Diskussion nicht ohne die Betroffenen führen >
< „Hoffentlich sieht man sich mal wieder“
26.08.2017
Von: Jens Gesper

Veranstaltungsreihe zum Thema „Euthanasie“

In Bad Laasphe und Hadamar kann man sehen, wie falsch die wörtliche Übersetzung ist


Rainer Becker vom Christlich-Jüdischen Freundeskreis, Otto Düsberg und Wolfgang Gerber vom Kulturring sowie Margit Haars vom Wittgensteiner psychosozialen Forum (von links) hoffen gemeinsam, dass die unterschiedlichen Angebote zum Gedenken an das Euthanasie-Unrecht der Nazis auf Interesse in Bad Laasphe, im Kirchenkreis Wittgenstein, in Siegen-Wittgenstein und im benachbarten Hessen stoßen.

„Euthanasie“ kommt aus dem Griechischen, kann mit „schöner Tod“ übersetzt werden und leitet so in die Irre. Hinter dem Fremdwort verbirgt sich nämlich die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen, psychischen Beeinträchtigungen in der Nazi-Zeit. Genau dieses Thema stellte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert Ende Januar ins Zentrum seiner Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: „Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber ‚Lebensunwerten‘, die im sogenannten ‚Euthanasie‘-Programm ermordet wurden: 300.000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält.“

Ein weiteres widerwärtiges Kapitel aus dem dicken Buch der entmenschlichten Ideologie der Nazis. In Bad Laasphe kann man sich in den kommenden Wochen auf sehr unterschiedliche Art und Weise gleich dreifach mit diesem furchtbaren Thema beschäftigen.

Am Samstag, 26. August, wird um 17 Uhr im Laaspher Haus des Gastes, Wilhelmsplatz 3, die Ausstellung „Leben mit Behinderung in Siegen-Wittgenstein damals und heute“ eröffnet. Die Ausstellung berichtet in Wort und Bild zum einen über Opfer der NS-Euthanasie-Verbrechen aus dem Gebiet, das heute Siegen-Wittgenstein heißt, zum anderen über den Umgang mit Menschen mit Behinderung heute. Nach der Eröffnung ist die Ausstellung drei Wochen lang bis Samstag, 16. September, im Laaspher Haus des Gastes zu sehen.

Am Freitag, 1. September, beginnt um 20 Uhr im Laaspher Haus des Gastes die szenische Lesung „Euthanasie - Krankenmorde im Nationalsozialismus“. Diese basiert auf dem Drama „T4. Ophelias Garten“ des Italieners Pietro Floridia. T4 - das steht in diesem Fall für Tiergartenstraße 4, die Berliner Adresse der Zentraldienststelle, die im Rahmen des Nazi-Euthanasie-Programms die Krankenmorde organisierte. Seit Anfang der 2000er Jahre wird Pietro Floridas Stück in Italien gespielt. Mittlerweile liegt eine Übersetzung ins Deutsche von Kirsten Maria Düsberg vor. Die Einführung in den Abend gestaltet sie, bevor Jantje Billker die Patientin Ophelia und Mignon Remé die Schwester Getrud im Hamburg des Kriegswinters 1941 spielen: „Zwischen den beiden Frauen entsteht unverhofft eine Freundschaft, ein zartes Band gewunden aus gegenseitiger Anteilnahme und Sorge. Doch ob diese der umgebenden Gewalt und dem Druck der Verhältnisse standhalten kann?“ Diese Frage wirft das Programmheft auf. Wie die Antwort lautet, kann jeder Besucher am 1. September erleben. Für die musikalische Begleitung des Theaterstücks in Bad Laasphe ist Jakob Neubauer zuständig.

Die dritte Veranstaltung ist am Sonntag, 8. Oktober, eine Fahrt nach Hadamar zur Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie-Verbrechen. Zwischen 1941 und 1945 wurden in der Landesheilanstalt 15.000 Menschen ermordet. Die Abfahrt für den Gedenkstätten-Besuch ist um 12 Uhr in Bad Laasphe. Ab 14 Uhr steht eine dreistündige Führung mit einer Einführung ins Thema auf dem Programm, außer einer Ausstellung werden auch die authentischen Kellerräume aus jener Zeit und der Friedhof besucht. Die Rückfahrt erfolgt etwa um 18.30 Uhr ab Hadamar. Eine Anmeldung für die Fahrt ist unbedingt erforderlich und muss bis Samstag, 9. September, erfolgen: entweder bei Rainer Becker unter Tel. (02752) 9314 oder r-becker_badl(at)t-online.de oder bei Margit Haars unter Tel. (02752) 470415 oder margit.haars(at)diakonie-sw.de. Mit den Beiden können auch weitere Zusteigemöglichkeiten abgesprochen werden. Der Teilnahmebeitrag ist für Erwachsene 20 Euro, für Schüler, Auszubildende und Studenten 10 Euro.

Für diese beeindruckende Veranstaltungsreihe haben unterschiedliche heimische Akteure ihre Kräfte gebündelt. Der Kulturring Bad Laasphe und der Christlich-Jüdische Freundeskreis der Lahnstadt agieren gemeinsam mit dem Wittgensteiner psychosozialen Forum. In dem Forum arbeiten das Diakonische Werk Wittgenstein, die Diakonie Südwestfalen, der Arbeiterwohlfahrt-Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe, das Sozialwerk St. Georg Westfalen-Süd, der Kreis Siegen-Wittgenstein, der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein und die Evangelische Kirchengemeinde Raumland zusammen. Gemeinsam haben sie den Arbeitsauftrag angenommen, den Norbert Lammert vor sieben Monaten in seiner Rede so formuliert hat: „Alle Fakten zur ‚Euthanasie‘ bleiben ohne die Vergegenwärtigung der Opfer abstrakt. Erst die Einzelschicksale der Gequälten und Ermordeten lassen uns wirklich erkennen, was unschuldigen Menschen angetan wurde. Indem wir ihre Geschichten hören und lesen, an uns heranlassen, geben wir den Opfern posthum wenigstens ihre Würde zurück.“