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21.01.2016
Von: Jens Gesper

Leader und LAG sind für Kirche keine böhmischen Dörfer

Stefan Berk zum stellvertretenden Vorsitzenden der Lokalen Aktionsgruppe gewählt


Der heimische Kirchenkreis reicht zwar aber über den Altkreis Wittgenstein hinaus, aber allein hier hat er 28632 Gemeindeglieder (Stand 31. Dezember 2015) in 13 Kirchengemeinden. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass Superintendent Stefan Berk (Sechster von links) zum stellvertretenden Vorsitzenden der Lokalen Leader-Aktionsgruppe gewählt wurde, die mit Brüsseler Fördergelder in Millionen-Höhe die Zukunftschancen ganz Wittgensteins verbessern möchte.

Leader ist Englisch und heißt Führer. Das Wort ist im Deutschen aus historischen Gründen schwierig. Andere Übersetzungsmöglichkeiten sind: Anführer, Spitzenreiter, Leittier. Wenn in der bundesdeutschen Kommunal- und Regionalpolitik heute allerdings über Leader gesprochen wird, geht es zwar auch um die englische Bedeutung, eigentlich ist Leader hier aber die Abkürzung von „Liaison entre actions de développement de l'économie rurale“. Das ist Französisch und heißt: Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft. Englisch, Französisch und hört sich kompliziert an? Dann muss es doch etwas mit der Europäischen Union zu tun haben.

Das ist tatsächlich so. Leader ist ein Förderprojekt der EU für den ländlichen Raum, das es seit 1991 gibt und jetzt auch in Wittgenstein angekommen ist. Nach vielen Vorarbeiten der drei Kommunen Bad Berleburg, Bad Laasphe und Erndtebrück und durch ein breites Engagement einer großen Öffentlichkeit kann die offizielle Leader-Region Wittgenstein jetzt in den Genuss von Brüsseler Fördermitteln in Höhe von 2,3 Millionen Euro kommen. Der Leader-Projektzeitraum dauert sieben Jahre, der aktuelle endet 2020. Grundvoraussetzung, um überhaupt Geld zu kriegen, ist eine Lokale Aktionsgruppe (LAG), die jetzt für Wittgenstein im Laaspher Rathaus gegründet wurde.

Der bis vor 40 Jahren selbständige Landkreis konnte sich dabei auf etwas stützen, was bei seiner Gründung 1997 etwas Besonderes war. Bereits vor knapp 20 Jahren überwanden die Kommunen das Kirchturmdenken, das es auch in Rathäusern gibt und gründeten den Zweckverband „Industriepark Wittgenstein“. Der Industriepark war ein interkommunales Gewerbegebiet. Inzwischen trägt der Zweckverband längst „Region Wittgenstein“ in seinem Namen. Trotz dieser perfekten Infrastruktur gehören die Wittgensteiner im aktuellen Leader-Förderprojekt jedoch zu den Spätstartern. Viele LAGs sind längst aus der Taufe gehoben, auch die Versammlung jetzt hatte Längen. Aber knapp dreidreiviertel Stunden nach Beginn der Gründungsversammlung stellte sich der 18-köpfige Vorstand der neuen LAG zum Foto auf. Gegründet worden war sie von 44 Einzelpersonen oder Institutionen. Etwa so viele Besucher waren auch im Laaspher Rathaus. 24 Euro beträgt die Jahresgebühr für ordentliche Mitglieder, 12 für Schüler, Auszubildende, Studenten.

Zwei Dinge machten die Sache kompliziert. Zum einen: Die künftige Satzung war auf Grundlage der EU-Vorgaben mit Planungsbüros und Notar für Wittgenstein vorbereitet - und aufgrund vieler Vorgaben aus Brüssel, wo man das Leader-Projekt bereits in seiner fünften Auflage durchführt, nicht wirklich zu diskutieren. Sonst bestand stets die Gefahr, die Fördermaßgaben nicht zu erfüllen. Einige wollten aber unbedingt diskutieren und hatten möglicherweise auch wichtige Gedanken dabei, die aber bei genauer Betrachtung am großen Ganzen sowieso nichts änderten. In dieser Situation half es wenig, dass manche der rund 40 Veranstaltungs-Teilnehmer die Satzung im Vorfeld erhalten hatten, andere am Abend nicht mal eine ausgedruckte Fassung bekommen konnten, weil es die nicht gab. Am Ende wurde der Entwurf mit dem Beamer für alle sicht- und lesbar an die Wand geworfen.

Zum anderen: Über den Vorstand war wie bei anderen Gründungsversammlungen schon im Vorfeld nachgedacht worden. Das war umso nötiger, weil Maßgaben für Frauenquoten und Gewichtungen von öffentlichen, sozialen und wirtschaftlichen Vertretern genauestens zu beachten waren. Aber die 15 vorher ins Auge gefassten potentiellen Vorstandsmitglieder reichten allein von der Anzahl her nicht für die Ansprüche der Satzung, es mussten drei weitere gefunden werden. So bekamen nach ein wenig Hin und Her einige der vehementesten Nachfrager der vorhergegangenen Diskussion doch einen Platz im Vorstand, als Mitglied oder direkte Vertreter.

Zum Vorstand gehören nun: die Bürgermeister Bernd Fuhrmann, Henning Gronau und Dr. Torsten Spillmann als geborene Mitglieder, außerdem Dr. Annia Röhl (niedergelassene Ärzte), Liane Ziemkendorf-Kretz vom Sozialwerk St. Georg (Soziales), Wolfgang Lückert (Naturschutz), Otto Marburger (Wittgensteiner Heimatverein), Ursula Belz (Kreissportbund Siegen-Wittgenstein), Roswitha Still (Touristikverband Siegerland-Wittgenstein), Beate Stirnberg (Zweckverband „Personennahverkehr Westfalen Süd“), Otto Wunderlich (Arbeitskreis „Schienenverkehr“), Holger Saßmannshausen (Sparkasse Wittgenstein), Janine Dickel (Volksbank Wittgenstein), Karsten Hof (Landwirtschaftlicher Kreisverein Wittgenstein), Marc Hofmann (Wohnungsgenossenschaft Wittgenstein), Christian Kocherscheidt (Unternehmen), Thomas Dörr (Diakonisches Werk Wittgenstein) und Stefan Berk (Kirchenkreis Wittgenstein), Vertreter des Superintendenten in der Vorstands-Position ist der Elsoffer Pfarrer Dr. Ralf Kötter.

Aus diesem Vorstand heraus wurde Holger Saßmannshausen zum Vorsitzenden gewählt, seine beiden Stellvertreter sind Stefan Berk und Thomas Dörr. Außer dem Trio, das aus allen drei Wittgensteiner Kommunen kommt, gehören die drei heimischen Bürgermeister zum geschäftsführenden Vorstand. Alle Wahlen verliefen einstimmig. Zwei Aufgaben gilt es jetzt für den Vorstand zu erledigen: Für das weitere Leader-Projekt muss dringend ein Regional-Manger gefunden werden, und jetzt müssen wieder Arbeitsgruppen überlegt und gebildet werden, in denen nachgedacht wird über eine für ganz Wittgenstein sinnvolle Verwendung der Brüsseler Fördergelder.