Stellungnahmeverfahren: Präses oder Bischof?

Eindeutig fiel im Laaspher Gemeindehaus das Votum bei der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein gegen den Titel „Bischöfin“ für die Präses als Leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen aus.

„Präses“ ist ein kompliziertes Wort, es kommt irgendwie aus dem Lateinischen und hat was mit Vorsitz zu tun. In der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) ist es der Titel der Leitenden Theologen. Seit vier Jahren ist das für die 2,4 Mio. evangelischen Westfalen Annette Kurschus. Wenige Worte und alles ist geklärt. Aber auf Antrag des Sprechers der Westfälischen Superintendenten-Konferenz, Ulf Schlüter, hat die vergangene Landessynode beschlossen, man möge darüber nachdenken, ob die oder der Präses künftig den Titel „Bischof“ oder „Bischöfin“ führen könne. Damit alle sofort wissen, was und wie wichtig ein EKvW-Präses ist.

Wie wichtig das Thema der Landeskirche ist, machte am Montag bei der Kreissynode des Wittgensteiner Kirchenkreises Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller im Gemeindehaus am Laaspher Kirchplatz klar. Gleich im Grußwort ermunterte er die Synodalen, die Sache mit dem Bischofs-Titel nicht zu hoch zu hängen. Es gehe doch nur darum, dass die Menschen in einer immer weltlicheren Gesellschaft Kirche besser verstehen könnten. Wahrscheinlich wusste er, dass der Wunsch nach einem Bischof in Wittgenstein möglicherweise auf wenig Gegenliebe stoßen würde. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man schon mal übers gleiche Thema gesprochen. Damals hatten insbesondere Synodale aus den Kirchenkreisen Wittgenstein und Siegen aufgrund ihrer reformierten Traditionen deutlich gemacht, dass sie mit dem Bischofs-Titel schlecht leben könnten. Bei einer demokratischen Abstimmung wären sie unterlegen, deshalb entschied die Westfälische Landessynode 1948 in Größe und Weisheit, dass man über die Dienst-Bezeichnung des leitenden Amtsträgers nicht endgültig entscheiden wollte, es blieb beim Präses-Titel.

Dann kam jetzt das neuerliche Ansinnen der Landeskirche aus Bielefeld. Die Wittgensteiner Presbyterien sollten sich mit der Frage beschäftigen, außerdem der Theologische Ausschuss im Kirchenkreis. Am Ende gab es Stellungnahmen aus sieben gemeindlichen Leitungsgremien, der Kreissynodalvorstand als Leitungsgremium des Kirchenkreises machte sich mehrheitlich die einstimmige Stellungnahme des Theologischen Ausschusses zu Eigen. Während die Presbyterien in Arfeld und Erndtebrück sich mit dem neuen Titel „Bischof“ anfreunden konnten, sah man sich Dorlar nicht in der Lage, ein einhelliges Ergebnis herbeizuführen. Bad Berleburg, Bad Laasphe, Girkhausen und Raumland wollten auch künftig keinen Bischof. Der Theologische Ausschuss ebenfalls nicht.

Die Befürworter sahen in Erndtebrück vor allem pragmatische Vorteile und verstanden in Arfeld die „Notwendigkeit, gerade in unserer medialen Gesellschaft die leitende geistliche Amtsträgerin mit einem griffigeren Titel zu versehen, um ein größeres Verständnis und gegebenenfalls eine höhere Akzeptanz für die Aufgabe und den Auftrag der kirchlichen Leitungsperson insbesondere in der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit zu erlangen“. Die Kritiker befürchteten, dass das Argument der klareren Verständlichkeit des Wortes „Bischof“ ein gefährliches sein könnte: Auch wenn es in der schillernden Vielfarbigkeit des Protestantismus natürlich schon lange Landeskirchen mit Bischöfen gibt, so würde in unseren Breiten doch immer der katholische Inhalt mitschwingen, wie der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli in seiner Einbringung bei der Synode ausführte: „In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist das Bischofsamt geprägt durch Bilder von und Berichte über das Auftreten katholischer Bischöfe. Deren Amtsverständnis ist ein anderes als das, was uns in der evangelischen Kirche theologisch wichtig erscheint. Die vorgesehene Einführung des Bischofs-Titels würde also nicht zu einer größeren Klarheit und Verständlichkeit führen, sondern - ganz im Gegenteil - Missverständnisse suggerieren, die in der Öffentlichkeit wieder mühsam ausgeräumt werden müssten.“ Das grundsätzliche reformierte Misstrauen gegenüber von Hierarchien wurde hier deutlich greifbar.

Der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses verwies außerdem auf die Rheinische Landeskirche als Schwesterkirche mit ihren 2,6. Mio. Gemeindegliedern, deren Chef ganz selbstverständlich und unbestritten ebenfalls Präses ist. Rheinische und Westfälische sind die einzigen der 20 Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit Präses-Leitung. Im Rat der EKD ist Annette Kurschus seit November stellvertretende Rats-Vorsitzende, ihre Arbeit lobte der Laaspher Pfarrer ausdrücklich: „Unsere Präses Annette Kurschus hat nach meiner Wahrnehmung keinen Bischofstitel nötig, um in guter Weise als leitende Geistliche unserer Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Wir sollten sie deshalb nicht zusätzlich noch zu dem Amt, das sie auf so vorbildliche Weise wahrnimmt, mit der Bürde eines Titels beschweren, der zumindest missverständlich ist und andere Assoziationen mit-transportiert, die wir in unserer evangelischen Kirche ausdrücklich nicht meinen und nicht wollen.“

Die anschließende Debatte machte deutlich, dass es bei diesem scheinbar harmlosen Austausch von Begrifflichkeiten um viel, viel mehr ging. Es ging ans Eingemachte - und es war die hitzigste Diskussion mit den meisten Beteiligten an diesem Tag. Christine Liedtke brachte als Alternative das Wort „Kirchenpräsident“ ins Gespräch. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg als zu weltlich abgelehnt worden. Barbara Plümer erhob die Vokabel zum Antrag. Am Ende folgte die Synode bei neun Gegenstimmen und fünf Enthaltungen mit deutlicher Mehrheit dem Beschlussvorschlag des theologischen Ausschusses und lehnte den Titel „Bischof/Bischöfin“ ab. Aber ein Kirchenpräsident wurde bei sechs Ja-Stimmen und vier Enthaltungen klar abgelehnt.

Nun ist es in zwei Wochen an der Siegener Kreissynode über das Thema zu sprechen. Wittgensteins Superintendent Stefan Berk ist dort und berichtet im Anschluss im heimischen Kirchenkreis. Ach, so: Superintendent ist in dem Fall übrigens der Leitende Theologe des Kirchenkreises und hat nichts mit englischen Krimis zu tun, in denen der Superintendent der Vorgesetzte vom Chefinspektor ist. Die Landessynode wird sich in Bielefeld dann wohl im Herbst wieder mit dem Thema „Bischof/Bischöfin“ beschäftigen.