Johannes Weissingers elfter Bericht

  • Eine Band gestaltet den Frühgottesdienst mit.
  • Sunday School.

4. November 2012

Kurze Zeit hatte ich überlegt und auch Rick angekündigt, dass ich am Sonntag auch gerne einmal den Gottesdienst in einer anderen Gemeinde besuchen würde. Aber dann fiel mir ein, dass das gar nicht geht, weil ich doch Harry Burd am vergangenen Sonntag versprochen hatte, ihm am kommenden Sonntag, also heute, zu seinem 71. Geburtstag zu gratulieren. Aus diesem Grund werde ihn seine Tochter besuchen, hatte Harry mir gesagt und hinzufügt, seine Tochter sei eine Pfarrerin in Cleveland und er wolle mich ihr bzw. sie mir vorstellen. Ich wirke in den Gottesdiensten wieder in der fast schon gewohnten Form mit, d.h. ich übernehme eine Schriftlesung und spreche das Gebet nach der Predigt („pastoral prayer“). Dazu frage ich Rick jedes Mal nach der „message“ seiner Predigt. Diesmal fasst er seine Predigt über das erste Kapitel des Buches Ruth zusammen unter der Überschrift „Steadfast and Courageous Love“. Er berichtet von einem Mann, der im Zweiten Weltkrieg seinen Sohn verloren hat. Sein Sohn hat als amerikanischer Soldat in Deutschland gekämpft und ist dort gefallen. Als dieser Mann nach dem Ende des Krieges einen deutschen Flüchtling aus den ehemals deutschen Gebieten bei sich aufgenommen habe, wurde er von Mitchristen seiner Gemeinde gefragt, wie er das denn nach dem Verlust seines Sohnes tun könne. Er antwortet, er könne nicht anders als dem Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ zu folgen.

Ich nehme mir vor, heute die Pause zwischen den Gottesdiensten zu einem Besuch in der „Sunday School“ der Erwachsenen zu nutzen. Als ich dann aber auf dem Weg zu dieser Gruppe in einem anderen Raum Rick mit einem Ehepaar sitzen sehe, gehe ich in diesen Raum. In diesem Kreis (der freilich heute - an anderen Sonntagen soll es anders ein - kein wirklicher Kreis ist) wird ein Buch besprochen, das Eltern in zehn Kapiteln Ratschläge für die spirituelle Erziehung ihrer Kinder anbietet. Nach dem zweiten Gottesdienst suche ich Harry und finde ihn auch, um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Seine Tochter Kelly ist gekommen. Sie arbeitet in der Zentrale der UCC in Cleveland in der Abteilung „Soziale Gerechtigkeit“. Als sie mich einlädt zu einem Gespräch in Cleveland, hole ich gleich meinen Terminkalender. Und dann bietet Harry mir auch noch an, mich in seinem Auto nach Cleveland zu fahren. Na, da war es doch gut, dass ich heute in der Trinity Church gewesen bin, freue ich mich.

  • Viele Menschen unterstützen den Crop Walk: Brenda Weslow,...
  • ... Paul Stark und Pam Easterday,...
  • ... Rick Dorsch und Jaimie Orr,...
  • Sister Paulette und Aaron Montz.

Um 1 p.m. (13 Uhr) soll der „Crop Walk“ an der First Presbyterian Church starten. So steht es in meinem Terminkalender und so wurde es an den vergangenen Sonntagen auch jeweils angekündigt (warum nennen wir das eigentlich „abgekündigt“). Ich bin im Zwiespalt. Josie Seltzer aus Fremont hat mir eine Eintrittskarte für einen Wahlkampfauftritt des amtierenden US-Vizepräsidenten Joe Biden besorgt. Die Türen zu der Veranstaltungshalle werden um 13.30 Uhr geöffnet. Biden komme später, aber allzu spät solle ich nicht kommen, sonst könnte es sein, dass ich gar nicht mehr in die Halle gelassen werde, hatte sie geschrieben. Ich rechne mit einer halben Stunde Fahrtzeit, da ich den Weg zum Veranstaltungsort, das Gelände des katholischen Colleges, kenne, nachdem Bob diesen mir gestern bei dem Ausflug in das Einkaufszentrum in der Nähe von Toledo gezeigt hat. Da kann ich doch wenigstens eine gute dreiviertel Stunde erst einmal den Crop Walk mitgehen, rechne ich. Schließlich habe ich mich dazu angemeldet. Ich bin um 13.00 Uhr vor Ort. Aber der Rundgang von der First Presbyterian Church an den beiden Universitäten, der Heidelberg Universität und der Tiffin Universität, beginnt noch nicht. Die Teilnehmer treffen erst ein. Das gibt mir die Gelegenheit, ein paar Fotos zu machen und den mir so sympathischen Bürgermeister Aaron Montz darauf hinzuweisen, dass er einen für sein Amt passenden Vornamen hat, solle man doch nach dem Spruch Hillels „Frieden nach der Weise Aarons stiften“. Der Bürgermeister wird den Crop Walk offiziell eröffnen, er habe die für die Durchführung notwendigen Reglungen „eigenhändig unterschrieben“, sagt er. Zudem wird ein kurzer Film gezeigt und der Weg noch einmal beschrieben, kurz: für mich bleibt gerade noch Zeit, mich mit den anderen Teilnehmenden zu einem Gruppenfoto (das am folgenden Samstag in der Presse erscheint) aufzustellen und die ersten ein paar hundert Meter mit zu gehen. Dann mache ich mich auf nach Fremont.

„Nicht jeder, der hier ansteht, wird Obama wählen; einen Mann, der mir auffällt, weil er in der Warteschlange stehend ein Buch liest (und in der Halle interessiert zuschaut, aber nicht Beifall klatscht), werde ich am Wahlabend wiedersehen: Er ist eine von vier Personen, die die Stimmenauszählung vornehmen, und gehört zur Partei der Republikaner.“

In Fremont werde ich auf einem Parkplatz eingewiesen. Guter Dinge gehe ich auf eine Eingangstür zu der Veranstaltungshalle zu. Nein, hier könne ich nicht eingelassen werden, dieser Eingang sei nur für Menschen mit Behinderungen, werde ich abgewiesen, der Haupteingang sei um die Ecke. Dort ist auch der Eingang, aber bis ich dahin komme, wird noch mehr als eine Stunde vergehen, denn in einer langen Reihe stehen viele Menschen geduldig an. (Die Sicherheitskontrollen sind denen auf einem Flughafen gleichzusetzen.) Ich komme mit den vor und hinter mir Wartenden ins Gespräch. „Da können Sie gleich sehen, wie die amerikanische Demokratie funktioniere“, sagt die Frau hinter mir. Eine Frau vor mir antwortet auf meine Frage, warum sie Obama wähle: „Weil er einfach alles richtig gemacht hat. Er holt unsere Jungs zurück und hat Osama bin Laden getötet. Und seine Gesundheitsreform ist auch nötig.“ Nicht jeder, der hier ansteht, wird Obama wählen, wie ich fälschlicherweise annehme; einen Mann, der mir auffällt, weil er in der Warteschlange stehend ein Buch liest (und in der Halle interessiert zuschaut, aber nicht Beifall klatscht), werde ich am Wahlabend wiedersehen: Er ist eine von vier Personen, die die Stimmenauszählung vornehmen, und gehört zur Partei der Republikaner.

Schließlich in der Halle angekommen, versuche ich zunächst, möglichst nahe an das Podium zu kommen. Das gebe ich aber schnell auf, als mich jemand, der hinter mir steht, fragt, ob wir nicht die Plätze tauschen könnten. Ich ahne, dass mich das hier jeder fragen wird (ich bin fast 2 Meter groß), und gehe gleich ganz nach hinten. Da habe ich – wie zum Trost – ein stabiles Absperrgitter im Rücken. Noch passiert nichts, außer dass einmal „geprobt wird“, wie die ausgeteilten Schilder mit der Aufschrift „Forward. Obama/Biden“ geschwenkt werden sollen, wenn Biden die Halle betritt. Bis es soweit ist, gibt es Musik vom Band. („Band“ ist deutsch zu sprechen, es spielt keine - englisch gesprochene - „Band“.) Dann kündigt sich der Auftritt an: Kameraleute erscheinen und machen sich einsatzbereit, Menschen, die ihrem Auftreten nach offensichtlich Sicherheitsbeamte sind, betreten die Halle.

„Josie Seltzer aus Fremont hat mir eine Eintrittskarte für einen Wahlkampfauftritt des amtierenden US-Vizepräsidenten Joe Biden besorgt. Joe Biden ist ein glänzender Redner. Er lächelt charmant - was hat er nur für weiße Zähne!“

Und dann kommt Joe Biden, richtiger seine Frau mit ihm und den Kindern. Jill Biden spricht als erste Rednerin. Zum Schluss ihrer Rede kündigt sie an: „Und nun spricht mein Ehemann und der Vizepräsident der Vereinigten Staaten.“ Joe Biden bekräftigt diese Reihenfolge: „family first“. Joe Biden ist ein glänzender Redner. Er lächelt charmant (was hat er nur für weiße Zähne!), er zählt die Erfolge der gegenwärtigen Regierung auf („und der Präsident Obama denkt genau “)und rechnet mit dem politischen Gegner ab: „Meine Mum hat mir gesagt, dass ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vor allem eine Eigenschaft besitzen müsse: Charakter. Und es ist absolut klar, wer hier Charakter hat und wer keinen Charakter hat.“ (im Amerikanischen klingt auch das besser bzw. richtiger: „it is absolutely clear who has character, and who does not have character.“) In diesem Satz wird mit zunehmender Lautstärke jedes Wort einzeln gesprochen. Anschließend werden Hände geschüttelt (voran geht auch diesmal Frau Biden).

Auch die Stahlarbeiter unterstützen offenkundig Obama und Biden.

Joe Biden nimmt Menschen in den Arm und Kinder auf den Arm. (Alle Achtung, denke ich, es ist eine nicht zu unterschätzende Leistung, fast eine viertel Stunde so freundlich zu gucken, dass ein Foto ohne Schaden veröffentlicht werden kann. Dass auch ich ein paar Fotos aus der Nähe machen kann, verdanke ich dem Umstand, dass nach Ende der Rede die Mehrheit die Halle umgehend verlässt. Komisch, denke ich, erst stehen sie stundenlang an und dann lassen sie es sich entgehen, den Star aus der Nähe zu sehen. (Anschließend wird mir ein möglicher Grund einsichtig: die Abfahrt vom Parkplatz gleicht dem Anstehen vor dem Einlass.) Ich sehe zwei bekannte Gesichter: Josie und Denny Seltzer sind auch noch in der Halle geblieben. „Es muss für Sie ein Erlebnis gewesen sein, dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten so nahe gekommen zu sein, oder etwa nicht?“, fragt mich Denny. „Ja, und ob“, antworte ich und füge hinzu: „Nur höre ich den Satz Bidens ‚Das amerikanische Volk hat einen Sinn für Verantwortung (oder: dafür, was es heißt, verantwortlich zu handeln“) wie kein anderes Volk auf der Erde’ doch mit Stirnrunzeln.“ Das sei eben das Problem mit dem Glauben an den amerikanischen Exzeptionalismus, bemerkt Josie. Ich mache noch ein paar Fotos und verlasse die Halle, nicht ohne mir von den für die Studierenden ausliegenden Prospekten einige Karten, die für den Dienst in der US-Armee werben, mitzunehmen. Nun will ich doch auch noch „richtig 'was“ von dem Wahlkampf mitbekommen!

5. November 2012

Professor Blake Grangaard zeigt den Studierenden in seiner Vorlesung über die Geschichte ein Video über die Zeit der Kreuzzüge. Anschließend gehe ich ins Archiv. Ich treffe einen sehr beschäftigten Bob Berg an. Er bereitet eine Ausstellung zum 100. Jahrestag der Eröffnung der Bibliothek vor, die Andrew Carnegie der Heidelberg Universität gestiftet hat. Heute in einer Woche soll diese Ausstellung in der Pfleiderer Hall gezeigt werden. Ich kenne solche Situationen und frage Bob deshalb gar nicht erst, ob er vielleicht noch Zeit hat, mit mir den Vortrag, den ich am kommenden Freitag – es ist der 9. November – zu halten vereinbart habe, daraufhin durch zu sehen, ob die englische Übersetzung wiedergibt, was ich in Deutsch denke. Ich gehe in die Bibliothek. Nansie Houston, die ich von dem Bell Choir kenne, ist wieder da. Und zusätzlich steht neben ihr - welch ein Glück - die Leiterin der Bibliothek Nancy Rubenstein. Ich habe ihren Namen gehört, als ich Bob einmal gefragt hatte, ob heute in Tiffin Juden leben. Ich spreche mit Nancy über den kommenden Freitag. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Tiffin nicht. Meine Frage nach jüdischen Flüchtlingen beantwortet sie mit dem Hinweis auf eine Frau, die aus Ungarn nach Amerika fliehen konnte und vor Kurzem gestorben ist. Sie zeigt mir, wo die Jewish Encyclopedia steht. Ich entleihe Bücher von Leo Baeck, Franz Rosenzweig und Abraham Joshua Heschel. (In meiner Unterkunft kommt mir der Gedanke, dass ich diese Bücher eigentlich gar nicht hätte entleihen dürfen, da mein Kontingent von fünf Büchern zur selben Zeit doch schon durch die sechs Bücher von Dietrich Bonhoeffer, die ich bisher nicht zurück gegeben habe, überschritten ist. Als ich heute Abend vor der Probe des Bell Choir dieses Nansie mitteile, lacht sie und antwortet: „Wir wissen ja, wo die Bücher sind.“ Ein anderes Chormitglied sagt darauf: „Hoffst Du, auf diese Weise zu einer Dienstreise nach Deutschland zu kommen, wenn er die Bücher hier nicht zurückgebracht hat und Du die Bücher aus Deutschland holen musst?“ Das finden alle eine gute Idee. (Inzwischen habe ich alle Bücher zurück gegeben.)

6. November 2012

Ich meine die Spannung, wie die Wahl ausgehen wird, spüren zu können. Zum ersten Mal höre ich die Studenten vor dem Seminar bei John Bing über die Wahl sprechen. Ich verstehe nicht alles, aber es fallen die Namen Obama und Romney. Offensichtlich diskutieren die Studenten über die Wahl. Den Studenten, der neben mir sitzt, frage ich, wen er wählen will. Er habe schon gewählt, antwortet er, und zwar den Kandidaten der Sozialisten. Ich bin erstaunt. Ja, fährt er fort, diesen Kandidaten würden vielleicht nur 500 Menschen in ganz Ohio wählen, aber dieser Kandidat sei der einzige, den er unterstützen wolle. (Was hatte ich in der Fernsehdebatte der Kandidaten der Parteien ohne Chance auf den Sieg gehört? Die Stimme sei verschwendet, die für einen Kandidat abgegeben werde, den man eigentlich gar nicht wolle.)

Vielleicht liegt es an der Spannung, die über dem Tag liegt, dass das Seminar nicht den geplanten Verlauf nimmt. Eine Studentin hatte die Fragen, die die Studierenden diskutieren sollten, an die Tafel geschrieben, aber John Bing kann nicht an sich halten. Er greift in die Diskussion ein, und in der Folgezeit redet fast nur noch einer: John Bing. Immerhin hält er sich an das Schema „Frage und Antwort“ zu dem Kapitel über den Neoliberalismus in dem Buch von Cohen und DeLong „The End of Influence. What Happens when Other Countries Have the Money“.

Ich warte auf Beckie, die Tochter meiner Gastgeber. Beckie hatte mir angeboten, mit ihr in das Wahllokal zu gehen. Fotografieren darf ich dort nicht. Keine Frage, ich werde mich an das Verbot halten. Immerhin darf ich mir einen Wahlschein ansehen. Ich zähle 19 verschiedene Punkte, die zur Abstimmung stehen. An erster Stelle steht „natürlich“ die Wahl des US-Präsidenten. Die Reihenfolge, in der die Kandidaten aufgeführt sind, erstaunt mich: An der ersten Stelle steht Mitt Romney, gefolgt von Jill Stein, der Kandidatin der Grünen Partei. Barack Obama steht an der letzten Stelle. (Später erfahre ich, dass diese Reihenfolge einem üblichen Verfahren entspricht. Es geht dem Alphabet nach, wobei der Anfangsbuchstabe rotiert.) Zwei andere Beobachtungen dagegen verwundern mich (meinen Gesprächspartner gegenüber formuliere ich: „ich bin geschockt.“) Die Stimmzettel werden ausgefüllt – und das nimmt mehrere Minuten in Anspruch – in einer Wahlbox, die eine so niedrige Zwischenwand hat, dass es z.B. für einen Menschen meiner Größe ein Leichtes wäre, dem Wähler in der Nachbarkabine über die Schulter auf dessen Wahlschein zu sehen. Anschließend gehen die Wähler mit ihrem Wahlschein zu einem Gerät, das diesen einscannt. Dabei halten sie den Wahlschein mit der ausgefüllten Seite nach oben. Während sie das tun, steht eine „offizielle“ Person neben dem Gerät und beobachtet das Gerät, ob dieses funktioniert. Aber wenn diese Person will, kann sie ebenso gut darauf sehen, welche Kandidaten angekreuzt sind. Ich stelle mir vor, diese Art der Stimmabgabe würde im Fernsehen gezeigt im Zusammenhang einer Wahl in Belarus. Ich bin sicher, diese Wahl würde als nicht geheim klassifiziert. Meine Gesprächspartner hier sehen offensichtlich in diesem Verfahren kein Problem. Sie geben freilich zu, dass man das so sehen könnte wie ich. Aber sollen wir das jetzt diskutieren, wo alle auf den Ausgang der Wahl warten?

Die Wahllokale schließen um 6 p.m. (18.00 Uhr). Um 8 p.m. bin ich mit Freddie Larsen von der League of Women Voters verabredet. Sie hat mir angeboten, mich in das Stadthaus, in dem die Stimmen ausgezählt werden, mitzunehmen. Den Raum, in dem die vier Personen sitzen, die die Auszählung überwachen, darf ich ebenfalls nicht fotografieren. Keine Einschränkung gibt es für den Nebenraum, in dem wir auf die Bekanntgabe der ersten Ergebnisse warten. Um 7.50 p.m. kommt das erste Zwischenergebnis. 6040 abgegebene Stimmen sind ausgezählt (registriert sind 36.320 Wähler). Obama (2873) und Romney (2949) liegen fast gleichauf. Das nächste Zwischenergebnis um 8.07 p.m. auf der Grundlage von 6421 Stimmen ist für Obama noch günstiger: 3073 Stimmen für Obama, 3115 für Romney, in Prozent gerechnet heißt das: Obama/Biden 48,49 Prozent, Romney/Ryan 49,16 Prozent. Bis 9.15 p.m. wird sich das Bild ändern. (Nach der Bekanntgabe dieses Ergebnisses gehen alle nach Hause, um am Fernseher den weiteren Verlauf des Wahlabends zu verfolgen.) Zu diesem Zeitpunkt sind alle 24.971 abgegebenen Stimmen ausgezählt. Obama/Biden erhalten 10.962 (44,36 Prozent), Romney/Ryan 13.025 (52,71 Prozent). Das ist in diesem Wahlbezirk kein schlechtes Ergebnis für Obama.

Einige Eindrücke will ich im Bericht festhalten. Das erste Zwischenergebnis wird mitgeteilt von einer Frau, die vielleicht fünf Kopien verteilt. Danach erscheint der Mann, den ich bei der Wahlveranstaltung mit Joe Biden in Fremont gesehen habe und der für die Republikaner in dem Wahlkomitee sitzt, und erklärt, dass in der Folgezeit lediglich eine Kopie zur Ansicht für alle an die Wand geheftet werden könne. Das protestierende Gemurmel der Anwesenden kann daran nichts ändern. Das nächste Zwischenergebnis wird also mit einem Tesastreifen an die Wand geklebt. Jemand liest das Ergebnis für alle im Raum vor. Aber dann erscheint die Frau, die beim ersten Zwischenergebnis die fünf Kopien gebracht hatte, und verteilt wieder mehrere Kopien. Ich sehe Freddie Larsen erstaunt an. „Ja, das macht sie einfach, sie gehört zu den Independents, und die lassen sich von dem Republikaner nichts vorschreiben“, erklärt mir Freddie mit einem verhaltenen Lächeln.

Einige Personen im Raum ziehen die Aufmerksamkeit von Freddie auf sich. Sie geben jeweils die bekannt gewordenen Ergebnisse per Handy an andere weiter, offensichtlich an jeweilige (Partei-?)Zentralen.

Im Raum sitzen auch Menschen, die in verschiedenen Funktionen selbst zur Wahl gestanden haben. Klar, dass diese vor allem daran interessiert sind, wie die Wahl für sie selbst ausgegangen ist. Das beste Ergebnis erzielt der Sheriff: 18.393 von den 24.971 ausgezählten Stimmen entfallen auf seine Wiederwahl.

Zwei Sachabstimmungen sind interessant: Der Vorschlag, die Festlegung der Wahlbezirke in Zukunft einem Ausschuss, dem auch partei-ungebundene Personen angehören, zu übertragen, findet keine Mehrheit (nur 30,40 Prozent haben für diesen Antrag gestimmt.). Ein anderes wichtiges Ergebnis ist knapper: In Tiffin haben 53,97 Prozent gegen eine Anhebung der lokalen Einkommenssteuer gestimmt (46,03 Prozent befürworteten diese). Dieses Ergebnis ist ein herber Schlag für den Bürgermeister Aaron Montz.

Kein Kandidat oder keine Kandidatin der Demokraten auf den verschiedenen Ebenen (vom US-Senat und US-Repräsentantenhaus über den Ohio-Senat und das Ohio-Repräsentantenhaus bis zu der Ebene des County – zu wählen waren zwei Commissioners, die vielleicht den Landräten vergleichbar sind) hat die Prozentzahl der Stimmen erreicht, die Obama für sich erzielen konnte. Die Aufteilung der Stimmen variiert von 37,89 Prozent bis den 42,71 Prozent, die die Kandidatin für den Ohio-Senat Addison erzielt hat. (Auch meine Gastgeber haben auf der nationalen Ebene für Obama gestimmt, auf der Bezirksebene aber für die Kandidaten der Republikaner. Mein Gastgeber begründete seine Wahl von Obama damit, dass er der Person Romney nicht getraut habe.)

In meiner Unterkunft verfolge ich den Wahlabend - weitgehend allein - bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Wiederwahl von Obama nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden kann. (Mein Gastgeber ist beruflich unterwegs. In Pittsburgh inspiziert er ein Stahlwerk, das von dem Hurrikan „Sandy“ nicht beschädigt wurde, weil der Hurrikan direkt über dem Werk stand - im Zentrum des Hurrikans bleibt man schadensfrei. Meine Gastgeberin liegt nach einem chirurgischen Eingriff an der Nase zu Bett. Die Tochter Beckie telefoniert die meiste Zeit.) Zwischen der Bekanntgabe der jeweils neuesten Zwischenergebnisse und den Live-Schaltungen zu öffentlichen Plätzen, auf denen sich Obamas Wähler einfinden, gibt es wie bei uns erste Analysen des Wahlergebnisses. Die in meinen Augen interessanteste Analyse ist die folgende: Romney war in der Gruppe der weißen Wählerschaft erfolgreicher als Bush und Reagan. Aber dies reichte nicht zum Gewinn der Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Diese Wahl 2012 war die letzte Präsidentschaftswahl, bei der ein Kandidat hoffen konnte, durch die Konzentration seines Wahlkampfes auf die Schicht der weißen Wähler zu gewinnen.

Aus den Presseberichten halte ich fest: In der Zeitung „The Courier“ (aus der Nachbarstadt Findlay) war in der Ausgabe vom 1. November auf den Dollar genau angegeben, von wem der Kandidat für das US-Repräsentantenhaus Robert Latta (Republikaner, Amtsinhaber) und seine Herausforderin Angela Zimmann die Gelder für ihre Wahlkampagne bekommen haben und für was oder wen sie dieses Geld ausgegeben haben: Latta gab 367.000 Dollar aus, Zimmann 192.804 Dollar. (Zimmann ist übrigens neben ihrem Full-Time-Job an der Browling Green State University eine Pastorin der Trinity Lutheran Church in Riga, Michigan.) Dass Geld allein zum Sieg nicht ausreicht, hat der Kampf um den Sitz im US-Senat gezeigt. Der Amtsinhaber Sherrod Brown von den Demokraten steht den Gewerkschaften besonders nah. Die Republikaner stellten Josh Mandel als Herausforderer auf. Mandel ist seit 2007 Abgeordneter des Ohio-Repräsentantenhauses und seit 2011 dort State Treasurer (Finanzminister?). Er hat in dem U.S. Marine Corps gedient und wirkt ausgesprochen jung und dynamisch. Kein anderer Kandidat hat auf dieser Wahlebene so viel finanzielle Unterstützung bekommen wie Mandel, nämlich 50 Millionen Dollar (diese Zahl habe ich gehört, in „The Courier“ vom 1. November steht die Zahl 30 Millionen), wozu Wahlspenden aus dem ganzen Land beigetragen haben. Gewählt bzw. wiedergewählt wurde Sherry Brown.

Am nächsten Morgen sehe ich eine Karikatur, die eine Person zeigt, die sich mit den Händen die Ohren zuhält und in einer Sprechblase zitiert wird mit den Worten „I am John the voter (Wähler), I approve the end of these messages“ (Ich bestätige das Ende dieser Wahlbotschaften; mit dieser Formel endete jeweils der Werbespot eines Kandidaten.) Insgesamt erstaunt mich, wie schnell man anscheinend wieder zur gewohnten Tagesordnung übergeht. Oder liegt meine Wahrnehmung daran, dass ich selbst in Gedanken mit dem Vortrag am 9. November beschäftigt bin?

7. November 2012

Im Gemeindebüro überwiegt die Freude über die Wiederwahl Obamas deutlich die Trauer über die Niederlage Romneys, die ich nur vermute, weil sie nicht geäußert wird.

Mittags fahren Rick und ich zu dem Arbeitskreis, in dem Pastoren und Pastorinnen aus verschiedenen Denominationen sich treffen. Die methodistische Pastorin Donna van Trees bittet Gott in ihrem Eingangsgebet um eine nationale Einheit des Volkes. Neben den Informationen zu den bevorstehenden Veranstaltungen geht es diesmal um den Bericht zweier Frauen, die in einem neu eingerichteten NAMI-Zentrum in Fremont arbeiten (NAMI ist die Abkürzung von National Alliance on Mental Illness). Zu Anfang werden die Anwesenden danach gefragt, inwieweit sie selbst als Angehörige von z. B. an Demenz erkrankten Menschen betroffen sind. Die Mehrheit hebt die Hand. Gelobt wird die Arbeit von Fairhaven in Upper Sandusky. Ähnliches gibt es in Tiffin und Fremont bisher nicht. Das neue Zentrum soll das ändern. Aber auch hier ist die Arbeit abhängig von privaten Sponsoren. Deshalb weisen die beiden Referentinnen auf die Veranstaltungen hin, die auf die Arbeit aufmerksam machen und gleichzeitig finanzielle Unterstützung gewinnen wollen. (Wanderung, Malwettbewerbe und immer dabei: Cookies und Getränke.)

Am Nachmittag und Abend arbeite ich an meinem Vortrag. Zu dem Personalausschuss der Gemeinde gehe ich deshalb nicht. (Als ich in der nächsten Woche den Bericht im Presbyterium höre, bin ich im Nachhinein auch ganz froh, nicht teilgenommen zu haben, denn es ging auch um einige nicht ganz einfache Personalfragen im Zusammenhang mit anstehenden Übergängen in den Ruhestand.)

8. November 2012

Ich nehme mir am Morgen vor, die Übersetzung des Vortrags zum 9. November so rechtzeitig fertig zu stellen, dass ich guten Gewissens am Abend zu einer Sitzung der League of Women Voters gehen kann. (Dass ich das Seminar von John Bing heute aus Zeitmangel nicht besuchen kann, ist schade, aber nicht zu ändern. „Man kann schließlich nicht alles haben.“)

Ich habe es fast auf die letzte Minute geschafft und fahre zur Trinity Church, wo die League of Women Voters zu einem Abend unter der Überschrift „Saving the Lake Erie“ eingeladen hat. Ich rechne damit, dass die Mitglieder untereinander überlegen, welche Aktionen sie starten können. Da habe ich mich geirrt. Dr. Christopher J. Winslow von der Ohio State University hält einen Vortrag.

Es sei wichtig, die Geschichte des Lake Erie zu verstehen, beginnt Dr. Winslow. Der Lake Erie steht für zwei entgegen gesetzte Möglichkeiten. In den 60er und 70er Jahren war der Lake Erie „tot“, dann steht er beispielhaft für die Möglichkeit einer ökologischen Gesundung. 1969 stand der Cuyahoga River, der durch Cleveland in den Lake Erie fließt, in Flammen - ein Fluss brennt! Das war möglich, weil er so sehr durch ölhaltige Abfälle verseucht war. Der Clean Act leitete 1972 die Wende ein. Aber seit 1995 verschlechtert sich die Wasserqualität wieder. Ein Grund sind die Stürme, die infolge des Klimawandels häufiger auftreten und größere Schäden verursachen. Diese Stürme verursachen 90 Prozent der Probleme in 10 Prozent der Zeit eines Jahres.

Es ist schwierig, die Interessen abzuwägen. Sind die Düngemittel ein Problem oder eine Wohltat? Die Düngung der Felder steigert die Erträge der Landwirtschaft, verursacht aber zwei Drittel der Phosphorzufuhr in den Lake Erie und diese verursacht ein übermäßiges Wachstum von Algen im Lake Erie. (Von 1974 bis 1984 konnte die Menge des in den Lake Erie zugeführten Phosphors von 29.000 auf 11.000 Tonnen gesenkt werden; seither steigt die Phosphorzufuhr wieder an.)

Wasserproben werden auch auf dem Universitätsgelände genommen.

Zu berücksichtigen ist auch das Interesse der Tourismusindustrie, die am Lake Erie 12 Milliarden Dollar umsetzt, davon 1,5 Milliarden in der Sportfischerei. (Eine 50:2 Formel zeigt die Konzentration der Sportfischerei am Lake Erie: Im Lake Superior, dem größten der fünf Great Lakes, befinden sich 50 Prozent des Wassers aller fünf Seen, aber nur zwei Prozent des Fischbestandes. Beim Lake Erie ist es umgekehrt: Der Anteil an der Wassermenge aller Seen beträgt nur zwei Prozent, aber 50 Prozent der Fische leben im Lake Erie.) 40 Prozent dieses Umsatzes entfallen auf den Bundesstaat Ohio und ebenfalls 40 Prozent aller „Charter Boats“ befahren den Lake Erie.

In der Forschung den Lake Erie betreffend arbeiten verschiedene Institutionen eng zusammen. Sie erproben verschiedene Maßnahmen; z.B. wird das Wasser zweimal im Jahr an der Stelle umgewälzt, wo das kalte Wasser sich am Boden absetzt und wo sich „Todeszonen“ bilden. Ein anderes Vorhaben betrifft die Trennung der Wasserkanalisation nach Regenwasser und häusliches Abwasser. Am Ende des Vortrags mahnt Dr. Winslow: Wenn wir nichts tun, wird die Zukunft schrecklich.

9. November 2012

Um 9.00 Uhr halte ich in der Herbster Chapel in dem Pfleiderer Center den Vortrag zum 9. November unter der Überschrift „Shame about the Guilt and Sorrow about the Loss“. Blake Grangaard hat speziell die Studenten seiner zu dieser Zeit stattfindenden Vorlesung eingeladen. Aber nicht nur diese sind erschienen, sondern auch andere Studierende - ich erkenne unter den Zuhörenden eine Studentin, die dasselbe politikwissenschaftliche Seminar wie ich besucht. (Sie wird mir in der nächsten Woche sagen, dass sie den Vortrag „very well done“ fand. Auf meine Rückfrage erfahre ich, dass ihr Urteil besonders den historischen Teil des Vortrags betraf.) Auch einige Professoren sind gekommen - und Nancy Rubenstein und Rick Dorsch.

Den Vortrag habe ich in drei Teile geteilt. Auf eine allgemeine Beschreibung dessen, was in der Pogromnacht und in den Tagen danach geschah, und einer Anmerkung zu der Bezeichnung „Kristallnacht“ (den Amerikanern sind die Vorgänge unter der Bezeichnung „Crystal Night“ oder „Night of Broken Glas“ bekannt) folgen ein historischer und ein theologischer Teil.

In dem historischen Teil berichte ich den Stationen meiner bisherigen Arbeit und der meiner Frau folgend von Erfahrungen in Dortmund, Lünen, Bad Berleburg und Bad Laasphe. Der Dortmunder Pfarrer Hans Tribukait gründete vor der Machtergreifung der Nazis einen Verein zur Abwehr des Antisemitismus, wurde von dem Presbyterium seiner Gemeinde nicht unterstützt und von seiner Landeskirche im Sommer 1933 vorzeitig in den Ruhestand versetzt, da er „einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern und der durch diese ermöglichten volksmissionarischen Chance im Wege stehe“. In Lünen erinnert ein Gedenkstein an zwei in der Pogromnacht erschossene jüdische Geschäftsleute, die - wie sich 1988 ältere Gemeindeglieder erinnerten - armen evangelischen und katholischen Jungen und Mädchen Anzüge oder Kleider zu dem Fest der Konfirmation bzw. der Erstkommunion geschenkt hatten. Die Tochter eines der erschossenen Kaufleute konnte mit ihrer Mutter in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina „auswandern“, für viele andere galt der Satz von Chaim Weizman: „Die Erde ist in zwei Teile aufgeteilt - in einen, in dem Juden nicht leben können, und in einen, den Juden nicht betreten dürfen.“ Aus Bad Berleburg berichtete ich davon, wie es zu der Aufstellung des Mahnmals am Berlebach im Jahre 2000 kam, dieses nach wenigen Monaten geschändet und deshalb zur Wiederherstellung abgebaut wurde. Am 9. November desselben Jahres war der leere Standort des Mahnmals ein eindrückliches Zeichen für den Verlust der jüdischen Bürger in der Stadt. „Vergesst die Sinti und Roma nicht“, mahnten bei der Einweihung sowohl die in Berleburg geborene Lucie Weinstein als auch der Landesrabbiner Henry Brandt. Aus Laasphe berichte ich davon, wie Max Hony im Jahr 1933 schikaniert wurde, in die Niederlande floh, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht vor der Deportierung zusammen mit seiner Frau von einem Blumenhändler versteckt wurde, in diesem Versteck überlebte und bei einem Besuch in seiner Geburtsstadt fast 60 Jahre nach seiner Flucht feststellen musste, dass damalige Täter noch immer einflussreiche Positionen in der Stadt besetzten. Ich berichte auch von Arnold Hony, dem Sohn von Max Hony, der zur Verlegung der ersten Stolpersteine in Bad Laasphe im Jahr 2006 nach Bad Laasphe gekommen ist. Er brauchte eine lange Zeit, bis er die Kraft und den Mut fand, einen Briefumschlag zu öffnen, in dem er Fotos seiner Familie aus der Zeit in Laasphe aufbewahrte.

In dem dritten Abschnitt erkläre ich thesenartig: 1. Gottes Bund mit seinem Volk Israel ist nicht gebrochen. Wenn die Kirche sich an die Stelle Israels setzt, ist das Antisemitismus in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes (die griechische Präposition „anti“ hat die Grundbedeutung „anstelle von“). 2. Zu meinen, der Gott des Alten Testaments sei ein Gott der Rache, der Gott des Neuen Testaments ein Gott der Güte ist das Ergebnis eines theologischen Vorurteils und philologischer Unkenntnis. 3. Das Verständnis des Neuen Testaments erschließt sich vom Alten Testaments her. (vgl. die Bezeichnung Jesu als Sohn Gottes erschließt von der Bezeichnung Israels als Gottes „erstgeborenen Sohn“ (Ex. 4, 22) und die Passion und Auferweckung Jesu von Psalm 22 her) 4. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom will Paulus nicht auf die Frage Martin Luthers „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ antworten, sondern er will das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in einer Gemeinde ohne die Beachtung der spezifisch jüdischen Verhaltensgebote theologisch legitimieren. Im Zentrum der „Rechtfertigungslehre“ des Paulus steht die Möglichkeit eines Zusammenlebens Verschiedener in Gerechtigkeit.

Nach dem Vortrag bleibt Zeit für zwei Nachfragen. Ein Student fragt danach, ob die Beschreibung meiner eigenen Entwicklung, dass ich über die Nazizeit in der Schule nichts und über das Judentum in der universitären und kirchlichen Ausbildung fast nichts bzw. fast ausschließlich aus meiner heutigen Sicht Falsches gelernt habe, auch für die heutigen Schüler und Studenten in Deutschland gelte. Ich antworte: In der Schule wird kein Abschnitt der deutschen Geschichte so oft (wenn auch unkoordiniert) behandelt wie die Nazizeit, in der Kirche hat es spätestens seit 1980 eine Neubestimmung des Verhältnisses der Kirche zu dem jüdischen Volk und Israel gegeben. Die zweite Frage kommt von Nancy Rubenstein, der Leiterin der Universitätsbibliothek. Sie fragt, ob ich etwas zu dem Stichwort „Holocaust-Industrie“ sagen kann. Ich antworte, dass sie mit diesem Stichwort wohl eine These von Norman Finkelstein meine. Bevor ich auf Finkelsteins These eingehe, will ich auf einen anderen Zusammenhang von Holocaust und Industrie hinweisen: Die Juden sind industriemäßig vernichtet worden, zuletzt wie jüdische Menschen aus Berleburg und Laasphe in Belzec und Sobibor, ohne dass noch irgendwelche Aufzeichnungen von ihrer Ermordung vorgenommen wurden. Zu der These Finkelsteins, dass „die Juden“ aus der Tatsache, dass ein großer Teil von ihnen ermordet worden ist, eine finanzielle Einkommensquelle gemacht haben, antworte ich mit der Gegenthese, dass die Räuber von damals bis heute von ihrem Raub profitieren. Und wenn behauptet wird, dass die Israelis sich eine Kritik an ihrer Politik im Nahen Osten mit dem Hinweis auf den Holocaust verbäten, ist auch dieses meines Erachtens eine unzulässige Vereinfachung der komplizierten Frage, wie ein Weg zum Frieden im Nahen Osten gefunden werden kann.

Erschöpft, aber auch zufrieden gehe ich zum Gemeindebüro. In der Trinity Church gibt es jeden zweiten Freitag im Monat ein Treffen der „Keenagers“, ein Potlack-Essen für über 55-Jährige. Sicher würde für mich als Gast eine Ausnahme gemacht werden, aber ich erfülle diese Bedingung ja deutlich. Ich kann mir meinen Platz nicht aussuchen. Für mich ist der Platz neben dem heutigen Referenten frei gehalten. Zunächst verstehe ich das falsch. Dr. Kenneth Krieger, der neben mir sitzt, ist nicht der Sprecher der Universität, sondern der Sprecher der heutigen Zusammenkunft der Keenagers. Dr. Krieger leitet das Institut zur Erforschung der Wasserqualität an der Heidelberg Universität, das 1969 Dave Baker gegründet hat und mit dem auch John Crumrine zusammengearbeitet hat. Er hält im Anschluss an das Essen einen Vortrag über den Zustand des Lake Erie. Sein Thema ist also das gleiche wie das, zu dem ich gestern einen anderen Vortrag gehört habe. Ich bin nicht ganz bei der Sache. In der Power Point Präsentation von Dr. Krieger erscheinen viele Angaben in einer Schnelligkeit, die meine Auffassungsgabe - vielleicht nur heute - überfordern. Die kurze Diskussion im Anschluss zeigt, wie verschieden man das Gesagte aufnehmen kann. Percy Lilli, ein emeritierter Biologieprofessor der Heidelberg Universität, dankt dem Referenten für die geleistete Forschungsarbeit und ist, was die Zukunft angeht, guter Zuversicht. Misses Melter, die Ehefrau des pensionierten Pfarrers Jim Melter, beklagt im Gegenzug die Entwicklung. Sie lässt sich kaum bremsen. Sie verweist lautstark auf den Gestank, der durch die Zunahme der Algen im Lake Erie verursacht ist. Dieser Gestank vertreibe die Gäste aus den Restaurants am Ufer des Sees, die in der früheren Zeit beliebte Ausflugslokale waren. Ihr Mann war in dieser Gegend Pfarrer und sie kenne einige dieser Restaurants. Als ich nach dem Vortrag über den Lake Erie und den unerlässlichen Informationen zum Kassenstand der Keenagers gefragt werde, ob ich noch einige Worte sagen wolle, verneine ich. (Später bekomme ich dafür ein Dankeschön zu hören, weil die Veranstaltung auch so schon länger als üblich gedauert habe.)

10. November 2012

Am Morgen startet ein „Running for Peace“ in der St. Francis Siedlung. Ich vermute einen Lauf und den traue ich mir nicht zu. Bestärkt werde ich in meinem Beschluss, nicht teilzunehmen, durch die Ankündigung einer internationalen Literaturveranstaltung für die ganze Familie in der Stadtbücherei, die sich heute mit deutscher Literatur befassen wird. Diese Veranstaltung beginnt eine halbe Stunde später als der von mir vermutete „Friedenslauf“. Da könnte ich doch noch schnell ein paar Fotos machen. Ich fahre in die St. Francis Siedlung und komme gerade noch rechtzeitig, um die Gruppe fotografieren zu können, die sich aufmacht, einen Rundkurs von vielleicht einer Stunde zu „wandern“. Na, da hätte ich ja gut mitmachen können, zumal die Sonne scheint und Bewegung mir sicher gut tun würde. Aber zu spät. In der Stadtbücherei erlebe ich die nächste Überraschung. Die „deutsche Literatur“ ist die Geschichte von St. Martin, die von zwei deutschen Studenten und einem deutschen Austauschschüler einer Schar von vielleicht zehn Kindern vorgespielt und erzählt wurde. Die Kinder lernten das Lied „Laterne, Laterne“. (Schade, dass das Lied „Sankt Martin, Sankt Martin“ nicht ausgewählt wurde, das kann man doch mit viel mehr Inbrunst singen! Ich habe dieses, so gut ich konnte, vorgesungen.) So schlecht ich auch singen kann, hier fühlte ich mich wirklich nützlich. Anschließend wurden Laternen gebastelt - auch ich habe mir eine Laterne gebastelt - , mit denen die Kinder dann zu drei Personen im Raum gingen, um eine „milde Gabe“ zu erbitten, die sie in Form eines Schokoriegels auch bekommen haben. Ich durfte eine der drei Personen sein, bei denen die Kinder anklopften. Ich hatte richtig Spaß daran, aus dieser kurzen Szene ein kleines Theaterstück zu machen. Und weil es mir selbst Spaß macht, habe ich dem Organisator dieser „Literaturstunde“ Joe Moore, dem Direktor für interkulturellen Austausch an der Heidelberg Universität auch zugesagt, Ende des Monats bei einer ähnlichen Veranstaltung über St. Nikolaus mitzumachen. Anmerkung: Die Geschichte von Sankt Martin ist hier übrigens weitgehend unbekannt.

„Abends präsentiert Doug McConnell in der Reihe 'Filme im Gespräch' den Film 'Higher Ground'.“

Abends präsentiert Doug McConnell in der Reihe „Filme im Gespräch“ den Film „Higher Ground“ (Regie: Vera Farmiga, 2011). Er stellt diesen Film als einen der wenigen Filme Hollywoods vor, die ein religiöses Thema angemessen darstellen. „Higher Ground“ zeichnet die Geschichte der Buchautorin Carollyn Briggs nach, die in ihrem Buch „This Dark World“ beschreibt, wie sie den Weg in eine pfingstlich geprägte Gemeinde findet, diese dann verlässt und diese noch einmal respektvoll besucht, um dann doch ihren eigenen Weg zu gehen. Die anschließende Diskussion klärte anfangs mehrere symbolische Szenen des Films, um dann mit der Frage zu enden, was dieser Film zu einer Antwort auf die Frage, wie wir heute glauben können, beitragen kann. Vielleicht muss man die Frage so stellen: Gibt es einen Weg des Glaubens, ohne die Nähe Gottes zu fühlen? Zu „fühlen“, darauf liegt die Betonung.

Das Thanksgiving Meal in der Trinity Church.

11. November 2012

Heute wird in der Trinity Gemeinde der Stewardship Sunday begangen, d.h. im Gottesdienst werden die „Pledges“ eingesammelt. Pledges sind die Verpflichtungen, die die Gemeindeglieder gegenüber der Gemeinde eingehen. Diese Verpflichtungen betreffen die finanziellen Zuweisungen an die Gemeinde, aber auch die Übernahme bestimmter Dienste wie die Bewirtung der Gottesdienstteilnehmer nach dem Gottesdienst oder die Predigt für die Kinder und vieles andere. Nach dem zweiten Gottesdienst versammeln sich die Gottesdienstbesucher zu einem gemeinsamen Mittagessen - für die Trinity Gemeinde ist es gleichzeitig das gemeinsame Thanksgiving-Essen.

„Für mich ist es die letzte Übernachtung bei den Gastgebern Bob und Nancy Howe. Beide waren mir eine große Hilfe“, so Johannes Weissinger, der aus seinem Zimmer bei Familie Howe genau diesen Ausblick hatte.

Für mich ist es die letzte Übernachtung bei den Gastgebern Bob und Nancy Howe. Beide waren mir eine große Hilfe. Manches Mal habe ich Bob gefragt, wenn ich in der Bedienung meines Laptops Schwierigkeiten hatte.

Als ich einmal gleich mehrere Fragen hatte und schon fürchtete, diese Fragen würden Bob etwas zu viel, fragte ich zum Schluss: „Darf ich noch eine Frage stellen?“ „Ist es wirklich die letzte?“, fragte Bob zurück. Fortan wurde das fast zu einer Eingangsformel, wenn ich wieder einmal einen Rat brauchte: „Ich habe noch eine letzte Frage.“