Außen Beleuchtung, innen Musik >
< Fürs Praktikum ins Abenteuerdorf
04.08.2018
Von: Jens Gesper

Neue Eindrücke, neue Ideen, neue Kleider

Trotz viel Neuem bleibt auch für Ngerengere Bildung der Schlüssel für eine gute Zukunft


Fahren zwei Frauen ins Ausland, was bringen sie mit? Natürlich neue Kleider. Das ist wahr, das Foto beweist es. Aber gleichzeitig ist das nicht alles. Christine Liedtke und Carmen Schmidt berichteten voller Eindrücke von einem spannenden Aufenthalt in Ngerengere.

Die jungen Leute, die Frauen und die Männer, die miteinander unter der komplizierten Überschrift „Participatory Rural Appraisal“ darüber nachdachten, wodurch der Wittgensteiner Kirchenkreis die Geschwister in Ngerengere am sinnvollsten unterstützen kann.

Die Girkhäuser Pfarrerin Christine Liedtke und ihr Oberndorfer Kollege Oliver Lehnsdorf durften in der kleinen Kirche von Kwaba insgesamt 18 Kinder taufen.

Statt Geld gibt es in Ngerengere für die Kollekte auch schon mal Sachspenden, die nach dem Gottesdienst sofort versteigert werden, wie dieses Huhn in der kleinen Kirche von Kwaba.

Zwei Wochen lang war eine fünfköpfige Delegation für den Wittgensteiner Kirchenkreis in Afrika. Ihr Ziel: der Partnerkirchenkreis Ngerengere der Evangelical Lutheran Church in Tansania. Zum Team gehörten Martin Ahlhaus, Dirk Hillerkus, Oliver Lehnsdorf, Christine Liedtke und Carmen Schmidt. Zwei Auswärtige, drei von hier. Oder anders auseinanderdividiert: drei Pfarrer, zwei mit anderen Berufen. Oder nochmal ganz anders auseinanderdividiert: drei Männer, zwei Frauen. Dieser Bericht fußt auf den Erinnerungen der beiden Frauen, die eine Pfarrerin, die andere Mitarbeiterin beim Gesundheitsamt und einem heimischen ambulanten Pflegedienst, beide aus Girkhausen. Die drei Männer waren gerade nicht so einfach greifbar: Oberndorfs Pfarrer Oliver Lehnsdorf hat Urlaub, Martin Ahlhaus wohnt als zuständiger landeskirchlicher Regionalpfarrer für Südwestfalen und damit auch für Wittgenstein in Kierspe, Dirk Hillerkus hat seine Projektstelle für ökumenische Partnerschaften beim Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Dortmund. Es gibt hier also eine weibliche Sicht der Dinge. Aber spielt das bei uns noch eine Rolle, ist die anders als die männliche?

In Ngerengere liegen die Dinge zwischen Männern und Frauen noch ganz anders, Geschlechterrollen sind kaum überbrückbar, viel klarer getrennt. Auch aus diesem Grund war es dem Wittgensteiner Kirchenkreis von Anfang an ein Anliegen, mit seinem Schüler-Stipendien-Programm in erster Linie Mädchen zu unterstützen, um diesen einen Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Das funktioniert theoretisch, auch wenn sich inzwischen eine im Vergleich mit früher größere Zahl von Jungen-Namen auf der Stipendiaten-Liste findet. Das funktionierte praktisch jetzt allerdings nicht so gut, als zum Treffen der Wittgensteiner Delegation mit dem dortigen Partnerschafts-Ausschuss bis auf eine Frau nur Männer aus Ngerengere gekommen waren. Während auf deutscher Seite im Ausschuss deutlich mehr Frauen als Männer arbeiten, ist es in Ngerengere genau umgekehrt. Und von den drei Frauen war nur eine da. Von einer weiteren erfuhr die deutsche Delegation über Umwege, dass diese nicht zum Treffen kommen konnte, weil sie in der Zeit für die deutschen Gäste Essen kochen musste. Ein Schlaglicht, das schon einiges aussagt. Aber noch mehr sagte es aus, dass die afrikanischen Männer darin aber gar kein Problem sehen konnten, als Christine Liedtke ihre Kritik daran äußerte.

Männer und Frauen - genau das spielte bei einem Punkt, der breiten Raum im Programm einnahm, eine wichtige Rolle: ein Participatory-Rural-Appraisal-Workshop (siehe Stichwort unten). Um sinnvollste Möglichkeiten zur Unterstützung der afrikanischen Geschwister zu suchen, fanden nach einer eintägigen Vorbereitung durch die deutschen Delegations-Teilnehmer, die Partner aus dem Kirchenkreis Ngerengere und die Suaheli-Englisch-Übersetzer zweitägig sehr offene, intensive Gespräche mit acht Männern, acht Frauen und acht jungen Leuten statt. In diesen Gruppen-Einteilungen oder im gemeinsamen Plenum wurde nachgedacht, geredet, diskutiert. Dabei kam heraus, dass für die Frauen die offenbar praktizierte Vielehe in Tansania ein unhaltbarer Zustand ist, während die Männer es beklagten, dass die Frauen zum Geldverdienen Bier brauten, denn der Alkohol in großen Mengen habe bei den Männern zerstörerische Auswirkungen. Ganz nebenbei hörten die Gäste, dass dort vor Ort viele Menschen im März und April täglich nur eine Mahlzeit haben, bei manchen ist das möglicherweise nur eine Tasse Tee. Auch wenn Vieles nicht bis ins letzte Detail geklärt wurde, waren die Deutschen sehr dankbar für diese tiefen Einblicke in den Alltag von Ngerengere. Pfarrerin Christine Liedtke, die schon vor vier Jahren zur Delegation gehörte, fand, das sei viel anders gewesen als damals. Außerdem sei William Mitimingi, seit zwei Jahren neuer Superintendent in Ngerengere, diesmal die ganzen zehn Tage konzentriert dabei gewesen.

Auch von den je acht Männern, Frauen und jungen Leuten mussten sich einige die zwei Tage für den Workshop komplett freinehmen. Carmen Schmidt, die zum ersten Mal Afrika besuchte, war begeistert von dem Eifer der Teilnehmer. Sie seien alle mit großem Engagement dabei gewesen. Und wenn auf dem Weg auch unterschiedliche Ideen aufblitzten, am Ende waren sich Männern, Frauen und junge Leute einig, dass Bildung für sie das Wichtigste sei. Da waren die seit Jahren laufenden Stipendien ein guter Schritt in die richtige Richtung. Aber passend dazu schaute sich die Wittgensteiner Delegation jetzt ein Trainings-Center für ökologische Landwirtschaft in Morogoro an. Als Ehefrau des Girkhäuser Presbyters, Försters und Bauern Steffen Schmidt war Carmen Schmidt, die zuhause auch mit Kühen, Schafen, Hühnern, zwei Pferden, einer Ziege, einem Hund und einer Katze zu tun hat, beeindruckt von den breitgefächerten Unterrichts-Themen zur Nachhaltigkeit im Trainings-Center: Wasser klären, Wasser speichern, effektives Bewässern, Vorratshaltung, das Halten von Bienen, Hühnern und neuerdings Kaninchen, die Heilkraft von Bäumen und Kräutern, Informationen über Pflanzen, die gut zusammen im Acker wachsen, die man zum Düngen oder auch als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel nutzen kann, die Verwendungsmöglichkeiten von Kuhfladen.

Wieder in Deutschland und mit den Rückmeldungen der Partner aus Ngerengere im Kopf denkt jetzt der Unterausschuss „Partnerschaft Ngerengere“ über künftige Projekt-Unterstützungen nach. An dieser Stelle wird es sich auszahlen, dass mit dem Diplom-Agraringenieur Dirk Hillerkus ein Experte mit großer Afrika- Erfahrung zur Wittgensteiner Delegation gehört hat. Sein Fachwissen und Realitätssinn wird dem Kirchenkreis helfen, etwas nachhaltig Gutes mit den Partnern auf den Weg zu bringen. Ganz kurzfristig hat die Reise aber vielleicht auch schon etwas gebracht. Denn etwas Zeit haben die Wittgensteiner auch mit der Delegation des Siegener Nachbarkirchenkreises und deren Partner verbracht. Der Kirchenkreis Magharibi liegt ebenfalls in Tansania, ist aber reicher als das strukturschwache ländliche Ngerengere. Die Christen dort wollen überlegen, wie sie ihren Nachbarn in Ngerengere künftig möglicherweise helfen könnten.

Anders hätte sich diese Geschichte wahrscheinlich auch nicht angehört, wenn die Männer vom Delegations-Besuch in Ngerengere erzählt hätten. Außer bei einer Kleinigkeit: In einem dicht gedrängten Programm mit vielen Gottesdiensten und noch mehr Begegnungen, dem gemeinsamen Singen mit einem Chor und dem Treffen mit den Schul-Stipendiaten, dem Besuch im Mikumi National Park und bei einer Massai-Gemeinschaft fanden Christine Liedtke und Carmen Schmidt Zeit für einen Besuch bei einer Schneiderin. Sie sind mit maßgeschneiderten Kleidern zurückgekommen.

Wer mehr über den Delegations-Besuch wissen möchte, lädt die Wittgensteiner mal in seine Gruppen oder Kreise zum Berichten ein. Da hört man dann vielleicht auch, was der eigentlich unerschrockenen Carmen Schmidt in Ngerengere ziemlich viel Respekt einflößte und wie es für Oliver Lehnsdorf und Christine Liedtke war, als die Beiden in der kleinen Kirche von Kwaba insgesamt 18 Kinder taufen durften.

Stichwort: Participatory Rural Appraisal

… ist Englisch und heißt auf Deutsch etwa: teilhabende ländliche Beurteilung. Diese Übersetzung hilft wenig, deshalb die weitere Erläuterung zu der gebräuchlichen Abkürzung PRA: Dabei handelt es sich um einen Ansatz von Nicht-Regierungs- und anderen Organisationen, die sich für eine internationale Entwicklung einsetzen und dabei das Wissen und die Meinungen der Menschen vor Ort in die Planung und das Management von Entwicklungsprojekten und -programmen einfließen lassen.

Hier gibt es die PRA-Handreichung der Westfälischen Landeskirche,
hier die Homepage des Trainings-Centers für ökologische Landwirtschaft in Morogoro,
hier
unter dem Datum vom 12. August das Angedacht zum Thema von Christine Liedtke
und hier noch viel mehr Bilder von Vorbereitung und Aufenthalt in Ngerengere.