verloren. Sie wurde von einem Auto überfahren, als sie acht Jahre alt war. Damals war sie mit Dians und Jons Tochter eng befreundet. Sarahs Mutter, eine geborene Riehm, eine Tante von Susan Halen, hat ihren Mann früh durch Krankheit verloren. Ihren jetzigen Mann habe ich schon im Lions Club getroffen. Er war derjenige, der die Organisation der Weihnachtspäckchen übernommen hat. Für Gisela und mich hat er ein Geschenk mitgebracht, ein eigenhändig gedrechseltes Holzteil, das sich eignet, zwischen die Finger genommen zu werden, um eine Art Handgymnastik damit zu machen. Sieht man auf das in das Holz geritzte Kreuz und die Taube, dann kann man auch an eine jubelnde Gestalt (den Auferweckten) denken.

Nach dem Essen bleiben wir an dem Tisch sitzen. Es wird ein langes, in seiner Ernsthaftigkeit eindrückliches Gespräch. Wir sprechen über die sozialen Probleme im Land, über die Aussichten der jüngeren Generation, über den Krieg und die Schuld gegenüber den von ihrem Land vertriebenen Indianern. Gefragt werden Gisela und ich nach der Lage in Ostdeutschland, auch nach Griechenland (diese Frage wird uns immer wieder gestellt; hinter ihr verbirgt sich die Angst, als verschuldetes Land vom Gläubiger China einmal so behandelt zu werden wie jetzt das verschuldete Griechenland von der EU und speziell von Deutschland). Es ist schwer, in Worten wiederzugeben, wie eindrücklich, ruhig, unaufdringlich und bestimmt, Sarahs Mutter ihre Gedanken in der einen Frage zusammenfasst: „Warum können die Menschen sich nicht als Geschöpfe des einen Schöpfers achten und miteinander leben?“ Sie hat es nicht leicht gehabt in ihrem Leben, ist dankbar dafür, jetzt so leben zu können wie sie lebt, sie ist, so empfinde ich es, weise geworden. Es tut mir gut, ihr zuzuhören und dabei ihr Gesicht anzuschauen. Als ich ihr das sage, sagt sie leise: „Danke.“