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26.07.2017
Von: Jens Gesper

Israelische Geschwister auf Wittgensteiner Spuren

Am 75. Jahrestag der Deportation ihrer Großeltern sind Dalia und Naftali Lavi in Bad Laasphe


Baruch Lavi (Zweiter von rechts) wurde als Berthold Beifus vor genau 100 Jahren in Laasphe geboren. Das Foto zeigt ihn 1988 mit seinen drei Brüdern, die ebenfalls den Holocaust überlebten, vor ihrem Elternhaus am Laaspher Steinweg 5.

Herz und Minna Beifus (Foto) lebten früher in Laasphe, ihre Enkel Dalia und Naftali Lavi aus Israel besuchen in der kommenden Woche die Lahnstadt, die einst Heimat und Zuhause für ihre Vorfahren war.

„Schmeiß mich raus, lass mich stehn, sag: Ich will dich nie mehr sehn, doch bei dir bin ich immer noch zuhaus. Und ich weiß, dass du weißt, was es wirklich für mich heißt: Bei dir bin ich immer noch zuhaus“ - das ist der Refrain eines Liebeslieds aus den 70er Jahren, das damals Daliah Lavi sang. Die Jüdin war in jener Zeit mit ihrer rauchigen, tiefen Stimme Stammgast in den deutschen Hitparaden. Vor zehn Wochen ist die Frau verstorben, die 1942 in Schawe Zion - auf Deutsch: Rückkehr nach Zion - im palästinensischen Völkerbundmandatsgebiet als Tochter einer Breslauerin geboren wurde. Eine minimal anders geschriebene Namensvetterin von ihr ist in der kommenden Woche in Bad Laasphe zu Gast. Dalia Lavi kehrt mit ihrem Bruder Naftali an den Ort zurück, der ihrem Vater in der Nazi-Zeit kein Zuhause mehr sein konnte oder wollte.

Ihr Vater kam vor 100 Jahren als Berthold Beifus am 15. Januar 1917 in Laasphe zur Welt. Er war der Sohn von Herz Beifus, ebenfalls ein gebürtiger Laaspher, und seiner Ehefrau Minna, in der Wetterau geboren. Nach der Rente zog das Ehepaar an die Laaspher Schloßstraße, zuvor wohnten sie am Steinweg 5 in der Altstadt. Von dort aus verließ Berthold Beifus einen Tag vor seinem 19. Geburtstag Wittgenstein 1936 und ging nach Gruhsen bei Gemünden. Soweit sich seine Tochter Dalia erinnert, suchte Berthold Beifus in den Niederlanden Schutz. 1939 emigrierte er von dort nach Palästina. Hier nahm er den Namen Baruch Lavi an und lebte bis zu seinem Tod 2001 im Kibbuz Dorot. Der Kibbuz ist bis heute Heimat und Zuhause für Dalia und ihren Sohn Avner und Naftali mit seiner Familie.

Von dort kommen Dalia und Naftali Lavi auf Einladung des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe nun von Dienstag bis Sonntag, 25. bis 30. Juli, nach Wittgenstein. In dieser Zeit wandeln die Israelis mit Wittgensteiner Wurzeln mit Menschen aus dem Christlich-Jüdischen Freundkreis auf den Spuren ihres Vaters Baruch in dessen alter Heimat. Sie treffen Bürgermeister Dr. Torsten Spillmann, besuchen den Laaspher jüdischen Friedhof, sind wandernd im Ilsetal in Richtung Weidelbacher Weiher oder Heiligenborn unterwegs, machen einen längeren Abstecher nach Marburg.

Dazwischen stehen zwei öffentliche Veranstaltungen auf dem Programm. Am Mittwoch, 26. Juli, beginnt um 19 Uhr im Raum „Zum Steinchen“ im Laaspher Haus des Gastes ein Vortrags- und Begegnungsabend mit den Geschwistern, die über das Leben im Kibbuz berichten. Die ländlichen Kollektivsiedlungen mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen sind in Israel ein Auslaufmodell, knapp zwei Prozent der Bevölkerung leben heute noch im Kibbuz. Junge Leute kehren nach dem in Israel obligatorischen Militärdienst - 24 Monate für Frauen, 32 für Männer - oft nicht in ihren Kibbuz zurück. Bei allen sozialistischen oder kommunistischen Anklängen sind diese Kollektive nicht mit sowjetischen Kolchosen zu verwechseln, denn sie basieren nicht auf staatlichem Zwang. Es gibt säkulare und religiöse Kibbuzim, so die korrekte hebräische Mehrzahl, Pi mal Daumen im Verhältnis 95 Prozent weltliche zu fünf Prozent religiösen. 2014 waren es 272 dieser Siedlungen mit bis zu 2000 Einwohnern. Viel mehr als nackte Zahlen kann man bei dem Vortrag in Bad Laasphe erfahren, wenn Dalia und Naftali Lavi aus ihrem wahrhaftigen, alltäglichen Leben berichten. Der Laaspher Uli Weiß wird auf Deutsch und Englisch moderieren, so dass Alle Alles verstehen.

Der 27. Juli ist ein historisches Datum für die Lahnstadt. An diesem Donnerstag jährt sich zum 75. Mal die Deportation von Laasphern nach Theresienstadt, 18 ältere Juden wurden über Dortmund in das Konzentrationslager in die besetzte Tschechoslowakei deportiert. Alle Interessierten sind an diesem Tag herzlich eingeladen, sich gemeinsam mit Dalia und Naftali Lavi bei einem Gang entlang der Stolpersteine an diese 18 Menschen zu erinnern. Darunter ihre Großeltern Minna und Herz Beifus, die beide dann im September in Treblinka ermordet wurden.

Treffpunkt für den Gedenkrundgang ist um 16 Uhr das Haus an der Laaspher Schloßstraße 19, etwa dort, wo die Laaspher Gartenstraße auf die Schloßstraße trifft.