Dr. Metz verlässt, Dr. Elkar wechselt in Wittgenstein >
< „Den Opfern der NS-Diktatur ein Gesicht geben“
31.10.2016
Von: Jens Gesper

Erst Festakt, dann Gottesdienst

25 Jahre Christlich-Jüdischer Freundeskreis Bad Laasphe und Reformation


Mit Heinrich Höse (links) zeichnete Rainer Becker (Zweiter von rechts) die Gründungmitglieder des Christlich-Jüdischen Freundeskreises aus, zu denen er selbst übrigens auch gehörte.

Viele Menschen ließen sich zum Besuch der Ausstellung im Foyer vom Laaspher Haus des Gastes einladen.

Chuzpe ist ein schönes Wort, das aus dem Hebräischen und Jiddischen den Weg in die deutsche Sprache gefunden hat. Mit einem bisschen Anerkennung im Unterton bezeichnet es eine Frechheit. Man könnte sich fragen, wieviel Chuzpe eigentlich nötig ist, wenn man den Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe auf den Reformationstag legt, obwohl man doch weiß, dass die Evangelischen für den legendären Thesenanschlag von Martin Luther an jenem 31. Oktober zwar sehr, sehr dankbar sind, gleichzeitig eben jener Martin Luther aber der letzten Predigt kurz vor seinem Tod eine „Eine Vermahnung wider die Juden“ angehängt hatte. Doch der Festakt fand ja nicht allein im Haus des Gastes statt, gleich im Anschluss feierte die Evangelische Kirchengemeinde Bad Laasphe an gleicher Stelle ihren Reformationstags-Gottesdienst.

Knapp 100 Menschen hatten sich zunächst zu der Feierstunde im Großen Saal eingefunden. Rainer Becker konnte als Freundeskreis-Vorsitzender an diesem Abend neben Siegen-Wittgensteins Landrat Andreas Müller und dem Laaspher Bürgermeister Dr. Torsten Spillmann auch die heimischen Bundestagsabgeordneten Volkmar Klein und Willi Brase begrüßen. In einem Rückblick mit vielen Fotos und Zeitungsartikeln, die Freundeskreis-Schriftführer Heinrich Höse an die Leinwand warf, erinnerte Rainer Becker an liebe Menschen, eindrückliche Begegnungen, zahlreiche Veranstaltungen, mannigfaltige Ausflüge und Reisen. Eine Urkunde gab es für die Gründungsmitglieder, von denen einige den Weg zur Feierstunde gefunden hatten.

Unter ihnen Otto Düsberg, während seiner Zeit als Laaspher Bürgermeister war der Freundeskreis 1991 entstanden und 1988 die emigrierten Laaspher Juden zum Besuch ihrer Heimatstadt für den 50. Jahrestag der Pogromnacht eingeladen worden. Seine Motivation erläuterte Otto Düsberg am Montag ehrlich und emotional mit einer kleinen Erinnerung ans Jahr 1939. Als knapp Vierjähriger habe er die Türklinke reinigen wollen, nachdem der jüdische Viehhändler Max Gunzenhäuser sein Elternhaus besucht und die Türklinke angefasst habe. Auch wenn Otto Düsberg in seinem Elternhaus ganz andere Werte vorgelebt bekam, so hatte doch die von den Nazis gleichgeschaltete Meinung das Kind infiziert. Für ihn sei es eine Erleichterung gewesen, als er 1988 Josef Gunzenhäuser, den Sohn des Viehhändlers, in Bad Laasphe getroffen habe. Vielleicht hatte dieser überlebt, weil Otto Düsbergs Vater dem völlig verzweifelten Vater von Josef Gunzenhäuser in 1939 ein Stück Vieh abgekauft hatte. Der Rückblick von Rainer Becker hatte viel ausgesagt über das segensreiche Wirken des Freundeskreises, das mit einer ersten kleinen Idee von Otto Düsberg in 1988 begonnen hatte. Deshalb scheute sich der Laaspher Alt-Bürgermeister auch nicht, eine neue Vision an diesem Jubiläumstag auszusprechen. Er finde, dass die alte Laaspher Synagoge - das Gebäude steht noch - als Denkmal wiederhergestellt werden solle. Da könnten ja möglicherweise die nachfolgenden Redner auch bei helfen, damit er sein nächstes Grußwort für den Freundeskreis dann dort halten könne.

Diese nachfolgenden Redner waren Torsten Spillmann, Andreas Müller, Willi Brase und Volkmar Klein, sie alle lobten das Engagement des Freundeskreises und unterstrichen die Notwendigkeit von Erinnerung, Begegnung, Gespräch und Verständigung für ein funktionierendes Miteinander. Andreas Müller verwies als Initiator auf die Initiative „Vielfalt und Zusammenhalt für Siegen-Wittgenstein“, die der Landrat unter anderem mit Willi Brase und Volkmar Klein auf den Weg gebracht hatte. Die Bundestagsabgeordneten sagten zudem zu, dass sie versuchen würden, die Denkmals-Idee für die Synagoge zu unterstützen und voranzutreiben. Der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli war in seinem Grußwort ganz einfach persönlich dankbar für die Arbeit des Freundeskreises. Etwa dafür, dass dieser mehrfach Treffen mit Herbert Präger, dem Sohn des letzten Laaspher Synagogen-Vorstehers, ermöglichte: „Wer ihm einmal begegnet ist, hat das so schnell nicht vergessen.“ Und Dieter Kuhli ermutigte zum Weitermachen, denn er war sich sicher: „Die Arbeit ist noch lange nicht erledigt.“

Abschließend lud Heinrich Höse zum Gang durch die Ausstellung im Foyer vom Haus des Gastes ein. Mit zahlreichen historischen Fotografien gab der Freundeskreis Juden und so genannten Zigeunern aus Laasphe, die Opfer des Nazi-Terrors wurden, ein Gesicht. Viele Besucher nutzen nach dem offiziellen Teil die Gelegenheit, den Menschen in die Augen zu schauen, erläuternde Texte beleuchteten auch die Familiengeschichten. Bis Mittwoch, 9. November, ist die Ausstellung während der Haus-des-Gastes-Öffnungszeiten zu sehen.

Nach einer halben Stunde ging es weiter im Großen Saal. Die Besucherzahl war in etwa gleich geblieben, vielleicht sogar ein bisschen höher. Zunächst ordnete Dieter Kuhli im Gottesdienst die Wirkung der Reformation ein, die am 31. Oktober 2017 ihren 500. Jahrestag feiert: „Bisher selbstverständlich geachtete Autoritäten und gängige Vorstellungen über Gott und den Glauben und die Kirche wurden zunehmend infrage gestellt. Es begann ein neues Nachdenken über Gott und die Welt, die Bibel und den Glauben, die Politik und die Religion. Ein neues Suchen nach Gott, die Neuentdeckung der großen Freiheit, die im christlichen Glauben wurzelt: Wir leben unverdient, aus lauter Gnade, aus Gottes Barmherzigkeit, die uns in Jesus Christus begegnet.“

Der Laaspher Pfarrer erinnerte an den frühen Luther und seine Sicht von 1523 in Bezug auf die Verbindung von Juden - „sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn“ - und von Christen - „wir sind Schwäger und Fremdlinge“ - zu Jesus Christus: „So gehören die Juden Christus näher zu als wir“. Aber Dieter Kuhli zitierte auch, was ihn spürbar Überwindung kostete, die sieben Ratschläge, die Martin Luther 1543 der Obrigkeit in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gab. Der Laaspher Pfarrer ordnete sie ein: „Fürchterliche Sätze, die sich wie die Anstiftung für das Judenpogrom vom November 1938 lesen. Luther fällt in dieser späten Schrift weit zurück in die alte Tradition judenfeindlicher Denkmuster, deren Wurzeln bis in die Anfänge der Kirche zurückreichen. An diesem Erbe, auch an dieser Schuldgeschichte, können wir im Vorfeld des Reformationsjubiläums nicht vorbeigehen.“

Aber Dieter Kuhli machte das, was sich Martin Luther ursprünglich vorgestellt hatte, als er Gottes Wort durch Bildung und Bibel-Übersetzung für jeden einzelnen Menschen zugängig sehen wollte. Dieter Kuhli hatte nachgedacht, eingeordnet und zitierte danach aus dem Römerbrief in der Heiligen Schrift: „Wir können nur mit dem Apostel Paulus staunen über das Wunder von Gottes Barmherzigkeit und uns mit Luther und - was seine Judenfeindschaft angeht - zugleich gegen ihn in die Bewegung hineinnehmen lassen, zu der die biblische Botschaft uns einlädt: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ Auf einmal gehörten Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe und Reformations-Gottesdienst der örtlichen Evangelischen Kirchengemeinde untrennbar zusammen. Gemeinsam ergab es seinen Sinn.

Hier gibt es die ganze Predigt.