Jahreslosung 2020

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ Lukas 6, 36

Dieses Wort aus dem Lukas-Evangelium steht als Jahreslosung über 2021. Eine Ermutigung für alle Menschen, die das vergangene Jahr als unbarmherzig empfunden haben. Hier Gedanken zur Jahreslosung aus dem Wittgensteiner Kirchenkreis.

Auch der Girkhäuser Daniel Seyfried, als Gemeindepädagoge der Leiter des Kirchenkreis-Kompetenz-Zentrums für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit, hat wahrgenommen, dass uns heute die Vokabel in ihrer Verneinung schneller über die Lippen geht: „‚Barmherzigkeit‘ ist das bestimmende Wort in diesem Vers. Dabei fällt auf, dass ‚barmherzig‘ in unserem Sprachgebrauch kaum noch Anwendung findet und wenn dann eher in der Umkehrung ‚unbarmherzig‘. Die Jahreslosung nimmt bei der ‚Barmherzigkeit‘ zwei Aspekte auf. Zum einen ist der Blick auf Gott gerichtet, der barmherzig ist. Darauf dürfen wir auch 2021 vertrauen, dass wir einen Gott haben, der mitfühlt, der mitleidet, der sich erbarmt. Wie tröstlich ist es, einen solchen Gott zu haben, der so intensiv mit uns Menschen verbunden ist. Zum anderen werden wir Menschen in den Blick genommen und aufgefordert ebenfalls barmherzig zu sein; also auch mit anderen mitzuleiden, mitzufühlen und Erbarmen zu haben, zu vergeben. Es geht hier um eine Haltung und Einstellung zu unserem Nächsten und uns selbst.“

Superintendentin Simone Conrad aus Wingeshausen ist diese doppelte Zielrichtung ebenfalls wichtig: „Für mich steht das Wort ‚Barmherzigkeit‘ in einem Dreiklang: Es geht um Gott, es geht um meine Nächsten (und Fernsten!) und es geht um mich selbst. Denn barmherzig sein - das heißt, ein Herz voller Erbarmen und Verzeihen haben - das kann ich nur, weil Gott mir ja genauso begegnet. Und weil ich diese Barmherzigkeit erfahre, kann ich aus ihr leben, selber barmherzig sein - gegenüber anderen und gegenüber mir selbst. Ja, gegenüber mir selbst. Ich kenne so viele Menschen, die wohl im Umgang mit anderen barmherzig sein können - die aber mit sich selbst hart und unbarmherzig sind. Die sich eigene Fehler nicht verzeihen können. Die immer von sich erwarten, zu funktionieren und allen Ansprüchen gerecht zu werden. ‚Es haben dir alle vergeben - aber du musst dir selbst vergeben!‘ - diesen Satz habe ich tatsächlich schon oft gesagt. Darum ist mir der Dreiklang der Barmherzigkeit so wichtig: Aus Gottes großer Liebe heraus - barmherzig mit mir und mit anderen.“

Im Rückblick auf 2020 ergibt sich für Philipp Dreisbach, Küster, Organist, aktueller Young Ambassador der Feudinger Kirchengemeinde, dass es beim Beherzigen des Bibelworts für uns noch viel Raum gibt: „Die Pandemie hat uns wieder einmal aufgezeigt: Die Starken werden stärker, die Wehrlosen immer wehrloser. Während Internetkonzerne aktuell das Geschäft ihres Lebens machen, arbeiten auf der anderen Seite die Ärmsten der Armen unter unvorstellbaren Bedingungen für deren Profit und zugleich unser aller Wohlstand. Und wenn während der Schulschließungen Kinder vor ihrem eigenen Tablet zuhause unterrichtet werden, haben sozialschwache Familien mit Kindern teilweise nicht mal Zugang zu entsprechender Technik. Nehmen wir diese Losung doch als Aufforderung, mehr an unsere Mitmenschen und das Gemeinwohl als nur an unseren persönlichen Vorteil zu denken.“

Diese Ermutigung schwingt auch in den Gedanken von Pfarrerin Christine Liedtke aus Girkhausen mit, die zudem nochmal genauer auf das Bild des Vaters blickt: „Kinder gucken sich ganz viel von ihren Eltern ab. Ein gutes Vorbild ist - neben der Liebe - fast die ganze Erziehung. Jesus sagt: Lernt von Gott! Gott lässt sich erbarmen - erbarmt ihr euch auch! Ganz konkret benennt Jesus dann, was es heißt, barmherzig zu sein: verdammt nicht, richtet nicht, vergebt einander, gebt reichlich! Das sind Verhaltensweisen, an denen wir Christen erkannt werden. Hand aufs Herz: Sind wir gut erkennbar - als Kinder unseres göttlichen Vaters?“

Und wenn Georg Bender als Berleburger Presbyter auch das allzu menschliche Scheitern bei dieser Frage einräumt, so weiß er doch eine gute Barmherzigkeits-Übung: „Wenn ich die Jahreslosung lese, dann fallen mir zunächst genügend Situationen ein, in denen ich nicht barmherzig, sondern unbarmherzig gehandelt habe. ‚Seid barmherzig‘ ist leichter gesagt als getan, und wir wissen nur allzu gut, dass die vielen Vorsätze zum Jahresanfang sehr schnell wie Schall und Rauch vergangen sind. Wie also umgehen mit Jesu Aufforderung? Eine Patent-Antwort fällt mir nicht ein. Vielleicht meinen eigenen Blickwinkel ändern, bevor aufkommender Ärger mich unbarmherzig reagieren lässt. Kurz durchatmen, innehalten und mich fragen, ob es die Situation verbessert, wenn ich impulsiv reagiere und meinem Ärger Luft mache. Da fallen mir plötzlich viele Situationen ein, in denen sich ein Perspektivwechsel lohnt. Die Jahreslosung sagt uns, dass Gott barmherzig ist, aber wir können uns darin üben: Barmherzigkeit üben, täglich neu im Dialog mit der Bibel, Gottes Wort.“

Während Georg Bender der älteste und dienstälteste Presbyter in der Berleburger Kirchengemeinde ist, ist Christian Schneider, der in Schwarzenau wohnt, trotz seiner langjährigen Erfahrung im Berleburger Leitungsgremium einer der Jüngsten dort. Er weist auf einen besonderen Fallstrick in der Jahreslosung hin: „‚Barmherzigkeit‘ - ein Wort das man lieber nicht mal eben einem Kind erklären will, denn so einfach, wie es klingt, ist es nicht - versuchen Sie es mal. Oft wird es gemeinsam mit ‚Mitleid‘ genannt, und doch gibt es hier einen großen Unterschied. Jesus, den wir als Vorbild nehmen, hatte nicht einfach Mitleid mit den Menschen. Mitleid kann man haben oder nach außen darstellen - das kennen wir alle. Barmherzigkeit aber, zeigt sich im Handeln. In beidem nimmt man die Not der Welt und der Menschen wahr, doch wie schwer fällt es uns manchmal, den Schritt vom Mitleid zur Barmherzigkeit weiter zu gehen?“

Der Erndtebrücker Pfarrer Jaime Jung sieht dabei die wichtige Rolle der Liebe: „Barmherzigkeit kann man, meiner Meinung nach, von Nächstenliebe nicht trennen. Barmherzigkeit ist es, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Nicht aus Mitleid, sondern aus Liebe. Eine schwierige Übung. Vor allem, wenn mich mehr von dem Anderen unterscheidet, als ich mir vorstellen kann. Wem es gelingt, der gewinnt eine wertvolle Einsicht: Jeder Mensch ist anders und in dieser Verschiedenheit von Gott angenommen. Wir werden von Jesus dazu aufgefordert und ermutigt: ‚Seid barmherzig!‘ Seid herzig, seid herzlich! Barmherzigkeit kann heißen: Mit den Augen der Anderen zu sehen, nicht richten, sondern helfen, unterstützen, ermutigen, mittragen, ein offenes Herz für den Mitmenschen haben. Das ist nicht immer einfach, aber immer wieder möglich. Das Vorbild dafür? Gott selbst! Seine Liebe wird uns ins Herz gelegt, damit wir uns auch untereinander lieben und das Herz weit öffnen.“

Und weil uns Gott das Herz mit seiner Liebe füllt, müssen wir, wie Abenteuerdorf-Geschäftsführerin Silke Grübener aus Mornshausen findet, auch nicht geizig sein mit unserer Barmherzigkeit: „Ein Wort, das mit umsorgen zu tun hat, mit liebevoller und großzügiger Zuwendung, ohne nachzurechnen, ob das Gegenüber diese Barmherzigkeit denn auch verdient hat. Das für mich mehr bedeutet als nur mit-fühlen, das uns einlädt und auffordert, tatkräftig anderen Menschen zu helfen an vielen Orten in unserer Welt und in unserem Zusammensein. In diesem Jahr gab es pandemie-bedingt den einprägsamen Slogan ‚#WirBleibenZuhause‘. Menschen schützen, indem man zu Hause bleibt. Ich hoffe, dass sich die Jahreslosung für 2021 im kommenden Jahr auch so bei uns einprägt und uns zum Handeln animiert auf ganz vielfältige Art und Weise. Es geht so Vieles! Gott sei Dank!“

Dieter Kuhli fallen zur Einordnung von Barmherzigkeit die Gleichnisse vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11 bis 32), vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25 bis 37), vom Schalksknecht (Matthäus 18, 23 bis 35) und vom Weltgericht (Matthäus 25, 31 bis 46) ein: „Jesu Gleichnisse verdeutlichen auf großartige Weise die Seligpreisung der Barmherzigen, die uns am Anfang der Bergpredigt begegnet: ‚Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.‘“ Für den Laaspher Pfarrer ist klar: „In der Haltung zu unseren Mitmenschen offenbart sich unsere Haltung zu Gott: Weil und wie Gott uns in Jesus Christus gnädig begegnet, können und sollen auch wir anderen Barmherzigkeit erweisen - und zwar bedingungslos und grenzenlos. Wir werden eingeladen und aufgefordert, im alltäglichen Verhalten der Barmherzigkeit Gottes zu entsprechen in Empathie und Zuwendung, in Solidarität und sozialer Gerechtigkeit. Dabei zählt nicht der gute Wille, sondern das ernsthafte Bemühen, die konkrete Tat der Liebe.“ Damit ist die Jahreslosung für Dieter Kuhli Mutmachwort und Herausforderung: „Dass uns dieses Beides gleichermaßen durch das neue Jahr 2021 hindurch begleiten kann - durch den Fortgang der Corona-Herausforderung und was immer sonst noch kommen mag - wünsche ich uns allen von Herzen.“