Was ist eigentlich evangelisch?

  • Zuspätkommen gibt es in der Workshop-Methode „World Café“ nicht. Bei der Wittgensteiner Kreissynode waren es fünf Gruppen, zwischen denen man hin- und herspazieren konnte, wie hier zu Silke van Doorns Workshop, der sich über Gemeindeleitung heute und Reformation Gedanken machte.
  • Gut wenn im großen Regal eine Bibel steht, wo man mal eben nachgucken kann, während sich Dieter Kuhlis Workshop Gedanken machte über die Reformation und die eine Kirche heute.
  • Nach einem kurzweiligen Vortrag und einem World-Café-Workshop dachte ein Podium mit Okko Herlyn, Dieter Kuhli, Henning Debus, Wolfgang Pollinger, Peter Liedtke und Silke van Doorn (von links) bei der Wittgensteienr Kreissynode übers Evangelisch-Sein nach.

Reformierter Theologe, emeritierter Professor, Kleinkünstler all das könnte auf der Visitenkarte von Okko Herlyn stehen. Zu Beginn seines Vortrags bei der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein im Abenteuerdorf in Wemlighausen erinnerte er sich allerdings an seine Zeit als Pfarrer in Duisburg und an eine Begegnung zwischen Christen und Muslimen: „Beide Seiten sollten einmal in Kürze sagen, was das Wesentliche ihres Glaubens sei. Die muslimische Seite war damit rasch durch. Knapp und bündig zählten sie die berühmten fünf Säulen des Islam auf. Das dauerte etwa eineinhalb Minuten. Nun waren wir an der Reihe. Antwort: Schweigen im Walde. Da saßen etwa 80 wackere und auch einigermaßen regelmäßige evangelische Gottesdienstteilnehmer zusammen und wussten nicht zu sagen, was evangelisch ist. Zumindest nicht auf die Schnelle.“

So pointiert wie in dieser Auftaktbemerkung hielt Okko Herlyn bei der Synode eine Stunde lang seinen Vortrag zum Thema „Wenn Luther heute leben würde… - was bedeutet evangelisch in unserer Zeit?“. Mit viel Witz, einem genauen Blick auf die Details und klaren Worten fesselte und unterhielt Okko Herlyn seine Zuhörerschaft und regte sie damit zum kritischen, bisweilen selbstkritischen Nachdenken an. Auch wenn man eigentlich jeden Satz des Vortrags gehört haben müsste, der steht auf der Homepage des Wittgensteiner Kirchenkreises, so ist doch Okko Herlyns Fazit bei aller berechtigten Kritik und Selbstkritik für sich genommen eine Ermutigung für jeden Evangelischen: „Es gibt ein unverwechselbares evangelisches Profil, dessen wir uns wahrhaftig nicht zu schämen brauchen: das Bekenntnis zu Christus als dem ‚einzigen Trost im Leben und im Sterben‘, die unbedingte Bindung an die Botschaft der Heiligen Schrift, die Gewissheit einer nicht käuflichen Gnade, ein bescheidener Glaube und nicht zuletzt das Verständnis von Kirche als einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die sich mutig einmischen in die Belange dieser Welt.“

Genau in diesem Geiste diskutierte die Synode dann die Themen Pfarrbild, Gemeindeleitung, die eine Kirche, Bildungsverantwortung und Auftrag in unserer Zeit, allesamt und unbedingt in Verbindung mit zwei Wörtern: zum einen „Reformation“ zum anderen „heute“. Die fünf Gruppen wurden von den Pfarrern Henning Debus, Dieter Kuhli, Peter Liedtke und Silke van Doorn sowie dem Kreissynodalvorstands-Mitglied Dr. Wolfgang Pollinger moderiert. Die Workshop-Methode namens „World Café“ funktionierte so, dass jeder Synodale und Besucher sich eine Gruppe suchte und für fünf Minuten oder die ganze Stunde, die ungefähr zur Verfügung stand, dort blieb, zuhörte, mitdachte und -diskutierte. Das Festhalten von Fragen, Forderungen oder Ergebnissen auf einer großen Tafel ermöglichte es den wechselnden Gästen, schnell den Anschluss an die Debatte zu finden.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit den Gruppen-Leitern und Okko Herlyn wurde deutlich, dass die eigene Mündigkeit ein wichtiges Anliegen war. Der Lern-Wunsch wurde deutlich formuliert: lernen, eine Gemeinde zu leiten, lernen, richtig zu streiten, lernen, um über den eigenen Glauben zu sprechen. Dazu ermutigte Okko Herlyn ausdrücklich: Es reiche nicht, ein guter Mensch zu sein und drauf zu warten, dass jemand nachfrage, weshalb man so ein guter Mensch sei, worauf man dann sagen könne: Ich bin Christ. Das passiere nämlich nie. Befragt nach Möglichkeiten, die evangelische Sprachfähigkeit in Glaubensdingen zu verbessern, schüttelte der Referent Folgendes aus dem Ärmel Erstens: Er habe als Pfarrer Gottesdienstnachgespräche angestoßen, nach schwachem Start und nur mit langem Atem seien diese ein Erfolg geworden, er habe übrigens kein Gespräch geleitet, es seien neue Gaben in der Gemeinde zutage getreten, die er in seiner Pfarrherrlichkeit zuvor unterdrückt habe. Zweitens: Kirchliche Freizeiten an einem anderen Ort, wo man sich mit der Bibel beschäftige, man brauche es ja nicht Bibelgespräch zu nennen, um keine überkommenen Erinnerungen zu wecken. Denn man könne und müsse über vieles in der Gegenwart theologisch nachdenken: Sind Stühle in der Kirche vielleicht evangelischer als Kirchenbänke, weil sie mehr Freiheit ermöglichen und weniger Hierarchie befördern? Genau das müsste ein Argument sein, wenn eine Kirchengemeinde über Stühle oder Bänke entscheide, nicht die Kosten. Für Okko Herlyn stand jedenfalls fest: Das Evangelium ist das lebendige Wort und keine tote Botschaft.

2017-sommersynode-okko-herlyn: Der reformierte Theologe und Kleinkünstler Okko Herlyn war das Geschenk, das sich der Wittgensteiner Kirchenkreis zum Reformations-Jubiläum machte. Er sprach bei der Sommersynode im Abenteuerdorf in Wemlighausen.

Unterlagen zum Thema

2017-06-15-okko-herlyn-vortrag.pdf

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