Insolvenz Verein für Soziale Dienste und Arbeit

  • Ein bisschen Wehmut lag über der Mitgliederversammlung des Vereins für Soziale Dienste und Arbeit am Mittwochabend im Möbellager Raumland. Hier findet an der Wittgensteiner Straße in der kommenden Woche ein radikaler Räumungsverkauf statt.
  • Ein bisschen Wehmut lag über der Mitgliederversammlung des Vereins für Soziale Dienste und Arbeit am Mittwochabend im Möbellager Raumland. Hier findet an der Wittgensteiner Straße in der kommenden Woche ein radikaler Räumungsverkauf statt.
  • Am Donnerstagmorgen wurde auch das Büro des früheren Geschäftsführers Ralf Dietermann ausgeräumt. Die Möbel, die noch verkauft werden können, wurden ins Möbellager Raumland transportiert, wo in der kommenden Woche an der Wittgensteiner Straße 2 ein radikaler Räumungsverkauf stattfindet.
  • Am Donnerstagmorgen wurde auch das Büro des früheren Geschäftsführers Ralf Dietermann ausgeräumt. Die Möbel, die noch verkauft werden können, wurden ins Möbellager Raumland transportiert, wo in der kommenden Woche an der Wittgensteiner Straße 2 ein radikaler Räumungsverkauf stattfindet.

Seit 1984 leistete der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein mit dem Verein für Soziale Dienste und Arbeit seinen Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Region. Etwa eine halbe Million Euro hat der Kirchenkreis in der Zeit an Eigenmitteln zur Verfügung gestellt. Finanziert durch die Programme der Bundesanstalt für Arbeit, des Landes Nordrhein-Westfalen und der ARGE Siegen-Wittgenstein wurden hier vor Ort Hunderte schwer vermittelbarer Arbeitsuchender beschäftigt. Gesetzes-Änderungen führten dazu, dass im Herbst 2013 das Aus für den Verein kam.

„Ist das jetzt überhaupt noch eine ordentliche Mitgliederversammlung?“ - fragte am Mittwochabend der frühere Erndtebrücker Pfarrer Helmut Krumm als Vorsitzender des Vereins für Soziale Dienste und Arbeit im Kirchenkreis Wittgenstein bei einer Zusammenkunft im Raumländer Möbellager. Rund 20 Leute saßen hier im Aufenthaltsraum an einem Tisch, um genau solche Fragen beantwortet und insgesamt einen aktuellen Stand der Dinge zu bekommen. Rede und Antwort stehen wollte der Rechtsanwalt Carsten Koch, ab Mitte Mai zunächst vorläufiger Insolvenzverwalter des Vereins. Seit Eröffnung des Verfahrens zum 30. Juli ist er der offizielle Insolvenzverwalter.

Er lobte als Fachmann von vornherein den Vorstand und die Mitgliederversammlung. Man habe genau zur richtigen Zeit die drohende Zahlungsunfähigkeit des Vereins erkannt und entschieden, so könne es nicht weiter gehen. Nachdem der Verein in früheren guten Jahren sehr vorausschauend sogar Rücklagen gebildet habe, habe es ab dem Jahr 2012 an Geld gefehlt. Die Rücklagen seien schnell dahingeschmolzen. Spätestens im August 2013 hätte man bei einem Weiter-So einen Kassenstand von 0 Euro erreicht. In seiner Arbeit, so Carsten Koch, habe er als Erstes geschaut, ob man Kosten einsparen könne. Dafür habe er allerdings keine Möglichkeit gefunden, im Gegenteil: Der Verein habe sogar schon länger von der Substanz gelebt. Jährlich fehlten 60.000 Euro, hatte der Experte ausgerechnet.

Gespräche mit den drei Wittgensteiner Kommunen, der Agentur für Arbeit und dem Kirchenkreis hätten erbracht, dass die Arbeit des Vereins überall geschätzt werde, aber niemand letztendlich diese 60.000 Euro jährlich aufbringen könne. Das Problem sind geänderte gesetzliche Richtlinien, die aufgrund der niedrigen Arbeitslosenzahlen und der immer weniger werdenden Kinder in Deutschland darauf hoffen, dass der Erste Arbeitsmarkt tendenziell alle Arbeitsuchenden unterbringen kann, so dass es nicht mehr den stark staatlich finanzierten Beschäftigungssektor geben muss. „Wir können die Gesetze und die Förderbedingungen nicht ändern“, unterstrich Carsten Koch - und für ihn hatten die Überprüfungen des Vereins ergeben, dass dieser so nicht kostendeckend zu führen sei. Obwohl auch die festen Mitarbeiter über Jahre hinweg auf Weihnachtsgeld verzichtet hätten, obwohl sie jüngst ihre Stundenkontingente massiv zusammengestrichen hätten. Noch nicht einmal jetzt, da der langjährige Geschäftsführer Ralf Dietermann eine andere Beschäftigung gefunden habe und Vorsitzender Helmut Krumm nebenbei, ehrenamtlich die Büroarbeiten so gut es gehe erledige.

So sprach Carsten Koch am Mittwochabend von einem traurigen, aber unausweichlichen Ende nach fast 30 Jahren. Traurig auch, weil in dieser Sitzung noch einmal Geschichten zu hören waren von jungen Leuten, die nach einem etwas holprigen Start ins Berufsleben doch durch die Arbeit beim Verein auf die richtige Bahn kamen, inzwischen im ersten Arbeitsmarkt ihren Platz und ihre Stelle gefunden haben und sich dankbar an ihre Zeit im Verein zurückerinnern. Helmut Krumm wurde nochmal konkreter: „Seit 1984 konnten Hunderte von Frauen und Männern aus dem Altkreis Wittgenstein befristet beschäftigt und in vielen Fällen in feste Arbeit vermittelt werden. Erstaunlich war in der Regel die hohe Einsatzbereitschaft der Arbeitsuchenden. Aber auch mit Personen, um die man sich intensiver kümmern mußte, konnten Erfolge erzielt werden.“

Der Verein arbeitet in der kommenden Woche auf jeden Fall. Im Raumländer Möbellager an der Wittgensteiner Straße 2 findet ein radikaler Ausverkauf statt. Dafür ist das Möbellager von Montag bis Mittwoch, 2. bis 4. September, zwischen 9 und 16 Uhr und am Donnerstag, 5. September, von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Mitte September ist endgültig Schluss, aufgrund der vielen Urlaubstage der Mitarbeiter ist das nötig, auch wenn der Verein sein offizielles Ende erst am 31. Oktober findet.

Derzeit ist noch unklar, ob und wie viele Verbindlichkeiten bei den Gläubigern offen bleiben. Als Freund der deutlichen Worte stellte Helmut Krumm allerdings klar, wenn das überhaupt passiere, liege es nicht an den äußerst dienstbeflissenen langjährigen Mitarbeitern: „Ihr habt ja auch in diesem letzten Sommer gearbeitet wie die Blöden und Geld rangeschafft.“

In Zeiten, da so oft von Win-Win-Situationen gesprochen wird, die nur Gewinner kennen, scheint diese Insolvenz eine absolute Lose-Lose-Situation. Alle verlieren. Die festen und viele der zeitweise Beschäftigten, die gern beim Verein arbeiteten, die Kommunen, die Kirchengemeinden und Kindergärten, die für einfache Tätigkeiten hier günstige Angebote bekamen, sozial Schwache oder nachhaltig Denkende, die im Möbellager noch gute Einrichtungsgegenstände für kleines Geld fanden, die Arbeitsagentur, die einen verlässlichen Partner einbüßt und letztendlich sogar die gewerbliche Konkurrenz: Sie vermieteten auch mal Geräte an den Verein, sie kooperierten mit dem Verein bei größeren Aufträgen, in denen der Verein die einfachen, zeitintensiven Arbeiten übernahm, sie stellten schwierige junge Leute ein, nachdem diese beim Verein eine gute Grundausbildung bekommen hatten. Deshalb schaute in Wittgenstein sogar die gewerbliche Konkurrenz stets wohlwollend auf den Verein für Soziale Dienste und Arbeit, der fast 30 Jahren im Dienst der Gesellschaft arbeitete. Und der nach Beendigung des Insolvenzverfahrens aus dem Vereinsregister gestrichen wird, so dass diese außerordentliche Mitgliederversammlung wohl wirklich die letzte ihrer Art gewesen sein wird.