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25.08.2015
Von: Jens Gesper

Wege aus den Vakanzen

Kerstin Grünert soll als Pfarrerin in Erndtebrück präsentiert werden, Feudinger halbe Stelle und halbe Stelle beim Kirchenkreis gemeinsam ausschreiben


Schon seit zwei Jahren hat Kerstin Grünert den Talar in Erndtebrück an, wie hier beim Gemeindefest vor anderthalb Wochen. Das Presbyterium hat sich jetzt einstimmig dafür entschieden, dass als einzige Kandidatin für eine 100-Prozent-Pfarrstell in Erndtebrück präsentiert wird.

Vor zwei Jahren hat die Evangelische Kirche von Westfalen den Korridor der Gemeindegliederzahlen um 250 hochgesetzt, so dass es heute 2500 bis 3000 Gemeindeglieder pro Pfarrstelle sein sollen. Gleichzeitig schmilzt die Landeskirche in Bielefeld die zusätzlichen sieben Pfarrstellen, die sie für den Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein wegen der ländlichen Siedlungsstruktur und der weiten Wege bei uns finanzierte, Schritt für Schritt zukünftig auf drei herunter. Außerdem werden die Evangelischen im ohnehin kleinsten westfälischen Kirchenkreis kontinuierlich weniger: zum einen weil die evangelische Kirche als Spiegelbild der Gesellschaft vor Ort natürlich den gleichen dramatischen demographischen Wandel erlebt, zum anderen weil die traditionell niedrigen Kirchenaustrittszahlen steigen. Das erlebte der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein paradoxerweise in den Hochzeiten der katholischen Bau-Querelen in Limburg genau wie als Reaktion auf Briefe von Bankinstituten zur sogenannten Kirchenabgeltungssteuer. Diese führten dazu, dass sogar Rentner, die gar keine Kirchensteuer mehr zahlten, aus der Kirche austraten. Wegen all dieser Dinge muss neu nachgedacht werden, wie viele Gemeindeglieder künftig im Wittgensteiner Kirchenkreis für eine Pfarrstelle nötig sind.

Genau in diese Situation hinein haben mit Oliver Günther und Stefan Turk sowohl in der Feudinger als auch in der Erndtebrücker Kirchengemeinde zwei Pfarrer ihre Pfarrstellen verlassen. Die Analyse der aktuellen Ist-Zahlen hat in beiden Orten ergeben, dass hier die Gemeindeglieder nicht mehr für zwei volle Pfarrstellen ausreichen. Die Erndtebrücker hatten zum Jahresende 2014 3962 Gemeindeglieder, die Oberlahntaler Kirchengemeinde noch 3521. Auch wenn die Tendenzen schon länger bekannt sind, so war diese konkrete Aussage des Kreissynodalvorstands für beide Presbyterien ein heftiger Schlag. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Feudinger mit dieser Situation inzwischen seit Anfang 2014 arrangieren müssen. Wobei Pfarrerin Heike Lilienthal hier den Oberndorfer Pfarrstellen-Inhaber Olive Lehnsdorf in der Arbeit unterstützt, genau wie das Thomas Lindner vom Kirchenkreis bei dem vergangenen Konfirmanden-Jahrgang gemacht hat. Auch wenn in Erndtebrück die Stelle gerade mal erst seit Frühjahr 2015 vakant ist, stellt sich die Geschichte in Erndtebrück anders kompliziert dar, weil hier der einzig verbliebene Pfarrstellen-Inhaber gleichzeitig nebenamtlicher Superintendent des Wittgensteiner Kirchenkreises ist.

Wenn ein Gremium im Kirchenkreis weiß, wieviel Arbeit der Superintendent in sein Amt steckt, dann ist es der Kreissynodalvorstand (KSV). Kontinuierlich ist diese Arbeit größer geworden, auch weil der Kirchenkreis kleiner wird und generell sehr viel mehr nachgedacht werden muss über die Zukunft von Kirche als relevante Größe in einer weltlicheren Gesellschaft. Mitglieder des kreiskirchlichen Leitungsgremiums besuchten die beiden Presbyterien, zudem gab es Gespräche mit Vertretern der Landeskirche. In Feudingen agierte sogar ein rühriger Vakanz-Arbeitskreis, auch um die Arbeit in den beiden Kirchengemeinde-Bezirken nochmal genauer anzuschauen. Und so haben sich in den vergangenen Monate folgende zwei Fahrpläne ergeben, die der KSV in seiner jüngsten Sitzung am Dienstagnachmittag auch einstimmig mittrug.

In der Oberlahntaler Kirchengemeinde ist die derzeit vakante Pfarrstelle die erste und damit gleichzeitig eine historische Patronatspfarrstelle, in diesem Fall unter dem Patronat von Bernhart Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Deshalb soll diese als ganz Pfarrstelle erhalten bleiben. Auf diesen Fakten fußend fasste der KSV einstimmig folgende Beschlüsse: Pfarrer Oliver Lehnsdorf soll zum nächstmöglichen Zeitpunkt Inhaber der ersten Pfarrstelle werden, so dass dann die zweite die unbesetzte ist. Diese möge zum nächstmöglichen Zeitpunkt für einen eingeschränkten 50-Prozent-Dienst und zur Wiederbesetzung durch Gemeindewahl freigegeben werden. In Ergänzung dazu hat das Landeskirchenamt dem Kirchenkreis die Einrichtung einer siebten Kreispfarrstelle in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit in Aussicht gestellt, die ebenfalls im 50-Prozent-Umfang wahrgenommen werden soll. Presbyterium und KSV hoffen, dass es so leichter ist, für diese beiden Hälften, die zusammen eine ganze Stelle ergeben, gemeinsam einen Interessenten oder eine Interessentin für Feudingen und Wittgenstein zu finden, was bei einem tendenziell leergefegten Pfarrer-Markt kein leichtes Unterfangen wird.

Da ist die Erndtebrücker Situation einfacher. Denn sie haben, kennen und mögen Kerstin Grünert ja schon seit längerem. Nach ihrer Elternzeit für das zweite Kind arbeitet die Pfarrerin seit September 2013 in der Erndtebrücker Kirchengemeinde. Als Synodalvikarin kam sie zur Entlastung des Superintendenten in die Gemeinde. In seiner jüngsten Sitzung hat sich das Erndtebrücker Presbyterium einstimmig dafür ausgesprochen, dass Kerstin Grünert als einzige Kandidatin für die 100-Prozent-Pfarrstelle präsentiert wird. Dass die Erndtebrücker eine ganze Pfarrstelle besetzen dürfen, hängt mit der Superintendenten-Tätigkeit von Stefan Berk zusammen. Mit 60 Prozent wird nun die Arbeit von Stefan Berk als leitendem Theologen des Wittgensteiner Kirchenkreises - auch nach Rücksprache mit dem Landeskirchenamt - beziffert.

Wenn sich das Kollegium des Bielefelder Landeskirchenamtes abschließend mit diesen Themen in den nächsten Wochen beschäftigt hat, können die Dinge ihren Lauf nahmen. Das heißt der Wittgensteiner Kirchenkreis und die Feudinger Kirchengemeinde werden gemeinsam eine Stellenausschreibung formulieren und auf den Weg bringen. Und die Erndtebrücker können nach der Erledigung aller Formalien ihre neue, bekannte Pfarrerin Kerstin Grünert der Gemeinde präsentieren, bevor sie dann vom Presbyterium auch noch offiziell gewählt wird. Das könnte Anfang 2016 passieren.