„Heiligabend nicht allein“ >
< Sonst der Auftakt, diesmal der Abschluss
24.12.2019
Von: Jens Gesper

Weltweite Wittgensteiner Weihnacht

Max Born, Ute Hedrich und Jaime Jung erzählen vom Heiligabend im Süden


Gärtner Vhuma Ndholovu, Aushilfsküster Thomas Dodz und Pfarrerin Ute Hedrich (von links) haben in diesem Jahr aus dem Sturmbruch des ersten Sommer-Gewitters vom Kirchengrundstück einen ganz eigenen Weihnachtsbaum gestaltet.

Ute Hedrichs Möglichkeiten für Weihnachtsbäume in Harare umfassen auch dieses Konzept: „Die künstlerisch ganz eigene Variante aus Draht gelötet, eine kleine Herausforderung ist es, Kerzen anzubringen - aber er ist unverwüstlich, ein Baum für das ganze Jahr.“

Bei uns ist das Wort „Sonntagsschule“ fast in Vergessenheit geraten, hier die Sundayschool der internationalen Martin-Luther-Gemeinde mit deutschen Wurzeln in Harare.

Für alle Sängerinnen und Sänger beim <a external="1" title="Opens external link in new window" class="external-link-new-window" target="_blank" href="https://youtu.be/KFkx5bgAx94">Adventskonzert</a> in der Martin-Luther-Kirche in Simbabwes Hauptstadt Harare war das Gotteshaus zu klein, deshalb dieses Foto unter freiem Himmel und bei offenkundig anderen Temperaturen als bei uns.

Seit November 2018 arbeitet Pfarrer Jaime Jung in der Erndtebrücker Kirchengemeinde. Das Foto zeigt ihn vor vier Jahren bei einer selbstgebastelten Krippe unter Palmen in seiner ehemaligen Gemeinde in der brasilianischen Stadt Novo Hamburgo.

Wenn Jaime Jung sagt, dass die Weihnachts-Dekoration in Brasilien üppig ausfällt, dann mögen das seine Fotos vom sommerlichen Stadtplatz im südbrasilianischen Nova Petrópolis sehr gut illustrieren.

Einen auf dem Foto könnten Sie kennen: Der Berleburger Max Born (Zweiter von rechts) ist seit Sommer in Argentinien. Die drei Jungs sind allesamt Freiwillige der Evangelischen Kirche von Westfalen oder von der Diakonie Mitteldeutschland, ihre Ansprechpartnerin Mabel ist auch auf dem Bild - und der Plastikbaum, der an diesem Morgen von ihnen geschmückt wurde.

Mehr Regen als Schnee, schmuddeliges Wetter bei niedrigen Plus-Temperaturen - so die Weihnachts-Wetteraussichten für den Wittgensteiner Kirchenkreis. Den verschneiten Winterwald wird’s wohl wieder nicht geben, wobei der Deutsche Wetterdienst gerade nochmal festgestellt hat, dass selbst in den deutschen Mittelgebirgen die Weiße-Weihnachts-Wahrscheinlichkeit nur bei 30 bis 50 Prozent liegt. Und doch gehört Schnee irgendwie zum perfekten Heiligabend-Bild dazu. Jedenfalls auf unserer Nord-Halbkugel - aber wie ist das mit Weihnachten auf der südlichen Seite vom Globus? Hier geben zwei Wittgensteiner aus der Welt und ein Neu-Wittgensteiner Auskunft

Ute Hedrich,
Balder Pfarrerin in Simbabwe

Da wäre als Erstes Ute Hedrich, seit gut zwei Jahren Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Simbabwe, deren Martin-Luther-Kirche in der Hauptstadt Harare steht: „Sommerferien, Hitze, blühende Bäume, frische Mangos und Papaya, Tomaten und Kohlrabi und Spinat aus dem Garten, Adventskranz auf der Terrasse, daneben Kerzen mit Citronella gegen die Mücken.“ Ute Hedrichs Assoziations-Kette für Weihnachten hat sich verändert, seit sie in Afrika lebt. Alte Tradition muss sie heute anders mit Leben füllen: „Aus meiner Jugend in der Balde kenne ich es, dass irgendwann im Herbst eine rote Schleife um einen Baum gebunden wurde und alle hofften, dass dieser dann auch kurz vor Weihnachten wieder gefunden wird.“ Fichten und Tannen hat sie keine in der 1,5-Million-Menschen-Metropole Harare, deshalb ihre Lösung in diesem Jahr: „Wir pflanzen aus drei Pinienspitzen den Weihnachtsbaum in einen Blumentopf mit Erde und Sand.“ Das selbst gemachte Arrangement nutzt dabei Sturmbruch vom Kirchengrundstück, das erste Sommer-Gewitter hatte einige Bäume umstürzen lassen. Ute Hedrichs Urteil fällt liebevoll-kritisch aus: „Es wird keine gerade Tanne. Aber wir versuchten mit Kordel und anderen Tricks das Beste zu erreichen.“

Man muss sich immer zu helfen wissen - das gilt aber noch viel mehr für die allermeisten Menschen in Afrika, wo der Pfarrerin der passende Vergleich zwischen Bibel und dem Simbabwe der Gegenwart einfällt: „Maria und Joseph hatten nicht viel zu essen - dabei ist es lebensnotwendig. Viele Familien hier haben die Anzahl der Mahlzeiten verringert, erst von drei auf zwei jetzt auf eine. Die zweithöchste Inflation der Welt hat Simbabwe (300 Prozent oder 400 Prozent - die Zahlen sind nicht klar). Die eigene Währung wurde entwertet, aber die Löhne werden nicht angepasst. Um zur eigenen Mutter an Weihnachten aufs Land zu fahren, muss ein Dozent am theologischen Seminar sein gesamtes Monatsgehalt aufwenden, um einmal seinen Wagen voll zu tanken… und zu Fuß wie Maria und Joseph sind die 500 Kilometer doch nicht zu bewältigen. Davor muss er zwei oder drei Tage einplanen in den Warteschlagen an der Tankstelle, bis er vielleicht Diesel oder Benzin bekommt.“

Dabei beindruckt Ute Hedrich die Unverzagtheit vor Ort: „Menschen in Simbabwe sind erfinderisch und haben eine unendlich hohe Gabe, sich immer wieder auf die neuen Bedingungen einzustellen.“ Auch da drängt sich ihr ein Vergleich auf: „Für Jesus war kein Bett in der Herberge da, und Maria und Joseph machten sofort einen Plan - kreativ waren sie und zielorientiert: Eine Krippe war genau das Richtige.“ Und auch das Selbstverständnis der deutschen Auslands-Gemeinde in Simbabwe leitet die Pfarrerin aus der Bibel ab: „Wichtig war es für Maria und Joseph an entscheidenden Punkte Hilfe zu erleben: Elisabeth und Zacharias unterstützen und trugen mit und interpretierten die Zeichen der Zeit. Bei uns ist es die internationale Martin-Luther-Gemeinde mit ihren deutschen Wurzeln, die Menschen stützt, zusammenführt, Solidarität erleben lässt - so dass es doch Weihnachten werden kann und das ‚Fürchtet Euch nicht!‘ eine tiefe Bedeutung für eine Jede und einen Jeden bekommt.“ Und gesungen wird hier zur Weihnachten natürlich auch: „Stille Nacht“ sei in alle Landessprachen Simbabwes übersetzt: Neben der Gebärdensprache immerhin auch noch 15 gesprochene Sprachen.

Jaime Jung,
Erndtebrücker Pfarrer aus Brasilien

Die „Stille Nacht“ gibt es auch auf Portugiesisch, die Muttersprache von Jaime Jung, der inzwischen seit einem guten Jahr als Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Erndtebrück arbeitet und hier im Advent einiges Bekanntes gehört hat, denn für sein ursprüngliches Heimatland Brasilien gilt: „Gesungen werden auch viele aus dem Deutschen übersetzte Weihnachtslieder. Generell fällt auf, dass einige Bräuche und Traditionen für Deutsche gar nicht so fremd erscheinen. Natürlich fehlen dort die Kälte und der Schnee. Deshalb gibt‘s einen Ausweg: Viele Weihnachtsbäume werden neben Kugeln mit Watte geschmückt, um den Schnee darzustellen. Diese Weihnachtsbäume und andere Bräuche sind von deutschen Einwanderern vor knapp 200 Jahren nach Brasilien mitgenommen und - besonders in Südbrasilien - bewahrt worden. Auch das Plätzchenbacken gehört dazu, und bei manchen evangelisch-lutherischen Familien darf auch der Adventskranz nicht fehlen. Es kann aber dazu kommen, dass wegen der Hitze die Kerzen schon schmelzen bevor sie angezündet sind.“ Auch Jaime Jungs Vorfahren waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem kargen Leben im Hunsrück und in Pommern nach Südamerika ausgewandert.

Während in Simbabwe der 25. Dezember das entscheidende Datum ist, ist es in Brasilien wie bei uns der Heiligabend. „Der 24. Dezember als der Geburtstag Jesu Christi ist in Brasilien der wichtigste Tag, was die Weihnachts-Feierlichkeiten anbelangt. Die Familien kommen am Abend zusammen und bereiten ein üppiges Festmahl zu. Als Hauptgericht wird bei vielen gebratene Pute oder Truthahn zubereitet. Dieser wird mit Farofa gefüllt, einer Mischung aus geröstetem Maniokmehl, Zwiebeln, Speckwürfeln und Eiern. Als Beilagen werden dazu Reis und Kartoffelsalat serviert. Der mit Trockenobst gefüllte Hefekuchen Panetone ist auch überall zu finden. Anschließend wird beim Nachtisch zumeist nicht gegeizt. Frisches Obst gibt’s auch überall.“ Nach dem Festmahl ist aber noch gar nicht Schluss, denn dann geht die Party erst richtig los: Singen und Tanzen gehören dazu, bis es um Mitternacht die Bescherung gibt. „Der Papai Noel erscheint oft in voller Montur, so wie man sie von den europäischen Weihnachtsmännern auch kennt. Aber er schwitzt darunter, der Arme… Es kann aber auch passieren, dass er in kurzen Hosen und Flip-Flops die Geschenke verteilt. Und am ersten Weihnachtsfeiertag wird dann das gegessen, was vom Vorabend übriggeblieben ist, während man die gemeinsame Zeit im Kreis von Familie und Freunden genießt.“

Wenn die Brasilianer Weihnachten auch als großes Familienfest feiern, dann kommt hier eine Beschwernis hinzu, die man in Deutschland vielleicht gar nicht so auf dem Schirm hat. Brasilien ist von der Fläche her fast 24-mal so groß wie Deutschland, und Verwandte wohnen oft weit voneinander entfernt, da bieten die Festtage eine gute Gelegenheit, einander zu treffen. In den alten Heimatdörfern der Familien oder wo ganz anders: „Weihnachten hat in Brasilien auch die Funktion, die Hochsommer-Saison einzuleiten, zu der noch Neujahr und Karneval zählen. Viele Brasilianer verbringen die Weihnachtstage mit ihren Liebsten am Strand. Dort ist es keine Seltenheit, Palmen zu sehen, die mit weihnachtlichen Lichterketten dekoriert sind.“

Die Dekoration fällt laut Jaime Jung in Brasilien generell üppig aus: „Lametta, bunte Kugeln und elektrische, sehr bunte Blinklichter dürfen nicht fehlen. Immer mehr wird die Dekoration aus recycelten Materialien angefertigt. Dazu gehören etwa Schneemänner aus Einweg-Plastikflaschen. Aber auch natürliche Materialien wie Palmfasern werden für Figuren und Deko benutzt. Man findet viele Krippen aus ganz unterschiedlichen Materialien. Dazu zählt außerdem ein geschmückter Weihnachtsbaum, zumeist aus Plastik. Auf dem Land pflegen jedoch noch einige Familien, sich einen jungen echten Araukarien-Baum ins Haus zu holen und ihn zu schmücken“, so der Brasilianer aus Erndtebrück, der in einem seiner Wohnungs-Fenster einen beleuchteten Stern hängen hat, der Abend für Abend im Advent in einer anderen Farbe strahlt. Und der mit dem Licht den Frohen-Weihnachts-Wunsch transportiert, der heißt in Jaimes Jungs Muttersprache: „Feliz Natal“.

Max Born, Berleburger Freiwilliger in Argentinien

„Feliz Navidad“ heißt es indes in diesem Jahr für Max Born, der Mitarbeiter aus der Jugendarbeit der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Berleburg ist im Sommer nach seinem Freiwilligen Sozialen Jahr im Christus-Haus nach Argentinien aufgebrochen. Zu einem weiteren FSJ im „Hogar Granja Emanuel“, einem Zentrum für Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung in der 80.000-Einwohner-Stadt Gualeguaychú, im Nordosten des Landes. Statt des ersten Türchens im Adventskalender zuhause markierte für Max Born in dem katholischen Land diesmal ein anderer Tag den Start auf dem Weg zum Fest: „Weihnachtliche Stimmung kommt in Argentinien ab dem 8. Dezember auf, der Tag der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau María. Dann wird traditionell der Christbaum geschmückt. Dabei handelt es sich aber nicht klassischerweise um einen Nadel-, sondern um einen Plastikbaum. Aufgrund der hohen Temperaturen sind Nadelbäume eine Rarität. Auch Weihnachtsmärkte sucht man vergebens, wenige Ausnahmen findet man in der Hauptstadt Buenos Aires. Ähnlich verhält es sich mit Lebkuchen, Spekulatius und Vanillekipferln sowie Glühwein. Weitaus beliebter ist es, an Weihnachten frischen Obstsalat zuzubereiten oder ein Eis zu essen. Kein Wunder bei Temperaturen, die beinahe bis an die 40-Grad-Marke klettern. Der Ablauf an Heiligabend ähnelt der deutschen Tradition. Zunächst geht es mit der ganzen Familie in die Kirche, wo ein Krippenspiel aufgeführt wird, Weihnachtslieder gesungen werden und Ventilatoren an der Decke ihr Bestes geben. Im Anschluss findet das gemeinsame Weihnachtsessen statt. Alle Speisen an diesem Abend sind kalt, es wird das Rindfleisch-Gericht Matambre gegessen und zum Anstoßen der Apfelschaumwein Sidra getrunken. Dann werden die Geschenke ausgepackt. Nebenbei gibt es Turrón de Navidad, die Weiße-Nougat-Variante ist selbstgemacht. Um Punkt 24 Uhr wird angestoßen, einander ‚Feliz Navidad‘ gewünscht und gesungen. Man isst Pan Dulce, vergleichbar mit unserem Stollen.“ Und um Mitternacht gibt‘s ein Feuerwerk. Aber das wird Jahr für Jahr kleiner, weil es sich immer weniger Leute leisten können.

Max Born hat allerdings in diesem Jahr schon gefeiert, seine Arbeitsstelle bleibt an Weihnachten geschlossen, das Fest dort war bereits am 16. Dezember: „Auch hier gab es einen Plastikbaum, es wurden Pizza und Empanadas gegessen, und im Anschluss gab es Geschenke, vor allem in Form von Süßigkeiten. Ein paar Tage danach begann für manche der Chicos, wie sie hier genannt werden, das Highlight des Jahres. Sie wurden von ihren Familien abgeholt. Teilweise ist dies jedoch mehr Schein als Sein, beispielsweise bei… nennen wir ihn mal Miguel. Sein Vater hat eine hohe Position inne, ist sehr wohlhabend und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Lediglich an Weihnachten gibt es ein Treffen von Vater und Sohn, jedoch kommt sein Sohn dafür lediglich in einem anderen Heim unter, die Tür des Eigenheims seines Vaters bleibt für ihn verschlossen. Ein anderer der Chicos hat seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gesprochen, deshalb wurde er von seiner Familie aufgrund seiner Andersartigkeit verstoßen. Das sind zwei Beispiele von vielen. Andere wiederum haben schon lange keinen Kontakt mehr zu ihren Familien oder haben diese durch tragische Ereignisse verloren, so hat sich Carlitos Mutter das Leben genommen, nachdem sie mit der Situation mit ihrem behinderten Sohn überfordert war. Vor allem an Weihnachten drängen sich die individuellen Hintergrund-Geschichten in die Köpfe der Chicos. Sie sehnen sich nach Liebe, Wertschätzung und Geborgenheit, welche ihnen seitens ihrer Familien verwehrt bleiben.“

Rund um den Globus sind an den Weihnachts-Tagen Menschen verschiedenster Hautfarben, Sprachen, Traditionen, Nationalitäten und letztendlich sogar unterschiedlichster Religionen allesamt miteinander in ihrer Gottes-Ebenbildlichkeit verbunden, die allesamt eingeladen sind, miteinander Jesu Geburt zu feiern. Da mag der Schnee als schöner Puderzucker wirken, nötig ist er keinesfalls.

Stichwort: Hogar Granja Emanuel

Max Born hat als FSJler ein privates Konto angelegt, auf dem er Spenden sammelt für das Zentrum für Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung „Hogar Granja Emanuel“ in der argentinischen Stadt Gualeguaychú und das nach dem Vier-Augen-Prinzip vor Ort verwaltet wird:

Hogar Granja Emanuel
IBAN DE10 1001 1001 2625 8010 80
BIC NTSBDEB1XXX

Um die kompliziertere Gründung eines Fördervereins will sich der Berleburger kümmern, wenn er im Sommer wieder in Deutschland ist, denn so Max Born: „Für die Granja zählt jeder Cent-Betrag, wegen der Inflation wird das Essen am Ende des Monats auch schon mal knapp.“

Und hier gibt es einen Zusammenschnitt vom  2019 der Martin-Luther-Gemeinde in Harare.