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08.10.2017
Von: Rainer Becker

„Mensch, achte den Menschen“

Zum Abschluss der Laaspher Veranstaltungsreihe „Euthanasie“ war Hadamar das Ziel


Die Inschrift „Mensch, achte den Menschen“ auf der auf dem ehemaligen Friedhof der Landesheilanstalt Hadamar errichteten Stele soll die Besucher mahnen, eine Wiederholung der NS-Verbrechen nicht zuzulassen. Im Bild die Besuchergruppe aus Bad Laasphe.

Die Teilnehmer an der Fahrt zur Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie-Verbrechen in Hadamar wurden von Lisa Steinebach auch beim Rundgang durch die Dauerausstellung über die Aktion T4 informiert.

„Mensch, achte den Menschen“ lautet die Inschrift auf einer Stele, die auf dem ehemaligen Friedhof der Tötungsanstalt Hadamar 1964 errichtet wurde. Der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie-Verbrechen war der letzte von drei Teilen einer Veranstaltungsreihe zu diesem Thema, dem sich der Kulturring Bad Laasphe, der christlich-jüdische Freundeskreis und das Wittgensteiner psychosoziale Forum angenommen hatten.

Nach der Ausstellung „Leben mit Behinderung in Siegen-Wittgenstein – damals und heute“ und einer Lesung aus dem Drama „T4 – Ophelias Garten“ jeweils im Haus des Gastes führte eine Busreise eine zwanzigköpfige Besuchergruppe an den Ort, an dem die Verbrechen der Aktion T4 (benannt nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4) ausgeübt wurden.

In Lisa Steinebach fand die Gruppe eine absolute Kennerin der Materie, die seit Jahren ehrenamtlich in der Gedenkstätte arbeitet und als angehende Pädagogin ihre Master-Arbeit über die Landesanstalt Hadamar schreiben wird. Die dreistündige Führung war zweigeteilt und informierte zunächst über die erste Phase der Morde an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, die von Januar bis August 1941 dauerte und über 10000 Opfer forderte. Dazu war die Landesheilanstalt Hadamar Ende 1940 in eine Tötungsanstalt umgebaut worden – als letzte von sechs über das Reichsgebiet verteilten T4-Gasmordanstalten. Der Standort auf dem abgelegenen Mönchberg in Hadamar war auch deshalb als geeignet angesehen worden, weil die bereits vorhandene Infrastruktur genutzt werden konnte. Wichtig war den NS-Verantwortlichen, so erfuhren die Besucher aus Bad Laasphe, dass die Bevölkerung getäuscht wurde über das, was sich tatsächlich auf dem Mönchberg abspielte. Die Menschen in Hadamar hatten sich natürlich ihre Gedanken gemacht über die grauen Omnibusse, die die Patienten aus den Heilanstalten zur Tötung hierher brachten. Um einen Einblick in die Busse unmöglich zu machen, waren die Fenster von beiden Seiten undurchsichtig. Lisa Steinbach führte die Gruppe erst zur Busgarage, aus der die dem Tod geweihten Patienten unmittelbar in den Gebäudetrakt geführt wurden, in dem sich im Keller die als Duschraum getarnte Gaskammer befand, in der die Opfer in aller Regel noch am Tag der Ankunft ermordet wurden. Die Toten wurden über die sog. Schleifbahn (Estrich mit besonders glatter Oberfläche) zu den Verbrennungsöfen gebracht, die nach dem Ende der Gasmorde abgebrochen wurden. Die Fundamente eines Krematoriums wurden wieder freigelegt. Bis heute ist noch ungeklärt, was mit der Asche der verbrannten Leichen geschehen ist, erfuhr die Gruppe bei der Besichtigung. Über das Todesdatum und die Todesursache erhielten die Angehörigen bewusst falsche Angaben, die den vom eigens für diese Zwecke eingestellten Schreibpersonal verfassten „Trostbriefen“

zu entnehmen waren. Ein solcher Trostbrief muss auch in Laasphe eingegangen sein, nachdem der ehemalige Lehrer und Leiter des Schloss-Archivs, Prof. Ernst Canstein, am 23. Juli 1941 in Hadamar ermordet worden war.

Das Ende der Gasmorde im August 1941 geht sicherlich auch auf den öffentlichen Protest des katholischen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, zurück, beendete aber nicht das Morden. Ab August 1942 wurde die Mordmaschinerie wieder in Gang gesetzt; jetzt mit überdosierten Medikamenten und Hungerkost. Lisa Steinebach brachte immer wieder Beispiele von Opfern und Tätern, um das System der Krankenmorde vor Augen zu führen. Dabei wurde deutlich, dass die Täter, ob Ärzte oder Pflegekräfte, auch später keine Reue zeigten und immer noch überzeugt waren, das Richtige getan zu haben. Die Besucher erfuhren von vollstreckten Todesurteilen nach Verhandlungen vor US-amerikanischen Gerichten und von Todesurteilen von deutschen Gerichten, die nach Gründung der Bundesrepublik in lebenslange Haftstrafen umgewandelt wurden, wobei die Verurteilten nach relativ wenigen Jahren wieder auf freien Fuß kamen.

Für die Angehörigen der Mordopfer gab es gegenüber der ersten Mordphase einen Unterschied: sie erfuhren zwar das richtige Todesdatum, wurden aber über die wahre Todesursache weiterhin getäuscht. Die Leichen wurden jetzt beerdigt. Auf dem Anstaltsfriedhof wurde der Eindruck von Einzelgräbern geweckt, aber in Wirklichkeit wurden die etwa 5000 Toten aus der Zeit von August 1942 bis Kriegsende im März 1945 in Massengräbern bestattet, die 1964 in eine Gedenklandschaft umgestaltet wurden, auf der die eingangs erwähnte Stele errichtet wurde, an der die für alle Teilnehmer eindrucksvolle Führung endete.