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17.05.2018
Von: Rainer Becker

Deportation vor 75 Jahren

17. Mai 1943: Mit Max, Henny, Hannelore und Ursula Präger verlässt letzte jüdische Familie Laasphe


Max Präger (rechts) als stolzer Soldat des Kaiserreiches.

Der Auschwitz-Überlebende Herbert Präger am Grab seiner Großeltern auf dem jüdischen Friedhof in Laasphe; für seine in Auschwitz ermordeten Eltern gibt es kein Grab.

Herbert Präger bei der Namensgebung Max-Präger-Weg zur Erinnerung an seinen in Auschwitz ermordeten Vater.

Herbert Präger und Ruth Werth, geb. Präger, mit dem damaligen Bürgermeister Otto Düsberg bei einem Begegnungsabend in 1988.

Der Auschwitz-Überlebende Herbert Präger mit Ehefrau, Sohn und den drei Töchtern in Israel.

Martin (Marty) Präger und Ruth Werth, geb.  Präger; aufgenommen 2015 in den USA, wohin sie in 1939 mit ihren Eltern Hermann und Rickchen Präger vor den Nazis geflüchtet waren.

Mit Aron Präger beginnt die Familiengeschichte der Prägers in Laasphe. Aron Präger wurde 1775 geboren und zog von Friedberg nach Laasphe. Die ersten Juden hatten sich bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Lahnstadt angesiedelt. Im Stadtplan von 1824 wird dem Haus Nr. 40 „Im hohlen Weg“ (nach Erndtebrück), das entspricht heute dem Haus Schlossstraße 20, der Name Aron Bräger (Präger) zugeordnet.

Sein Sohn Michael (1816 – 1905) gehört der Synagogengemeinde an, die sich im Jahre 1855 ein Statut gibt und wird Vorstandsmitglied der Gemeinde. Michael Präger erwirbt 1873 das Haus Königstraße 50 von den Erben August Hammers. Die Ehe Michael Prägers mit Klara (Caroline) Scheuer (1829 – 1902) ist kinderreich. Die Söhne Aron (1851 – 1912) und Herz (1857 – 1933) haben auch wieder zahlreiche Nachkommen, von denen Hermann Präger und Max Präger mit ihren Familien noch in Laasphe ansässig sind, als die Nazis an die Macht kommen.

Rettung durch Flucht ins Ausland

Hermann Präger war der Sohn von Aron Präger (1851 – 1912) und Regine Spier (1853 – 1912). Er wurde am 7. August 1891 in Laasphe geboren. Wie schon sein Vater lebte er vom Viehhandel und der Metzgerei. Er gehörte zu den kräftigeren Steuerzahlern der Stadt. Aus seiner Ehe mit Rickchen Stern, die am 24. Mai 1893 in Niederklein geboren wurde, gingen zwei Kinder hervor. Tochter Ruth wurde am 21. Januar 1920 in Laasphe geboren, Sohn Martin kam am 1. Februar 1926 in Laasphe zur Welt.

Nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 war noch kein Jahr vergangen, als Hermann Präger mit seiner Familie am 1. August 1939 sein Haus in der oberen Königstraße neben der ehemaligen Hof-Apotheke verkaufte und über Panama in die USA auswanderte.

Ruth Präger heiratete in den USA den Juden Max Werth. Zusammen mit ihrem Mann besuchte sie 1988 anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 ihre Heimatstadt. „Schweren Herzens bin ich gekommen, leichten Herzens werde ich wieder nach Hause fahren,“ sagte sie während eines öffentlichen Gesprächsabends zum Abschluss des Besuchsprogramms im Evangelischen Gemeindehaus. Sie sprach für die Juden, die auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Otto Düsberg nach Bad Laasphe gekommen waren. Noch sehr genau konnte sie sich an die Veränderungen nach 1933 erinnern, als sich die Mitschüler von ihr wegsetzten und sie nicht mehr die Badeanstalt besuchen durfte, wo das Schild hing „Juden unerwünscht.“

Hermann Präger und seine Familie waren nicht die einzigen Laaspher Juden, die sich durch die Flucht ins Ausland retteten. Mehr als 50 jüdische Mitbürger verließen im Zuge der zunehmenden Schikanen, denen sie sich nach der Machtergreifung der Nazis in 1933 ausgesetzt sahen, ihre Heimatstadt. Ein besonderes Datum war die Pogromnacht vom 9./10. November 1938, in der auch in Laasphe die Geschäfts- und Wohnhäuser der jüdischen Bevölkerung demoliert wurden. Haustüren wurden eingeschlagen, Fensterscheiben klirrten. Die Synagoge wurde nur deshalb nicht in Brand gesetzt, weil die Gefahr bestand, dass umliegende Wohnhäuser in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Das Mobiliar des Gotteshauses wurde zerstört, Teile davon vor der Synagoge aufgetürmt und zusammen mit Kultgegenständen einschließlich der Thorarolle verbrannt. Spätestens von diesem Zeitpunkt an befassten sich immer mehr jüdische Familien mit dem Gedanken der Auswanderung.

Deportation

Einige stellten noch Anträge auf Ausstellung eines Reisepasses, doch den Antragstellern wurde die Auswanderung nicht mehr ermöglicht. Am 28. April 1942 kam es zur ersten Deportation. 47 jüdische Frauen, Männer und Kinder wurden von Laasphe über Dortmund nach Zamosc im damals von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert. Niemand überlebte.

Die zweite Deportation am 27. Juli 1942 betraf die zurückgebliebenen zumeist älteren Laaspher Juden. 18 von ihnen mussten über Dortmund den Weg ins KZ Theresienstadt bei Prag antreten. Wer von ihnen nicht dort verstarb, wurde in den Vernichtungslagern Treblinka oder Auschwitz ermordet.

Nach diesen Deportationen lebte neben den Laasphern mit jüdischen Wurzeln, die mit Christen verheiratet waren, nur noch die jüdische Familie Max Präger in der Lahnstadt.

Max Präger wurde am 19. Oktober 1893 als Sohn von Herz Präger (1857 – 1933) und Sophie Präger, geb. Kanther (1870 – 1928) in Laasphe geboren. Er führte zunächst gemeinsam mit seinem Vater den Viehhandel und die Metzgerei in der Schloßstraße 14, bevor er das Geschäft nach dem Tod von Herz Präger in Eigenregie übernahm.

Max Präger war nicht nur wegen der hohen Einkommensteuerzahlungen in der Bevölkerung hoch angesehen. Schon als junger Mann war er für Kaiser Wilhelm II. in den 1. Weltkrieg gezogen, wurde mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet und so schwer verwundet, dass er als 100% kriegsbeschädigt eingestuft werden musste.

Nach dem Krieg heiratete Max Präger die aus Fischelbach stammende Johanna Groos, die am 31. Juli 1898 geboren wurde. Das erste Kind von Max und Johanna (Henny) Präger war Sohn Herbert, geboren am 4. Februar 1923 in Laasphe, wie auch die beiden Töchter Hannelore, geboren am 8. Februar 1928, und Ursula Sophie, geboren am 6. September 1930.

Zunächst hatten die Weltkriegsauszeichnung und das Verwundetenabzeichen verhindert, dass Max Präger und seine Angehörigen deportiert wurden. Doch es war nur ein Aufschub. Das erste Opfer der Deportation wurde Herbert Präger. Als 15-Jähriger hatte er sich am 9. November 1938 in der Synagoge einschließen wollen, um die Torarolle vor den Nazis zu schützen. Er hatte im Radio gehört, dass sich etwas gegen die Juden zusammenbraute. Damals war sich sein Vater Max noch sicher gewesen, in Laasphe werde nichts geschehen und hatte seinem Sohn Herbert den Schlüssel zur Synagoge nicht gegeben.

Am 27. Februar 1943 musste Max Präger seinen Sohn Herbert unter dem Vorwand der Überprüfung des Arbeitsbuches nach Dortmund begleiten. Stattdessen wurde Herbert Präger verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert. Die Wege von Vater und Sohn sollten sich für immer trennen. Max Präger kehrte nach Laasphe zurück.

Nach der Ankunft Herbert Prägers im Lager Auschwitz wurde er zunächst zur Arbeit selektiert, bevor ihm die Häftlingsnummer 105010 in den Unterarm tätowiert wurde. Nach Zwangsarbeit im Lager Auschwitz I kam er ins Außenlager Monowitz und von dort über weitere Arbeitslager schließlich nach langem Marsch ins KZ Mauthausen im heutigen Österreich. Wegen Überfüllung des Lagers endete der Marsch im Nebenlager Gusen I. Hier wurden in einem Stollen Flugzeugteile produziert. Als die US-Truppen näher rückten, bereiteten die SS-Wachmannschaften die Sprengung des Stollens mit allen Häftlingen vor. Eingreifen des Roten Kreuzes verhinderte die Sprengung und rettete die Häftlinge, während die SS abzog. Der Häftling Herbert Präger konnte so überleben. Er kehrte nicht in seine Heimatstadt zurück; sein Ziel war Palästina. Im 1948 entstandenen Staat Israel gründete er dann eine Familie und hatte mit seiner Ehefrau Zehawah vier Kinder.

Tod in der Gaskammer von Auschwitz

Bevor sich Max Präger am 27. Februar 1943 von seinem Sohn Herbert verabschieden musste, war er davon überzeugt, dass ihm das Schicksal der Deportation erspart bleiben würde. Doch Ende April 1943 sprach er seinen Nachbarn Erich Vomhof auf seine düsteren Vorahnungen an: „Wart ab, Erich, es dauert keine vier Wochen und dann sind wir fort.“ Max Prägers Vorahnungen sollten sich schon nach gut zwei Wochen bestätigen. Am 17. Mai 1943 verließ das Ehepaar Max und Johanna Präger mit den beiden Töchtern Hannelore und Ursula ihr Haus in der Schloßstraße 14. Von Dortmund aus brachte sie ein Transport nach Theresienstadt. Von dort gibt es ein letztes Lebenszeichen: eine Postkarte an die am Eichelkamp wohnende Familie Hagedorn, die das Ehepaar Präger in der Pogromnacht aufgenommen hatte. Am 19. Mai 1943 waren der letzte Laaspher Synagogenvorsteher Max Präger, seine Frau Johanna (Henny) und die beiden Töchtern Hannelore und Ursula in Theresienstadt angekommen. Von dort führte am 6. Oktober 1944 ihr Weg ins Vernichtungslager Auschwitz. Tochter Hannelore wurde bei der Selektion als arbeitsfähig beurteilt und konnte in einem Außenlager in Schlesien überleben. Ihre Eltern und ihre Schwester Ursula wurden in der Gaskammer vom Auschwitz ermordet und später für tot erklärt.

Heute erinnert in Bad Laasphe die Straßenbezeichnung „Max-Präger-Weg“ an den letzten Synagogenvorsteher. Sein Sohn Herbert war mit seiner Ehefrau Zehawah in 1992 aus Israel nach Bad Laasphe gekommen, als der Sebastian-Kneipp-Weg den Namen seines Vaters erhielt. Es war nicht der erste Besuch in Herbert Prägers Geburtsort, den er Anfang 1943 im Alter von 20 Jahren mit Ziel Auschwitz verlassen musste. Erst 40 Jahre später im Jahre 1983 kehrte er erstmalig zurück – der Beginn von regelmäßigen Besuchen in Bad Laasphe, solange es seine Gesundheit zuließ. Auf Anregung des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde ihm anlässlich seines 80. Geburtstages der Ehrenbrief der Stadt Bad Laasphe verliehen. Der damalige deutsche Botschafter in Israel, Rudolf Dressler, nahm die Ehrung in Herbert Prägers Wohnort Petach-Tikwah vor. Der Auschwitz-Überlebende verstarb im Dezember 2010 im Alter von 87 Jahren.

Eine jüdische Gemeinde gibt es seit dem Völkermord an den Juden in Laasphe nicht mehr.