Nur Fahrradfahrer und Wanderer fehlten >
< „Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“
27.05.2019
Von: Jens Gesper

Die Wege des Herrn

Die Bibel kam auf den gleichen Routen nach Europa wie heute die Flüchtlinge


In drei Gruppen wurden bei der Synodalversammlung zur Westfälischen Kirche-und-Migration-Hauptvorlage „Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“ ganz unterschiedliche Aspekte dieses Themas im Wittgensteiner Abenteuerdorf bedacht.

Was ist Globalisierung? Die Antworten darauf sind zahl- und facettenreich. Aber eine gab es jetzt im Abenteuerdorf Wittgenstein. Dort trafen sich Jaime Jung und David Mushi. Der Erste ein gebürtiger Brasilianer mit deutschen Vorfahren, der inzwischen seit einem dreiviertel Jahr als Pfarrer in der Erndtebrücker Kirchengemeinde arbeitet. Der Zweite ein gebürtiger Tansanier, der zurzeit noch Deutsch-Sprachkurse absolviert und danach anteilig von der Kirchengemeinde Klafeld sowie den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein bezahlt auf Zeit hier als Pastor arbeiten wird. Die Beiden stellten jetzt in Wittgenstein fest, dass sie in ihrer Schnittmenge einen gemeinsamen deutschen Bekannten haben. Jaime Jung hat mit ihm in Bayern studiert und in einer WG zusammengewohnt, David Mushi hat mit ihm in Tansania studiert und zusammengewohnt. Diesen Zufall entdeckten die Zwei passenderweise bei der Synodalversammlung zum Thema „Kirche und Migration“, zu der der Wittgensteiner Kirchenkreis eingeladen hatte. Anlass dafür war die Hauptvorlage zu dem Thema, die die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) mit dem biblischen Leitmotiv „Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“ bei der Synode im November vorgestellt und zur Diskussion in Gemeinden und Arbeitsbereiche der Kirchenkreise gegeben hatte.

Insgesamt hatten 40 Interessierte den Weg nach Wemlighausen gefunden, acht der 14 Kirchenkreis-Gemeinden waren vertreten: aus der Pfarrerschaft, aus den Presbyterien, aber auch Mitarbeitende aus dem Bildungsbereich von der Kita bis zur Schule. Zudem war Pfarrerin Annette Muhr-Nelson als Leiterin des Amtes für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung der EKvW vor Ort. Superintendent Stefan Berk stellte die Referentin in seiner kurzen Begrüßung vor: „Sie hat die Hauptvorlage maßgeblich mit erarbeitet und ist eine der besten Fachleute, wenn es um dieses Thema geht.“ Und weshalb diese Thema wichtig ist, das sagte der Leitende Theologe des Wittgensteiner Kirchenkreises auch: „Wir können nie allein Kirche sein!“

Annette Muhr-Nelson führte ins Thema ein, sprach von eigenen Erinnerungen an einen Besuch auf der Mittelmeer-Insel Lampedusa, über Jahre hinweg für viele Flüchtlinge der Ankunftsort in Europa, wo aber auch Bibeln, Korane und Rosenkränze ausgestellt wurden, die ohne ihre Besitzer am Strand angespült worden waren. Sie sprach von der soliden theologischen Grundlegung in dieser Frage, die ihr persönlich ganz wichtig sei. Hier verwies sie auf den Aufsatz von Dr. Jan-Dirk Döhling „Menschen und Texte in Bewegung. Die Bibel als Migrationsliteratur“, der gebürtige Siegener ist Landeskirchenrat. Darin geht es ums Alte und ums Neue Testament, wobei Annette Muhr-Nelson auf den interessanten Zusammenhang hinwies, dass die Bibel damals auf den gleichen Strecken nach Europa gekommen sei wie heute die Flüchtlinge. Anschließend nahm die Referentin ihre Zuhörerschaft mit auf die Reise durch die interaktive Hauptvorlage, für die sich aber am besten jeder und jede Einzelne einen eigenen Weg sucht, das geht ganz einfach im Internet unter https://kircheundmigration.ekvw.de/.

Auch Stefan Berk erkannte in dieser Hauptvorlage eine ganz neue Art der Kommunikation, für die Diskussion bei der Synodalversammlung gab es an diesem Abend drei verschiedene Arbeitsgruppen. In der ersten ging es unter der Leitung von Claudia Latzel-Binder um die Erfahrungen heimischer Kirchengemeinden zum Thema „Flucht und Migration“ mit einem besonderen Fokus auf Bad Berleburg, wo die Kirchengemeinde mit der Zentralen Unterbringungs-Einrichtung das Thema vor die Haustür gelegt bekommen habe. In der zweiten lud Annette Muhr-Nelson ein, anhand der Bibel genauer aufs Thema „Migration“ zu schauen. In der dritten ging es um die Sicht der Kirchenkreis-Partnerschaften auf eben dieses Themengebiet. Neben Martin Ahlhaus, der in den südwestfälischen Kirchenkreisen und damit auch in Wittgenstein für die Partnerschaftsarbeit mit dem Süden zuständig ist, war in dieser Gruppe David Mushi, der darüber berichten konnte, dass auch Tansania viele Flüchtlinge aufgenommen hat - eine Tatsache, die man in Deutschland vielleicht nicht sofort weiß. Aus dieser Gruppe kam deshalb die Anregung, man möge doch mit den Partnern - sei es im tansanischen Ngerengere, sei es in der amerikanischen United Church of Christ in Indiana und Kentucky - Kontakt aufnehmen, um mit diesen über ihre jeweiligen Strategien bei diesem Thema zu sprechen. In der zweiten Gruppe wurden auch die Schwierigkeiten thematisiert, die es mit Geflüchteten geben kann. Die klare Haltung von Annette Muhr-Nelson, diese Probleme müssen ohne „wenn“ und „aber“ angesprochen und abgestellt werden, und doch bleibe der Andere ein Mensch, ein Mitmensch. Die Wichtigkeit von Kommunikation wurde hier unterstrichen. In der ersten Gruppe wurde deutlich, wie ungewohnt für heimische Kirchengemeinden im 21. Jahrhundert die Anfragen von Erwachsenen für eine Taufe waren - und wie erstaunt, erfreut und dankbar man war, als eine inzwischen weiter verteilte Familie eigens für ihre Taufe nochmal zurück nach Wittgenstein kam.

„Am Ende dieses Abends gehen wir voller Gedanken nach Hause. Lange nicht alle Fragen sind geklärt, vielleicht sind auch neue hinzugekommen. Aber wir lassen uns von Gottes Geist leiten, der uns Mut macht, in aller Vorläufigkeit Gottes Zeugen zu sein“ - mit diesen Worten entließ Stefan Berk die Besucher nach diesem Abend in ihren Alltag. Die Globalisierung wird weiterhin dafür sorgen, dass unser Alltag bunter wird, dass Menschen aus Brasilien uns eine große Hilfe sind, wenn in Deutschland nicht mehr genug Leute Pfarrer werden wollen, dass uns Menschen aus Afrika sagen können, wo unsere wirtschaftliche Macht ihre Märkte, ihre Landwirtschaft, ihre Fischerei zerstören, wo der vor allem von den Wirtschaftsnationen verursachte Klimawandel ihr Leben schwerer macht, wo wir selbst die Fluchtursachen erst schaffen.

Hier geht es zur Hauptvorlage „Kirche und Migration“,
hier gibt es die Begrüßung von Stefan Berk,
hier gibt es Dr. Jan-Dirk Döhlings Aufsatz „Menschen und Texte in Bewegung. Die Bibel als Migrationsliteratur“.