Erst Festakt, dann Gottesdienst >
< DLRG, DRK und MBS gemeinsam im Einsatz
31.10.2016
Von: Jens Gesper

„Den Opfern der NS-Diktatur ein Gesicht geben“

Öffentlicher Festakt zu 25 Jahre Christlich-Jüdischer Freundeskreis Bad Laasphe am Reformationstag


Heinz Schindler, Lotte Stöcker, Christoph Zacharias und Eberhard Bauer (von links) wurden im Mai 1991 beauftragt, zusammen mit Bürgermeister Otto Düsberg eine Satzung für den Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit auszuarbeiten.

Die Freundeskreis-Vereinsgründung fand am 10. November 1991 statt. Am Mikrofon im Rathaus Landrat Walter Nienhagen.

Am 10. November 1991 wurde im Rathaus die Satzung des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit verabschiedet.

Der erste Vorstand des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit zeigt von links: Herbert Moses, Walter Davidis, Walter Homrighausen, Heinz Schindler, Otto Düsberg, Lotte Stöcker, Rainer Becker, Helma Sauer und Eberhard Bauer.

Der Auschwitz-Überlebende Herbert Präger enthüllt 1992 das neue Straßenschild Max-Präger-Weg, das an seinen in Auschwitz ermordeten Vater erinnert, der vor der Auslöschung der jüdischen Gemeinde der letzte Synagogenvorsteher war.

Max Präger mit einem Kälbchen vor seinem Haus an der Schloßstraße 16. Mit seiner Familie verließen im Mai 1943 die letzten Juden Laasphe. Der Viehhändler Max Präger, seine Ehefrau Johanna und die Tochter Ursula wurden in Auschwitz ermordet.

In seinem Wohnhaus in Petach-Tikwah (Israel) präsentierte der begeisterte Briefmarkensammler Herbert Präger dem Freundeskreis-Vorsitzenden Heinz Schindler seine Sammlung. Deutlich zu erkennen die Häftlingsnummer 105010 am linken Unterarm, die ihn ständig ans KZ erinnert.

Shabat shalom - die Vorstandsmitglieder des Freundeskreises erlebten bei Familie Präger die Zeremonie des jüdischen Feiertages.

Herbert Präger am Grab seiner Großeltern auf dem jüdischen Friedhof in Bad Laasphe. Für seine in Auschwitz ermordeten Eltern gibt es keinen Grabstein.

Die Juden, die in 1988 in ihre Heimatstadt zurückkehrten, sprachen auf dem jüdischen Friedhof das Kaddisch der Trauernden.

Das Jubiläum zum 25-jährigen Bestehen des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe wird am Montag, 31. Oktober, ab 17 Uhr mit einem kleinen Festakt im örtlichen Haus des Gastes gefeiert. Nach einem Rückblick auf die Geschichte des Freundeskreises wird an diesem Tag auch die Foto-Ausstellung „Den Opfern der NS-Diktatur ein Gesicht geben“ eröffnet. Die vom Freundeskreis verlegten Stolpersteine haben den vertriebenen oder ermordeten Laaspher Juden und sogenannten Zigeunern den Namen wieder gegeben, alte Aufnahmen sollen jetzt an die Gesichter der Menschen erinnern. Zu sehen ist die Ausstellung während der Öffnungszeiten des Laaspher Haus des Gastes bis zur Gedenkfeier am Jahrestag der Pogromnacht am Mittwoch, 9. November.

Am Montag, 31. Oktober, schließt sich dem Festakt im Haus des Gastes an gleicher Stelle ab 19 Uhr der Gottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde zum Reformationstag an. Pfarrer Dieter Kuhli wird dabei seinen Blick auch auf das Thema „Martin Luther und die Juden“ richten.

Ein Rückblick auf 25 Jahre

Gerade erst hat eine Studie des deutschen Justizministeriums klar gemacht, dass sich die junge Bundesrepublik in diesem Bereich mit sehr, sehr vielen Nazis auf den Weg in die neue deutsche Demokratie machte - auch wenn der erste Bundesjustizminister Thomas Dehler selbstverständlich während des Nazi-Regimes zu seiner jüdischen Ehefrau stand. Nach halbherzigen Entnazifizierungen führte der Weg der Bundesrepublik dank einer sehr guten Wirtschaftspolitik auf der Grundlage der großzügigen amerikanischen Marshall-Plan-Hilfe in die West-Integration und den Wohlstand. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit fehlte. Die wurde von den 68ern eingefordert. In 1970 folgte der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. 1979 kamen die Nazi-Gräuel in die deutschen Wohnzimmer: Im Fernsehen lief die US-Serie „Holocaust“, Millionen Deutsche nahmen freiwillig Anteil am Leben der fiktionalen jüdischen Arztfamilie Weiss aus Berlin in den Nazi-Jahren. Sechs Jahre später war es Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der zum 40. Jahrestag von Kriegsende und bedingungsloser Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1985 von einem „Tag der Befreiung“ sprach.

Juden besuchten alte Heimatstadt

Das war die Situation, in der 1988 Bürgermeister Otto Düsberg mit der Stadt Bad Laasphe ehemalige Laaspher Juden, die den Völkermord überlebt hatten, einlud, um gemeinsam des 50. Jahrestages der Pogromnacht in der Lahnstadt zu gedenken. Und die Menschen ließen sich von der Stadt einladen, die wenige Jahrzehnte zuvor nicht mehr ihre Heimat sein wollte. Es folgten weitere Besuche gebürtiger Laaspher Juden. Nach langem Schweigen waren das ermutigende Schritte aufeinander zu. Und vor Ort waren es junge Leute, die ganz engagiert mehr über die junge Geschichte ihrer Stadt erfahren wollten: Eine Projektgruppe der Hauptschule Bad Laasphe machte die jüdische Vergangenheit der Stadt sichtbar und stellte die Dokumentation „Schatten über Laasphe“ vor.

Gründung: 10. November 1991

Als Folge dieser neuen Beschäftigung mit der Geschichte bereiteten bei einem Treffen etwa 30 Interessierte die Gründungsversammlung des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe vor. Am 10. November 1991 wurde der Freundeskreis als neuer Verein gegründet, sein erster Vorsitzender war der Puderbacher Heinz Schindler, Pastor im Ruhestand. In diesem Amt folgten ihm Pfarrerin Helma Sauer von 1995 an, Rainer Becker ab 1998, Pfarrerin Gisela Weissinger ab 2001 und dann ab 2015 wieder Rainer Becker.

Studienreisen und Begegnungen

Die Aktivitäten des Christlich-Jüdischen Freundeskreises in den 25 Jahren seines Bestehens kurz und knapp zusammenzufassen ist unmöglich. Seit 1993 lädt er am 9. November zur Pogrom-Gedenkstunde ein, seit 1997 gemeinsam mit der Stadt Bad Laasphe. Aber die Vielfalt des Engagements ist viel größer. Ein paar Stichpunkte müssen reichen. Es gab Lesungen, Ausstellungen, Theaterstücke mit Menschen und Marionetten, Filmvorführungen, Konzerte und sogar die Darbietung israelischer Tänze. Hier wenige Namen, die gute Erinnerungen wecken: Arno Lustiger, Roman Krasnowski, Marc Chagall, Wus gewähn, Aurora, David Nahum, der Leipziger Synagogal-Chor, Nathan der Weise, die Pfeffermühle, Elisa Klappheck, Emma Stiman und Ilya Shneyveys. Zum Freundeskreis-Programm gehörten zahlreiche Studienfahrten: nach Amsterdam und Auschwitz, nach Köln und Krakau, nach Czernowitz und Witebsk, nach Riga und an die Stätten der Reformation, um nur einige zu nennen. Durch die Bank weg hervorragend organsierte Reisen, die auf Begegnung setzten.

Herbert Präger sprach über sein Leben

Es kamen auch Besucher nach Bad Laasphe. Henry G. Brandt war als Landesrabbiner von Westfalen-Lippe hier, junge und ältere Menschen aus Emek Hefer, dem Partnerkreis von Siegen-Wittgenstein in Israel, ebenfalls. Außerdem sprachen viele Zeitzeugen auf Einladung des Freundeskreises in Bad Laasphe von ihren Erfahrungen. Aber am nächsten kam den Wittgensteinern dabei einer, der selbst als Wittgensteiner geboren wurde: Herbert Präger, Sohn von Max Präger, dem letzten Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Laasphe. 1993 hatten ihn Heinz Schindler, Helma Sauer, Lotte Stöcker und Rainer Becker in seiner israelischen Heimat Petach-Tikwah besucht. 1998 als man beim Pogrom-Gedenken sich an „Zehn Jahre Begegnungen zwischen Laaspher Juden und den Bürgern der Stadt Bad Laasphe“ erinnerte, wurde aus dem Grußwort von Herbert Präger die Erzählung seiner Lebensgeschichte. Und wer hörte, wie selbstverständlich er beim Erzählen noch heute gebräuchliche Hausnamen, nicht Nachnamen benutzte, der spürte, dass er es mit einem waschechten Wittgensteiner zu tun hatte. 2003 bekam Herbert Präger zu seinem 80. Geburtstag den Ehrenbrief der Stadt Bad Laasphe, 2010 starb er in Israel. Bereits 1992 war zur Erinnerung an seinen Vater aus dem Laaspher Sebastian-Kneipp-Weg der Max-Präger-Weg geworden. Der düsteren Erinnerung an die Deportation von Laaspher Juden in 1942 begegnete man 50 Jahre später mit einer Freundschaftswoche, zu der jüdische Gäste aus den USA und Israel nach Bad Laasphe kamen.

Diverse greifbare Ergebnisse der Arbeit

Neben diversen Grabpflege-Einsätzen auf dem Laaspher jüdischen Friedhof sind greifbare Ergebnisse der Freundeskreis-Arbeit die Herausgabe des Buchs von Reinhard Schmidts „Aus der Geschichte von Juden und Christen in Laasphe“ in 1993, die Bronzetafel am Eingang zum örtlichen jüdischen Friedhof, die seit 1998 hängt, der Eintrag der örtlichen Synagoge in die Denkmalschutz-Liste auf Antrag des Freundeskreises sowie die Herausgabe des Faltblatts „Jüdisches Leben in Laasphe“ in 2004. Von 2006 bis 2011 wurden insgesamt 85 Stolpersteine in Bad Laasphe verlegt, vor den letzten Wohnhäusern, die Juden und so genannte Zigeuner freiwillig bezogen hatten bevor sie Laasphe verlassen mussten.

Auch den Islam im Blick

Der Christlich-Jüdische Freundeskreis in Bad Laasphe hat stets an das Zusammenlebens beider Religionsgemeinschaften in Laasphe erinnert, wollte dabei aber in die Zukunft blicken und andere Gruppen einbeziehen. Vorträge wie „Was Christen, Juden und Muslime verbindet“ von Berthold Klappert oder „Jüdisch-arabische Zusammenarbeit im Friedensprozess Israels“ von Arie Efrat wiesen in diese Richtung. Und gleich im ersten Jahr seines Bestehens - im wiedervereinigten Deutschland hatte es Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und den mörderischen Brandanschlag in Mölln gegeben - organisierte der Christlich-Jüdische Freundeskreis einen Schweigemarsch gegen Ausländerfeindlichkeit zum Laaspher jüdischen Friedhof unter dem Motto „Wehret den Anfängen“.

Jüdisches Leben in Laasphe im Laufe der Zeit

Um 1640 sind Mannus und Nathan die ersten jüdischen Einwohner der Stadt. Sie zahlen Schutzgeld an den Grafen. 1721 leben sieben jüdische Familien in Laasphe. Sie geben sich eine eigene Gemeindeordnung. Erstmals wird eine Synagoge erwähnt. 1750 erhält die jüdische Gemeinde ein Stück Land zur Anlage eines Friedhofes. 1846 sind 7 Prozent der Laaspher Bevölkerung Juden, die zumeist als Metzger und Viehhändler tätig waren.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in 1933 wird auch in Laasphe das Leben jüdischer Bürger zunehmend erschwert. Bis 1941 verlassen mehr als 50 Laaspher Juden die Stadt und gehen ins Ausland. Am 28. April 1942 werden 47 jüdische Mitbürger nach Zamość im besetzten Polen deportiert; 18 weitere werden am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt in der besetzten Tschechoslowakei gebracht.

Der Gemeindevorsteher Max Präger und seine Familienangehörigen sind die letzten Laaspher Juden, die am 17. Mai 1943 ihre Heimatstadt verlassen müssen. Max Präger, seine Ehefrau Johanna und Tochter Ursula werden in Auschwitz ermordet.

Hier gibt es mehr über den Christlich-Jüdischen Freundeskreis Bad Laasphe.