Grundstein vor 50 Jahren gelegt >
< Veranstaltungsreihe zum Thema „Euthanasie“
26.08.2017
Von: Jens Gesper

Diskussion nicht ohne die Betroffenen führen

Über Menschen näherte sich Ausstellungseröffnung dem Thema „Euthanasie“ an


Im Anschluss an die einleitenden Worte führte Sebastian Kenn als Mitarbeiter des Arbeiterwohlfahrt-Kreisverbands Siegen-Wittgenstein/Olpe durch die Ausstellung „Leben mit Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein damals und heute“, die bis 16. September im Laaspher Haus des Gaste zu sehen ist.

Julia Makara und Harald Schmidt spielten bei der Eröffnung der Ausstellung „Leben mit Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein damals und heute“ im Laaspher Haus des Gastes Werke von Friedrich Kiel.

Die Ausstellung „Leben mit Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein damals und heute“ erinnert noch bis 16. September im Laaspher Haus des Gastes an die Lebensläufe von behinderten Menschen, die Opfer der Nazis wurden.

Die Ausstellung „Leben mit Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein damals und heute“ stellt noch bis 16. September im Laaspher Haus des Gastes Menschen vor, die in der Gegenwart mit ihrer Behinderung leben.

Ernst Canstein, 1867 im heute Dautphetaler Ortsteil Wilhelmshütte geboren, nach dem Abitur Studium der Geschichte und Neuerer Sprachen an der Marburger Universität, Lehrer an der Oberrealschule Kassel, Ausscheiden aus dem Schuldienst, Umzug nach Laasphe, Verwalter des örtlichen Wittgensteiner Schloss-Archivs, 1934 wurde der ausgewiesene Nazi-Gegner wegen einer angeblichen Schizophrenie in die Heilanstalt Aplerbeck eingewiesen, 1941 zunächst Verlegung in die Landesheilanstalt Herborn, dann in die Tötungsanstalt Hadamar. Knapp umriss Rainer Becker als Vorsitzender des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe jetzt im Haus des Gastes den Lebenslauf von Ernst Canstein: „In der Regel wurden die Patienten eines solchen Transports noch am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Der 23. Juli 1941 ist daher als der Todestag von Herrn Canstein zu betrachten.“ So machte Rainer Becker beim Auftakt einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe zum Thema „Euthanasie“ deutlich: „Das Beispiel von Ernst Canstein zeigt, dass sich die Naziverbrechen nicht irgendwo an anonymen Orten im damaligen Deutschen Reich abspielten, sondern überall, auch in der unmittelbaren Nachbarschaft.“

Trotz des Termins am späten, letzten Samstagnachmittag in den Sommerferien waren es rund 60 Besucher, darunter der stellvertretende Landrat Karl-Ludwig Bade und Pfarrer Dieter Kuhli, die Günter Wagner als stellvertretender Bürgermeister der Stadt Bad Laasphe im Haus des Gastes begrüßte. Kulturring und Christlich-Jüdischer Freundeskreis Bad Laasphe organisierten und schulterten mit dem Wittgensteiner psychosozialen Forum die Veranstaltungsreihe. In dem Forum arbeiten das Diakonische Werk Wittgenstein, die Diakonie Südwestfalen, der Arbeiterwohlfahrt-Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe, das Sozialwerk St. Georg Westfalen-Süd, der Kreis Siegen-Wittgenstein, der Kirchenkreis Wittgenstein und die Kirchengemeinde Raumland zusammen.

Margit Haars ist Einrichtungsleiterin des Laaspher August-Hermann-Francke-Hauses, sie holte das Wittgensteiner psychosoziale Forum in diese Laaspher Veranstaltergemeinschaft. Nachdem Rainer Becker an Ernst Canstein erinnert hatte, sprach Margit Haars in ihrer kurzen Einführung vor allem von Dorothea Buck. Die Autorin und Bildhauerin wurde gerade 100 Jahre alt, die Nazis brachten sie zwar nicht um, griffen jedoch in die Lebensplanung von Dorothea Buck mit einer Zwangssterilisation ein. Margit Haars zeichnete entlang eines Deutschlandfunk-Beitrags das Leben der Frau nach, die als diagnostizierte Schizophrene in den Nazi-Jahren Unerträgliches erlebte und auch heute noch eine hellwache Mahnerin ist, wie Margit Haars über Dorothea Buck ausführte: „Sie ist nach wie vor beunruhigt über die heutige Psychiatrie, über ihre biologistische Ausrichtung, über die Fixierung auf Psychopharmaka, über den Mangel an Gesprächen und an Respekt vor den Erfahrungen der Patienten. Sie stellt die Forderung nach einer humanen Psychiatrie.“

So wie in diesen beiden Beiträgen zwei sehr unterschiedliche Menschen in den Mittelpunkt gestellt wurden, genau so machte das die Ausstellung „Leben mit Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein damals und heute“, die Sebastian Kenn als Mitarbeiter des Arbeiterwohlfahrt-Kreisverbands Siegen-Wittgenstein/Olpe mit nach Bad Laasphe gebracht hatte. Für das „damals“ belichtete die Ausstellung Lebensläufe von Siegerländern, die Opfer der Nazis wurden, für das „heute“ wurden Interviews mit Menschen geführt, die mit einer Behinderung im Kreis Siegen-Wittgenstein leben. Sehr deutlich machte Sebastian Krenn, weshalb er die Ausstellung relevant für das Hier und Jetzt fand: „Wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema der sogenannten ‚Euthanasie‘ ist, zeigen gegenwärtige Themen wie ‚Pränatale Diagnostik‘, ‚Sterbehilfe‘ und ‚Inklusion‘. Die Diskussion möchte ich nicht ohne die davon Betroffenen führen, sie bleibt sonst abstrakt und bestenfalls akademisch. Dazu muss aber jeder einen barrierefreien Zugang zu Bildung erhalten, als Voraussetzung für eine gelingende Auseinandersetzung. Die Ausstellung versucht in diesem Sinne eine niedrige Bordsteinkante der Bildung zu sein.“ Zu sehen ist sie bis Samstag, 16. September, zu den üblichen Öffnungszeiten im Foyer vom Laaspher Haus des Gastes, außer den vielen langen Texttafeln gibt es auch drei in leicht verständlicher Sprache.

Hier ist der Text von Rainer Becker.
Hier ist der Text von Margit Haars.
Hier ist der Text von Sebastian Kenn.

Die Veranstaltungsreihe zum Thema „Euthanasie“ geht am Freitag, 1. September, in Bad Laasphe weiter. An diesem Tag jährt sich nicht nur zum 78. Mal der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, auf den 1. September 1939 hat Hitler auch ein Schreiben des folgenden Wortlauts zurückdatiert: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Was für Menschen die Nazis in einer kaum zu überschätzenden Selbstüberheblichkeit einen „Gnadentod“ erweisen wollten, das zeigt die szenische Lesung „Euthanasie - Krankenmorde im Nationalsozialismus“, die am 1. September um 20 Uhr im Laaspher Haus des Gastes beginnt.

Die Lesung basiert auf dem Drama „T4. Ophelias Garten“ des Italieners Pietro Floridia. T4 - das steht hier für Tiergartenstraße 4, die Berliner Adresse der Zentraldienststelle, die im Rahmen des Nazi-Euthanasie-Programms die Krankenmorde organisierte. Seit 2016 liegt eine Übersetzung ins Deutsche von der aus Laasphe stammenden Kirsten Maria Düsberg vor. Die Einführung in den Abend gestaltet sie, bevor Jantje Billker die Patientin Ophelia und Mignon Remé die Schwester Getrud im Hamburg des Kriegswinters 1941 spielen. Für die musikalische Begleitung des Theaterstücks in Bad Laasphe ist Jakob Neubauer zuständig.