Fünf Jahre Lamas in Wemlighausen >
< „Offene Bücher… Gedanken loslassen“
23.08.2015
Von: Jens Gesper

„Mutig für die Menschenwürde“

Diakonie-Gottesdienst in Eslohe gedachte der KZ-Befreiung vor 70 Jahren und schlug die Brücke in die Gegenwart


Die Qualität der gemeinsamen Diakonie-Gottesdienste der Evangelischen Kirchengemeinden Dorlar und Gleidorf kommt auch daher, dass sie im Teamwork entstehen. Dieses Jahr hatten Brigitte Stooff, Karin Paetsch, Ursula Groß, Günter und Gisela Bannuscher (von links) erneut einen sehr vielschichtigen, sehr guten Gottesdienst in Eslohe vorbereitet.

Viele Menschen ließen sich nach dem Diakonie-Gottesdienst in Eslohe noch zum Kirchenkaffee vor der Tür einladen.

Pfarrer Jürgen Rademacher (Zweiter von rechts) freute sich über die Besucher beim Kirchenkaffee nach dem Diakonie-Gottesdienst in der Evangelischen Esloher Kirche.

Gut 80 Besucher zählte am Sonntagmorgen die St.-Johannis-Kirche in Eslohe, das Besondere dabei: Nicht nur aus der örtlichen Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar, sondern auch aus der Nachbar-Kirchengemeinde Gleidorf hatten sich Menschen auf den Weg nach Eslohe gemacht, wo der Diakonie-Gottesdienst gefeiert wurde. Im Wechsel finden die alljährlichen Gottesdienste in einer der beiden Gemeinden statt, vorbereitet werden sie indes von einem gemeinsamen Team um Pfarrerin Ursula Groß mit Menschen sowohl aus Eslohe als auch aus Schmallenberg. . Dieses kommunale Gebiet decken die beiden Evangelischen Gemeinden des Wittgensteiner Kirchenkreises ab.

Ausgesucht hatte sich die Vorbereitungs-Mannschaft keine leichte Materie: 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand als Überschrift über dem Diakonie-Gottesdienst „70 Jahre Befreiung der Konzentrationslager - mutig für die Menschenwürde“. Eine ganz bewusste Entscheidung des hellsichtigen Teams, das schon im vergangenen Diakonie-Gottesdienst die Flüchtlings-Thematik in den Mittelpunkt gestellt hatte. Auch in diesem Jahr hatten sich die Verantwortlichen wieder viele Gedanken gemacht und bei den Überlegungen, wie die menschenverachtende Nazi-Ideologie in Deutschland so breiten Raum greifen konnte, ging es um viele Aspekte. Günter Bannuscher sprach von der Macht der Sprache und ihrem kalkulierten Einsatz, Karin Paetsch ging auf antisemitische Traditionen in Deutschland und gerade die Rolle der lutherischen Kirche in Preußen ein, Brigitte Stooff beleuchtete den Versailler Vertrag kritisch.

Den Ausgangspunkt für ihre Predigt fand Ursula Groß ganz am Anfang der Bibel. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Bezugnehmend darauf sagte die Pfarrerin: „Was für eine Aussage! Der Mensch – Bild Gottes! Absolut ist das gesagt. Gott macht keine Ausnahmen. Für ihn steht fest: Jeder Mensch ist gemeint – Kind und Erwachsener – Mann und Frau – schwarz und weiß – rot und gelb – die Menschen auf der südlichen Halbkugel dieser Erde genauso wie die Menschen auf der nördlichen Halbkugel. Alle sind wir geschaffen zum Bild Gottes. Alle haben wir damit auch dieselbe Würde von Gott empfangen – unverwechselbar und unauslöschlich.“ Und am Ende ihrer Predigt verwies Ursula Groß auf einen Gedanken, der viel zu häufig vergessen wird. „Wo sich Gewalt ereignet, steht immer die Menschenwürde von zwei Parteien auf dem Spiel – die des Opfers, das gedemütigt und verletzt wird – und die des Täters, der – in seinem Tun ungehindert – unmenschlich und würdelos wird.“

Auf dem Fundament dieser Predigt leitete das Gottesdienst-Team einen Auftrag ab und zitierte dafür aus der Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung im Januar: „Und das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird.“ Unversehens war die Gemeinde bei einem Gottesdienst, der an die Befreiung der Konzentrationslager vor 70 Jahren erinnerte, in der Gegenwart gelandet. Und so hatte man genügend Gesprächsstoff für den anschließenden Kirchenkaffee, der bei strahlendem Sonnenschein vor der St.-Johannis-Kirche stattfand.