Johannes Weissingers zehnter Bericht

26. Oktober 2012

Das Wetter hat umgeschlagen. Nach dem warmen Tag gestern ist es heute kalt und regnerisch. Zudem stürmt es. Für New York und die Ostküste wird ein Hurrikan angekündigt, der den Hurrikan im Jahr 2007 als „klein erscheinen lässt“.

Am Vormittag besuche ich die Vorlesungen von Blake Grangaard. Er stellt mich den Studenten vor mit dem Hinweis auf die Verlegung der Stolpersteine in Bad Berleburg und meine Absicht, das Ehepaar Gonsenhäuser in Cleveland zu besuchen. Dann gibt er mir die Gelegenheit, selbst etwas zu dieser Arbeit zu sagen. Das möchte ich aber lieber vorbereiten, um die „richtigen englischen Wörter zu finden“. Ich schlage vor, den 9. November für diesen Bericht vorzusehen, weil das ein besonderer Tag sei. Blake erinnert sich: „Dieser Tag war die Kristallnacht, nicht wahr.“ Ich sage kurz, dass dieser Ausdruck zwar noch immer gebraucht würde, aber der Begriff Pogromnacht angemessener sei, weil der Ausdruck „Kristallnacht“ ein Propagandabegriff der Nazis gewesen sei. Danach fährt Blake in seiner Vorlesung fort.

Es geht um die Ausbreitung des Christentums in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, um die Organisation und Lehre der frühen Christenheit. Anhand einer Tabelle, die darstellt, welche Schriften Ignatius von Antiochien, Marcion, Irenäus, Athanasius und viele andere als kanonisch anerkannten, zeigt Blake, dass der heutige Kanon eine Sammlung verschiedener Schriften ist. (Eine Weisheit aus meinem Wörterbuch: Don't use the canon as a canon, was so viel heißt: Gebrauche den Kanon nicht als Kanone.) Ich lerne vor allem, wie die Schlagwörter der christologischen und trinitarischen Auseinandersetzungen auf Englisch ausgesprochen werden. Gegen Ende der Stunde gibt Blake sein Verständnis der Trinitätslehre an die Studierenden weiter: Gott sei so sehr ein Gott, der in Beziehungen lebt (being in relationship), dass er auch als in sich beziehungsreich gedacht werden kann.

Die anschließende Vorlesung hat das Alte Testament zum Thema, heute beginnt das Kapitel über die Propheten. Als ich mich nach der Stunde von Blake verabschiede, fragt er lachend, „ob ich genug gelitten hätte“. Ganz im Gegenteil, versichere ich ihm und sage ihm, welche Gedanken mir während seiner Vorlesung gekommen seien. Das Buch Jesaja hatte Blake als ein Buch „three in one“ vorgestellt. „Three in one“? Diesen Ausdruck hatte ich doch schon in der vorherigen Stunde gehört – als Begriff des Dogmas über die Trinitätslehre. Da könne man doch mal durchspielen, schlage ich Blake vor, ob man die Trinitätslehre nicht analog zu dem Vorschlag von Friedrich-Wilhelm Marquardt, die Wörter „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ als biblische Namenserweiterung des „Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs“ zu verstehen, den drei Teilen des Jesaja-Buches folgend als „Gott Israels, der Völker und der ganzen Menschheit“ verstehen könne, oder, wenn man die Dreiteilung in der Vision Jesaja 6 als Anregung nehme, als „Gott, vor dessen Angesicht wir leben, als Gott, in dessen Wegen unsere Füße gehen sollen, und als Gott, dessen Geistbraus uns trägt in die Zukunft Gottes, in das Land der Verheißung“. „Vielleicht, interessant“, antwortet Blake. Er ist ein freundlicher Lehrer. Ich danke ihm jedenfalls beglückt über diesen Einfall: Wozu die Darstellung in einer fremden Sprache nicht alles gut ist, denke ich. Aber ich kann nicht bleiben, weil ich noch mit Rick über den kommenden Sonntag sprechen will, und heute ist Freitag, da schließt das Gemeindebüro mittags.

Der Wetterumschwung macht mir etwas zu schaffen. Eigentlich wollte ich ja meine Berichte weiter schreiben, aber dazu fehlt mir „die Puste“. So sehe ich mir im Internet die „dritte Fernsehdebatte zur Präsidentschaftswahl“ an. Ich bin erstaunt, dass nicht Obama und Romney auf dem Schirm erscheinen, sondern die Kandidaten, die es sonst noch gibt: Jill Stein (Grüne Partei), Richard „Rick“ Duncan (Sozialist), Virgil Goode (Verfassungspartei) und Gary Johnson (Libertarian). Sie debattieren nach denselben Verfahrensregeln wie die, die in der Nacht der Kandidaten in Tiffin angewandt wurden, die Themen, die in den Debatten zwischen Obama und Romney ausgespart worden sind: das Wahlverfahren, die Legalisierung von Marihuana, die gleichgeschlechtlichen Ehen, der Krieg in Afghanistan, der Zugang zu den Hochschulen für alle, der Klimawandel.

Goode, ein ehemaliger Gouverneur, weist das Argument, ein Wähler vergeude doch seine Stimme, wenn er einen Kandidaten, der offensichtlich keine Chance auf den Sieg habe, wähle, zurück mit der Gegenbehauptung, dass die Stimmabgabe für einen Kandidaten, dem man eigentlich nicht zustimmen wolle, bedeute, nichts aus seiner Stimme zu machen. Jill Stein weist auf ihre 25-jährige Tätigkeit als Ärztin hin, als sie sagt: „Marihuana ist nicht verboten, weil es gefährlich ist, sondern es ist gefährlich, weil es verboten ist.“ Ich habe leider die genaue Zahl vergessen, ein wie hoher Prozentsatz der Gefängnis-Insassen wegen Drogenvergehen einsitzt. Es ist ein erstaunlich hoher Prozentsatz. Von Jill Stein höre ich auch das Argument, das ich in der Veranstaltung „Move to amendment“ in Fremont gehört habe: „Unternehmen sind keine Personen, die demokratische Rechte haben.“

Nach dem Abendessen zeigt mir Nancy drei Bücher und will von mir etwas über den Inhalt der Bücher erfahren. Das erste Buch stammt von Bobs Vater, es ist ein Neues Testament mit Psalmen in der Ausgabe der Gideons speziell für die US-Marine. Sein Name D.L. Howe ist mit so fetten Buchstaben eingestempelt, dass die Widmung des Präsidenten Franklin Roosevelt auf der Vorderseite und der Wortlaut des Vaterunsers auf der Rückseite teilweise nicht zu lesen sind. Die Auswahl einiger beliebter Lieder beginnt mit dem Lied „Onward, Christian Soldiers“, dessen Refrain lautet: „onward, Christian soldiers! Marching as to war,/ With the cross of Jesus Going on before.” Auch das Lied “Nearer, My God to Thee” findet sich in der Auswahl, an die sich die zwei nationalen Lieder anschließen „America“ und „The Star-Spangled Banner“ anschließen.

Das zweite Buch hat auf der Vorderseite den Eindruck „Bertha Schwartze 1910“. Es stammt von Bobs Großmutter und ist das „Kirchen-Gesangbuch für Evangelisch-Lutherische Gemeinden ungeänderter Augsburgischer Confession, darin des sel. Dr. Martin Luthers und anderer geistreichen Lehrer gebräuchlichste Kirchen-Lieder enthalten sind.“, St. Louis, Mo., Concordia Publishing House, 1909. Das Lied „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ beschließt als Nummer 443 die Reihe der Lieder. (In der dritten Strophe heißt es: „Im Augenblick wird sie erheben sich bis an das Firmament, wenn sie verläßt so sanft, so wunderlich die Stätt der Element, fährt auf Eliä Wagen, mit engelischer Schar, die sie in Händen tragen, umgeben ganz und gar.“) Im Anhang finden sich Gebete, Luthers Kleiner Katechismus, das Augsburger Bekenntnis, die Sonntagslesungen und zum Abschluss sieben Seiten lang eine „Beschreibung von der Zerstörung der Stadt Jerusalem“.

Das dritte Buch, eher ein Büchlein, „Eins ist noth. Worte freundlicher Erinnerung an unsere confirmierte weibliche Jugend“ hat auf der ersten Seite eine Widmung an Bertha Schwartze: „Suche Jesus und sein Licht/ alles andere hilft dir nicht. Dein Pastor W..st(?) Hartmann .“ Bertha wird davor gewarnt, sich zu Tanzveranstaltungen und anderen Lustbarkeiten einladen zu lassen; sie soll lieber zuhause ein gutes Buch lesen. „Wer ein gutes Buch liest, ist in guter Gesellschaft. Das ist wahr.“

27. Oktober 2012

Ab morgen wird die Zahl der Tage, die ich schon in Tiffin bin, die Zahl der Tage, die noch verbleiben, übersteigen. Oder andersherum: das Ende meines Aufenthaltes kommt in Sicht. In der gestrigen Ausgabe der New York Times wurde daran erinnert, dass vor 50 Jahren die Kubakrise auf ihrem Höhepunkt war. Am 26. Oktober 1962 um 2 Uhr nachmittags schrieb Castro einen Brief an Chruschtschow, in dem er diesen ermutigte, einen Angriff auf die USA mit Nuklearwaffen zu starten. Eine Stunde später besuchte Castro den sowjetischen Botschafter und teilte ihm mit, er solle in den Bunker gehen, weil ein Angriff unmittelbar bevorstehe. Chruschtschow hat nach Zeugenberichten die Aufforderung Castros spontan mit dem Ruf beantwortet: „Das ist Wahnsinn; Fidel will uns alle mit sich ins Grab zerren.“ Castro konnte nicht wissen, dass Chruschtschow und Kennedy inzwischen eine gemeinsame Wellenlänge zur Abwendung der Gefahr eines Atomkrieges gefunden hatten.

Die Autoren dieses Artikels in der New York Times, James G. Blight und Janet M. Lang (Ortsangabe: Waterloo, Ontario!), ziehen eine Parallele zwischen heute und damals, wenn sie davor warnen, den Iran in eine Ecke zu drängen, in der dem Iran in dessen Wahrnehmung nur die Wahl zwischen Kapitulation und Märtyrertum bleibt. Oberstes Ziel der US-Politik müsse es sein, Israel davon zu überzeugen, sich zurückzunehmen, und den Iran zu überzeugen, dass es Israel und die USA nicht zu fürchten hätte. Der Artikel endet mit einem düsteren Ausblick: „In 1962, the Sovjets just barely stopped the Cunbans; this time, there is no Krushchev.”

Vormittags versuchen John Crumrine und ich mehrmals vergeblich, Fotos von unserer Tour am Donnerstag auszutauschen. Den Grund erfahre ich am Sonntag: Der Sturm hatte eine Leitung an Johns Haus beschädigt. Schließlich kommen die Mails aber am Samstag noch an.

Ich schreibe an meinem Bericht.

28. Oktober 2012

In den Gottesdiensten in der Trinity Church wird heute der „Memorial Sunday“ begangen. 14 kleine Holzkreuze mit den Namen der im vergangenen Jahr gestorbenen Gemeindeglieder liegen auf dem Altar. Nach einer kurzen Eingangsliturgie halten Rick und ich abwechselnd ein Kreuz hoch und lesen den Namen. Nach jeder Namensnennung schlägt Donna Overholt, die Leiterin des Bell Coir, eine Glocke an. Lynne Huenneman singt, von der Orgel begleitet, „Bleib bei mir, Herr“. Rick predigt über die Auferweckung des Lazarus, ich spreche ein Gebet nach der Predigt.

Am Nachmittag beginne ich mit der Vorbereitung des Vortrages über Bonhoeffer, den ich morgen in der First Presbyterian Church halten werde. Meine Vorbereitung besteht im Wesentlichen darin, dass ich mir die Übersetzung eines Vortrages, den ich im letzten Jahr in Bielefeld gehalten habe, aneigne. Ich verdanke diese Übersetzung ins Englische Dr. Waltraud Bork aus Bad Laasphe.

29. Oktober 2012

Ich fahre morgens zur Universität, weil ich Blake Grangaard sagen will, dass ich diese Woche die Vorlesungen nicht besuchen kann. Blake spricht heute über konfessionellen Unterschiede in der Lehre und Praxis der Beichte und der Eucharistie. Blake erzählt davon, wie in seiner norwegischen Heimatgemeinde der Pastor den Kindern im Konfirmationsgottesdienst die Füße gewaschen hat. Der erste Gedanke seiner Eltern sei gewesen: „Hoffentlich haben die Socken unseres Sohnes kein Loch.“ Die Konfessionen, über deren unterschiedliche Verständnisse der christlichen Tradition Blake spricht, sitzen in der Gestalt der teilnehmenden Studierenden leibhaftig vor ihm. Das erfordert eine respektvolle Art der Darstellung.

Danach gehe ich in die Universitätsbibliothek. Ich will – ich schäme mich fast, erst jetzt auf diesen Gedanken gekommen zu sein – danach fragen, ob ich Bücher von Dietrich Bonhoeffer in englischer Übersetzung entleihen kann. An dem Empfang sitzt Nainsi Houston, die ich aus dem Bell Choir kenne. Die Schreibweise ihres Vornamens verwundert mich. So habe man ihren Namen in Irland geschrieben und in Erinnerung an ihre Vorfahren hätten ihre Eltern ihr diesen Namen gegeben, erklärt mir Nainsi. Sie sieht im Computer nach: Dietrich Bonhoeffer? Der Computer zeigt eine Fülle von Büchern an, die verstreut in den Regalen stehen. Die „Briefe aus der Haft“ stehen sogar in einem gesonderten Zimmer, das der Briefliteratur vorbehalten ist. Normalerweise darf jemand nur fünf Bücher entleihen, ich darf alle sechs Bücher, die ausgesucht habe, mitnehmen. Eine weitere Großzügigkeit ist, dass mir ein Bibliotheksausweis ausgestellt wird. „Da könne sie ein gutes Gewissen haben, ich hätte mich schließlich an dem Lehrbetrieb beteiligt“, versichere ich der Bibliotheksangestellten.

Am Abend spreche ich in der First Presbyterian Church über das Thema „Encounter and Responsibility. Dietrich Bonhoeffers Perspective of Peace.“ Zum Abschluss will ich zwei Stellen aus den Gefängnisbriefen vorlesen. Ich bin unzufrieden mit mir, wie ich das Gedicht „Christen und Heiden“ vorlese, und gebe das Buch an Kathy Venema, die Veranstalterin des Abends, weiter. Aus ihrem Mund klingt das Gedicht entschieden besser. Danach lese ich aus dem Brief Bonhoeffers zur Taufe seines Patensohnes den Schluss vor, um an diesem Beispiel zu zeigen, wie Bonhoeffer seine Gedanken während des Schreibens entwickelt hat. Das Christsein wird in unserer Zeit nur aus zweierlei bestehen: aus dem Beten und Tun des Gerechten, schreibt Bonhoeffer, um dann kurz nach dieser Stelle seinem Vertrauen Ausdruck zu geben, dass es Menschen geben werde, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes kommenden Tag warten. Es schließt sich eine kurze Diskussion an. Wir sind – so scheint mir – schon etwas über die übliche Zeitdauer hinaus. Die Veranstalterin ist mit dem Abend zufrieden, erst recht mit dem Besuch, mussten doch noch weitere Stühle geholt werden. Ich freue mich darüber, dass Menschen aus verschiedenen Gemeinden zusammen gekommen sind. Neben der gastgebenden Gemeinde und der Trinity Church ist auch die First Lutheran Church durch ihren Pfarrer Ken Gilliken vertreten. Besonders beglückt mich, dass auch der Student John Huenneman, der Kriegsdienstverweigerer, gekommen ist.

Ob das Treffen des Partnerschaftsausschusses der UCC in Mansfield wohl zustande kommt? Noch ist es nicht abgesagt. Ich vereinbare mit Kay Cox einen Treffpunkt für eine gemeinsame Fahrt. E-Mails gehen hin und her.

30. Oktober 2012

Nun wird es doch nichts mit der Fahrt nach Mansfield. Zu viele Mitglieder des UCC-Ausschusses haben kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt. Ein Kollege begründet seine Absage damit, dass in seiner Stadt die Schulen wegen des Sturmes geschlossen bleiben und er sich deshalb zuhause um seine Tochter kümmern muss. Sigrid Rother wird sich um einen neuen Termin bemühen.

Heute findet eine Pfarrkonferenz für die Region Nordwest-Ohio in der „großen Halle“ des Campus Center der Heidelberg Universität statt. Statt nach Mansfield fahre ich also erst ins Gemeindebüro, wo ich Rick zu treffen hoffe. Er ist aber schon unterwegs. Und ich erfahre, dass die Pfarrkonferenz entgegen meiner Annahme nicht erst in zwei Stunden, sondern schon in zehn Minuten beginnen wird. Der Ort, an dem die Pfarrkonferenz stattfindet, lässt sich nicht genau ermitteln, aber ich habe eine Ahnung, wo „die große Halle“ sein könnte. Ich komme noch rechtzeitig vor dem Beginn, ich bin nicht einmal der letzte Ankommende. Dan Busch hat eine Art Liturgie aus Bibelstellen unter der Überschrift „Freude“ zusammengestellt.

Dann tritt Kay France aus New York mit dem Programm „Taking the Road Less Stressed“ auf. Sie bezeichnet sich als „motivational humorist“. Sie hat ein Buch geschrieben, was man gegen Stress tun kann. Sie hat ihre Botschaft in mehrere Schritte unterteilt, die jeweils unter einem bestimmten Motto stehen. Ich verstehe wenig und freue mich, dass ich ganz am Rande sitze, denn da fällt, so hoffe ich, nicht so auf, dass ich im Gegensatz zu den meisten im Raum über die Aufführung von Kay Frances nicht lachen kann. Ich schreibe mit Absicht „Aufführung“, denn sie tritt auf wie eine Comedian, zu deren Auftritt es gehört, dass die Zuhörer fast im Minutentakt zum Lachen gebracht werden (siehe www.kayfrances.com). In der dritten Stunde freilich wird weniger gelacht, da geht es eher konventionell zu: Ein mehrseitiges Papier wird ausgeteilt und Punkt für Punkt besprochen. Unter den Aufforderungen finden sich auch so praktische Hinweise wie: „Der Körper braucht Bewegung.“ (In der englischen Formulierung „the body needs movement“ klingt für mich noch mehr an, nämlich, dass auch „the body of Christ“ Bewegung braucht.) Vielleicht hilft es ja, von einer Autorität gesagt zu bekommen, weniger zu essen und mehr zu schlafen.

Zwischendurch tritt neben Kay France ein Pfarrer aus einer methodistischen Gemeinde auf, der sich darauf spezialisiert hat, die biblische Botschaft in humorvoller Weise weiterzugeben. Der Opfer des Hurrikans „Sandy“ wird auch gedacht. Einen pensionierten Pfarrer, der, wie er erzählt, früher mit Gemeindegruppen öfter nach Oberammergau zu den Passionsspielen gefahren ist, frage ich, ob er Schwierigkeiten hatte, heute nach Tiffin zu fahren. Er verneint. Überlegt habe er schon, ob er fahren solle, aber dann habe er sich gesagt, er wolle tapfer sein, erklärt er. Eine ältere Pfarrerin erzählt, dass sie nach 40 Jahren noch einen akademischen Grad erworben hat, den sie aus finanziellen Gründen nicht früher erwerben konnte.

  • Auch in den USA gibt es den Gedanken des Recyclings.
  • Erneut kann Gottes Volk einen guten Zimmermann gebrauchen.
  • „An dieser Stelle kreuzen sich 'Grace Street' und 'Wall Street'. Mag ja sein, dass mein Interesse etwas Kalauerhaftes an sich hat, aber ich freue mich trotzdem über das Foto.“

31. Oktober 2012

Heute Morgen bin ich mit Dale Schwochow verabredet. Er zeigt mir die Häuser, die die Gruppe „Habitat for Humanity“ nicht, wie ich gedacht habe, instand setzt, sondern neu baut. Wir fahren an den Stadtrand von Tiffin. Dort hat Habitat ein großes Gelände erworben, auf dem nach und nach Häuser errichtet werden, geräumige Einfamilienhäuser mit Rasen um das Haus herum. Was denn so ein Haus koste, frage ich. Dale antwortet: 60.000 bis 80.000 Dollar. Bei dem zweiten Haus, das Dale mir zeigt, ist der Innenausbau noch nicht abgeschlossen. So bekomme ich einen Einblick in die Bauweise. Zugegeben, ich bin nicht vom Fach, aber meine Frau und ich haben vor bald 20 Jahren dasselbe Material zur Dämmung der Wände verwendet, nur mit etwas dickerer Stärke. Heute, denke ich, könnte man die Wände besser dämmen. Dale zeigt mir weitere Häuser. In einem Haus wird gerade renoviert, obwohl das Haus erst vor vier Jahren gebaut wurde. Aber die Bewohner/ Eigentümer haben so viele Schäden in dem Haus angerichtet, dass sie das Haus an Habitat zurückgeben mussten. Ein anderes Haus, das vor zehn Jahren errichtet wurde, wird neu gestrichen, weil die Bewohner nach ihrer Ehescheidung das Haus an Habitat zurückgegeben haben.

Dale zeigt mir auch noch die Geschäftsstelle von Habitat in Tiffin, die mit einem Büro, einer Küche samt Sitzgelegenheiten für ca. 16 Personen und einer Lagerhalle für Material und Werkzeuge gut eingerichtet ist. Sie ist nach einem inzwischen verstorbenen Mann benannt, der sich in seiner Freizeit sehr engagiert hatte. Als wir aus der Straße, in der die Geschäftsstelle liegt, an einer Kreuzung in eine andere Straße abbiegen, bitte ich Dale noch einmal zurückzufahren, damit ich ein Foto machen kann. An dieser Stelle kreuzen sich „Grace Street“ und „Wall Street“. Mag ja sein, dass mein Interesse etwas Kalauerhaftes an sich hat, aber ich freue mich trotzdem über das Foto.

Am Nachmittag nehme ich an einem Gespräch unter der Leitung von Dan Busch teil. Es geht um die Planung einer Veranstaltung im nächsten Jahr. Am 27. April wird unter dem Motto „Child of Blessing. Child of Promise“ der Gründung der UCC Association von Nordwest Ohio gedacht werden, die vor 50 Jahren in der Trinity Church vollzogen wurde. Eine solche Veranstaltung muss gründlich in allen Einzelheiten besprochen werden. Das Programm steht, jetzt geht es um die technische Durchführung.

Heute Abend hat Wilma Farmer mich zum zweiten Mal zu einem Dinner eingeladen. Vorher aber fahre ich bei Gene Perl vorbei. Ihr Mann, Pfarrer in der dritten Generation, ist im Sommer diesen Jahres gestorben. Gene zeigt mir deutsche Gesangbücher – das älteste ist aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts -, zwei Gottesdienst-Agenden, eine katholische Bibelausgabe (von der Vulgata ins Deutsche übersetzt) und einen Katechismus, der von einem Pfarrer aus Bloßwitz (wohl ein Ort in der Nähe des Spreewalds) verfasst worden ist. In dem ältesten Gesangbuch liegt eine Einreisegenehmigung in die USA: Ein Vorfahre aus Leuthen ist von Bremen aus nach Amerika gekommen. In der Gottesdienst-Agenda, die Genes Ehemann benutzt hat, fällt mir auf, dass an einer Stelle das Adjektiv „evangelical“ vor „church“ durch den handschriftliche Zusatz „and reformed“ ergänzt worden ist. Bedenkt man, dass die Heidelberg Universität sich auf ihren Flyern zur eigenen Geschichte als Gründung der „German Reformed Church“ vorstellt, ist es meines Erachtens eine Überlegung wert, wie dieses Erbe von unserer Kirche in Deutschland bedacht und gepflegt wird. Nach dem gemeinsamen Essen geht es bei Wilma entspannt zu. Die Teilnehmer tauschen sich darüber aus, welche Unterhaltungssendungen im Fernsehen sie am liebsten sehen. Schade, dass mein Gastgeber Bob allein gekommen ist, weil es seiner Frau Nancy nach einer kleinen (?) Operation heute Abend nicht so gut ging.

„Ich nutze die Zeit am Vormittag, um in Fremont das Rutherford B. Hayes Presidential Center zu besichtigen.“

1. November 2012

Um 1 p.m. (deutsch: 13 Uhr) bin ich mit Josie und Denny Seltzer in Fremont verabredet. Beide nehmen mich mit zu einem Treffen des Katholischen Friedensbundes (www.catholicpeacefellowship.org) in South Bend, das drei Stunden Fahrzeit entfernt im Staat Indiana liegt.

Ich nutze die Zeit am Vormittag, um in Fremont das Rutherford B. Hayes Presidential Center zu besichtigen. Hayes war der 19. Präsident der Vereinigten Staaten (1877-1881) und einer von acht Präsidenten, die aus Ohio kamen. Hayes war der erste Präsident, der im Weißen Haus eine Schreibmaschine benutzte und ein Telefon hatte (sein Telefon in Fremont hatte die Rufnummer 35) und der während seiner Amtszeit eine Reise an die Westküste unternahm (er brauchte dazu mehr als 70 Tage). Er war auch der Präsident, der am Ostermontag 1878 zum ersten Mal auf dem Rasen des Weißen Hauses ein Ostereiersuchen für Kinder veranstaltete – daraus wurde ein Brauch, den seine Nachfolger bis heute pflegen.

Das Presidential Center umfasst einen Park mit dem Grabmal des Präsidenten, das Haus, in dem die Familie Hayes wohnte, und ein Museum mit einer Bibliothek. (Die 12.000 Bücher, die Hayes besaß, sind allerdings zum größten Teil nicht zu besichtigen. Sie sind wegen ihres Alters so aufbewahrt, dass sie keinen Schaden nehmen, erklärt mir eine Bibliotheksangestellte. In dem Wohnhaus, in dem man leider nicht fotografieren darf, habe ich neben den Werken von Shakespeare, Balzac und Dumas auch die „Sämtlichen Werke von Fritz Reuter“ im Regal entdeckt – ein Zeichen, dass Hayes´ Bibliothek aus dem 19. Jahrhundert stammt.) Das Wohnhaus ist noch wie zu Zeiten des Präsidenten möbliert.

„Wir kommen so frühzeitig in South Bend an, dass wir noch Zeit für einen Besuch der Kathedrale haben.“

Die Fahrt nach South Bend führt über die Autobahn in westlicher Richtung. Diese Autobahn ist mit nicht-staatlichen Mitteln gebaut. Deswegen müssen ihre Benutzer eine Mautgebühr bezahlen. Josie hat mir von der Zeitschrift „The Sign of Peace“, die das Catholic Peace Fellowship herausgibt, einige Exemplare der vergangenen Jahre geschenkt. Ich greife wahllos ein Heft heraus und lese darin während der langen Autofahrt. (Auf der Rückfahrt werde ich ebenfalls wahllos ein Heft aus einer Anzahl von Ausgaben, die in South Bend ausliegen, zum Lesen mit ins Auto nehmen. In beiden Heften finden sich interessante Beiträge zu der Frage, ob der Krieg gegen Hitler ein „good war“ gewesen ist. In der Ausgabe vom Sommer 2008 fragt Karl Meyer, welche gewaltfreien Mittel gegen Hitler hätten eingesetzt werden können. In der Ausgabe vom Winter 2007 ist ein Essay abgedruckt, den die katholische englische Philosophin Gertrud Elizabeth Mary Anscombe zusammen mit Norman Daniel 1939 unmittelbar nach dem Eintritt Großbritanniens in den Krieg gegen Nazi-Deutschland geschrieben hat. In diesem Essay beurteilen die Autoren die englische Kriegsbeteiligung nach den sieben Kriterien der Lehre vom gerechten Krieg und kommen zu dem Ergebnis, dass dieser Krieg die Bedingungen dafür, „gerecht“ genannt zu werden, nicht erfüllt.)

Wir kommen so frühzeitig in South Bend an, dass wir noch Zeit für einen Besuch der Kathedrale haben. In der Kathedrale findet jeweils eine halbe Stunde nach Ende eines Heimspiels der berühmten Footballmannschaft von South Bend eine katholische Andacht statt. (Ob der Priester wohl jeweils zwei verschiedene Andachten vorbereitet - je nach Ausgang eine zum Jubel und eine zum Trost?) Vom Footballstadion aus soll man übrigens an einer dem Stadion gegenüber liegenden Gebäudewand eine überlebensgroße Jesusgestalt mit zum Segnen ausgebreiteten Armen sehen. Manche nennen dieses Bild den „touch down Jesus“.

Die Veranstaltung zum Gedenken an Joshua Casteel beginnt mit einem katholischen Gottesdienst. Der Priester, ein Jesuit, der eine kurze Zeit auch in Marburg studiert hat, bezieht in seiner Predigt die für diesen Gottesdienst ausgesuchten Bibelstellen Off. 5, 1-14; 1. Joh. 3, 1-2 und Mt. 5, 1-12 - wohltuend nachdenklich - auch auf den Einsatz Joshua Casteels für den Frieden. Nach dem Gottesdienst in der Kapelle des ehemaligen Gemeindehauses der Gemeinde „Sacred Heart“, das jetzt als eine Art Zentrum für Einkehrtage genutzt wird, wechseln wir den Raum.

  • „Die Veranstaltung zum Gedenken an Joshua Casteel beginnt mit einem katholischen Gottesdienst.“
  • Mitglieder der Catholic Peace Fellowship, rechts Jim Forest
  • Gruppenbild mit Shawn T. Storer (Zweiter von links)

In dem Vortragsraum, in dem die Veranstaltung fortgesetzt wird, ist ein Tisch mit Fotos, Büchern und Plakaten, die an Joshua erinnern, aufgebaut. Nach dem Dinner erinnert zunächst Shawn T. Storer an Joshua, der im Sommer diesen Jahres an Krebs gestorben ist. Im Irak war Joshua 2004 als „Interrogator“ im Gefängnis Abu Graib eingesetzt. Als während eines Verhörs („interview“) ein muslimischer Gefangener Joshua fragte: „Wie kannst du das, was du mit mir machst, als Christ verantworten?“, löste diese Frage in Joshuas Herz und Verstand einen Prozess des Nachdenkens aus, der zu der Entscheidung führte, den Kriegsdienst zu verweigern. Verständnis für diese Entscheidung fand Joshua nicht in seiner evangelikalen Kirche, sondern bei den Mitgliedern des Katholischen Friedensbundes. Von denen sind heute einige anwesend, Jim Forest aus New York, Tom Cornell aus Kalifornien, Josie und ihr Mann Denny aus Ohio, John (?) aus Michigan, Shawn T. Storer und Mike Griffin aus South Bend und noch einige, deren Herkunft ich nicht kenne.

Mike Griffin ist ein Theologieprofessor an der katholischen Universität „The Holy Cross“ und war der geschäftsführende Redakteur der Zeitschrift „The Sign of Peace“, bis Shawn dieses Amt im Jahr 2008 übernommen hat. Mike organisierte eine Pilgerreise nach Rom, an der auch Joshua teilgenommen hatte. Der Höhepunkt dieser Reise war die Teilnahme an einer Audienz von Papst Benedikt, der von dem kurzen Gespräch mit Joshua „tief beeindruckt“ gewesen sei, wie er Mike, den der Papst nach Joshua begrüßte, mitteilte. Dann sprechen nacheinander die beiden Schwestern, die Mutter und die Witwe (oder Freundin?) von Joshua. Sie berichten von Joshuas Sensibilität und Kreativität. Der Abend geht damit zu Ende, dass wir auf der Leinwand eine Videoaufnahme von den Abschiedsworten Joshuas sehen und von Joshua komponierte und gesungene Lieder hören.

„Ein Gemälde zeigt den österreichischen katholischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter. (Dass ich dessen Biographie kenne, nimmt mir etwas von der Fremdheit, wie mir scheint.)“

Es ist spät geworden. Shawn hat uns angeboten, in seinem Haus zu übernachten. Alle sind müde. So sitzen wir vier Gäste (neben dem Ehepaar Seltzer und mir übernachtet auch der Shawns Kollege aus Michigan bei Shawn) mit Shawn und dessen Frau nur zu einem kurzen Gespräch um den großen Tisch im Esszimmer zusammen. Shawn und seine Frau haben dieses Haus von einer achtköpfigen Familie gekauft. Daher gibt es hier viel Platz. Das Bett, in dem ich schlafen darf, steht auf dem großen Dachboden. Mehrere Gitarren, ein Schlagzeug und ein Keybord geben dem Raum fast die Atmosphäre eines Musikstudios. Auf dem Weg ins Bad komme ich an mehreren Ikonen vorbei. Ein Gemälde zeigt den österreichischen katholischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter. (Dass ich dessen Biographie kenne, nimmt mir etwas von der Fremdheit, wie mir scheint.)

2. November 2012

Wozu gestern keine Zeit mehr war, holen wir am Frühstückstisch nach. Shawn und seine Gäste tauschen sich über ihre Arbeit aus. Ihr Gespräch dreht sich hauptsächlich um zwei Projekte: um Angebote für heimgekehrte Soldaten, ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten, und Angebote für Soldaten, die wie Joshua den Kriegsdienst verweigern wollen. Den ersten Punkt betreffend überlegen sie, ob sie nicht die katholischen Häuser für Einkehrtage wie das in South Bend nutzen könnten und wie solche Einkehrtage gestaltet werden könnten. Berichte wie die von Joshua könnten als Einstieg dienen. Um eine Brücke zu den Kriegsveteranen zu schlagen, hat sich Joshua diesen auch nicht als Kriegsdienstverweigerer, sondern als „Irak Veteran“ vorgestellt. Denny, der selbst Ende der 60er Jahre bei der Marine gedient hat, bekräftigt, wie sehr sich die einzelnen Soldaten mit ihren Kameraden verbunden und ihnen gegenüber zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet fühlen. Josie schlägt vor, auch die Personen, die solche Einkehrtage leiten, zu schulen.

Als Shawn davon berichtet, dass er eine Hotline für Kriegsdienstverweigerer eingerichtet hat und wie viel Zeit er für die Telefongespräche braucht, frage ich nach, ob er auf diesem Gebiet mit anderen Organisationen zusammen arbeite. Nein, antwortet er, er kenne zwar die Arbeit der Mennoniten auf diesem Gebiet, aber eine Zusammenarbeit gäbe es nicht. Ich denke an die Arbeit der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen in der Bundesrepublik. Es müsste doch möglich sein, im Zusammenwirken unterschiedlicher Kirchen und Organisationen wenigstens eine hauptamtliche Stelle in den Vereinigten Staaten für diese Arbeit zu schaffen. Denn so viel ist deutlich: Shawn allein wird schnell überfordert sein. Er wird für seine Arbeit nur geringfügig (aus Spendengeldern) bezahlt. Er hat - „zum Glück“, wie er sagt - eine bezahlte Teilzeitstelle an der Universität zur Begleitung der Studierenden. Seine Frau erwartet Anfang Juni des nächsten Jahres ihr drittes Kind. Die beiden kleinen Söhne heißen Abraham und Jona. (Beide bekamen zu ihrer Taufe die Reproduktion einer Ikone geschenkt.) Mir geht die Frage durch den Kopf, ob es aussichtsreich sein könnte, den Katholischen Friedensbund als zukünftigen Träger des „Friedrich Siegmund-Schultze Förderpreises für gewaltfreies Handeln“ vorzuschlagen. (Dieser Preis wird von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft „Kriegsdienstverweigerung und Frieden“ jeweils dann vergeben, wenn die Preissumme von 2500 Euro durch Spenden eingegangen ist.) Shawn muss aufbrechen, er will die Familienangehörigen von Joshua vor deren Abreise noch einmal sprechen.

Denny, Josie und ich machen uns auf den Weg zurück nach Fremont. Der Weg führt uns an dem Gebäude eines nationalen Gerichtes vorbei, das nur für Fälle zuständig ist, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seinen Bankrott erklärt hat. Die Werbung „The Largest Chocolate Store of the World“ lese ich mit Stirnrunzeln. Warum die Geschäfte immer gleich „die größten“ oder „die besten in der Welt“ sein müssen, frage ich Josie und Denny. „Ja, so seien sie, die Amerikaner“, antworten sie lachend. (Bei einem Zwischenstopp in Toledo habe ich in einem Einkaufszentrum für Spielzeugwaren die Gelegenheit, einen solchen Spruch auch zu fotografieren.) Noch etwas anderes ist für die Amerikaner typisch, denke ich, als wir bei „Schlotzky´s Deli“ zu Mittag essen. In dem Lokal gibt eine Informationstafel Auskunft über die Geschichte dieser Restaurantkette. In den 70er Jahren machten Italiener in einem hauptsächlich von Franzosen bewohnten Viertel ihr erstes Geschäft auf. Der Name „Schlotzky“ klingt in meinen Ohren eher polnisch. (Beim Schreiben dieses Berichtes kommen mir allerdings Zweifel, ob meine Vermutung, dass dieser Name polnischen Ursprungs ist, richtig ist.)

In Amerika kommen wirklich viele Traditionen zusammen. (In Tiffin gibt es neuerdings vier chinesische Restaurants. Damit haben sie vielleicht die Zahl der örtlichen Pizzerien übertroffen.) Die Frage nach dem Herkunftsland wird auch am Abend gestellt werden. Auguste Antonov, ein Pianist aus Georgia, gibt in der Brennema Music Hall der Heidelberg Universität ein Konzert mit Stücken zeitgenössischer Komponisten. Ist er nun Franzose oder Russe? Egal, er spielt virtuos und stellt die Komponisten, die er persönlich kennt, vor – ein Stück ist auch ihm selbst gewidmet. Im Anschluss an das Konzert gibt es wieder wie üblich Saft und Kekse.

Die Frau des emeritierten Theologieprofessors Leon Putnam erzählt mir, dass sie gerade mit großem Interesse ein Buch über die Erlebnisse des amerikanischen Botschafters in Berlin aus der Zeit 1933 bis 1937 lese. (In meiner Unterkunft liegt das Buch „The Somme“, das der Historiker Peter Hart geschrieben hat und für das er besonders Interviews mit Kriegsveteranen ausgewertet hat. Jon Laux, ein Gemeindeglied hat es mir nach einem Gespräch im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst ausgeliehen. Jon arbeitet in einem eigenen Büro als Wirtschaftsprüfer. Das Wort „Wirtschaftsprüfer“ auf Deutsch auszusprechen, macht ihm offensichtlich Spaß. Er begrüßt mich auch jeweils mit „Guten Tag. Wie geht’s?“.) Mich beschleicht das Gefühl, dass die mir für den Aufenthalt in Tiffin verbleibende Zeit nicht reichen wird, alle diese Anstöße zu einem Gespräch aufzunehmen.

3. November 2012

Ich ruhe mich etwas aus, schreibe an meinem Bericht und sehe im Internet, was gerade in Deutschland diskutiert wird. Im Presseclub des vergangenen Sonntags wurde das Ergebnis einer Umfrage mitgeteilt: In Deutschland würden 90 Prozent Obama zum Präsidenten wählen, 3 Prozent sind für Romney, der Rest ist unentschieden. Hier wagt niemand mehr eine Prognose, wer die Wahl gewinnen wird.

„Am Nachmittag laden mich Bob und Nancy ein, ein Einkaufszentrum für Jagd- und Fischereibedarf in der Nähe von Toledo zu besuchen. Das Einkaufszentrum ist ein Beispiel dafür, wie man den Einkauf von Sachen gleichzeitig zu einem Erlebnis machen will. Dieses habe ich dann auch, am meisten bei dem Betrachten eines Aquariums.“

Am Nachmittag laden mich Bob und Nancy ein, ein Einkaufszentrum für Jagd- und Fischereibedarf in der Nähe von Toledo zu besuchen. Ich zögere, fahre dann aber doch mit. Das Einkaufszentrum ist ein Beispiel dafür, wie man den Einkauf von Sachen gleichzeitig zu einem Erlebnis machen will. Dieses habe ich dann auch, am meisten bei dem Betrachten eines Aquariums. Wie in Deutschland auf der Kirmes üblich mit einem Lasergewehr auf die Jagd gehen will ich nicht, schon eher im Foto festhalten, wie leicht man in den USA ein Gewehr kaufen kann. Als wir nach über einer Stunde den Rundgang beenden, ist es draußen schon dunkel – die Sommerzeit wird hier erst morgen, eine Woche später als in Deutschland, auf die Winterzeit umgestellt. Bob fährt noch eben über die Staatengrenze nach Alexis, Michigan. Dort ist eine Filiale der „Bank of America“. Eine solche gibt es – aus welchen Gründen auch immer – in Ohio nicht. Auf dem Hin- und Rückweg werfe ich einen Blick auf ein Zweigwerk der Autofirma Chrysler, in dem Jeeps gebaut werden. Im Wahlkampf im heiß umkämpften Bundesstaat Ohio ist es ein Trumpf in der Hand Obamas, dass er die Autoindustrie durch staatliche Hilfsmaßnahmen vor dem Bankrott gerettet hat.