Johannes Weissingers 13. Bericht

22. November 2012

Meine Gastgeber fahren heute zum Thanksgiving-Essen nach North Ridgeville. Dort kommen alle vier Kinder Ewalds mit ihren Familien und den beiden Eltern des dort lebenden Ehepaares zusammen. North Ridgeville ist ein typischer Vorort Clevelands. Viele wohnen hier und arbeiten in Cleveland, auch Laura und ihr Mann. Es ist eine muntere, dazu internationale Schar, die zusammenkommt. Ein Schwiegersohn ist polnischer, eine Schwiegertochter italienischer Herkunft. Die beiden Söhne des Hauses träumen von einer Karriere als Footballspieler. Soweit man das in ihrem Alter - 14 und zwölf Jahre - sagen kann, sind sie auf einem guten Weg dahin. Beim Essen sitze ich dem neben Jon und Dian zweiten Großelternpaar gegenüber. Beide sind ökologisch interessiert und engagiert, halten viel von der Solarenergie und berichten von ersten Umwelt-Auflagen im Football-Stadion von Ohio State in Columbus.

Am Stadtrand von Wakeman fällt mir eine Ansammlung von einfachen Häusern auf, von denen ich vermute, dass dort arme Menschen leben. Jon und Dian bestätigen meine Vermutung. Zu der vermuteten Armut der Bewohner steht nicht im Widerspruch, dass auch hier viele Autos vor den Häusern geparkt sind. Wie soll man in einer solchen Gegend auch ohne Auto zurechtkommen?

23. November 2012

Meine ersten Gastgeber Bob und Nancy haben mich zu ihrem Thanksgiving-Essen eingeladen. Ich wundere mich über die frühe Zeit. Schon um 10 Uhr soll ich bei ihnen sein. Als ich ankomme, sehe ich den Grund. Bob und Ron, vielleicht der künftige Schwiegersohn, sind gerade mit ihrer Arbeit fertig. Sie haben einen Tisch mit Aufsätzen gebaut, auf denen Nancy nun ihr Weihnachtsdorf aufbauen kann. Nancy hat eine riesige Sammlung von Häuschen, Kirchen und Schulen aus Porzellan. (Wie ich der Verpackung entnehme, sind diese in China hergestellt, Preis pro Stück 19,99 Dollar.) Jedes einzelne Teil ist eigens beleuchtet. Schwer zu sagen, ob sie mehr von diesen Teilen oder mehr von den Holzfiguren hat, die auf den Schränken, Fensterbänken und über den Fenstern aufgestellt sind. Auch diese kommen zum größten Teil aus China, zwei Figuren sind aus Deutschland, eine aus dem Erzgebirge (ein Geschenk einer früheren Austauschschülerin, die bei Bob und Nancy gewohnt hat).

  • „Meine ersten Gastgeber Bob und Nancy haben mich zu ihrem Thanksgiving-Essen eingeladen.“
  • „Nancy hat eine riesige Sammlung von Häuschen, Kirchen und Schulen aus Porzellan.“
  • „Zwei Figuren sind aus Deutschland, eine aus dem Erzgebirge (ein Geschenk einer früheren Austauschschülerin, die bei Bob und Nancy gewohnt hat).“

Das Essen ist „gut deutsch“. Es gibt Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffeln. Amerikanisch ist der Pumpkin-Kuchen mit Schlagsahne. Vor dem Essen sagt jeder und jede am Tisch, wofür er und sie danken - so ist es in dieser Familie Brauch. Neben den familiären Gründen zum Dank steht auch diese Äußerung von Bob: „Ich danke dafür, dass ich einen guten Job habe.“ Das ist in diesen Zeiten wahrlich keine Selbstverständlichkeit, wie die Tochter Beckie gerade erfährt: Sie hat einen Universitätsabschluss (und wegen der Studiendarlehen 34.000 Dollar Schulden), aber einen Arbeitsplatz findet sie nicht, zumindest keinen Vollzeitarbeitsplatz.

Heute Morgen hatte sie aber einmal Glück. Ron und sie waren unter den ersten Kunden, als die Geschäfte zum sogenannten Black Friday öffneten. In der Verlosung von Gutscheinen gewannen sie einen über 100 Dollar. Was „Black Friday“ ist, verstehe ich erst im zweiten Anlauf. Zuerst dachte ich, an dem Tag nach Thanksgiving liefe das Geschäft wohl so schlecht, dass dieser Tag als schwarz bezeichnet würde. Das genaue Gegenteil ist der Fall. An diesem Tag machen die Geschäfte einen Großteil ihres Jahresumsatzes, sie schreiben also tief schwarze Zahlen. Das meint die Bezeichnung Black Friday. Dieser Tag ist also noch eine Steigerung der ohnehin schon ausgeprägten Lust am Kaufen. Stelle ich mir die Frage, wohin das führt, antworte ich mir selbst: Ich sehe schwarz.

24. November 2012

In den vergangenen Wochen habe ich einen großen Stapel Zeitungen ungelesen angesammelt. Das Lesen kann ich auch nicht nachholen, aber wenigstens kann ich sie durchsehen und die Artikel zum Wahlkampf aussortieren. Ich mache mich an die Arbeit. Im Hinterkopf habe ich, dass im Kino in Findlay um 1 pm und 4 pm der neue Film „Lincoln“ von Steven Spielberg gezeigt wird. Den ersten Termin verpasse ich, zum zweiten mache ich mich auf nach Findlay. Dian beschreibt mir den Weg und ich finde ihn, ohne mich zu verfahren. Unterwegs mache ich Fotos von einer Siedlung, in der arme Leute wohnen, und von der alten Universität Findlay.

  • „Im Hinterkopf habe ich, dass im Kino in Findlay um 1 pm und 4 pm der neue Film „Lincoln“ von Steven Spielberg gezeigt wird. Den ersten Termin verpasse ich, zum zweiten mache ich mich auf nach Findlay. Unterwegs mache ich Fotos von einer Siedlung, in der arme Leute wohnen,...
  • ... und von der alten Universität Findlay.
  • Das Kinocenter liegt etwas außerhalb der Stadt, nahe der Autobahn. „Lincoln“ läuft in Saal 7. Der Eintrittspreis ist überraschend niedrig (5,50 Dollar).“

Das Kinocenter liegt etwas außerhalb der Stadt, nahe der Autobahn. „Lincoln“ läuft in Saal 7. Der Eintrittspreis ist überraschend niedrig (5,50 Dollar). Als ich den Kinosaal betrete, ist die obere Hälfte der Zuschauerränge (mit über 200 Menschen, schätze ich) schon gut gefüllt. (Es kommen noch rund 100 dazu, meist mit einer großen Tüte Popcorn und einem Getränk in der Hand.) In der Eigenwerbung lese ich wieder Superlative: „größte Leinwand“, „bester Sound“.

„Lincoln“ ist ein eindrücklicher Film, der von seinen Dialogen lebt. Ein großer Bogen spannt sich von den Bildern des Nahkampfes auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs bis zu der Schluss-Szene, die eine Rede Lincolns wie die Rede eines nach der Ermordung Fortlebenden wiedergibt. (Die letzten Worte „among ourselves and with all nations“ haften in meinem Gedächtnis; das dazugehörende Substantiv ist, so lese ich es später nach, „a just and lasting peace“, ein gerechter und dauernder Frieden.) Dazwischen Dialoge, immer wieder Dialoge mit einem nachdenklich zuhörenden Lincoln, der in aufgeheizter Atmosphäre mit sanfter Stimme Geschichten erzählt. Den beiden Funkern, denen er eine Eilmeldung diktiert hat, erklärt er seine Politik mit dem Satz des Euklid „Sind zwei Größen in Bezug auf eine dritte Größe gleich, so sind sie auch untereinander gleich“. Lincoln ist nicht der stramme Feldherr, im Gegenteil. Seine letzten Worte fallen im Film im Gespräch mit dem General der siegreichen Armee: „Was ich heute (bei meinem Ritt über das Schlachtfeld) gesehen habe, habe ich nie vorher in meinem Leben gesehen, niemals.“ Es sind die Worte eines erschütterten Siegers, der sich anschickt zu tun, was sein General ihm aufträgt: „Ich habe den Krieg gewonnen, Ihre Aufgabe ist es jetzt, einen Weg aus dem Krieg heraus zu finden.“

Auf dem Rückweg - es ist schon dunkel - kann ich an und vor manchen (vornehmeren) Häusern die Weihnachts-Dekoration betrachten, die deren Bewohner am Nachmittag angebracht haben. Es kommt mir so vor, dass diese Menschen es nicht nur zum eigenen Vergnügen machen, sondern es auch als Verpflichtung ansehen, ihre Stadt für alle etwas lichter zu machen (wenn auch die meisten diese Häuser nur von außen zu sehen bekommen).

25. November 2012

In meinem Terminkalender steht noch „Quaker Meeting“. Lange habe ich mir diesen Sonntag frei gehalten, um an einer Versammlung der Quäker in der Umgebung teilzunehmen. Als sich aber abzeichnete, dass daraus nichts wird, habe ich vor knapp 14 Tagen bei dem Treffen des UCC-Partnerschaftsausschusses der Pfarrerin in Marblehead, Kay Cox, zugesagt, an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr in Marblehead zu predigen. Dieser Sonntag wird als Feier der Herrschaft Christi begangen. Ich halte die Predigt, die ich vor fünf Wochen in Tiffin gehalten habe, noch einmal in Marblehead.

  • „Marblehead liegt am Lake Erie. Der Gottesdienst beginnt um 10.30 Uhr.
  • Als ich in der Kirche ankomme, probt Kay schon mit dem Kirchenchor.“
  • Das Foto zeigt Kay Mooney Cox und Johannes Weissinger.

Marblehead liegt am Lake Erie. Berühmt ist der alte Leuchtturm. Es gibt mehrere Kirchengemeinden am Ort, die größte ist die katholische. Die katholische Kirche liegt an derselben Straße wie die Kirche der First United Church of Christ, Congregational Gemeinde. Der Gottesdienst beginnt um 10.30 Uhr. Als ich in der Kirche ankomme, probt Kay schon mit dem Kirchenchor, den man sich aber nicht so verstellen darf wie den Kirchenchor in Tiffin. Kay sitzt am Klavier, und um sie herum sitzen noch drei Frauen und ein Mann (ohne Chorgewänder) - diese vier sind der Kirchenchor. Das Klavier steht hinter den Kirchenbänken, die in einem Rund ansteigend wie in einem universitären Hörsaal auf die Stirnwand ausgerichtet sind, an der neben Altar und Kanzel vor allem die Orgel ins Auge fällt. (Ich registriere, dass keine Fahne zu sehen ist.)

Kay hält die Liturgie, die der mir aus Deutschland vertrauten bisher am ähnlichsten ist. Ein von allen gemeinsam gesprochenes Bekenntnis spreche ich gerne mit: „Die Wahlentscheidungen, die wir treffen, legen offen, wer wir sind. Wenn wir die Lügen der Welt wählen, ist dein Wort, mächtiger Gott, nicht auf unseren Lippen. Wenn wir wählen, unabhängig und getrennt zu leben, spiegeln wir in unseren Aktionen gegenüber anderen deinen Geist nicht wieder. Wenn wir uns entscheiden, die Mächtigen unserer Tage zu verherrlichen, sind wir unfähig, dem Einen zu folgen, dessen Weg uns Leben schenkt. Vergib uns, Gott. Wende dein Gesicht nicht ab von uns, sondern hilf uns, uns selbst ehrlich anzuschauen. Wir beten im Namen Christi.“

In dem Fürbittengebet berührt mich, dass Kay um Gottes Segen für die Partnerkirchen in Westfalen und Salvador bittet. Was bedeutet es für unsere Kirchengemeinschaft mit der UCC, dass diese auch mit der Kirche in Salvador verbunden ist? Wie können Partner ihre Partnerschaften teilen und sich gegenseitig in ihren Partnerschaften unterstützen?

Nach dem Gottesdienst gibt es wie üblich Kaffee und Gebäck, das heute etwas üppiger angeboten wird, nicht nur, weil ein Gast gepredigt hat, sondern auch, weil viele sich daran machen, den Gottesdienstraum wie auch die anderen Räume adventlich und weihnachtlich zu schmücken. Aus einem Small Talk mit Kay entwickelt sich ein mehrstündiges Gespräch. Zuerst bedankt sich Kay noch einmal dafür, dass ich ihr die Predigt abgenommen habe. Das hätte es ihr erleichtert, in Chicago an einem Theologenkongress teilzunehmen. Mehrere tausend Theologen, auch einige aus Deutschland, seien zusammen gekommen, um über die ökologische Verantwortung der Christen nachzudenken und zu diskutieren. Dass sie gerade dieses Thema interessiere, könne ich leicht daran sehen, dass sie über das Naturverständnis der Indianer promoviert habe. (Wichtiger ist vielleicht noch, dass ihre E-Mail-Adresse „mooneyfarm“ darauf hinweist, dass sie neben ihrem Pfarramt eine kleine Farm ökologisch betreibt.)

Dann fragt sie, wie mein Engagement für den Frieden konkret aussieht. Bei dem Stichwort „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ wirft sie kurz ein, dass sie darüber fast jeden Sonntag gepredigt habe. Ob es eine Hoffnung gebe, dass sich die Kirche von dem Kult der Gewalt verabschiede? Ihre Frage klingt verzagt. Bei dem Stichwort „Kriegsdienstverweigerer“ erzählt ihr Mann, dass er zwar auf einem U-Boot, das mit Abwehrraketen bestückt war, Berufsoldat gewesen sei, weil er die Fähigkeit zur militärischen Verteidigung des Landes bejahe, aber der Marine mitgeteilt habe, dass er keineswegs bereit sei, auf einem U-Boot, das offensiv einsetzbare Nuklearraketen an Bord habe, Dienst zu tun. Die Marine habe seine Entscheidung respektiert. Neben ihrem Ehemann, der übrigens die eine männliche Stimme im Kirchenchor ist, hat noch eine Frau aus der Gemeinde an dem Gespräch bis zum Ende teilgenommen. („Kommen Sie ruhig dazu, das ist hier kein Geheimgespräch“, hatte Kay sie eingeladen, als sie Interesse zeigte.)

Es ist schon nach 14 Uhr, als ich aufbreche. Auf dem Hinweg hatte ich den Leuchtturm noch nicht gesehen. Also fahre ich zurück in die andere Richtung. Ich halte an einer russisch-orthodoxen Kirche und einer weiteren Kirche mit byzantinischem Ritus, die aber zur römisch-katholischen Kirche gehört. Hinter der letzteren führt eine Straße zum Leuchtturm. Es ist herrliches Wetter, sieht man einmal davon ab, dass es eisig kalt ist. Ich gehe um den Leuchtturm herum, fotografiere Steine und Wellen am Strand und wünsche mir von Herzen, dass das schöne Wetter noch etwas anhält, um mit meiner Frau Gisela, die am kommenden Mittwochabend auf dem Flughafen in Detroit ankommen wird, noch einmal hierher fahren zu können.

„Die Mannschaft von Notre Dame aus South Bend spielt. Das sind doch die, deren Helme vor jedem Spiel neu vergoldet werden, denke ich in Erinnerung an die Gespräche in South Bend und hole meinen Fotoapparat. Aber lange halte ich es vor dem Fernseher nicht aus. Mich ärgert die Spielweise des Footballs.“

Nach dem Abendessen setze ich mich zu meinem Gastgeber Jon, der im Fernsehen ein Footballspiel ansieht. Die Mannschaft von Notre Dame aus South Bend spielt.

Das sind doch die, deren Helme vor jedem Spiel neu vergoldet werden, denke ich in Erinnerung an die Gespräche in South Bend und hole meinen Fotoapparat.

Aber lange halte ich es vor dem Fernseher nicht aus. Mich ärgert die Spielweise des Footballs. Warum versucht man es immer wieder mit Wucht (oder Gewalt) durch die Mitte, vorwärts zu kommen? Ginge es mit einem breiter angelegten Kombinationsspiel nicht besser - so wie beim Fußball? Ich weiß, es ist töricht, so zu fragen, was das Footballspiel angeht. Ernster ist schon die Frage, warum gerade diese Sportart so viele Menschen hier begeistert.

„So mache ich mich auf in die Vorlesung von Blake Grangaard, um mich zu verabschieden.“

26. November 2012

Es ist ein verstörendes Gefühl: Da habe ich von Tag zu Tag gelebt, jeder Tag brachte neue Eindrücke und auf einmal merke ich: meine Zeit hier geht zu Ende. Was ich jetzt noch tun werde, steht im Zeichen des „Das letzte Mal“. So mache ich mich auf in die Vorlesung von Blake Grangaard, um mich zu verabschieden. Noch einmal höre ich mit Interesse, wie er seiner Klasse den Inhalt der Bibel nahe bringt. Heute bespricht er in einer Stunde die fünf Rollen, wie sie in der jüdischen Tradition heißen, die Bücher Ruth, Esther, Klagelieder, das Lied der Lieder und der Prediger. In der Darstellung des Predigers erinnert er an seinen Lehrer, der die Bedeutung von Vanity - „alles ist eitel“ - dadurch verdeutlichte, dass er den Rauch einer Zigarre ausstieß: „puff“. Daneben steht der bekannteste Satz „alles hat seine Zeit“. In jedem Moment ist etwas von Bedeutung. Diese unterschiedlichen Sichtweisen bringt der Prediger zusammen. Dieses Buch ist „the most fascinating book to me“, fasst Grangaard seine Darstellung zusammen. Schade, dass ich diesem faszinierenden Lehrer nicht weiter zuhören kann. Ich gehe zu ihm, weise auf eine andere Möglichkeit, dies „eitel“ zu verstehen, hin (das hebräische Wort ist gleichzeitig der Name Abel; also könnte man diesen Einleitungssatz als Anweisung verstehen, alles, was in der Welt geschieht, zu betrachten aus der Perspektive der Opfer, derer, die in der Geschichte unter die Räder gekommen sind) und verabschiede mich.

Ich fahre zu Al Bilger. Wenn er für mich bürge, hatte man mir bei der Bank gesagt, könne ich die beiden Schecks, die ich zur Erstattung meiner Fahrtkosten und als Dank von den Gemeinden in Sandusky und Marblehead erhalten hatte, einlösen. Al fährt mit mir zur Bank. Wir lösen nicht nur die Schecks ein, sondern klönen auch noch etwas. Als die Bankangestellte hört, dass ich übermorgen etwas von Detroit sehen möchte, bevor wir abends meine Frau vom Flughafen abholen, widerspricht sie umgehend heftig: „Sie wollen doch wohl nicht nach Detroit! Das ist lebensgefährlich.“ Als ich ungläubig widerspreche, rät sie mir, wenigstens den Menschen, denen ich begegne, nicht ins Gesicht zu sehen. Das könne mich das Leben kosten. Darauf war ich nicht gefasst. Auch von anderen werde ich hören, dass es in Detroit Gegenden gäbe, in denen es „nicht ganz ungefährlich“ sei und die man besser meiden sollte.

Einmal wenigstens will ich noch eine Vorlesung von Mark O'Reilly hören bzw. eine Unterrichtsstunde von ihm besuchen. Heute stellt er die Erklärung der Menschenrechte vor. Auffallend sei, wie diese in einem „American Style“ formuliert seien. Besonders deutlich werde diese Dominanz an dem Ausdruck „Rule of Law“.

Abends gehe ich ein letztes Mal zur Probe des Bell Choir. Heute betätige ich die kleinsten Glocken (die mit den höchsten Tönen), die nur selten zum Einsatz kommen, dann aber eindrucksvoll. Geprobt werden die Stücke für Advent und Weihnachten. Dann werde ich schon nicht mehr in Tiffin sein.

  • „Abends gehe ich ein letztes Mal zur Probe des Bell Choir. Heute betätige ich die kleinsten Glocken (die mit den höchsten Tönen), die nur selten zum Einsatz kommen, dann aber eindrucksvoll.
  • Geprobt werden die Stücke für Advent und Weihnachten. Dann werde ich schon nicht mehr in Tiffin sein.
  • Anschließend nehme ich noch einmal teil an dem Faith Circle, der diesmal die dritte Seligpreisung bespricht.“

Anschließend nehme ich noch einmal teil an dem Faith Circle, der diesmal die dritte Seligpreisung bespricht. Mir wird nicht ganz deutlich, warum das Gespräch auf die Frage, aus welchen Gründen wir Dinge einkaufen, gelenkt wird. Mein Beitrag, dass wir auch einkaufen, weil es Spaß macht, findet wenig Zustimmung. Andererseits bin ich skeptisch, ob ich es denen, die sagen, sie kauften nur, was sie bräuchten, und sie achteten beim Einkaufen auf Qualität, wirklich abnehmen kann, dass es so ist. Wie auch immer, ich werde diesen Kreis in guter Erinnerung behalten.

27. November 2012

Um 9 Uhr bin ich mit Gene Becker im Gemeindebüro verabredet. Gene machte dort in der letzten Woche ehrenamtlich Telefondienst. Sie habe zuhause noch ein altes Erbstück, eine gestickte Decke mit den Worten „Gib uns unser täglich Brot“, sagte sie und fügte hinzu: „Die würde ich Ihnen gerne zeigen.“ Nun hat sie aber heute Morgen angerufen, dass sie einen wichtigen Arzttermin habe und deshalb nicht ins Gemeindehaus kommen könne. So habe ich etwas mehr Zeit, mich auf den Weg zu dem Opportunity Center zu machen, Zeit, die ich auch brauche, weil ich diese Einrichtung entgegen meiner Annahme nicht auf Anhieb finde. Schließlich frage ich jemanden nach dem Weg. „Das weiß ich auch nicht so genau, aber in dieser Straße muss es irgendwo sein“, erhalte ich zur Antwort. Da hält - welch ein Glück - vor mir Joe Moore, der mich eingeladen hat. Ich fahre hinter ihm her, die Melmore Street stadtauswärts über die OH 224, die im Süden einer Umgehungsstraße von Tiffin gleicht, an dem Büro des Sheriffs mit angeschlossenem Gefängnis vorbei und biege in eine Seitenstraße, an deren Ende hinter einem Institut für landwirtschaftliche Entwicklung das Opportunity Center liegt.

„Die Austauschschülerin Meta Schmause wird ihre Heimatstadt Kassel vorstellen.“

Dieses ist ein großer, erst vor ein paar Jahren gebauter Gebäudekomplex, in dem die Schule für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen untergebracht ist. „Ja, der Weg ist etwas schwierig zu finden“, kommt mir Joe zuvor, „und viele Menschen Tiffins waren noch nie hier und wissen auch nichts von dieser Schule.“ Joe Moore, an der Heidelberg Universität für interkulturellen Austausch zuständig, will den Schülerinnen und Schülern etwas über Deutschland vermitteln. Der Theologiestudent Ben Kieffer wird von seinem Studiensemester in Heidelberg berichten und die Austauschschülerin Meta Schmause wird ihre Heimatstadt Kassel vorstellen. Mein Thema ist, wie der Nikolaustag in Deutschland begangen wird. Von Ben lerne ich, dass auch Mark Twain in Heidelberg gewohnt hat. (Wenn wir bei berühmten Namen sind, flüstere ich Joe zu, will ich doch anmerken, dass ich in den letzten Wochen oft auf derselben Straße unterwegs war wie Charles Dickens, auf der OH 53 von Upper Sandusky nach Tiffin.)

Als Ben von dem Bundesligaverein TSG Hoffenheim erzählt, buhe ich ihn aus, um mich als Fan von Borussia Dortmund zu zeigen und ein bisschen Leben in den Bericht zu bringen. Das gelingt auch ganz gut, da die Rivalität der Fans den anwesenden Schülern vertraut ist. In Tiffin hat man Fan von Ohio State zu sein, aber ein Schüler hält es mit den Steelers aus Philadelphia. (Als solchen werde ich ihn bei meinem Besuch am 6. Dezember ansprechen.) Ich erzähle von dem Brauch, den 6. Dezember als Nikolaustag zu begehen. Der Legende nach bewahrte der Bischof Nikolaus im 4. Jahrhundert seine Heimatstadt Myra vor einer Hungersnot und beschenkte vor allem Arme und Kinder. Wenn heute zum Nikolaustag Kinder - und auch Erwachsene - mit Süßigkeiten beschenkt werden, dann seien diese zwar nicht lebensnotwendig, aber sollen dem Beschenkten eine Freude machen - und Freude und gute Freunde brauchen wir zum Leben.

„Ich eile zurück zum Campus der Heidelberg Universität.“

Ich eile zurück zum Campus der Heidelberg Universität. Dort will ich zusammen mit Bob Berg ein Konzert hören. Als ich einen Studenten nach dem Ort frage, habe ich zum zweiten Mal an diesem Tag Glück. Gerade kommt Bob Berg des Weges. Gemeinsam bedauern wir, dass das Konzert ausfällt, weil eine Solistin krank geworden ist. Wir beschließen, einen Kaffee zu trinken. Auf meinen Wunsch setzen wir uns nicht in das Bistro, sondern in das Foyer des Universitätszentrums. (Mögen sich die Amerikaner längst daran gewöhnt haben, dass in einem Raum fast an jeder Wand mindestens ein Fernseher läuft, so habe ich es doch lieber etwas ruhiger, wenn ich mich unterhalten will.) Ich freue mich über die Gelegenheit, Bob zu fragen, warum, wie er mir erzählte, gerade Thomas Mann und Bertolt Brecht seine (deutschen) Lieblingsautoren sind. Bei Brecht sind es vor allem die Gedichte, die Bob schätzt. Er erzählt von Erlebnissen bei Vorträgen, die er gehalten hat. (So merkte er bei einem Vortrag über das Stück „Der Kaukasische Kreidekreis“, dass sein Verweis auf eine Szene bei den Zuhörern Kopfschütteln auslöste. Der Grund: Sie kannten diesen Teil des Stücks nicht, weil Brechts Stück in gekürzter Fassung gelesen worden war.)

Wir sprechen über die Exilliteratur, die bis auf wenige Ausnahmen in Deutschland ja weithin unbekannt geblieben ist. Und weil wir im Foyer sitzen, sehen wir viele Menschen vorbei gehen. Bob ist beeindruckt, wie viele von ihnen ich kennengelernt habe. Der Dozentin Cynthia Lepeley allerdings bin ich bisher noch nicht begegnet. Neben ihrem Unterrichtsfach „Spanisch“ ist sie auch in Soziologie promoviert. Vor wenigen Tagen hat sie eine Auszeichnung als besonders engagierte Universitätslehrerin erhalten. Mit ihren Studierenden unternimmt sie regelmäßig Exkursionen an die amerikanisch-mexikanische Grenze. Als Studentin, erzählt sie, sei sie in der Hilfe für Flüchtlinge sehr engagiert gewesen. Nie werde sie vergessen, wie eine Flüchtlingsfrau, die sie bei sich versteckt hatte, ihr erst, als sie in Kanada einen sicheren Aufenthaltsort gefunden hatte, ihren richtigen Namen mitgeteilt habe. Noch immer unterstütze sie die Hilfe für Flüchtlinge, die zum Beispiel die Gestalt eines großen, in der Wüste aufgestellten Wasserbehälters annehmen kann. So sehr ich bedauere, dass es bei diesem flüchtigen Gespräch sein Bewenden hat, so sehr freue ich mich, wenigstens kurz mit ihr gesprochen zu haben.

Ein letztes Mal besuche ich das politikwissenschaftliche Seminar. Der Student, der als erster heute sein Referat hält, befasst sich mit Untersuchungen über das Alter derer, die an den Präsidentschaftswahlen der vergangenen 20 Jahre teilgenommen haben. Ausgehend von der Wahl 1992, als neben dem Amtsinhaber George Bush und dem demokratischen Herausforderer Bill Clinton auch Ross Perrot als Unabhängiger kandidierte, stellt er die These auf, dass durch das Auftreten eines dritten Kandidaten neben den Kandidaten der beiden dominierenden Parteien die jungen Wähler ein größeres Interesse an der Wahl zeigen. Der zweite Student referiert über das unterschiedliche Wahlverhalten von Frauen und Männern in der zurückliegenden Präsidentenwahl. Dieses Referat löst eine heftige Debatte aus. Es geht hoch her. Als Marc O'Reilley die im Wahlkampf von den Republikanern vertretenen Ansichten über die Stellung der Frau und über Sexualität als „shit“ bezeichnet, protestiert ein Student energisch. Eine solche Bemerkung sei unfair (und im Übrigen sei ein Pro-life-Republikaner in seinem Wahlbezirk wieder in das US-Repräsentantenhaus gewählt worden). Als Marc seine Äußerung dadurch relativiert, dass er diesen „shit“ sehr genau kenne, weil viele in seiner Verwandtschaft dieser Überzeugung seien, er aber einen anderen „shit“, eben seinen eigenen „shit“ glaube, ist der Protestierer zufrieden: „That's fair.“

Ist noch Zeit für ein drittes Referat? Die einzige Studentin in diesem Seminar wendet ein, dass, wenn sie ihr Referat noch halte, kaum Zeit bleibe, dieses auch zu diskutieren. Trotzdem wird sie aufgefordert, ihr Referat noch zu halten. Es betrifft die politischen Verhältnisse in Somalia bzw. Somaliland. Viel mehr bleibt auch bei mir zunächst nicht hängen. Als Marc nach dem Referat John Bing als einem Ostafrika-Experten das Wort gibt, will John statt zum Inhalt des Referates in Anbetracht der Kürze der Zeit, die noch bleibt, lieber etwas zu der Art sagen, wie das Referat gehalten wurde.

Wenn man - John bezieht das Folgende ausdrücklich auf alle Referenten - einfach vorlese, was man geschrieben habe, sei es den Zuhörern meist unmöglich, das Gehörte aufzunehmen. Völlig überfordert seien Zuhörer, wenn ganze Listen von Zahlen vorgetragen würden. Diese seien zudem wenig aussagekräftig - welcher Staat z.B. sei nicht daran interessiert, seine Handelsbilanz zu verbessern oder das Gesundheitswesen auszubauen? Zu einer interessanten Aussagen würden solche Feststellungen erst, wenn gezeigt würde, was ein Staat unternehme, diese Ziele zu erreichen, oder, wie ein Staat sich dadurch von anderen unterscheide. Mir tut die Studentin leid und ich wünsche mir, man wäre ihrem Einwand, den sie vor ihrem Referat geäußert hat, gefolgt. Da freut es mich, als ich sehe, dass John sofort nach dem Ende des Seminars zu der Studentin eilt und ihr versichert, dass sie ein interessantes Thema gewählt und dies gründlich bearbeitet habe. „Glauben Sie an sich!“, versichert er ihr. Wehmütig ist mir zumute, als ich das Aigler-Haus, in dem ich so viele interessante Seminarstunden miterleben konnte, verlasse.

„What Hope for Hope?“ Das ist die Überschrift eines Aufsatzes, den Leon Putnam 1967 geschrieben hat. Als ich Leon das letzte Mal besucht hatte, hatte ich eine Kopie dieses Aufsatzes auf der Ablage neben seinem Sessel liegen sehen. Am kommenden Sonntag soll ich in der Trinity Church predigen. (Predigttext ist Lukas 21, 25-35: „Erhebet eure Häupter darum, dass sich eure Erlösung naht.“) Da könne ich doch bestimmt noch etwas von ihm lernen, hatte ich Leon gestern gesagt, als ich ihn morgens zufällig im Archiv getroffen hatte. „Ein Copyright auf meine Gedanken erhebe ich nicht“, hatte Leon lachend geantwortet und versichert, dass er nachsehen wolle, ob wir uns für den nächsten Tag verabreden könnten. Ich bin froh, dass es geklappt hat.

„Eines der hoffnungsvollsten Zeichen unserer Tage ist das erneute Nachdenken über die Hoffnung“ lautet die Unterzeile der Überschrift „What Hope for Hope?“ Dieser Aufsatz habe damals einen richtigen Wirbel verursacht, erinnert sich Leon und zeigt mir wie zum Beweis die Entgegnung seines Kollegen Vernard Eller, die mit der plakativen Aufforderung „Stop the Train!“ beginnt. Die Theologie habe die Verheißung Gottes zu bedenken, nicht die Hoffnung des Menschen, gab dieser Kollege zu bedenken und warf Leon vor, aus Paul Tillich einen Theologen der Hoffnung machen zu wollen, was aber nicht gelingen könne, da Tillich zu wenig eschatologisch dächte, und empfahl ihm, Jürgen Moltmanns „Theologie der Hoffnung“ zu lesen.

Ich sehe auf Leon, wie er das erzählt und dabei zwischen den einzelnen Sätzen, wie er es immer tut, kurz auflacht (oder hustet er mehr?). Ich kann oder will mir nicht vorstellen, welchen Sinn es ergeben soll, die Verheißung Gottes gegen die Hoffnung des Menschen auszuspielen. Für ergiebiger halte ich, die Sehnsucht, das Sehnen als Weise anzusehen, in der Menschen das Gebot, auf Gott zu hoffen und sich nach seiner Zukunft auszustrecken, erfüllen. Was Leon in seinem Aufsatz von Tillich zitiert hat, gefällt mir jedenfalls gut: Wo ein Mensch „trotz alledem“ hofft, ist das Erhoffte in gewissem Sinn schon gegenwärtig. Zur realistischen Hoffnung gehört das Warten, das freilich kein passives, sondern ein tätiges Warten ist.

Leons Frau Phyllis erzählt, wie es damals, Ende der 50er Jahre, war, als die Putnams nach Tiffin kamen. Damals habe man sich auch schon mit Kollegen und Freunden getroffen, um jeden Monat ein Buch, das jeweils einer von ihnen vorstellte, zu besprechen. Einen solchen Kreis gebe es bis heute. Sie selbst habe gerade das Buch von Erik Larson „In the Garden of Beasts“ vorgestellt, das in der Form eines Romans darstellt, was der Botschafter Amerikas, der Geschichtsprofessor William E. Dodd aus Chicago, der sein Amt Anfang Juli 1933 angetreten hat, in Berlin erlebt. Phyllis berichtet, dass ihr bis zur Lektüre dieses Buches unbekannt war, wie stark der Antisemitismus in Deutschland schon zu Beginn der Naziherrschaft verbreitet gewesen war.

Ist das schon interessant, so hat Phyllis noch etwas parat, was mich noch mehr interessiert: Ein Vorfahre mit Namen Johann Kraft, am 4. Juli 1844 in Höchenschwand geboren und in der dortigen katholischen Kirche am 7. Juli desselben Jahres getauft, kam am 17. Juli 1871 auf dem Schiff „Hansa“ von Bremen kommend in New York an. Er kam in die USA, um der Einberufung in das deutsche Heer zu entgehen und sich überhaupt dem „Bismarck Regime“ zu entziehen. John war ein fähiger Uhrmacher und fand Arbeit bei den berühmten Ansonia Uhrenwerken, bei denen er bis ins frühe 20. Jahrhundert arbeitete. Phyllis macht mir eine Kopie von der Beschreibung dieses sanften und freundlichen Mannes, von dem Nachkommen in Erinnerung behalten haben, dass er einen Apfel erst schälte und dann auf einmal in den Mund steckte, „ohne sich das Kinn zu brechen“.

Leon sagt zum Abschied, dass er am kommenden Sonntag, wenn er meine Predigt im Radio höre (am Radio könne er sich besser konzentrieren, sagt er, deshalb gehe er nicht in die Kirche), darauf achten wolle, ob ich Gedanken aus seinem Aufsatz aufgenommen hätte. (Er wird kein Zitat gefunden haben, aber ich hoffe, er wird eine gewisse Geistesverwandtschaft mit seinen eigenen Überzeugungen gespürt haben.)

28. November 2012

Morgens treffe ich mich mit Rick im Gemeindebüro. Wir verteilen die Aufgaben, die jeder von uns in den Gottesdiensten an den beiden kommenden Sonntagen übernehmen wird. Ich teile Rick Gedanken zu meiner Predigt mit, damit sich sein Gebet daran anschließen kann. So haben wir es in den vergangenen Wochen wechselseitig gemacht und haben wohl beide daran Gefallen gefunden. Auch diesmal lacht Rick zwischendurch los, weil er, wie er sagt, sich darüber freut, auf welch „originelle Weise“ (auf den Gebrauch der Vokabeln bezogen) ich meine Gedanken ausdrücke. Mir macht es Spaß, wenn Rick vorsichtig immer noch einmal Dinge anspricht, die ich eigentlich schon für besprochen und geklärt angesehen habe (der typische „double check“ eben). So setzen wir unsere Arbeit bis zum Schluss fort (als könne sie gut so weitergehen), ohne zum Abschluss ein ausführliches Auswertungsgespräch zu führen.

„Mittags holt mich Al Bilger ab. Er fährt mit mir nach Detroit, wo am späten Nachmittag meine Frau Gisela auf dem Flugplatz ankommen wird. Es ist eine Freude, mit Al unterwegs zu sein.“

Mittags holt mich Al Bilger ab. Er fährt mit mir nach Detroit, wo am späten Nachmittag meine Frau Gisela auf dem Flugplatz ankommen wird. Wir fahren so frühzeitig los, dass wir, bevor wir zum Flughafen fahren, noch einen Abstecher in die Innenstadt machen können. Es ist eine Freude, mit Al unterwegs zu sein. Auch er hat eine Lieblingsstrecke nach Toledo. So kommen wir durch Orte, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Und Al erzählt mir von den Indianern, denen man das Land weggenommen und die man nach Westen vertrieben habe. Direkt hinter dem Gelände des heutigen Center for Development in Tiffin habe der als „Trail of Tears“ bekannte Track der Indianervölker begonnen. Ich lerne, dass ein Teil dieser Völker Ackerbau betrieben, ein anderer Teil von der Jagd gelebt habe. Von diesem seien sehr viel mehr Zugehörige umgekommen als von jenem. „Unseren Holocaust“ nennt Al das an den Indianern begangene Unrecht.

Al zeigt mir auch, wo die fruchtbaren Ackerböden liegen und wo die weniger ergiebigen. Als wir an den Ford-Werken vorbeifahren, schwärmt er von dem Ford-Museum in Detroit, in dem er früher mit den Kindern einen ganzen Tag verbracht habe - so viel gebe es da zu sehen. Auf unserem Weg in das Stadtzentrum liegen Industrieanlagen, die unverkennbar darauf hinweisen, dass Detroit noch immer eine klassische Industriestadt ist, neben der Autoproduktion sehe ich eine große Raffinerie. Ungewohnt ist, dass auf den Werbeplakaten am Straßenrand auch für einzelne Prediger geworben wird („Was kommt nach dem Tod? Wir kennen die Antwort.“). Vertraut ist da schon eher der Blick auf den Stau auf der Autobahn in der Gegenrichtung und in unserer Richtung auf der Ausfahrtspur (in Richtung Grenzübertritt über eine Brücke nach Kanada).

„Wir steuern das Renaissance Center an.“

Wir steuern das Renaissance Center an. Vor diesem mit 221 Metern höchsten Gebäude Detroits steht eine Kirche. Wir versuchen, hinter der Kirche zu parken, wenden aber, nachdem wir festgestellt haben, dass dort die Einfahrt in den Unterwassertunnel für Kraftfahrzeuge in Richtung Kanada ist. Einen Parkplatz finden wir dann in einem Parkhaus neben dem Renaissance Center. Wir gehen zu Fuß an das Ufer des Detroit River. Die Hochhäuser auf der gegenüberliegenden Seite stehen schon auf kanadischem Staatsgebiet. Es ist herrlicher Sonnenschein, aber frostig kalt. Vielleicht deshalb sehen wir auf der Uferpromenade nicht einmal eine Handvoll Menschen. Wir gehen an dem Renaissance Center vorbei zum Schiffsanleger, von dort zu der Kirche, einer anglikanischen Kirche, der „Mariners' Church“, wie ich einer Informationstafel entnehme. Vor dem Eingang an der Außenwand der Kirche schläft ein Mensch auf einem notdürftigen Schlaflager unter einer Decke. Am Straßenrand steht ein Denkmal für den ersten Präsidenten der USA, George Washington. Für den dritten Präsidenten Thomas Jefferson gibt es auf der gegenüberliegenden Seite ein Denkmal. Es liegt unterhalb einer Hochbahn, die seit 1987 auf einer Länge von 4,7 Kilometern Fahrgäste befördert (ihr Name: „People Mover“).

Al und ich gehen in eine Art Kaufhausgalerie, von der aus ein überdachter Fußgängerweg über die Straße in das Renaissance Center führt. (Dieser Wolkenkratzerkomplex mit vier knapp 160 Meter hohen Türmen und dem 221 Meter hohen Mittelturm wurde in den 1970er Jahren geplant und gebaut als Versuch, dem Niedergang Detroits etwas entgegen zu setzen. Er gehört seit 1996 dem Autokonzern General Motors, der hier seine Konzernzentrale untergebracht hat.) Schnell haben wir den Wandelgang in der offenen Halle erreicht, die alle Türme miteinander verbindet. Vom zweiten Stockwerk blicken wir auf die Autos hinunter, die im ersten Stockwerk ausgestellt sind. Fast sehen diese in der riesigen Halle aus wie Spielzeugautos, wie Weihnachtsgeschenke vor dem daneben stehenden Weihnachtsbaum.

Menschen sind einige wenige zu sehen, in etwas größerer Anzahl nur in einer Schlange, die sich vor einem Stand, an dem man sich einen Becher Kaffee kaufen kann, gebildet hat. Wenn uns auf unserem weiteren Rundgang hin und wieder ein Mensch begegnet, hat dieser meist einen Becher, voll oder leer, in der Hand. Dieser Kontrast von Weitläufigkeit und Großzügigkeit zu der Menschenleere erzeugt in mir ein eigenartiges Gefühl. Kann man sich hier wohlfühlen? Wie fühlt sich der Gast, den ich als einzigen Gast in einem der vielen Sessel vor einem Hotel wahrnehme (mit einem Handy telefonierend)?

In dem Kleidershop, an dem wir vorbeigehen, kann ich keinen Kunden entdecken. Ich fotografiere, wie man aus dem Center auf die kanadische Seite blicken kann. Al und ich versuchen, eine Stelle zu finden, von der wir auf Detroit blicken können. Dazu fahren wir mit dem Fahrstuhl in den obersten Stock des Hotels im Mittelturm (das Marriott-Hotel hier ist mit 72 Etagen und 1298 Zimmern eines der größten Hotels in den USA). Wir landen aber lediglich in einem Flur und sehen nur Zimmertüren. Also fahren wir wieder nach unten. Schließlich geben wir unsere Suche nach einem Aussichtsplatz auf und gehen zurück zum Parkhaus. Das war's also mit meinem Besuch in Detroit, denke ich.

Immerhin habe ich zwei Fotos gemacht, die ich auch in dem Wikepedia-Artikel über Detroit finde. (Dort lese ich, dass in Detroit seit 1950 die Einwohnerzahl auf die Hälfte zurückgegangen ist und große Teile des Stadtgebiets, 35 Prozent, zwischenzeitlich unbewohnt waren. 1967 kamen bei Rassenunruhen 43 Menschen ums Leben. Vier Jahre zuvor, am 23. Juni 1963, hatte Martin Luther King jr. in Detroit eine Rede gehalten, die mit ihrem zehnfachen „I had a dream“ in weiten Teilen der Rede gleicht, die er zwei Monate später in Washington gehalten hat. In den letzten Jahren belegte Detroit auf der Liste der gefährlichsten Städte der Vereinigten Staaten wiederholt den ersten Platz.)

Wir machen uns auf den Weg zum Flughafen, dem Detroit Metropolitan Wayne County Airport (DTW) in Romulus, wenige Meilen von Detroit entfernt. Vor dem Eingang in die Zentrale von General Motors demonstriert eine Gruppe von geschätzt 40 bis 50 Menschen. Deren Grund kann ich auf die Entfernung und in der Kürze der Zeit nicht erkennen. Ich meine, das Wort „hungry“ auf einem Schild lesen zu können. Anhalten können wir an dieser Stelle nicht. Wir erreichen den Flughafen gut eine Stunde vor der angekündigten Ankunft meiner Frau. Da müsste doch noch Zeit sein für einen Kaffee, denke ich.

Daraus wird nichts. Denn als wir nach längerem Anmarsch schließlich in der Flughafenhalle sind, stellen wir fest, dass wir in einem falschen Teil des Flughafens sind. Zunächst zu Fuß versuchen wir, den richtigen Ankunftsort zu finden, bis uns schließlich eine Angestellte, die mit ihrem Auto vom Parkplatz fährt, mitteilt, dass wir „hier völlig falsch“ seien. Es hilft nichts. Wir müssen zurück ins Parkhaus und zu einem anderen Teil des Flughafens fahren. Al ist ärgerlich auf sich selbst, erklärt seinen Fehler aber damit, dass er, als er mich abholte, ja auch aus einer anderen Richtung hierher gefahren sei. Nun finden wir den Weg auf Anhieb. Es ist immer noch Zeit für einen Kaffee, wenn auch das Flugzeug, mit dem meine Frau kommt, eine halbe Stunde eher landen wird.

Zeit haben wir schon, aber es gibt da, wo wir warten, keine Stelle, wo wir einen Kaffee kaufen könnten. Erst auf der Rückfahrt nach Tiffin machen wir in Toledo eine Pause. Wir finden dort sogar eine „Panera“-Filiale, die Lieblingskette von Al. Und ich bekomme nicht nur einen Kaffee, sondern auch die Gelegenheit, zu tun, was ich mir seit unserem Besuch bei Panera in Findlay kurz nach meiner Ankunft in den USA vorgenommen hatte, nämlich eine „Soup Bowl“, eine in ein großes Brotstück gefüllte Suppe, die Spezialität von Panera, zu essen. Al hat wirklich eine nachvollziehbare Vorliebe. In Tiffin werden meine Frau und ich von unseren Gastgebern Dian und Jon herzlich begrüßt und noch mit einem kleinen leckeren Imbiss versorgt. Ausführliche Gespräche vertagen wir auf später.