„Heiligabend nicht allein“ >
< Ein Lebensbild von Paul-Gerhard Bachmann
24.12.2016
Von: Pfr. Stefan Berk

„Fürchte dich nicht!“

Dieser Text sollte eigentlich zu Weihnachten in der Wittgensteiner Wochenpost stehen, ist aber durch ein Versehen unsererseits nicht am Ziel angekommen


Pfr. Stefan Berk

Ich finde, Weihnachten ist schwierig. Da liegen die Nerven blank. Wir machen uns Stress. Daran sind die Geschenke schuld, die gerade nicht zu lieferbar sind. Und das Essen muss geplant, die Wohnung geputzt und der Schrank endlich aufgeräumt werden, was ich schon seit einem halben Jahr machen will. Und dann kommt noch der andere Stress dazu. Denn an Weihnachten sind irgendwie besonders sensibel. Empfindlich. Tief in uns drin gibt es eine Sehnsucht nach einem guten Leben. Nicht nur, was Geld und Sachen angeht. Das geht tiefer: Eine Sehnsucht nach Frieden, äußerlich wie innerlich. Nach einem Leben ohne Angst und Sorgen. Und ohne das Gefühl, ständig aufpassen zu müssen, dass andere nicht schneller sind oder mir ein Bein stellen. Und ich würde gerne mit meinen Kindern gut auskommen, ohne Streit - auch wenn wir die nächsten Tage wieder zusammen leben.

Das sind ziemlich viele Wünsche. Ich sehe die Lichterketten an den Häusern, die Sterne, die über die Straßen gespannt sind, und denke: Da kommen sie ans Licht, unsere Wünsche. Sie erzählen von unserer Sehnsucht, denn wir wollen es hell haben. Freundlich. Gemütlich. Das Leben soll gut sein. Aber ich weiß ja, dass sich das nicht erfüllen wird. Meine Wünsche zerplatzen jedes Jahr. So wie vor ein paar Tagen, als der Laster in Berlin in den Weihnachtsmarkt raste und mehr als ein Dutzend Menschen ermordete. Das trifft uns. Da hat einer unsere Träume zerstört. Innen drin spüren wir gerade jetzt, an Weihnachten, wie empfindlich wir sind. Wie leicht unsere Seele verletzt werden kann. Wir haben ja unseren Panzer abgelegt, damit wir feiern können. Ohne Angst und Konkurrenz. Und dann das. Die Angst geht wieder um. Und der Frust: Wie soll man da feiern können?

Andere stehen mir plötzlich vor Augen. Da kommen die Eltern um die Trennung nicht mehr herum, weil es miteinander nicht mehr geht. Aber wie sagen wir das den Kindern – gerade jetzt? In anderen Wohnungen bleibt ein Sessel leer, weil vor kurzem jemand gestorben ist: Wie feiert man da Weihnachten? Wieder anderswo liegt eine Mutter mit Brustkrebs über die Feiertage im Krankenhaus - was machen wir jetzt? Und die Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan, die in den letzten Monaten so gut Deutsch gelernt hat, muss gleich nach den Feiertagen zurück - wohin, ist unklar.

Mir ist in diesem Jahr eine Geschichte durch den Kopf gegangen, die ich schon lange kenne. Sie steht am Anfang des Lukas-Evangeliums in der Bibel und erzählt davon, dass ein Engel Gottes die junge Frau Maria besuchte. Er stand plötzlich im Zimmer und fing sofort an zu erzählen. Maria sollte schwanger werden - nicht von einem Menschen, sondern von Gott selbst. Da kann man lange drüber diskutieren, ob das wirklich so war oder nur eine gute Geschichte ist. Aber mich hat beeindruckt, was der Engel da als erstes sagt: „Fürchte dich nicht!“

Da kommt einer aus einer anderen Welt und versucht zu trösten. Das tut gut. Wenn das der erste Gedanke ist, den Gott zu mir sagt, dann gibt es nichts Besseres. Keine Forderung, keine Gebote, sondern ganz einfach: keine Angst haben! Das verändert alles. Macht den Kopf frei. Öffnet die Zukunft, auch wenn ich genau weiß, dass damit noch lange nicht alles gut sein wird. Ich bin jedenfalls nicht mehr allein gelassen mit meinen Lebensumständen.

In Marias Leben damals war dadurch lange nicht alles gut - die kritischen Fragen der Verwandtschaft musste sie sich genauso gefallen lassen wie den Ärger ihres Verlobten. Und 30 Jahre später musste sie mit ansehen, wie ihr Sohn einen furchtbaren Foltertod an einem Hinrichtungskreuz starb.

Aber für dieses Weihnachtsfest gilt das erst mal: „Fürchte dich nicht!“ Gott wirbt um Vertrauen in seinen langen Atem. Das Miteinander zählt, nicht der Egoismus von einzelnen. Alle Menschen sollen leben können - nicht nur die Reichen, die immer reicher werden. Deshalb lassen Sie sich keine Angst machen! Lassen Sie sich nicht durch dummes Gerede über gut und böse verrückt machen! Gehen Sie denen nicht auf den Leim, die meinen, sie könnten die Menschen und gut und böse einteilen und die Herausforderungen unserer Zeit mal eben so lösen! Glauben Sie denen nicht, die sich als Erlöser aufspielen und uns mit starken Sprüchen beeindrucken wollen! Die alle spielen mit unserer Angst. Aber das haben wir nicht nötig.

Die Berliner machen es uns in diesen schwierigen Tagen vor. Sie wollen sich nicht von der Angst regieren lassen. Es soll ihre Stadt der Freiheit und des Zusammenhaltens bleiben. Ob da vielleicht Gottes Engel unterwegs ist und ins Herz schreibt: „Fürchte dich nicht“? Es muss jedenfalls gefeiert werden. Wir brauchen dieses Fest, damit unsere Träume vom Leben nicht vertrocknen. Damit Hoffnung lebendig bleibt. Damit die Angst uns nicht lähmt. Damit Lebensmut wiederkommt. Davon singen unsere Weihnachtslieder. Davon erzählen wir in den vielen Gottesdiensten. Das strahlen die Lichter an den Weihnachtsbäumen wieder. Und der Stress verschwindet. Und das Fest beginnt.

Fröhliche, bunte, gesegnete Weihnachten Ihnen allen!