Johannes Weissingers zwölfter Bericht

12. November 2012

Heute ziehe ich also in eine neue Unterkunft um. Vorher aber will ich noch in die Vorlesung von Blake Grangaard. Vielleicht haben die Studierenden noch eine Frage zu meiner Rede am vergangenen Freitag. Blake kommt in seiner Begrüßung auf diese Rede zurück, lobt diese und gibt seinen Studierenden die Gelegenheit zu Fragen. Diese bleiben aus. Das sei üblich, sagt Blake lächelnd in meine Richtung, aber er wollte zumindest die Gelegenheit zu Fragen eröffnen. Heute stellt Blake die verschiedenen Zweige der Reformationsbewegung dar. Und wenn ein Deutscher im Raum ist, kann der auch gleich den Spruch Tetzels „Sobald die Münze in dem Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“ in „Originaldeutsch“ vortragen.

Nach der Vorlesung danke ich Blake, dass ich seine Vorlesungen besuchen durfte. In den nächsten Wochen wird mir das nicht möglich sein. Nur kurz gehe ich noch auf die Darstellung der Unterschiede im Abendmahlsverständnis ein. Dass der theologische Streit über das „est“ („das ist mein Leib“ etc.) sich in einem ganz anderen Licht darstellt, wenn man berücksichtigt, das das „touto“ (= „das“) im griechischen Wortlaut sich grammatisch gar nicht auf das Brot beziehen kann, weil das griechische Wort für Brot („artos“) ein anderes Genus hat, verwundert Blake. Das habe er bisher nicht gewusst, sagt er und fragt, worauf sich das Demonstrativpronomen dann beziehen könne. Ich antworte, dass das Prädikatsnomen „mein Leib“ von der Aussage, die christliche Gemeinde sei der Leib Christi, her deuten lasse, und sich von daher das Demonstrativpronomen „das“ auf den Vorgang des gemeinsamen Mahls beziehe. Man könne also das Wort Jesu in dem folgenden Sinn verstehen: „Wann immer ihr in meinem Namen so beieinander seid, wie wir jetzt zusammen sind, dann erbaut ihr meine Gemeinde.“ Schade, dass wir keine Zeit haben, diese Frage zu vertiefen.

In meiner Unterkunft packe ich meine Sachen ein. Laura, die die Wohnung meiner Gastgeber einmal in der Woche sauber macht, hilft mir, die Sachen ins Auto zu tragen. Laura freut sich, dass Obama gewonnen hat – „wo Romney so sicher war, dass er gewinnt“. Laura hatte im Wahlkampf für Obama geworben. Mir sind ihre Sätze aus unserer ersten Begegnung in Erinnerung: „Wenn die Menschen mehr (oder: mehr Menschen?) Gott in ihrem Herzen hätten, sähe es in der Welt besser aus.“ Sie besucht die Gottesdienste in einer lutherischen Gemeinde, die „nur“ 70 bis 80 Mitglieder hat.

Meine neuen Gastgeber, Dian und John Ewald, sind bereit, mir den Weg zu ihrem Haus zu zeigen. John fährt schon einmal nach Haus. Dian fährt in „meinem“ Auto mit, denn ich will noch einen kleinen Umweg machen. In der Zeitung stand, dass am Vormittag - gerade zu dieser Zeit - vor der Universitätsbibliothek eine Versammlung der Studenten zu dem Veterans Day stattfindet. Wir sehen beim Vorbeifahren niemanden. Das sei auch verständlich, sage ich, schließlich regne es, da sei die Veranstaltung wohl in einen überdachten Raum verlegt worden. (So war es. In der Herbster Chapel im Pfleiderer Center fand die Veranstaltung statt.) Meine neuen Gastgeber haben eine Farm etwas nördlich von Tiffin. Das Haus, in dem sie jetzt wohnen, haben sie vor vier Jahren neu gebaut. Von dem Esstisch kann man durch ein großes Fenster auf das Feld und die Silos sehen. In ihrem früheren Haus wohnt jetzt ein Sohn mit seiner Familie, ein anderer Sohn wohnt auf der anderen Straßenseite.

„Viel Zeit zu einem ersten Gespräch bleibt nicht, denn ich habe um 2 p.m. einen Besuchstermin bei Leon Putnam ausgemacht.“

Meine Gastgeber haben - wie so viele Menschen in Tiffin - deutsche Vorfahren. Der Name „Ewald“ klingt - amerikanisch ausgesprochen - freilich mehr nach „Iwold“ mit Betonung auf der zweiten Silbe. Der Geburtsname von Dian ist „Happel“. (Ein Fussballfan wie ich denkt bei diesem Namen natürlich sofort an den großen österreichischen Fussballtrainer, der den Hamburger SV zum Gewinn der Champions League führte.) Viel Zeit zu einem ersten Gespräch bleibt nicht, denn ich habe um 2 p.m. einen Besuchstermin bei Leon Putnam ausgemacht. Seine Ehefrau öffnet die Tür, als ich läute. Die Putnams wohnen in einer ruhigen Seitenstraße in der Nähe der Heidelberg Universität, an der Leon einige Jahrzehnte Religion und Philosophie unterrichtet hat. Leon hat in Harvard noch Paul Tillich gehört und bezeichnet sich selbst als einen Schüler Paul Tillichs. Auch die beiden anderen großen Denker, die wie Tillich im Jahre 1965 gestorben sind, Martin Buber und Albert Schweitzer, haben sein Denken beeinflusst. Als ich Leon frage, ob er jeden dieser Drei mit einem Wort charakterisieren wolle, fällt es ihm bei Buber (dialogue, Dialog) und Schweitzer (reverence, Ehrfurcht) leicht, bei Tillich entscheidet er sich für „the ultimate“ (das Unbedingte).

Das Buch Leons, das mein Interesse an einem Gespräch geweckt hat, trägt den Titel „The Future of Faith“. Eine Kurzfassung dieses Buches könne ich lesen in seinen beiden Aufsätzen „Thoughts on Religion's Future“ (1966) und „Religion and the Future“ (1976), sagt Leon zu mir. Harvey Cox und er waren eng befreundet und verfassten gemeinsam einen Beitrag zu einem philosophischen Sammelband. Eine Gewohnheit Leons ist auch mir lieb: er schneidet Zeitungsartikel aus und sammelt sie. Frau Putnam empört sich über die Werbung Billy Grahams für Romney. (Eine ganze Seite in der New York Times - dazu an prominenter Stelle - stand dem evangelikalen Baptistenpastor und Erweckungsprediger zur Verfügung. Ich nehme später wahr, dass diese Werbung auch in den Zeitungen „US-Today“ und „Advertiser Tribune“ - und vermutlich in mehreren anderen Zeitungen auch - erschienen ist.) „Und das, obwohl den Kirchen jede Werbung für einen Kandidaten verboten ist - ich verstehe nicht, warum dieses Verbot für Billy Graham offensichtlich nicht gilt.“ Wir kommen auf Dietrich Bonhoeffer zu sprechen. Leon holt eine Biographie, die der Theologe Marty geschrieben hat. Leider habe ich mich für heute Nachmittag auch noch mit Bob Berg verabredet. Ich frage, ob wir das Gespräch an einem anderen Nachmittag fortsetzen können. Wir vereinbaren den kommenden Donnerstag.

Im Pfleider Center präsentieren Studenten in der Herbster Chapel ein buntes Programm zum 100. Jahrestag dieses Gebäudes. Der Stahlmagnat Andrew Carnegie hat der Heidelberg Universität 1912 eine Bibliothek gestiftet. (In vielen Städten Ohios sind die Stadtbüchereien von Carnegie gestiftet.) In historischen Gewändern spielen die Studierenden die Szene, wie die Übergabe der Bibliothek vor 100 Jahren vielleicht erfolgt ist. Der Professor für Englisch, Dr. David Hogan, spielt den Stifter Carnegie. Teil dieser Präsentation ist auch die Ehrung für die Professorin Ruth Wahlstrom. Sie hat 43 Jahre lang das Fach „Englisch“ unterrichtet. Bob Berg und andere sprechen von ihr mit Hochachtung. Die Studierende, die die Laudatio hält, kann ihre Tränen kaum zurück halten. (Ich werde von ihr und Frau Wahlstrom später, wenn sich beide bei Kaffee und Cookies unterhalten, ein Foto machen.) Ich komme ins Gespräch mit Kenneth Davidson. Er ist neben Percy Lilli und Leon Putnam der „Dritte im Bunde“ der Senioren, die in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts an dieser Universität studiert haben.

Am Abend findet in der Ohio Memorial Chapel in Tiffin ein Konzert zu Ehren der amerikanischen Veteranen statt („Tribute to American Veterans“). Ich bin auf einiges gefasst, habe ich doch die Botschaften vor den Kirchen (z.B. „Thank you God and the Veterans for our Freedom“ vor der St. Johns UCC-Kirche) und die Gebete („wir danken Gott für die Veteranen, die für Freiheit und Gerechtigkeit weltweit gekämpft haben“) in meinem Kopf. Früh solle man kommen, denn die Kirche werde bestimmt sehr voll werden und Parkplätze gebe es nur wenige, hat man mir geraten. So ist es. Als ich die Kirche betrete, ist diese schon fast ganz gefüllt. Das hat auch seine gute Seite. Ich setze mich absichtlich in eine der hinteren Reihen ganz an den Rand.

Wie bei einem militärischen Zeremoniell zur Ablösung einer Wache ziehen Veteranen der fünf Waffengattungen Air Force, Army, Coast Guard, Marine Corp und Navy mit Fahnen in die Kirche ein. Bei dem Musikstück „Armed Forces Salute“ stehen die Angehörigen des jeweiligen Truppenteils auf – einige von ihnen scheinen zu zögern: die Veteranen stehen nach und nach auf, nur gegen Ende stehen alle gleichzeitig auf. (Ich frage mich auch, ob überhaupt alle Veteranen sich als solche zeigen. Ich wage nicht, mich umzudrehen, um zu sehen, ob einige, die ich kennengelernt haben, sich erheben.) Der musikalische Höhepunkt des Konzerts ist das Stück von Randall Thompson „Testament of Freedom. A setting of four texts by Thomas Jefferson.“ Der große Universitäts-Chor (ich zähle ungefähr 80 Sänger und Sängerinnen, viele von ihnen singen auch im Trinity Chor) und das Symphonieorchester der Universität tragen die vier Teile vor, nachdem die Zitate aus verschiedenen Schriften Jeffersons zuvor einmal vorgelesen wurden. Die Musik ist bombastisch. In fortissimo wird gesungen: „Wir werden unsere Waffen erst niederlegen, wenn die Feinde, die uns angegriffen haben, ihre Waffen niedergelegt haben, nicht eher (and not before), und nicht eher, und nicht eher.“ Ich sehe, während ich den Chor und das Orchester höre, auf die Inschrift über dem Chorraum: „The Lord Is in His Holy Temple“ und darunter in der zweiten Zeile „Let all the Earth Keep Silence before Him“. Ich empfinde die Situation als grotesk. Krasser kann der Kontrast zwischen diesem Psalmwort und dem, was geschieht, nicht sein. Ich fühle mich sehr fremd und allein. Ich verlasse die Kirche schnell, will jetzt auch mit niemandem sprechen.

„Ich wundere mich, dass im Gegensatz zu den gepflegten Häusern die aus Holz gebauten Scheunen nur in seltenen Fällen frisch angestrichen sind. Bei den meisten blättert die Farbe ab.“

13. November 2012

Heute ist die Sitzung des Partnerschaftsausschusses der UCC in Mansfield. Kay hat geschrieben, dass sie aus terminlichen Gründen direkt nach Mansfield kommen wird. Ich werde also selbst fahren und denke, dass ich so auch etwas mehr Zeit habe, mir unterwegs das Eine oder Andere anzusehen. Es ist herrliches Wetter, mich faszinieren vor allem alte Bäume und zusammenfallende Scheunen. Ich wundere mich, dass im Gegensatz zu den gepflegten Häusern die aus Holz gebauten Scheunen nur in seltenen Fällen frisch angestrichen sind. Bei den meisten blättert die Farbe ab.

Als ich zwei Wochen später bei einem Dinner über meine Beobachtung spreche, wird mir geantwortet, dass ein möglicher Grund sei, dass die Farmer früher selbstständige Farmen zusätzlich zu ihren eigenen Farmen gepachtet hätten bzw. eigene Farmen an andere Farmen leasen. In solchen Fällen würde die Instandhaltung der Scheunen Kosten verursachen, denen kein Gewinn gegenübersteht, da die Scheunen meist nicht mehr gebraucht werden, weil das Heu oder Stroh, in Plastikverpackung eingeschweißt, wetterunabhängig gelagert werden kann und die Scheunentore zu klein dafür sind, dass große Mähdrescher oder Traktoren in der Scheune untergestellt werden können. Ein konkretes Beispiel: Die elterliche Farm meines Gesprächsparners hatte eine bewirtschaftete Fläche von 180 Acres, ein Acre sind etwa 4050 Quadratemter. Gegenwärtig gibt es kaum eine Farm mit weniger als 1000 Acres Ackerboden, viele Farmen bewirtschaften mehrere tausend Acres Ackerboden. Wenn man jetzt überland fährt, sieht man diese riesigen Felder, auf denen Weizen, Mais oder Soja angebaut wird. Die von früher gewohnten Zäune um die Weiden für die Tiere sind fast alle verschwunden.

Ein Blick in das Gemeindezentrum in Mansfield.

Das Navigationsgerät meiner Gastgeberin Dian leitet mich zu dem Gemeindezentrum, in dem die Sitzung stattfinden soll. Dieses befindet sich nahe einer Autobahnabfahrt am Stadtrand von Mansfield. Günstig für die aus verschiedenen Richtungen Anreisenden gelegen, ungünstig für eine Rundgang durch die Stadt.

Ich beschließe, die Zeit, die ich habe, anders als geplant zu nutzen. Schon lange ist eigentlich ein Gang zum Friseur überfällig. Neben der Tankstelle, an der ich tanke, und dem Supermarkt „Kroger“ sehe ich einen kleinen Friseurladen. Für 12 Dollar kann man sich die Haare schneiden lassen. Das kommt mir günstig vor und ich nehme dieses Angebot wahr. (In Tiffin sehe ich an den Friseurläden den Preis von 4,99 Dollar.)

„Als ich danach eine Stunde vor Sitzungsbeginn in dem Gemeindezentrum der Mayflower Congregationalist Church eintreffe, weiß der Pastor Dr. Gary Gibson noch nicht, dass heute hier eine Sitzung eines UCC-Ausschusses stattfinden wird.“

Als ich danach eine Stunde vor Sitzungsbeginn in dem Gemeindezentrum der Mayflower Congregationalist Church eintreffe, weiß der Pastor Dr. Gary Gibson noch nicht, dass heute hier eine Sitzung eines UCC-Ausschusses stattfinden wird. Die Gemeindesekretärin bestätigt ihm diesen Termin. Schnell wird mir klar, dass ich keinen Grund habe, mich zu wundern. Gary zeigt mir die Räume für verschiedene Gruppen und den Gottesdienstraum. 120 Mitglieder habe seine Gemeinde, sagt er und fügt hinzu, dass diese konfessionell ganz verschieden geprägt seien.

Seine Gemeinde habe die UCC wegen deren Erklärung zur Homosexualität verlassen. Auch für ihn selbst sei Homosexualität eine Sünde. Als ich ihm mein von seiner Überzeugung abweichendes Verständnis der entsprechenden Bibelstellen vortrage, antwortet er, dass er an dem Wortlaut der Schrift nicht vorbeigehen könne. Für ihn sei der Wortlaut der Bibel von Gottes Geist inspiriertes Wort Gottes, da sei er Fundamentalist. Und als die Gemeinde sich entschieden habe, sich von der UCC zu trennen, habe er sich entschieden, in der Gemeinde zu bleiben, in der seit 23 Jahren Pfarrer ist. Er zeigt mir den Raum, in dem gestern das Presbyterium der Gemeinde getagt hat (ein Diskussionspapier zum Verständnis des Heiligen Geistes liegt noch auf einem Tisch) und heute die Sitzung des UCC Ausschusses stattfindet. Von der Decke hängen Sterne mit Porträts gefallener Soldaten. Der Raum sei so für den Veterans Day dekoriert worden.

  • Auch Beth Long-Higgins,...
  • ... Dan Dorty...
  • ... und Dr. Sigrid Rother waren als Sitzungs-Teilnehmer in Mansfield.

Als nächste Sitzungs-Teilnehmerinnen treffen Sigrid Rother und Beth Long-Higgins ein, die zusammen aus Columbus angereist sind. Beth hat einen Karton mit Büchern mitgebracht, die der frühere Conference Minister von Ohio, Ralph Quellhorst, als Gastgeschenke bei seinen Besuchen in der Westfälischen Landeskirche als Gastgeschenke erhalten hat und nun angesichts seines Alters an andere weitergeben will. Einige Dokumente sollen ins Archiv. Beth ist einverstanden, dass ich eine Kopie des Originaldokuments der Theologischen Erklärung von Barmen 1934 samt Übersetzung ins Englische zunächst mitnehme, um beides zu kopieren (und in Tiffin zu verteilen) und ihr über den Studentenpfarrer Paul Stark wieder zukommen lasse. Als dann auch Dan Dorty, Pastor an der Trinity UCC Church in Wadsworth, und Joyce Schroer, Pastorin an der Paradise UCC Church in East St. Louis, eintreffen, beginnt die Sitzung, zu der mit Verspätung, verursacht durch eine Umleitung, auch Kay Cox, Pastorin in Marblehead, kommen wird. Sigrid Rother erinnert an den für die Deutschen in vielfältiger Weise bedeutsamen Erinnerungstag 9. November und auch daran, dass genau heute vor 20 Jahren das Internet startete. Als sie das ihrem elfjährigen Sohn erzählt habe, habe er erstaunt zurückgefragt: „Und was habt ihr davor gemacht?“ (Eine mögliche Antwort, die mir einfällt, ist die folgende: „da waren alle Tage „days off“ (der für die Pastoren arbeitsfreie Wochentag, meist ist es der Montag, wird hier „day off“ genannt).

In der Sitzung wird auf die drei Sommercamps für Jugendliche bzw. junge Erwachsene in Ohio und auf den Besuch einer zehnköpfigen Gruppe aus Schwelm in Westerville, der Gemeinde von Sigrid Rother, der im Oktober stattfand und als einen, vielleicht den Höhepunkt der Reise den Besuch einer Wahlveranstaltung mit Barack Obama hatte, zurückgeblickt. Die Teilnehmer der UCC-Delegation, die im September diesen Jahres Westfalen bzw. Deutschland besucht haben, berichten von ihren Erlebnissen. Für die Zukunft wird die Ausweitung des Young Ambassador Programms auf Ohio diskutiert, wie auch die Einführung eines Austauschprogramms für „elder people“. (Gegen das Argument, ein solches Programm bringe doch nichts für die Zukunft der Kirche, wird der bedeutsame Einfluss der Großeltern auf ihre Enkel angeführt. Dass es für die Kinder wichtig ist, andere Länder in den Blick zu nehmen, erläutert Sigrid an einem Beispiel: Der Lehrer für Sozialwissenschaften an der Schule, die ihre Tochter besucht, war fasziniert, als er hörte, dass die Eltern seiner Schülerin einige Jahre in Südafrika gearbeitet haben. In einem Vorgespräch für einen Vortrag vor seine Klasse, fragte Sigrid diesen Lehrer, ob er schon einmal im Ausland gewesen sei. Seine Antwort war ein „Nein“.)

Auf der Tagesordnung steht auch ein erster Bericht über meine Eindrücke in der UCC. Ich beschränke mich auf vier Stichworte: 1. Das Verhältnis der Kirchengemeinden - auch der UCC Gemeinden an einem Ort - ist (mindestens auch) durch Konkurrenz bestimmt. In Zukunft wird es auf Kooperation, wenn nicht Fusion ankommen. 2. Zum Stichwort „Friedensarbeit“ erinnere ich an die Beratungsarbeit für Kriegsdienstverweigerer durch das Catholic Peace Fellowship und rege die Gründung einer Art Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer in den USA an, weise auf die Probleme heimgekehrter amerikanischer Soldaten hin (vgl. den Film „Amerikas verwundete Seelen“: jeder sechste aus dem Irak-Krieg heimgekehrte Soldat findet nicht mehr in die Gesellschaft zurück.) und schlage vor, Zivile Friedensdienste zur Völkerverständigung in den von Amerika angegriffenen Ländern zu beginnen bzw. zu intensivieren (das „Dorf der Freundschaft“ in Vietnam ist ein Beispiel solcher Arbeit). 3. Die Gründung der Heidelberg Universität erfolgte durch die German Reformed Church, ist mithin ein Teil des Erbes bzw. Traditionsgutes der Reformierten Kirche. Ist dieses Erbe es wert, gepflegt zu werden? 4. Dem theologischen Austausch täte eine stärkere Berücksichtigung der Erkenntnisse aus dem jüdisch-christlichen wie aus dem christlich-islamischen Dialog gut.

Obwohl nur fünf Minuten für diesen Punkt vorgesehen waren, entwickelt sich eine muntere Diskussion, besonders zu den ersten beiden Stichworten.

Ich frage nach dem Ende der Sitzung, wie weit der Weg von Mansfield zu Städten oder Dörfern ist, in denen die Amish People leben. Wenn ich in die Gegend um Loudonville fahren würde, würde ich vielleicht einige der Amish People sehen können, bekomme ich zur Antwort, und bis dahin bräuchte ich eine gute halbe Stunde Fahrzeit mit dem Auto. Sigrid beschreibt mir den Weg und fährt vor, bis zur Auffahrt auf die Autobahn. Ich folge ihr auch zunächst, entscheide mich aber dann doch anders. Ich verlasse die Autobahn und fahre ein Stück über den Abraham Lincoln Highway zurück nach Mansfield und von dort zurück nach Tiffin. So kann ich noch den größten Teil des Rückweges schaffen, bevor es dunkel wird.

14. November 2012

Heute fahre ich nach Sandusky, wo ich am kommenden Sonntag in der St. Stephen Gemeinde zwei Gottesdienste halten werde. Ich will vorher den Weg einmal gefahren sein, damit ich mich am Sonntag, wenn es noch dunkel ist, nicht verfahre, und auch den Pfarrer gesprochen haben, um zu wissen, was mich am Sonntag erwartet. Unterwegs überfällt mich ein Gedanke: Es ist herrliches Wetter, auf der Straße ist so gut wie kein Gegenverkehr, ich genieße den Blick auf Bäume, Häuser, Scheunen und Felder und hörte dazu im Radio Musik von Johann Sebastian Bach - wie sollte ich das nicht genießen?! Und doch weiß ich, dass diese Fahrt mit dem Auto zu dem gefährlichen Klimawandel beiträgt. Und wirklich nötig ist die Fahrt nicht. Wie werden wir es schaffen, uns auf das Notwendige und Verträgliche zu beschränken? Wo sind die geistigen und seelischen Ressourcen für die notwendige Änderung unseres Lebensstils?

„Vorher hatte Jerald mir die Synagoge (Oheb Shalom Temple) gezeigt, die gleichsam nebenan auf derselben Straße etwa einen Kilometer entfernt liegt.“

In Sandusky begrüßt mich Jerald Fenske, der Pastor der Gemeinde. Rund 700 Mitglieder hat die Gemeinde, durchschnittlich 120 von ihnen besuchen sonntags einen der beiden Gottesdienste. Jerald zeigt mir die Räume des vor wenigen Jahren neu gebauten Gemeindezentrums, über die Kirchenfenster und die beiden siebenarmigen Leuchter im Gottesdienstraum kommen wir ins Gespräch. Die Gemeindesekretärin nutzt den Besuch eines deutschen Gastes dazu, diesen zu fragen, ob er mit der Hand in Sütterlin geschriebene Angaben im Kirchenbuch lesen kann. Ich lese ihr die Eintragungen zur Taufe und Konfirmation, zu Trauungen und Beerdigungen vor und sie macht sich Vermerke in Englisch. Die Gemeinde wurde 1881 von dem deutschen Pfarrer Dr. Ernst von Schulenburg gegründet. Schade, dass die Zeit zur Abfahrt drängt. Vorher hatte Jerald mir die Synagoge (Oheb Shalom Temple) gezeigt, die gleichsam nebenan auf derselben Straße etwa einen Kilometer entfernt liegt. Als Synagoge erkennbar ist sie durch die Darstellung der beiden Tafeln mit den zehn Geboten. Dass in Sandusky eine Synagoge, in der sich auch eine kleine Gemeinde zum Gottesdienst am Sabbath trifft, ist, wusste ich von meinem Gespräch mit Nancy Rubenstein, der Leiterin der Universitätsbibliothek, die Jüdin ist. Einen Kontakt zwischen Kirchen- und Synagogen-Gemeinde gibt es nicht.

„Von meinen Gastgebern hatte ich von einer großen Einrichtung für Kriegsveteranen in Sandusky gehört. Jerald zeigt mir das Ohio Veterans Home, einen Neubau mit rund 450 Plätzen, der umgeben ist von den ursprünglichen Gebäuden, die jetzt nicht mehr genutzt werden.“

Von meinen Gastgebern hatte ich von einer großen Kriegsveteranen-Einrichtung in Sandusky gehört. Jerald zeigt mir das Ohio Veterans Home, einen Neubau mit rund 450 Plätzen, der umgeben ist von den ursprünglichen Gebäuden, die jetzt nicht mehr genutzt werden. Wir gehen über die Flure und ich sehe flüchtig in die Zimmer. Klein sind sie im Vergleich zu den Zimmern in den Altenheimen, die ich in Tiffin gesehen habe. Zudem gibt es viele Doppelzimmer. Aufgenommen werden nur Menschen, die in der Armee gedient haben, Frauen also nur, wenn sie selbst Soldatinnen gewesen sind. Als Ehefrau kann sie mit ihrem Mann nicht einziehen. Es kommt mir so vor, als ob auch bei den Veteranen noch die alte militärische Kargheit die Unterbringung bestimmt.

Trotzdem sollen, wie mein Gastgeber Jon mir erzählt hat, manche Familien stolz sein, wenn einer aus der Familie hier einen Platz bekommen hat. Die Außenanlage gleicht mit einem großen Soldatenfriedhof, einem Teich und Gänsen, Denkmälern und Bänken einem Park. Wie jede militärische Anlage ist auch diese eingezäunt, die Zufahrt und der Zugang allerdings sind offen und unbewacht.

  • „Susan Halen hat gerade begonnen,...
  • ... in dem Friendship Circle von ihrer Spurensuche in Deutschland zu berichten.“

Ich habe kaum Verspätung, als ich in Tiffin ankomme. In dem Friendship Circle hat Susan Halen gerade begonnen, von ihrer Spurensuche in Deutschland zu berichten. Ein Foto hat sie in der Hand, als sie in Leimen nach dem Geburtshaus ihrer Vorfahren Riehm fragt. Das Haus steht noch, das jetzt als Hotel genutzte Haus ist trotz Umbau unschwer als das Haus auf dem Foto, das Susan mitgebracht hat, zu identifizieren. Gänzlich überrascht ist Susan dann aber, als sich der jetzige Inhaber und Betreiber des Hotels mit dem Namen Riehm vorstellt und erzählt, dass er sich bereits ein Flugticket für eine Reise in die USA gekauft habe, um in zwei Wochen dort zu sehen, wohin seine Vorfahren ausgewandert seien. In Tübingen findet Susan im Archiv der Universität noch die Einschreibung eines Vorfahren als Student in dem Jahr 1429(?). Für sie sind diese wie auch andere Spuren ihrer Vorfahren aus Deutschland wichtig, ihre Tochter hat (bisher?) daran kein Interesse. Der Friendship Circle trifft sich monatlich, um einen Vortrag zu unterschiedlichen Themen zu hören und anschließend bei Kaffee und Plätzchen zusammen zu sitzen. Wie bei jeder anderen Gruppe, die ich bisher besucht habe, gehört auch heute der Kassenbericht zu dem Treffen.

In meinem Terminkalender ist für heute anschließend an den Friendship Circle eine Sitzung der community task force eingetragen. Rick Dorsch gehört zu dieser nichtkirchlichen Gruppe, die drängende Probleme in der Stadt aufgreift. Heute soll es um die geplanten Änderungen bei den Schulbussen gehen. Weil die Stadt sparen muss, sollen in Zukunft die Schulkinder nicht mehr nach Hause, sondern zu einigen Sammelpunkten, von denen die Eltern ihre Kinder abholen sollen, gebracht werden. Dass eine solche Änderung nicht im Interesse der Kinder und deren Eltern liegt, liegt auf der Hand. Aber aus dem Besuch dieser Sitzung wird nichts, weil Rick krank geworden ist.

Am Abend nehme ich an der Sitzung des Church Council (Presbyteriums) teil. Zu Beginn wird das Presbyterium über den Stand der Erneuerung der Küche im Gemeindehaus und die Einnahmen aus den Stiftungen informiert. Am Ende nutze ich die Gelegenheit, mich bei der Leitung der Gemeinde für die Einladung in ihre Gemeinde zu bedanken. Wenn das Presbyterium im nächsten Monat tagen wird, werde ich schon wieder zurück in Deutschland sein.

15. November 2012

Als ich am Morgen vor der Bank aus dem Auto steige und zu dem Kassenautomaten gehe, entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seite über der Tür eine Inschrift, die an Edvard Tiffin als ersten Gouverneur von Ohio erinnert. Von diesem wird die Stadt Tiffin ihren Namen haben, denke ich und liege im nächsten Augenblick auf dem Boden. Über eine Unebenheit im Bürgersteig bin ich gestolpert. Das Knie und die rechte Hand habe ich mir aufgeschlagen, Kopf und Hüfte haben nur ganz kleine Schrammen abbekommen, im Ganzen ist der Sturz glimpflich ausgegangen. Trotzdem bin ich ärgerlich: Kann die Bank nicht für einen sicheren Bürgersteig vor ihrem Gebäude sorgen? Aber ich hätte es ja auch wissen können, dass die Bürgersteige in einem Zustand sind, der die Aufmerksamkeit der Passanten erfordert, schließlich bin ich nicht erst seit heute in der Stadt.

Im Gemeindebüro erbitte ich ein Einladungsschreiben an meine Frau, das sie - wie ich - bei der Einreise in die USA vorzeigen kann. Geny, die Sekretärin, schreibt es, und ich bringe es Rick nach Hause zur Unterschrift. Und weil ich schon einmal unterwegs bin, nutze ich das schöne Wetter, um Fotos zu machen. Ich fotografiere Häuser in der Melmore Street, einem etwas besseren Wohnungsviertel der Stadt, und fahre noch einmal in Richtung Sandusky, um ein Plakat der Catholic Sisters am Ortseingang, das mir gestern aufgefallen war, zu fotografieren. In dem Jesuswort „Was ihr einem Fremden getan habt, habt ihr mir getan“ (Matthäus 25) ist das Wort „foreigns“ durchgestrichen und durch das Wort „immigrants“ ersetzt.

  • Werbetafeln, die Johannes Weissinger bei seinem Amerika-Aufenthalt desöfteren passierte.
  • Werbetafeln, die Johannes Weissinger bei seinem Amerika-Aufenthalt desöfteren passierte.

Vorbemerkung: Es ist fast zum Verzweifeln, dass ich diesen Bericht jetzt zum dritten Mal schreibe, weil die zwei vorigen in meinem Laptop nicht mehr auffindbar waren.

In dem politikwissenschaftlichen Seminar halten heute zwei Studenten Referate über selbst gewählte Themen. Beide Referate befassen sich mit der Gesundheitspolitik. Der erste Student geht dabei von dem aus, was er selbst erlebt hat. Sportler stellen für die Versicherungen wegen der Verletzungsgefahr ein erhöhtes Risiko dar. Bei den Football-Spielern ist das auch für Unkundige offensichtlich. Marc O'Reilley fragt im Anschluss an das Referat, ob die Spieler der Universitäts-Mannschaft über die finanziellen Risiken informiert seien. Die anwesenden Spieler verneinen. Darauf schlägt Marc dem Referenten vor, den Trainer der Football-Mannschaft und den Universitäts-Präsidenten Huntington zu befragen. Schließlich sei die Universität stolz auf die in diesem Semester gezeigten Leistungen des Teams, da könne sie die Studenten nicht mit den Risiken allein lassen. Auch solle der Student auf dem Campus eine zugegeben nicht repräsentative Umfrage machen. Er könne zudem an diesem Beispiel den Unterschied der Gesundheitssysteme Kanadas bzw. Deutschlands auf der einen Seite und der USA auf der anderen Seite deutlich machen. Müssten Versicherte, die samstags als Zuschauer ihren Spaß an einem Football-Match haben, nicht auch die Risiken durch die Einzahlung in eine kollektive Versicherung mittragen?

Der zweite Student betrachtet die Gesundheitspolitik unter dem Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit. In den letzten Jahren ist die Kluft zwischen reich und arm größer geworden. Er bezieht sich immer wieder auf Thesen von Paul Krugman. Wenn das vorherrschende Thema ist, wie neue Jobs geschaffen können, so ist die Antwort einfach: Gebt das Geld in die Hände des Volkes. Das Volk wird das Geld sofort ausgeben, um lebensnotwendige Dinge zu kaufen. Das kurbelt die Wirtschaft an und schafft Arbeitsplätze. Marc reagiert, wie ich finde, heftig. Er versichert dem Studenten, dass er mit ihm ideologisch völlig übereinstimme, um dann aber fortzufahren, dass er hier eine Universitäts-Veranstaltung leite. Und unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sei das Referat zu kritisieren, da es sich nicht mit den Argumenten der Gegenseite auseinandersetze. „Halten Sie dieses Referat einmal in Chicago“, hält Marc dem Studenten vor, „da werden Sie glatt ausgelacht.“ Im Anschluss an das Seminar erbitte ich mir von dem Studenten das Referat, da ich die vielen Zahlen gerne genauer nachlesen möchte. Zudem möchte ich ihm gegenüber Marc beistehen. So entwickelt sich eine kurze Debatte zwischen Marc und mir. Marc gibt mir schließlich das Referat des Studenten, da er es sich ja noch einmal ausdrucken könne. Seinem Ziel, den Studenten herauszufordern, auf Gegenargumente einzugehen, stimme ich zu. Das wird ihn eher stärken als schwächen.

Als ich im Gemeindebüro an meinem Platz ankomme, spüre ich auf einmal mein linkes Handgelenk. Es schmerzt so sehr, dass ich auch die Tasche nicht mit der linken Hand tragen kann. Die Sekretärin Geny schlägt vor, nachzusehen, ob in dem Kühlschrank in der Küche noch Eisstücke sind, die ich zum Kühlen benutzen könnte. Das finde ich einen guten Vorschlag. Mit einem Handtuch um das Handgelenk fahre ich zu dem Ehepaar Putnam, mit dem ich zur Fortsetzung unseres am Montag abgebrochenen Gesprächs verabredet bin. Frau Putnam öffnet die Tür, als ich klingele, und holt, als sie mein Handgelenk sieht, erst einmal ein größeres Kühlelement und ein größeres Handtuch. So versorgt höre ich, wie Leon erzählt, dass er in der Prüfung vor der baptistischen Kirche nach seiner Christologie gefragt worden sei. Seine Antwort, er vertrete eine adoptianische Christologie, stieß auf Unverständnis der Prüfer. Einer der Prüfer, so berichtet Frau Putnam, sei anschließend zu ihr gekommen und habe sie gebeten, ihrem Mann zu helfen, das Licht zu sehen. Sie habe darauf geantwortet, dass ihr Mann, wenn er sie sehe, das Licht sehe.

„Im Gemeindehaus hatte mir Dave Hope, der mir die Eintrittskarten für das Ritztheater geschenkt hatte, gesagt, dass es teuer würde, wenn ich in die Ambulanz eines Privatkrankenhauses fahren würde.“

Leon erzählt von seinen Begegnungen mit Paul Tillich und Reinhold Niebuhr. Dumm nur, dass mein Handgelenk schmerzt. Als es draußen dunkel wird, frage ich mich, ob es nicht doch nötig wäre, mich um die Hand zu kümmern, und wo dies möglich wäre. Im Gemeindehaus hatte mir Dave Hope, der mir die Eintrittskarten für das Ritztheater geschenkt hatte, gesagt, dass es teuer würde, wenn ich in die Ambulanz eines Privatkrankenhauses fahren würde. Frau Putnam erinnert sich, dass in Tiffin kürzlich eine öffentliche Urgent Care Stelle eröffnet wurde. Dort seien die Preise deutlich niedriger. Sie findet die Adresse heraus und wir machen uns zu dritt auf den Weg, auch Leon begleitet mich. Das Auto, das Frau Putnam fährt, ist ein guter Mittelklassewagen, Leon nennt es „klein, nichts für mich“. (In so einem kleinen Auto fühle er sich nicht sicher, begründet er seine Sicht.)

In der neuen medizinischen Anlaufstelle wird mir gesagt, dass vermutlich nichts gebrochen sei, aber besser sei es natürlich, wenn das Handgelenk geröntgt würde. Ein Röntgengerät aber hätten sie noch nicht, in Findlay hätten sie eines, aber da könnte ich erst morgen früh meine Hand untersuchen lassen. Die Kosten einer Untersuchung würden bei etwa 90 Dollar liegen, in dem privaten Mercy Hospital, zu dem wir nur die Straße zu überqueren hätten, würde es sicher mehrere hundert Dollar kosten. Ich beschließe, noch eine Nacht abzuwarten. Als ich in meiner Unterkunft angekommen bin, lässt der Schmerz so sehr nach, dass ich beschließe, heute Abend doch noch wie vorgesehen zu der Pax Christi Gruppe zu fahren. Dann kann ich auch gleich Frau Putnam „Entwarnung signalisieren“.

Die Pax Christi Gruppe sieht sich heute einen Film von Jim Wallis an. In diesem Film wird an dem Schicksal von vier Menschen die Realität von Armut in den USA dargestellt. Jedes vierte Kind wächst unter der Armutsgrenze auf. Sieben Millionen Menschen haben zwei volle Jobs, weil sie von dem Lohn eines Jobs nicht leben können. Im Anschluss an den Film diskutiert die Gruppe kurz das Gesehene. Ein Beitrag haftet in meinem Gedächtnis: „Früher war Armut ein Thema, heute wird nur über die Mittelklasse gesprochen. Armut ist auch deshalb kein Thema der politischen Diskussion, weil viele Bürger, natürlich besonders die Wähler der Republikaner, ohnehin alles, was die Regierung in Washington tut, für schlecht halten.“ Mit Kareen Brown, einer Deutschen aus Memmingen, die einen amerikanischen Soldaten geheiratet hat und mit ihrem Mann, der vor kurzem gestorben ist, zu Beginn der 1970er Jahre in die USA ausgewandert ist, unterhalte ich mich im Anschluss an das Treffen. Sie lebe gern in Tiffin, habe sich auch sehr engagiert in verschiedenen Gruppen. Und doch ist ihr die Art „der Amerikaner“, ihre Stadt so „wonderful, beautiful, nice“ zu nennen, fremd. Ihr stimme ihr zu: Nicht jeder Tag ist „beautiful“ und nicht jedes Kind „happy“.

16. November 2012

Ich gehe ins Gemeindebüro und zeige, wie gut meine linke Hand wieder funktioniert. Ich schreibe an meinem Bericht, fotografiere (laufend entdecke ich Neues, heute die vielen Memorials für die gefallenen Soldaten) und besuche noch einmal Mary Miller im Altersheim. Nachmittags und abends schreibe ich an meiner Predigt für Sonntag.

  • Jubel bei der Mannschaft von Wittenberg.
  • Jubel bei der Mannschaft von Wittenberg.

17. November 2012

Bob Berg hatte mir gesagt, dass heute ein wichtiges Fußballspiel sei. Die Mannschaft der Heidelberg Universität hat die Play-Off-Runde erreicht. Deshalb findet das Spiel heute auch nicht auf dem Universitätsgelände, sondern in dem Stadion der Stadt statt. Ich habe als Anfangszeit 13.30 Uhr im Kopf. Es ist herrliches Wetter. Soll ich da den ganzen Tag im Zimmer sitzen? Auf der anderen Seite ist es schon der morgige Tag, an dem ich zwei Mal zu predigen und einen Vortrag zu halten habe. Ich schließe ein Abkommen mit mir selbst. Werde ich bis zum Spielbeginn mit der Übersetzung der Predigt fertig, genehmige ich mir den Besuch des Fußballspiels. Ich schaffe es und mache mich auf den Weg zum Stadion. Komisch kommt mir vor, dass ich keine Besucherströme sehe. Nun gut, ich bin spät dran. Als ich das Stadion betrete, wird mir klar, dass ich mich zweifach getäuscht habe. Es ist kein Fußballspiel, sondern ein Footballspiel. Und das Spiel hat vor anderthalb Stunden angefangen. Nun sind zwei von vier Vierteln gespielt. Deshalb brauche ich keinen Eintritt mehr zu bezahlen, der Kassierer- ein Student, den ich vom Politikseminar kenne - packt gerade seine Kasse ein. Und es ist eine große Überraschung: Heidelberg führt 31:13.

Johannes Weissinger fotografiert die Football-Fans Rick Dorsch (rechts) und Paul Stark (Mitte).

Ich treffe Paul Stark in voller Fankleidung. Auch Rick Dorsch begrüßt mich. Ich freue mich, wie gut Heidelberg spielt. Doch das ist der nächste Irrtum. Ich bin auf die Tribüne der Gäste aus Wittenberg geraten. Und diese spielen jetzt groß auf: Sie wenden das Blatt und plötzlich steht es 45:38 für Wittenberg. Habe ich Heidelberg Unglück gebracht? Als ich das dem Studenten, den ich beim Betreten getroffen habe, sage, widerspricht er lachend: „That´s not from you.“ und fährt vor: „Vielleicht kommen wir zurück.“ Ich gehe zum Block der Heidelberg-Fans. Als es im letzten Viertel 52:45 für Wittenberg steht, verlasse ich das Stadion, hoffe für Heidelberg und gehe an die Arbeit, den Vortrag für morgen Abend zu schreiben. (Morgen Abend wird mir Bob Overholt berichten, dass Heidelberg tatsächlich kurz vor Schluss noch die große Chance zum Ausgleich und damit zur Verlängerung hatte, aber der Receiver konnte einen Pass nicht aufnehmen und „dann war das Spiel gelaufen“.)

  • „Ich mache mich in der Morgendämmerung auf den Weg nach Sandusky. Mehrmals halte ich unterwegs an, um Felder, Bäume und Scheunen vor diesem Hintergrund zu fotografieren.“
  • St. Stephen in Sandusky: „Der erste Gottesdienst beginnt um 8 Uhr.“

18. November 2012

Ich mache mich in der Morgendämmerung auf den Weg nach Sandusky. Mehrmals halte ich unterwegs an, um Felder, Bäume und Scheunen vor diesem Hintergrund zu fotografieren. Ich kenne ja den Weg und kann die jeweils noch nötige Fahrzeit einschätzen.

Der erste Gottesdienst beginnt um 8 Uhr. Er ist ein Frühgottesdienst mit verkürzter Liturgie und wird vor allem von älteren Gemeindegliedern besucht. Er findet nicht in der großen Kirche statt, sondern in einem eigenen Gottesdienstraum, in dem die Teilnehmer auf Stühlen dichter zusammen sitzen. In dem Gottesdienst wird die neue Leiterin des Gemeindechores vorgestellt und begrüßt. Ich predige über Psalm 133, die Message ist: „It is good to share the goods“. Es ist ein Gottesdienst, in dem der kommende Thanksgiving-Tag das Thema vorgibt. Die Predigt finden Sie hier.

Beim anschließenden Essen unterhalte ich mich zunächst mit einem Mann, der in den 1970er Jahren als Soldat in Gießen stationiert war, danach mit der Tochter des Pfarrers, die Philosophie studiert. Gerne würde ich das Gespräch (über Sprachphilosophie) fortsetzen, aber ich habe Sorge, dass dann die Zeit für die Übersetzung des Vortrags heute Abend nicht reicht. Ich fahre auf dem direkten Weg zurück nach Tiffin. Nach einem kurzen Mittagsschlaf gehe ich an die Übersetzung.

„Ein Gespräch ist kein Vortrag. Für unser heutiges Thema 'Die Rolle der Kirchen in der Förderung des Friedens weltweit' ist dieser Hinweis mehr als eine Nebensächlichkeit. Es ist ein Element sowohl des Friedens als auch der Förderung des Friedens, dass Menschen miteinander sprechen und sich darüber verständigen, welche Wege sie gemeinsam gehen können.“ Mit diesen Worten beginne ich meinen Vortrag, der dann doch ein Vortrag ist. Den Text finden Sie hier. Weil ich das Thema nicht selbst formuliert habe, sage ich, habe ich zunächst im Lexikon nachgeschlagen, was die Wörter bedeuten. Das Wort „role“ ist interessant. Es wird besonders zur Bezeichnung einer Rolle in einer Theateraufführung gebraucht. Ist das Friedensengagement der Kirchen Theater, spielen die Kirchen ihre Rolle nur oder geht es um den Kern ihres Auftrags, steht ihre Existenz auf dem Spiel?

Hört man das Wort „role“ nur, kann man auch unter „roll“ im Lexikon nachschlagen, weil beide Wörter gleich ausgesprochen werden. „Do you want a roll?“ (Ein „roll“ ist eine Art Milchbrötchen, das gerne zum Mittagessen gegessen wird.) Diese Frage habe ich von meiner Beteiligung an der Aktion „Sharing Kitchen“ im Ohr. Ist das die Art, wie die Kirchen für Frieden eintreten? Ja und Nein. Das erste Menschenrecht ist das Recht auf Leben, das Recht auf Nahrung. Die Grundbedürfnisse auf der politischen Agenda ganz oben anzusiedeln und zum Ausgangspunkt der eigenen Überlegungen zur Weltgestaltung zu machen, ist nötig und richtig. Aber die Hilfe für die, die unter die Räder der Herrschenden geraten sind, beschreibt - man erinnere sich an Bonhoeffers Rede zur „Judenfrage“ 1933 - die Aufgabe der Kirchen nicht vollständig. Und schließlich gibt es das Wort „enroll“. (Ein großes Plakat „Enroll now“ werde ich am folgenden Tag in Cleveland sehen.) Mit diesem Wort wird die Anmeldung zu einer Schule und Universität oder auch zum Militär wiedergegeben. Was ist die Aufgabe der Kirche? In welche Richtung zu denken und zu arbeiten wird die Kirche Menschen unterstützen?

Die Fragen im Anschluss des Vortrags kreisen vor allem um die Situation nach Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland. Wieder kann ich mit dem Besuch und dem Verlauf des Abends sehr zufrieden sein.

  • Gruppenbild im UCC-Headquarter in Cleveland.
  • Das Foto zeigt Harry und Kelly Burd.
  • Referenten der UCC und Johannes Weissinger.
  • Nochmal im UCC-Headquarter Cleveland.
  • „We have faith in Cleveland.“
  • „Eine ehemalige Fabrik ist zu einem von außen attraktiven Gebäude mit Altenwohnungen umgebaut. Dass das davor liegende Schiff obendrein noch den Namen 'Good Time' trägt, ist ein Foto wert, auch wenn Harry dazu noch einmal kurz mit dem Auto zurücksetzen muss.“

19. November 2012

Ich freue mich auf die Fahrt zum Headquarter der UCC in Cleveland. Da kann ich verschmerzen, dass am Morgen keine Zeit bleibt, einmal richtig auszuschlafen. Um 8.00 Uhr bin ich mit Harry Burd auf dem Parkplatz vor der Trinity Church verabredet. Seine Tochter Kelly Burd erwartet uns um 10 Uhr in Cleveland. Die Fahrt nach Cleveland ist interessant und unterhaltsam. Harry erzählt von seiner Auto-Begeisterung, eine besondere Vorliebe hat bzw. hatte er für Volkswagen. Als wir an der Stadt Berlin vorbeifahren, berichtet er, dass die Aussprache des Namens in der Zeit des Ersten Weltkrieges amerikanisert wurde (mit der Betonung der ersten Silbe „Börlin“). In die Cleveland Clinic fährt Harry regelmäßig zur Herzuntersuchung. Weltberühmt sei diese Klinik für ihre in der Welt führenden Herzspezialisten. Als wir uns dem Zentrum Clevelands nähern, sehe ich die Skyline mit ihren Hochhäusern, die erste während meines Aufenthaltes in den USA. Das Headquarter der UCC ist ganz in der Nähe der Autobahnabfahrt. An dem Baseballstadion vorbei und dann um die Ecke und wir haben unser Ziel erreicht bzw. dessen Rückseite. Wir betreten ein Hotel, gehen durch die Hotelhalle und einen Zwischentrakt und sind bei der UCC. Zwischen dem Bürogebäude und dem Hotel ist ein kleiner Zwischenraum, der als eine Art Ruhezone mit kleinem Teich, Tisch und Stühlen gestaltet ist.

Am Empfang erhalten wir einen Ausweis als Besucher. Im dritten Stock wartet Kelly auf uns. Sie zeigt uns ihr Büro und stellt uns den Referenten dieses Stockwerkes vor. Wir sprechen wir kurz miteinander und stellen uns zu einem Gruppenfoto auf. Dann geht es ein Stockwerk tiefer. Dort treffen wir u.a. Dr. Makari, den Referenten für den interreligiösen Dialog und speziell den Nahen Osten (aus der Perspektive der USA „Middle East“). Er berichtet von einem UCC-Projekt, das in Chicago junge Israelis und Palästinenser zusammen bringt. Im ersten Stockwerk begrüßt uns der Referent für Gottesdienstgestaltung. Als er meine Frage, ob er das Lied „God's still Speaking“ kenne, verneint, ist das für mich fast keine Überraschung. Es gibt nach meinem Eindruck viele gute Dinge, die den meisten unbekannt bleiben.

Es ist Mittagszeit. Bevor wir in das italienische Restaurant nebenan gehen, besichtigen wir noch die Midstar Kapelle. Dieser Gottesdienstraum erinnert an ein Schiff, auf dem Sklaven aus Sierra Leone nach Amerika gebracht wurden. Einmal kam es zu einer Meuterei. An Land wurde der Anführer angeklagt, vor Gericht von dem Anwalt John Adams, dem späteren Präsidenten und Mitglied einer der Ursprungskirchen der UCC, erfolgreich verteidigt. An diese Geschichte erinnern Bilder im Eingangsbereich und die ausschließliche Verwendung von Holz aus Sierra Leone. Eindrücklich ist die Außenwand zur Straße hin, die ganz aus Glas besteht, in das die Umrisse eingearbeitet sind. So können vorbeigehende Passanten in den Gottesdienstraum blicken – vielleicht zusätzlich angelockt durch den Schriftzug „We have faith in Cleveland“ – und die Gottesdienst-Teilnehmer blicken auf die Häuser in der Umgebung und das Geschehen auf der Straße.

Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns. Auf der Rückfahrt nehmen wir uns Zeit für Abstecher nach Lourain und Sandusky. Lourain war ein Zentrum der Schwerindustrie. Riesige Werkshallen stehen jetzt leer. Im Vorbeifahren sehe ich ein Schild, das auf einen polnisch-amerikanischen Freundschaftsclub hinweist. In Sandusky sehen wir dasselbe Bild. Eine ehemalige Zigarrenfabrik z.B. steht leer. Im Hafen können wir aber auch das Gegenteil entdecken. Eine ehemalige Fabrik ist zu einem von außen attraktiven Gebäude mit Altenwohnungen umgebaut. Dass das davor liegende Schiff obendrein noch den Namen „Good Time“ trägt, ist ein Foto wert, auch wenn Harry dazu noch einmal kurz mit dem Auto zurücksetzen muss. In der Nähe von Fremont besuchen wir Harrys Schwester, die morgen Geburtstag hat.

Schon fast in Tiffin angekommen, zeigt mir Harry noch das Haus seiner Vorfahren. Sein Großvater hat aus dem Sandusky Treibholz gesammelt, als 1920 eine Flut Häuser der Stadt zerstörte, und aus diesen Hölzern eine Scheune gebaut. Sie steht jetzt noch ebenso wie das Haus aus roten Ziegeln, das er so gerne zurück gekauft hätte, aber der jetzige Besitzer will nicht verkaufen. Harry trägt an manchem schwer. Vor sieben Jahren ist seine Frau Rita gestorben. Ihr zu Ehren heißt die kleine Stichstraße, die zu den fünf oder sechs Häusern, die Harry gebaut und verkauft hat, führt, jetzt „Ritas Lane“. In dem Haus am Ende dieser Straße wohnt er, die meiste Zeit allein, manchmal besucht von einer neuen Freundin aus Colorado, die ihrerseits ihren Mann verloren hat. Ich stelle mir vor, wie Harry auf der Fahrt zu ihr denkt, was er zu mir mehrmals sagt: Ich liebe dieses Land, dieses schöne Land.

  • Im Politik-Seminar.
  • Das Foto zeigt John Bing.

20. November 2012

In dem politikwissenschaftlichen Seminar höre ich heute wieder drei Referate. Ein Student referiert über die Außenhandelspolitik Chinas, ein anderer über die Frage, wie ein gesetzliches Alkoholverbot das Trinkverhalten beeinflusst (Untersuchungen auf dem Campus der Heidelberg Universität zeigen, dass dieser Einfluss gering war bzw. ist.), der dritte über Untersuchungen zu den Folgen des Cannabis-Konsums bzw. über die Verwendung von negativ konnotierten Begriffen in den Berichten über diese Untersuchungen. Im Anschluss fragt mich John Bing, ob es stimme, was er am Wochenende in Chicago gehört habe, dass nämlich die fünfte Bitte des Vaterunsers ursprünglich den Erlass von Schulden betraf. Ich bejahe seine Frage und begründe meine Ansicht. Er würde darüber gerne mehr hören, sagt John und wir vereinbaren einen Gesprächs-Termin für morgen früh.

In meinem Terminkalender steht für heute Abend eine Sitzung des Ausschusses „Christian Education“. Auf der anderen Seite hat mich mein Gastgeber Jon eingeladen, mit ihm zu einem Treffen der Lions zu fahren. Ich spüre, dass ihm das wichtig ist. Als ich Brenda von dem Problem der Terminüberschneidung erzähle, gibt sie mir „frei“. Ich fahre also mit Jon zu den Lions, nicht zu den Lions in Tiffin, sondern zu denen nach Bettsville. Wir kommen an dem Farmhaus vorbei, in dem der Präsident der Lions wohnt. Mit ihm kommen wir fast gleichzeitig auf dem Parkplatz vor dem Schulgebäude, in dem die Lions sich treffen, an. Heute gibt es ein besonders gutes Essen. Ich werde gebeten, das Gebet vor dem Essen zu sprechen. Es ist gewöhnungsbedürftig, anschließend als Dank zu hören, einen „guten Job gemacht zu haben“.

Es sind ausschließlich Farmer, mit denen ich an einem Tisch sitze. Sie unterhalten sich über das, worüber sich Farmer wohl überall unterhalten, über die Ernte und die Preise, darüber, wo der Boden gut ist und weniger gut. Ich bin beeindruckt, wie gelassen ein Farmer erzählt, dass die Dürre ihn in diesem Jahr nicht getroffen habe, weil es auf seinen Acker geregnet habe, während es auf den Nachbaracker nicht geregnet habe. Aber im nächsten Jahr sei das vielleicht schon wieder umgekehrt. Mir gegenüber sitzt ein Farmer, der, wie ich später höre, 88 Jahre ist und immer noch die eine oder andere Arbeit auf der Farm verrichtet. Es sind durchweg gestandene Leute.

Warum nur, frage ich mich, setzen diese Menschen sich auf unbequeme Sitze in der Aula einer Schule und essen mit Plastikbesteck von Papptellern? Fast alle haben die T-Shirts mit dem Clubabzeichen an. Auch so entsteht das Bild einer Gemeinschaft. Zu dem Vortrag ziehen wir in den Musiksaal der Schule um, weil dort „die Stühle bequemer sind“. Eine Referentin des Roten Kreuzes informiert über das Blutspenden. 37 Prozent der Bevölkerung könnten Blut spenden, nur 5 Prozent tun es. Ein Clubmitglied berichtet, dass er selbst Blutkonserven erhalten habe, als er als Soldat schwer hirnverletzt wurde. Jon zählt zu den regelmäßigen Spendern, kann aber beim nächsten Termin wegen einer akuten Erkrankung nicht spenden. Im Anschluss wird verabredet, wie diesmal die üblichen Weihnachtspäckchen für Bedürftige gepackt werden sollen. Zum Abschluss wird der Kassenbericht gegeben.

Als wir das Schulgebäude verlassen, ist auch das Basketballspiel von zwei Schülerinnen-Mannschaften beendet, dem ich beim Betreten der Schule kurz zugesehen habe. Die bevorzugt ausgeübte Sportart an dieser Schule ist Basketball, wie auch viele Fotos und Pokale im Schulflur bezeugen. Überhaupt wird die Erinnerung an frühere Zeiten gepflegt. Von allen Abschlussklassen gibt es in der Aula ein Gruppenfoto und Einzelfotos aller Schüler und Schülerinnen. Die Kinder von Jon und Dian gehörten zu den ersten Jahrgängen, die in diesem Gebäude unterrichtet wurden. Ich habe inzwischen mehrere Schulen von außen und von innen gesehen. Nach meinem Eindruck sind alle in einem guten baulichen Zustand. Aber ich kann mich irren. In dem kleinen Ort Bascom, durch den ich am kommenden Samstag auf dem Weg nach Findlay fahren werde, wird eine große neue Schule gebaut, obwohl die jetzige auf der gegenüber liegenden Straßenseite auf mich auch noch einen guten Eindruck machte.

„Es ist der Tag vor Thanksgiving. Die Vorlesungen in der Universität und der Ausschuss der Kirchengemeinde 'Worship and Music' fallen deshalb aus. Nicht so das Männer-Frühstück, das jeden dritten Mittwochmorgen im Monat in Denny´s Restaurant stattfindet.“

21. November 2012

Es ist der Tag vor Thanksgiving. Die Vorlesungen in der Universität und der Ausschuss der Kirchengemeinde „Worship and Music“ fallen deshalb aus. Nicht so das Männer-Frühstück, das jeden dritten Mittwochmorgen im Monat in Denny's Restaurant stattfindet. Im September und Oktober bin ich nicht dort gewesen, also will ich dieses Mal unbedingt dabei sein. Als ich pünktlich um 7.00 morgens in dem Restaurant ankomme, bin ich überrascht, dass die lange Tischreihe mit 20 Plätzen bis auf einen Eckplatz schon besetzt ist. Ich frage, ob ich mich in der Anfangszeit geirrt hätte. Nein, bekomme ich zu hören, aber die meisten kämen schon eine Viertelstunde eher. Nach mir kommt noch ein Nachzügler. Für ihn wird ein weiterer Tisch an unseren gestellt. Er sitzt nun etwas abseits. Grund genug für mich, ihn nach seiner Geschichte zu fragen. Auch seine Vorfahren kommen aus Deutschland. Er hat in Tiffin ein Bestattungsunternehmen aufgemacht. Dazu gehört immer auch eine Art Trauerhalle, in der oft auch die Trauerfeiern stattfinden. Bei einer Feuerbestattung erhalten die Angehörigen die Urne mit der Asche des/r Verstorbenen zur freien Verfügung. Manche Urne wird von Hinterbliebenen zuhause aufbewahrt, manchmal die Asche auf dem Meer verstreut. Auf der Fahrt von Denny's Restaurant zum Gemeindebüro fotografiere ich einige Häuser und die Kirche der United Methodist Church auf der N 53.

John Bing erwartet mich in seinem Büro im Aigler-Haus. Weil dort heute keine Lehrveranstaltungen stattfinden, hat er vorsichtshalber alle Eingänge aufgeschlossen. Als ich komme, schlägt er vor, zu einem Kaffee in das Unicenter zu gehen. Das Café dort habe geöffnet, er habe sich erkundigt. Warum dies allerdings heute geöffnet sei, verstehe er zwar nicht ganz, aber es gebe viele unverständliche Entscheidungen. Wir sind dann auch lange Zeit, wie John vermutete, die einzigen Gäste. Erst gegen Mittag kommen noch einige weitere Gäste. John ist daran interessiert, meine kurzen Andeutungen von gestern näher erläutert zu bekommen. Es wird ein langes Gespräch, in dem ein Wort das andere gibt. Wir sprechen über die Formulierung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ als Teil einer Bestimmung zur Wiedergutmachung (dass in manchen englischen Bibelübersetzungen das dazu gehörende Verb statt mit „give“ mit „take“ übersetzt wird, hatte ich als worst case einer Übersetzung bezeichnet), den großen Bogen von der Schöpfungsgeschichte bis zur Hoffnung am Ende der Erdenzeit, die Antwort Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ als Widerstandswort und vieles andere.

Nach zwei Stunden gehen wir zurück in Johns Büro, weil ich mir den genauen Titel eines Buches, das John oft benutzt, aufschreiben will. John sucht es in seinem Bücherregal und schenkt mir zu meiner Überraschung ein Exemplar. (Marvin Harris, Cows, Pigs Wars and Witches. The Riddles of Culture). Ein paar seiner Sätze haften in meinem Gedächtnis: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Menschen getroffen, den ich als durch und durch böse bezeichnen würde.“ „Warum mussten wir Saddam Hussein töten, konnten wir nicht warten, bis er von allein stirbt?“ „Der Kern einer guten Politik ist der Kompromiss und das behutsame Vorwärtsgehen. Wir bewegen uns in einem Netz, dessen vielfältige Verflechtungen wir nicht sicher bestimmen können.“ Und er ist mir als Mensch nahe gekommen. Als wir ins Café gingen, berichtete er von seiner Arbeit: „Ich lege großen Wert auf das begleitende Gespräch mit den Studenten, da bleibt nicht so viel Zeit zum Bücherlesen und Schreiben eigener Bücher.“ (An der Heidelberg Universität kommen auf einen Professor 14 Studenten.) Als wir zurück in sein Büro gehen, sagt er fast wehmütig: „37 Jahre bin ich nun schon an dieser Universität. Wenn man immer an einem Ort bleibt, vergeht die Zeit wie im Flug.“ Und da er auch ein Jahr Theologie an dem Union Theological Seminary in New York studiert hat, will ich ihm meinen Vortrag über den Wandel Dietrich Bonhoeffers schicken, der sich in seiner Zeit an diesem Seminar von einem nationalen Kriegstheologen zu einem ökumenischen Friedenstheologen wandelte. (In einer Antwort per E-Mail wird er schreiben, dass er das bisher nicht gewusst habe.)