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09.11.2018
Von: Jens Gesper

Freundeskreis möchte Synagoge kaufen

Überall in Wittgenstein wurde der Menschen gedacht, die unter den Pogromen zu leiden hatten


Katechumenen der Evangelischen Kirchengemeinde Erndtebrück legten vor der Gedenktafel für die ermordeten Erndtebrücker Juden an der Bergstraße Rosen nieder.

Zehntklässler der Berleburger Hauptschule lasen aus den Erinnerungen der aus Berleburg stammenden Dr. Lucie Weinstein und die Namen der Menschen, an die das Mahnmal am Berlebach erinnert.

In Bad Laasphe brannten zunächst 85 Kerzen in Windlichtern auf der Bühne, für all die Menschen, die die Nazis nicht mehr in der Lahnstadt haben wollten. Am Ende brannten nur noch vier Kerzen, 81 Laaspher waren dem mörderischen Treiben der Nazis nicht entkommen.

Ganz unterschiedlich, aber immer mit vielen Jugendlichen waren jetzt die drei Wittgensteiner Gedenkveranstaltungen am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht.

Den Auftakt gestaltete morgens wie gewohnt Erndtebrück. Diesmal allerdings in der Evangelischen Kirche. Neben den Viertklässlern der Grundschule sowie Sechst- und Siebtklässler aus der Realschule waren auch Erwachsene bei der Gedenkveranstaltung, darunter Bürgermeister Henning Gronau. Alle hörten zunächst eine ruhige Klavier-Version der Anti-Nazi-Hymne „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten, dann die Akustik-Version des Toten-Hosen-Hits „Hier kommt Alex“, dessen Thema eine gewalttägigen Jugendgang ist, die wehrlose Bürger jagt, und schließlich den Bonhoeffer-Klassiker „Von guten Mächten“. Die Zeit dazwischen gestalteten die Katechumenen von Pfarrerin Kerstin Grünert, die die Realschule besuchen: mit Gedanken und Geschichten zum Thema. Der Abschluss führte die Gruppe zur Gedenktafel an der Bergstraße, die an die Erndtebrücker Juden erinnert, die den Nazis zum Opfer fielen. Ihre Namen wurden verlesen, für Jede und Jeden legten die Jugendlichen eine Rose vor der Tafel nieder. Ganz so wie es der aus Erndtebrück stammende, inzwischen verstorbene Jude Herbert Moses vor Jahren angeregt hatte: „Legt Blumen an der Gedenktafel ab, damit sie nicht vergessen werden.“ Seine Tochter Bettina - genannte Betty - Moses war auch in Erndtebrück, sie legte in der jüdischen Tradition einen Stein vor die Gedenktafel, die auch an ihre im Vernichtungslager Sobibor ermordeten Großeltern erinnert: Moritz und Betty Moses.

In Bad Berleburg waren es Zehntklässler der Ludwig-zu-Sayn-Wittgenstein-Schule, die die abendliche Veranstaltung beim Mahnmal am mit Windlichtern gesäumten Berlebach gestalteten. Nachdem Martina Schady-Singmann vom Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage die Zuhörer begrüßt hatte, lasen Hauptschülerinnen und -schüler aus den Erinnerungen von Dr. Lucie Weinstein, die als Lucie Krebs die Reichspogromnacht in Berleburg erlebte. Die 94-jährige Kunstgeschichte-Professorin lebt heute noch in den USA, wohin sie 1941 vor den Nazis fliehen musste. Die Zehntklässler verlasen zudem die Namen der Menschen, die auf dem Mahnmal doch noch einen Platz in Wittgenstein gefunden haben, obwohl die Nazis ihnen Leben und Heimat nahmen. Der Gemischte Chor „Germania“ Bad Berleburg unter Leitung von Gerrit Schwan umrahmte den Abend musikalisch.

In Bad Laasphe brannten zunächst bei der Gedenkveranstaltung im Haus des Gastes auch viele Windlichter auf der Bühne, für all die Menschen, die die Nazis nicht in der Lahnstadt wohnen lassen wollten. Doch dann wurde die lange Liste der Laaspher verlesen, die die Nazi-Herrschaft nicht überlebten, die in Zamość, Theresienstadt oder Auschwitz ermordet wurden. Ihre Kerzen wurden gelöscht, am Ende waren es noch vier Kerzen, die brannten. Von ursprünglich 85 entkamen nur vier Laaspher dem mörderischen Treiben der Nazis. Bei einem Gespräch auf der Bühne waren es Neuntklässler vom Städtischen Gymnasium, die mit Pfarrerin Silke van Doorn über die Geschehnisse vom 9. November 1938 nachdachten. Die Schulreferentin des Wittgensteiner Kirchenkreises hatte die Schüler und ihre Lehrerin Ulrike Halbach im Religionsunterricht besucht, gemeinsam hatten sie in diesem Rahmen über die Vorgänge von 1938 in Laasphe gesprochen, aber auch darüber, weshalb die Erinnerung daran auch heute 80 Jahre später noch wichtig ist. Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom PopChorn-Chor unter Leitung von Mechthild Lorenz und Klaus Rohde, der Chor wurde von Harald Schmidt am Klavier begleitet. In Bad Laasphe sprachen auch Bürgermeister Dr. Torsten Spillmann und Rainer Becker vom örtlichen Christlich-Jüdischen Freundeskreis.

Beim Freundeskreis-Vorsitzenden nahm die ehemalige Synagoge an der Mauerstraße, die auf den Tag genau 80 Jahre zuvor geschändet worden war, breiten Raum ein: „Im Laufe dieses Jahres taten sich für unseren Verein Dinge auf, an die lange Zeit nicht zu denken war. Unser Freundeskreis erhielt das Angebot, das Gebäude zu erwerben. Eines war uns von Anfang an klar: das Gebäude als Synagoge wieder herzurichten, wäre keine sinnvolle Option; denn eine jüdische Gemeinde gibt es in Laasphe nicht mehr.“ Stattdessen solle die ehemalige Synagoge zu einem Ort der Erinnerung und des Lernens aus der Vergangenheit werden.

Seine Aufzählung der bisher bereits geführten Gespräche machte deutlich, welche eine große Aufgabe der Verein zu stemmen hat, wenn der dieses Projekt tatsächlich umsetzt. Wie punktgenau die Landung am 9. November möglich war, machte Rainer Becker deutlich: „Heute morgen haben unser Schriftführer Klaus-Peter Wolff und ich einen hiesigen Notar mit der Erarbeitung der vertraglichen Unterlagen für den Erwerb des Gebäudes Mauerstraße 44 beauftragt.“ Trotz unterschiedlicher finanzieller Fördermöglichkeiten benötige der Freundeskreis unbedingt Unterstützung: „Bitte helfen Sie mit, diese Vision Realität werden zu lassen. Wir brauchen zur Verwirklichung Ihre Hilfe - ob sie Mitglied eines Parlamentes sind oder einem Verein oder anderen Gemeinschaften angehören, ein Unternehmen führen oder ob Sie individuell als Staatsbürger das Projekt ‚Alte Synagoge‘ fördern möchten - mit Ideen für oder Engagement in unserer Projektgruppe oder mit Geld- oder Sachspenden.“

Beim Laaspher Pogrom-Gedenken verkauften die Neuntklässler schon mal kleine Bausteine aus selbsttrocknendem Ton mit der Aufschrift „Synagoge 1938/2018“. Fünf Euro sollten die pro Stück kosten. Am Ende erbrachten die 56 Steine, die zwei der Gymnasiasten geformt hatten und die schnell ausverkauft waren, knapp 450 Euro für das Projekt „Alte Synagoge“. Offenkundig ließen sich viele von Rainer Becker einladen: „Lassen Sie uns am Jahrestag der Zerstörung der Synagoge gemeinsam ein Zeichen setzen für den Aufbau eines kulturellen Zentrums an dieser Stelle, das an die Opfer der Nazi-Diktatur erinnert und als ein Ort des Lernens aus der Vergangenheit in die Zukunft hinein wirkt.“

Hier gibt es mehr Fotos von den drei Veranstaltungen,
hier
gibt es die Ansprache von Rainer Becker aus Bad Laasphe.