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< „Das pietistische Wittgenstein?!“
18.06.2018
Von: Jens Gesper

Überraschung bei der Wurzelsuche

Dr. Ulf Lückel sprach vor gut 50 Zuhörern von Erweckung und Pietismus


Viel Andrang herrschte jetzt beim Vortrag von Dr. Ulf Lückel im Rahmen des Kirchenkreis-Jubiläums. Über 50 Menschen saßen inmitten von Ausstellungs-Vitrinen und Plakaten, die Schlaglichter auf das 200-jährige Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises warfen.

Mit seiner ansteckenden Begeisterung sprach Dr. Ulf Lückel (links) auch im Anschluss an seinen Vortrag im Berleburger Haus der Kirche noch mit seinen Zuhörern.

Dieter Kuhli als Vorsitzender des organisierenden Theologischen Ausschusses wusste gar nicht, woher er noch Stühle im Berleburger Haus der Kirche holen sollte. Beim dritten Vortrag zum Kirchenkreis-Jubiläum herrschte jede Menge Andrang. Am Ende saßen mehr als 50 Menschen dicht an dicht inmitten von Ausstellungs-Vitrinen und Plakaten, die unterschiedliche Schlaglichter auf das 200-jährige Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises warfen. Und vor der versammelten Zuhörerschaft stand Dr. Ulf Lückel, um über „Das pietistische Wittgenstein - eine Spurensuche zwischen radikalem Pietismus und radikaler Erweckung“ zu sprechen. Es war wohl diese Kombination aus bekanntermaßen kompetentem Fachmann und spannendem Thema, die dem Kirchenkreis ein volles Haus bescherte. Das wusste auch der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli zu schätzen, er leitete nach seiner Andacht folgendermaßen zum Vortrag über: „Ich freue mich auf das, was der Referent uns mitzuteilen hat - und auf die Art und Weise, wie er das tun wird.“

In seiner Zeitreise zurück peilte Ulf Lückel, aus Girkhausen stammender Theologe und Kirchenhistoriker, zwei unterschiedliche Momente als Ausgangspunkte an: zunächst das zu Ende gehende 17. Jahrhundert, danach die Mitte 19. Jahrhunderts.

„Deutschland um 1690: Es ist die Hochzeit des Pietismus, einer religiösen Reformbewegung, der Gläubige aller drei Konfessionen angehörten: also Lutheraner, Reformierte und auch Katholiken.“ Ein Satz, eine klare Einordnung vom Referenten. Ulf Lückel zeichnete in wenigen Worten ein anschauliches Bild von der Situation damals: von den Menschen wie von der Welt. Und Europa machte es den Pietisten schwer. Für viele bot die Auswanderung nach Amerika den einzigen Ausweg: „Wer kein Geld für solch eine Überfahrt hatte, der musste entweder dem neuen liebgewordenen Glauben und seiner religiösen Gesinnung wieder abschwören oder woanders Asyl finden: religiöses Asyl. Und das war nicht einfach, denn nur wenige Territorien boten den Verfolgten und Flüchtlingen diese Möglichkeit. Dazu zählten einige kleine Grafschaften in der Wetterau oder eben unsere beiden Grafschaften. In Wittgenstein übten die Regenten für etwa ein halbes Jahrhundert eine höchst tolerante Politik aus, die wir uns heute nur als Beispiel nehmen können!“ Mühelos schlug der Referent seine Brücken in die Gegenwart - und erweckte außerdem die Berleburger Gräfin Hedwig Sophie, Alexander Mack, Eva von Buttlar, Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Johann Konrad Dippel zum Leben, wusste, weshalb Homrighausen, das Obere Hüttental und Saßmannshausen für eigenständig denkende, bibelfromme Christen damals so attraktive Wohnorte waren, und natürlich sprach er auch über die Berleburger Bibel, „das Lieblingsprojekt des Grafen Casimir“.

„Mit dem Jahr 1850 haben wir eine Schwelle überschritten. Ich meine das Revolutionsjahr 1848, das für Preußen mit der Verfassung sowohl die Religions- als auch die Versammlungsfreiheit auf Dauer brachte“, so startete Ulf Lückel in den zweiten Teil, in dem er die große Krise der Siegerländer Erweckung zu diesem Zeitpunkt und die Entstehung der ersten außerkirchlichen Versammlungen genauer anschaute. Es ging um die Gründungen der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland 1848, des Evangelischen Brüdervereins 1850 und des Vereins für Reisepredigt in 1853/54, genau auf den Punkt resümierte Ulf Lückel: „Dieser damalige innerkirchliche ‚Verein für Reisepredigt‘ existiert bis heute. Er nennt sich ‚Siegerländer Gemeinschaftsverband‘. Heute gehören etwa 90 Gemeinschaften aus Siegen-Wittgenstein, dem Lahn-Dill-Kreis, den Kreisen Waldeck-Frankenberg, dem Hochsauerlandkreis und dem Kreis Altenkirchen dazu. Zahlenmäßig dürfte dieses die größte religiöse Gruppierung inzwischen innerhalb und außerhalb der Kirche sein. Zumal in einer ganzen Reihe von Ortschaften der CVJM sich als die Jugendarbeit dieser Gemeinschaften versteht. Die Gemeinschaftsleute versammeln sich in den sogenannten ‚Vereinshäusern‘. Wer ins ‚Vereinshaus‘ geht, gehörte also ursprünglich zur Kirche und zur landeskirchlichen Gemeinschaft. Das Band zur Kirche hat sich inzwischen erheblich gelockert.“ Das war früher anders: „Gerade das Auftreten gegen Alkoholmissbrauch kam dem Umstand in Wittgenstein sehr zugute, denn der war im erheblichen Maß vorhanden. Der damalige Girkhäuser Pastor Niemann schreibt an den Siegerländer Gemeinschaftsverband, dass er im Pfingstgottesdienst 1911 kaum nüchterne Männer im Gottesdienst gehabt habe, und dankt ausdrücklich dafür, dass zur Erntezeit eine Evangelisation und ein Bekenntnis gegen den Alkohol von 18 Männern abgelegt worden sei, die nun unter der Woche ins Vereinshaus kämen. Ein klares Indiz dafür, dass es neben dem Bekenntnis zu Jesus Christus auch und gerade um den strengen sittlichen Lebenswandel ging.“

„Wenn wir konstatieren können, dass die pietistische Bewegung von Wittgenstein in das Siegerland getragen wurde, so ist es bei der Erweckungsbewegung genau diametral entgegengesetzt“ - aus der Kenntnis vieler Quellen heraus zeichnete der Referent auch in diesem Vortrag wieder ein lebendiges Bild von einem spannenden Thema und brachte es so nicht nur Fachleuten, sondern auch Laien näher. Das ist prima, denn Ulf Lückel ist sich sicher: „Geschichte macht die Gegenwart verständlich, die heute Glaubenden sind oft sehr überrascht, wenn sie ihre eigenen Wurzeln kennenlernen.“ Eine gute Erkenntnis für einen Vortrag zum 200-jährigen Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises.

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