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29.01.2020
Von: Jens Gesper

Viele Besucher, viele Aufgaben

Alte Synagoge macht Christlich-Jüdischem Freundeskreis Bad Laasphe ganz neue Arbeit


Kooperationen sind in einem Mikrokosmos wie Wittgenstein ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Das Foto zeigt Freundeskreis-Vorsitzenden Rainer Becker, die Filmemacherin Karin Kaper, Residenz-Kino-Chef Kai Winterhoff und Silke van Doorn, Schulreferentin des heimischen Kirchenkreises, nach der Aufführung des Films „Wir sind Juden aus Breslau“ in Bad Laasphe. Rund 80 Erwachsene besuchten die Abend-Vorführung, bei der Schulveranstaltung waren mehr als 260 junge Besucher.

Der aus Berlin stammende Pfarrer der Lukas-Kirchengemeinde im Elsoff- und Edertal, Joachim Cierpka, hatte den Kontakt mit der Schauspielerin Elisabeth Richter-Kubbutat für deren Lesung aus dem Roman „Judiths Liebe“ in der Alten Synagoge Bad Laasphe hergestellt.

„Du wirst bei mir alles lernen, was man wissen muss, wirst a fejner Sojcher - ein guter Viehhändler - werden, wie einer, der selber auf dem Klotz geboren ist.“ Wobei Klotz den Fleischhauerblock meint, auf dem Tiere beim Metzger ihr Ende finden. Der Satz vom Anfang steht in Meir Shalevs Roman „Judiths Liebe“, aus dem im November die Schauspielerin Elisabeth Richter-Kubbutat in der Alten Synagoge an der Laaspher Mauerstraße las. Mit wunderbar zusammengepuzzelten Mosaik-Versatzsteinen aus dem Roman und einer Stimme, die in ihrer facettenreichen Vielfalt Mimik und Gestik überflüssig machte, kreierte die Berlinerin im heute heruntergekommenen ehemaligen Gotteshaus einen kleinen jüdischen Kosmos. Währenddessen lag über der Veranstaltung in der Lahnstadt die unausgesprochene Frage, wie das hier in Laasphe seit 1640 über Jahrhunderte gewachsene jüdische Leben einst ausgesehen hat. Und die unausgesprochene Klage, dass wir das hier vor Ort wegen der Nazi-Herrschaft und nach dem Holocaust wohl nie wieder wissen werden: Der jüdische Bevölkerungsanteil Laasphes lag 1846 bei sieben Prozent, die Laaspher Metzger und Viehhändler waren damals zumeist Juden.

Seit Oktober waren unterschiedlichste Veranstaltungen in der Alten Synagoge, die Rainer Becker als Vorsitzender bei der Jahreshauptversammlung des Christlich-Jüdischen Freundeskreises in seinem Bericht Revue passieren ließ. Neben der genannten Lesung noch die des protestantischen Theologen Robert Zoske, der aus seiner Hans-Scholl-Biographie las. Darüber hinaus die Ausstellung „Leise Töne für die Augen“ mit Fotos musizierender Hände von Richard Otten-Wagener, deren Eröffnung von jungen örtlichen Musikern instrumental umrahmt wurde. In der Alten Synagoge machten Fotografen selbst Aufnahmen. Beim Laaspher Schaufenster stellte sich das Projekt „Alte Synagoge“ vor. Mitglieder von Vorstand und Projektgruppe besuchten die Synagoge in Bensheim-Auerbach. In der Laaspher Stadtkirche fand das Konzert „Hebräische Lieder“ mit der Sängerin Esther Lorenz und Peter Kuhz an der Gitarre statt. Die Alte Synagoge an der Mauerstraße wurde von Grundschülern, Konfirmanden, Gymnasiasten und von Pädagogen des Berufskollegs Wittgenstein mit einer Schulklasse junger ausländischer Erwachsener besucht. Der Christlich-Jüdische Freundeskreis freute sich zudem über Besuche der Engländerin Hazel Chowcat, Nachfahrin von Moses Honi, und ihrem Ehemann, genau wie über die Israelis Mindy und Ilan Nudelman, Mindys Vater Artur Beifus stammte ebenfalls aus Laasphe. Auch bei der Veranstaltung zum Pogromgedenken am 9. November herrschte wieder viel Andrang im Laaspher Haus des Gastes. Und der ursprünglich Ende Januar geplante Termin für die Freundeskreis-Jahreshauptversammlung wurde verschoben, weil am Auschwitz-Gedenktag im Laaspher Residenz-Kino-Center der Film „Wir sind Juden aus Breslau“ gezeigt wurde.

Doch auch wenn das Erwerben der Alten Synagoge und das immer wieder große, inzwischen oft ganz selbstverständliche Interesse an Veranstaltungen des Freundeskreises ein Anlass zur Freude sind, so muss der gemeinnützige Verein doch auch anerkennen, wie groß die Aufgabe ist, die er sich mit der Wiederbelebung der Alten Synagoge gestellt hat. Stunden um Stunden haben Teile des Freundeskreis-Vorstands und die Projektgruppe „Alte Synagoge“ damit verbracht, sich Gedanken zu machen und Fördermöglichkeiten zu finden. Auch das schilderte Rainer Becker anschaulich. Ein Besuch bei der NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach sei beispielhaft genannt: „Dieses Treffen war von der Landtagsabgeordneten Anke Fuchs-Dreisbach vermittelt worden, die auch an den Gesprächen im Landtag teilnahm. Wir konnten das positive Gefühl mitnehmen, Unterstützung für das Synagogen-Projekt durch die Landesregierung zu erhalten.“ Dabei geht es um den Fördertopf „Heimat-Zeugnis“. Aber alle Anträge machen Arbeit, jede Förderung verlangt nach einem finanziellen Eigenanteil vom Freundeskreis. Die grobe Hausnummer für die Kosten taxierte Rainer Becker so: „Die Gesamtausgaben für das Projekt wurden mit 670.000 Euro kalkuliert. Diese Summe beinhaltet nicht nur bauliche Maßnahmen, sondern auch Möblierung und Ausstattung für den Ort der Erinnerung und des Lernens sowie die Kosten für die Erstellung eines entsprechenden Konzeptes.“

Auch deshalb wurde jetzt bei der Jahreshauptversammlung über die Mitglieds-Beiträge gesprochen. Das vorher im Vorstand ausgearbeitete Konzept mit gestaffelten Schüler-, Erwachsenen-, Ehepaar- und Institutionen-Mitgliedschaften sowie klar erhöhten Beiträgen wurde von der Versammlung - rund 40 Abstimmungs-Berechtigte waren im Haus des Gastes - abgelehnt. Stattdessen sprach man sich für moderate Erhöhungen aus, so dass Einzelpersonen nun jährlich 15 statt 13 Euro bezahlen, Paare 20 statt 16 Euro. Außerdem können jetzt juristische Personen für 60 Euro im Jahr Freundeskreis-Mitglied werden.

Im Ausblick für 2020 konnte Rainer Becker auf diverse Veranstaltungen verweisen: in der zweiten März-Hälfte vom Kulturring ein Benefizkonzert heimischer Künstler für die Alte Synagoge, im Frühjahr ein Gottesdienst-Besuch in der Marburger Synagoge mit Rahmenprogramm, eine eintägige Studienfahrt mit dem Schulreferat des Wittgensteiner Kirchenkreises nach Erfurt und außerdem die Verlegung eines Stolpersteins für Ernst Canstein: Das ist der Name, der in Bezug auf Euthanasie - also die systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen, psychischen Beeinträchtigungen durch die Nazis - für Laasphe stets genannt wird. 1934 wurde der ausgewiesene Nazi-Gegner wegen einer angeblichen Schizophrenie in die Heilanstalt Aplerbeck eingewiesen, 1941 folgte zunächst die Verlegung in die Landesheilanstalt Herborn, dann in die Tötungsanstalt Hadamar.

Hier gibt es den Rückblick vom Vorsitzenden Rainer Becker,
hier gibt es den Ausblick vom Vorsitzenden Rainer Becker.