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16.03.2016
Von: Jens Gesper

Andere Kirchtürme mahnen und erinnern weiter

- auch wenn die Fredeburger Friedenskirche abgerissen werden musste


Mit viel Feingefühl wurde am Mittwochmorgen der Glockenturm von der Fredeburger Friedenskirche abgehoben.

Die Glocken aus der Fredeburger Friedenskirche werden weiter genutzt: Eine wird künftig im früheren Freizeitzentrum Wemlighausen läuten, das gerade umgebaut und modernisiert wird. Auch für die anderen beiden Glocken gibt es Interessenten.

Eine Erinnerung an die Fredeburger Friedenskirche, die bleibt: Der selbstgemachte Quilt von Frauen aus der Gleidorfer Kirchengemeinde hängt bereits seit Jahren im Fredeburger Seniorencentrum St. Raphael.

Kaum war die Nachricht vom bevorstehenden Abriss der Evangelischen Friedenskirche in Bad Fredeburg öffentlich, da standen auch schon ein Rosen-Strauß mit der Botschaft „Du wirst uns sehr fehlen“ und ein Grablicht auf der Treppe. Und fehlen wird die Kirche nicht nur den Gemeindegliedern der Evangelischen Kirchengemeinde Gleidorf. Eine katholische Nachbarin habe gesagt, sie wolle im Lotto spielen, wenn sie gewinne, werde sie die Kirche kaufen, freute sich Dr. Johannes Gilbert als Vorsitzender des Gleidorfer Presbyteriums über die ehrliche Anteilnahme. Er selbst hat in der Kirche geheiratet. Viele höchstemotionale Erinnerungen verbinden sich für viele Menschen mit dem Gebäude, das im Oktober 1964 offiziell seiner Bestimmung übergeben wurde. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, aber auch Beisetzungs-Feierlichkeiten.

Und doch konnte sich die Kirchengemeinde, die rund 2200 Gemeindeglieder zählt, keine drei Kirchen mehr leisten. Heute werden die Gottesdienste in der Gleidorfer Auferstehungskirche und in der Schmallenberger Christuskirche gefeiert. Die Friedenskirche wurde bereits im November 2011 entwidmet. Seitdem war das Presbyterium ganz aktiv, um eine neue Nutzung für das Gebäude zu finden, das den heutigen Ansprüche etwa in der Energie-Effizienz überhaupt nicht gerecht wurde. Viele Gespräche wurden geführt, am Ende verliefen sie alle im Sande.

So wurde jetzt ein Schlussstrich gezogen. Auch wenn es in den vergangenen vier Jahren Gott sei Dank keinen Vandalismus gegen die Friedenskirche gegeben hat, so bestand doch in der Gemeinde Angst davor. Und wenn die erste Scheibe eingeworfen ist, ist es zu spät. Zudem befindet sich die Kirchengemeinde in einer schwierigen finanziellen Situation, genau wie andere Gemeinden im Wittgensteiner Kirchenkreis, zu dem auch die Hochsauerländer gehören. Der demographische Wandel mit weniger Menschen und damit weniger Kirchensteuern vor Ort macht es schwerer, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Seit zwei Jahren sind die Gleidorfer im Haushaltssicherungskonzept. Da würde es der Kirchengemeinde schon helfen, wenn sie das große Grundstück im Herzen Bad Fredeburgs verkaufen könnte.

Und deshalb wurde jetzt die Friedenskirche abgerissen. Wobei sich „abreißen“ als Vokabel viel zu brutal anhört. Geduldig wurde am Mittwochmorgen zunächst einmal der 20 Meter hohe Kirchturm Stück für Stück abgehoben. Silke Grübener von der Bau- und Liegenschafts-Abteilung im Kirchenkreis Wittgenstein, die zum ersten Mal den Abriss einer Kirche im Kirchenkreis miterlebte, lobte das Fingerspitzengefühl und den Respekt in der Arbeit des Schmallenberger Bauunternehmens Trippe. Nicht einmal das Kreuz auf der Turmspitze nahm Schaden, auch die drei Glocken der Friedenskirche landeten ganz sanft auf dem Boden. Sie werden künftig woanders läuten.

Wie das Kreuz aus der Kirche, die Bibel und das Taufbecken kommen auch die Glocken zunächst nach Bad Berleburg. Eine von ihnen läutet künftig im Abenteuerdorf des Wittgensteiner Kirchenkreises. Das ehemalige Freizeitzentrum in Wemlighausen wird derzeit groß umgebaut und modernisiert. Auch für die anderen Glocken gibt es diverse Kaufinteressenten, etwa aus dem Evangelischen Dekanat Biedenkopf-Gladenbach in Hessen genauso wie aus dem Katholischen Bistum Mainz. Die Orgel aus der Fredeburger Friedenskirche wurde bereits vor zwei Jahren an die Katholische Gemeinde im slowakischen Ostratice verkauft. Auch ein großer imposanter Quilt, den Frauen aus der Gleidorfer Kirchengemeinde gehandarbeitet haben und in dessen Zentrum die Friedenskirche steht, wird bleiben. Er hängt schon seit der Entwidmung im Fredeburger Seniorencentrum St. Raphael. Und all die fröhlichen oder auch traurigen Erinnerungen an die Friedenskirche werden ebenfalls bleiben.

Superintendent Stefen Berk tröstet als Leitender Theologe des Wittgensteiner Kirchenkreises: „Ein Kirchturm weist nach oben. Er ist eine Erinnerung daran, dass wir Menschen nicht das Maß der Dinge sind - oder anders gesagt: Ohne den Gedanken an Gott finde ich nur schwer zu mir selbst. Jetzt reißen wir die Kirche in Bad Fredeburg ab. Und ich kann Menschen verstehen, die entsetzt fragen: Wie könnt Ihr so etwas tun? Die Reaktion macht deutlich, dass dieser Schritt nur das letzte Mittel sein kann. Aber er kann notwendig werden, wenn alles versucht wurde und niemand da war, der die Kirche kaufen wollte. Dann kann es besser sein, einen Schlussstrich zu ziehen - auch wenn er weh tut. Andere Wegweiser bleiben. Viele Kirchtürme in unserer Landschaft mahnen und erinnern.“

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