Angedacht-Archiv 2022

4. Dezember 2022

Endlich ist es wieder so weit
von Gemeindepädagoge Daniel Seyfried, Girkhausen

Endlich ist es wieder so weit. Es ist Advent. Viele Wohnungen sind weihnachtlich dekoriert. Unzählige Lichter sind in den Straßen, Vorgärten und Fenstern zu sehen und erhellen die dunkle Jahreszeit.
Endlich ist es wieder so weit. Es wird gesungen. Viele Advents- und Weihnachtslieder sind zu hören. Ein ganzes Jahr musste gewartet werden, bis diese schönen, bekannten Melodien und Texte wieder erklingen. So ist diese vorweihnachtliche Zeit vom Singen und Musizieren geprägt. 
Endlich ist es wieder so weit. Es duftet nach frisch gebackenen Plätzchen, Glühwein, gebrannten Mandeln und Tannengrün. Selbst am Geruch ist wahrnehmbar, dass Advent ist. In den Familien gibt es viele Traditionen, die in der Adventszeit aufleben und den Charakter dieser Zeit unterstreichen.
Endlich ist es soweit und wir feiern Advent. Eine ganz besondere Zeit im Jahr. Ich genieße es in diesen Tagen unterwegs zu sein und erfreue mich an den vielen Lichtern, den dekorierten Wohnungen, dem Singen und den leckeren Plätzchen.

Das „Endlich“ ist Ausdruck unseres sehnsüchtigen Wartens darauf, diese Zeit wieder gemeinsam zu gestalten. Und noch etwas fällt mir auf, wenn ich an die Adventszeit denke. Kaum eine andere Zeit im Jahr wird so intensiv und mit Beteiligung so vieler Menschen gestaltet. Es sind nicht nur wenige, die Häuser und Wohnungen adventlich dekorieren, Lichterketten, Weihnachtssterne und Schwibbögen aufstellen. Vielmehr ist es ein gemeinsames Statement, diese Zeit zu etwas Besonderem zu machen. Advent ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Kein anderes Fest wird so intensiv und nach außen hin sichtbar vorbereitet, noch dazu mit so vielen Menschen. All diese Traditionen und Dekorationen sind ein Hinweis auf Gottes Liebe zu uns Menschen. Wir werden daran erinnert, dass Gott als Mensch in diese Welt gekommen ist, um bei uns zu sein.

Endlich ist es wieder so weit und bildlich wird uns vor Augen geführt, dass Gottes Liebe in unsere Welt strahlt. Somit hoffe ich und wünsche Ihnen, dass die Adventszeit auch eine Zeit der inneren Einkehr ist, gerade jetzt, wo es in unserer Welt so unruhig zugeht. Wie wohltuend ist es da, Gott in den Blick zu nehmen und all die Lichter als Zeichen der Hoffnung zu nehmen, dass Gott in diese Welt gekommen und uns nahe ist. So singen wir es ja auch in dem Adventslied von Friedrich Walz: „Seht, die gute Zeit ist nah', Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde, kommt, dass Friede werde.“

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27. November 2022

Lass' uns zusammen ganz viel erwarten
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Was erwartest Du eigentlich vom Erwarten? Hört sich nach einer tiefenpsychologischen Frage an. So, als ob man aufpassen müsse, wie man darauf antwortet, weil die Antwort ja alles Mögliche über einen aussagen könnte. Aber so ist es gar nicht gemeint. Es geht schlichtweg darum, einmal kurz zu überprüfen, wie du erwartest. Und wann. Und wie lange. Wenn ich über das Erwarten nachdenke, dann fallen mir verschiedene Aspekte ein.

Ich erwarte zu viel. Von anderen, von mir selbst. Das wird mir durchaus manchmal gesagt. Manchmal berechtigt, manchmal völlig unbegründet.

Ich bin gerne freudiger Erwartung. Nicht etwa auf den Klapperstorch. Aber ich hab‘ es gerne, wenn ich mich auf etwas freuen kann. Wenn etwas Schönes in Planung ist. Ich mag dieses kribbelige Aufgeregt-Sein, die leichte Ungeduld, ja, auch die Unsicherheit, die immer damit verbunden ist. Etwas zu erwarten, bei dem man nicht genau weiß, wie es wird, ist doch auch so spannend. Hier und da ist die Grenze zum Sorgen-Machen und sogar Angst-Haben gar nicht weit.

Ich erwarte viel vom Erwarten. Wenn ich etwas erwarte, dann ist mir der Sachverhalt oder der Mensch total wichtig. Ich nehme es nicht einfach hin, weil mein Herzblut mit drinsteckt. Ja, ich würde sogar sagen, wenn ich etwas erwarte, dann ist das immer eine höchst persönliche Angelegenheit. So wie jetzt gerade auch wieder. Ich erwarte viel von diesem Advent. Er muss gar nicht perfekt werden. Die Deko ist noch längst nicht fertig, die Sterne doch noch nicht an der Fensterscheibe und eigentlich hab‘ ich das Gefühl, mit allem hinten dran zu sein. Aber genau deswegen habe ich mir vorgenommen, ganz viel zu erwarten. Denn eigentlich passt es ganz gut zum Sinn von Advent, dass nichts perfekt und vollständig ist. Warum sonst sollte sich Gott überhaupt auf den Weg zu uns machen? Die Gesunden brauchen keinen Arzt. Steht schon in der Bibel.

Jedenfalls will ich mich dieses Jahr mal so richtig erfüllen lassen. Es soll glänzen und hell werden. In mir und um mich herum. Dafür muss ich noch einiges tun. Und da sind sie wieder, die hohen Erwartungen. Aber da sind ein paar Angelegenheiten, die das Strahlen noch trüben. Damit der Advent mich richtig hell machen und erfüllen kann, muss ich an meiner inneren Herzensscheibe noch ordentlich putzen und polieren. Denn so kann ich das Licht, das für mich kommt, aufnehmen und mich anzünden lassen.

Was erwartest Du eigentlich vom Erwarten? Los, komm‘: Wir erwarten zusammen ganz viel!

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20. November 2022

Unsere Toten sind nicht verloren
von Pfarrerin Christine Liedtke, Girkhausen

Meine Freundin hat neulich ihren Ehering verloren. Ihre Finger waren dünner geworden. Auf einmal war der Ring weg, nach 35 Ehejahren. Sie hat überall gesucht, nachgefragt, Bescheid gesagt. Bis heute hat sie ihn nicht wiedergefunden. Wir alle kennen das, dass wir Dinge verlieren. Manchmal zucken wir mit den Schultern, manchmal tut es richtig weh, dass dieses Stück nicht mehr zu unserem Leben gehört. Manchmal gehen wir selbst verloren, in einer Reisegruppe, die weitergegangen ist, ohne dass wir es gemerkt haben. Oder auf einem Festival, zu dem wir mit Freunden gegangen sind. Manchmal geht uns ein Kind im Gewühle verloren, und wir rufen, suchen voller Sorge und sind erleichtert, wenn wir es wohlbehalten wieder finden. Wenn Kindergarten oder Grundschule einen Ausflug macht, dann wird mit Argusaugen geschaut, dass keins der Kinder verlorengeht.

„Ich habe meinen Mann, deinen Opa, ganz früh verloren“, seufzte meine Oma manchmal, und es hat gedauert, bis ich als Kind dieses Verlorengehen begreifen konnte. Der Opa war tot, ich konnte ihn nie kennenlernen, aber ich lernte, wie meine Oma damit umging: Sie zündete oft eine Kerze vor seinem Bild an. Sie ging öfter auf den Friedhof zu seinem Grab. Zu bestimmten Tagen legte sie Blumen oder Gestecke auf das Grab. Und sie erzählte von ihm. Dann war er plötzlich wie mitten unter uns. Ich lachte über die Scherze, die er mit der Oma gemacht hatte, und hörte, wie liebevoll er als Vater mit meiner Mutter umgegangen war. Er war Teil unserer Familie, ohne sichtbar da zu sein, gehörte er dazu. Die Oma erzählte, wie sie nach seinem Tod ein Jahr lang schwarze Trauerkleidung getragen hatte. Sie meinte, das sei wie ein Schutz gewesen, die schwarze Kleidung signalisierte: Ich bin in Trauer, ich bin verletzlich. Sie sagte auch, dass es ein besonderer Schritt auf dem Trauerweg war, das Schwarz nach einem Jahr bewusst wieder abzulegen und bunte Blusen anzuziehen.

Trauerwege brauchen Zeit und auch Rituale. Am Ende des Kirchenjahres gedenken wir in unseren Kirchengemeinden aller Gemeindeglieder, die im vergangenen Jahr uns voraus in Gottes Ewigkeit gegangen sind. Wir nennen ihre Namen, die in Gottes Buch des Lebens geschrieben sind. Wir reden von der Auferstehung, die uns verheißen ist. Zudem werden Gestecke auf die Gräber gelegt, Kerzen entzündet, wird gebetet für die Verstorbenen. Es ist gut, dafür einen Tag zu haben, an dem wir das bewusst tun. „Totensonntag“ heißt darum der heutige Sonntag, der letzte vorm ersten Advent. Wir trauern über das, was wir mit unseren Verstorbenen verloren haben. Und wir danken Gott für die Zeit mit ihnen. Und wir danken Gott, dass er den Tod besiegt hat. Unsere Toten sind nicht verloren, gehen nicht verloren, sondern gehen in Gottes Lebensbereich, den er uns nach unserem Tod eröffnet. Das ist unsere Zuversicht.

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13. November 2022

Alles für den Frieden tun
von Pfarrer Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

An diesem Wochenende ist der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres. Jahr für Jahr wird dann der Volkstrauertag begangen. Dabei geht es ums Gedenken an die Verstorbenen der beiden Weltkriege. Wir sollen uns daran erinnern, welch Grauen und Leid diese Kriege über die Menschheit gebracht haben. Von daher ist der Gedenktag ein Tag der Mahnung, dass es nie wieder Krieg geben darf, dass alles unternommen werden muss, Kriege zu verhindern und den Frieden zu sichern. Dennoch müssen wir Jahr für Jahr mit ansehen, dass es viele Kriege gibt. Und jetzt auch noch in Europa. Das ist die bittere Wahrheit. Von daher zeigt es sich, wie wichtig dieser Gedenktag ist.

Soll man trotzdem den Kopf in den Sand stecken und aufgeben? Ganz und gar nicht. Das Gegenteil trifft zu. Es ist uns aufgetragen, alles für die Wiedererlangung oder für die Sicherung des Friedens zu tun. Auch im Alltag. Meiner Ansicht nach ist dabei das Doppelgebot der Liebe der entscheidende Maßstab: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10, 27) Auf dieser Grundlage kann im Kleinen und im Großen Frieden verwirklicht werden.

Und das hat viele segensreiche Folgen. Davon handelt auch die Geschichte über die drei Siebe: Ein Mann rannte auf Sokrates zu. „Sokrates, Sokrates! Weißt du, was ich gerade über einen deiner Schüler gehört habe?“ „Warte einen Moment“, sagte der Philosoph. „Bevor du mir davon erzählst, möchte ich, dass du einen kleinen Test machst, den ich ‚die drei Siebe’ nenne.“ „Die drei Siebe?“ „Ja. Bevor du aussprichst, was du sagen willst, prüfe es. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du absolut sichergestellt, dass es wahr ist, was du mir erzählen willst?“ „Äh, naja, nein, ich hab‘ eigentlich nur davon gehört.“ „Gut. Du weißt also nicht, ob es wahr ist oder nicht. Lass‘ uns zum zweiten Test kommen. Das Sieb der Güte. Ist das, was du mir über meinen Schüler erzählen willst, etwas Gutes?“ „Nein, im Gegenteil.“ „Aha, du willst mir also etwas Schlechtes über meinen Schüler erzählen, obwohl du nicht weißt, ob es wahr ist.“ Der Mann zuckte die Schultern. Er wirkte inzwischen etwas betreten. Sokrates fuhr fort: „Vielleicht besteht das, was du mir sagen willst, ja den dritten Test. Das Sieb der Nützlichkeit. Ist, was du mir mitteilen möchtest, hilfreich für mich?“ „Also, nein, nicht wirklich.“ „Wenn es weder wahr ist, noch gut oder zumindest nützlich, warum solltest du es mir dann überhaupt erzählen?“ Der Mann verstummte, er schämte sich und ging fort. Er hatte verstanden.

Ich denke, dass die drei Siebe der Wahrheit, Güte und Notwendigkeit uns allen im Miteinander guttun und helfen, den Frieden aufzubauen und zu stärken. Möge Gott uns dabei immer wieder neu segnen. Amen.

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6. November 2022

Hoffnung lebt - auch im November
von Pfarrerin Simone Conrad, Wingeshausen

Am vergangenen Sonntag haben mein Mann und ich - wie so viele Menschen - den Sonnenschein genutzt und sind im Wald spazieren gegangen. Eine Strecke, die wir des Öfteren schon gelaufen sind und die wir kennen. Und wie das so ist mit vertrauten Wegen: Da gibt es Punkte, auf die ich mich schon freue. Eine besonders schöne Aussicht, ein Wegabschnitt mit vielen Pilzen am Wegesrand, eine Lichtung, auf die die Sonne scheint…

Umso mehr hat mich das Erschrecken überfallen, als ich einmal mehr kahle Kuppen gesehen habe, wo vorher Bäume standen - und der Blick in die Weite zeigte bereits die nächsten Waldabschnitte, in denen das vorherrschende Grau davon erzählte, das auch hier Wald gestorben ist und Bäume gefällt werden müssen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei einem solchen Anblick geht: Mich hat eine unmittelbare Traurigkeit überfallen. Und das, obwohl ich es doch weiß! Ich weiß doch, wie sehr der Borkenkäfer, der Wassermangel, der Klimawandel unserem Wald zusetzen - ich weiß, wie viele Bäume gefällt werden (müssen) und wie hart dies gerade unsere Wälder in Wittgenstein trifft. Und dennoch - der unmittelbare Anblick: wieder eine freie Kuppe, wieder ein kahler Hang - hat mich zutiefst geschmerzt. Und auch eine Wut freigesetzt: Wir wissen doch schon so lange, dass der Klimawandel mehr und mehr voranschreitet; schon vor 30 Jahren war es fünf vor zwölf und immer noch siegt an vielen Stellen unsere Bequemlichkeit und unsere Komfortzone über eine konsequente Hege der Schöpfung, die uns doch anvertraut ist! Das waren echte November-Gefühle, die mich da überfallen haben: diese Mischung aus Schmerz, Wut und Ohnmacht.

Mit diesen Gefühlen bin ich weitergegangen - und: eine kleine Schonung kam in den Blick, auch noch neu und frisch, winzige Bäumchen gesetzt und geschützt, Laubbäume. Hoffnungszeichen: Neuanfang. Nicht aufgeben, sondern das Notwendige tun. Pflanzen. Hegen. Schützen. Das ist unser Auftrag als Christinnen und Christen: die Schöpfung zu bewahren und zu pflegen. Aber auch: die Hoffnung zu hegen und lebendig zu halten in einer Zeit von Umbruch und Krise. Vielleicht können die zarten Pflanzen uns daran erinnern: dass die Hoffnung lebt. Auch im November.

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30. Oktober 2022

„Wohnt hier der Doktor Martin Luther?“
von Pfarrer Rafael Dreyer, Wemlighausen

Die Tage werden kürzer, das ist aus dem Küchenfenster morgens zu sehen: „Es ist Nacht!“, rief unser Sohn jetzt erschreckt aus, als er zum Frühstück gerufen wurde. Halloween ist das Spiel mit dem Düsteren. Nach keltischer Überlieferung steigen in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November die Seelen der Toten aus den Gräbern, böse Geister wollen Besitz von Menschen ergreifen, ihr Unwesen treiben. Einige glaubten, wenn sie sich als Teufelsknecht verkleideten, würden die Dämonen an ihnen vorüberziehen. Daher kostümieren sich heute noch Menschen an Halloween als Zombies, Skelette, Hexen oder sonstige teuflische Figuren.

Schreckspiele mit der Aufforderung „Süßes oder Saures!“ zur albernen Unterhaltung bringen mich zum Denken. Wie gehe ich mit dem Bösen um, dem Dunklen in mir? Früher haben die Menschen an den schwarzen Teufel geglaubt. Ist er heute nur noch was für Kinder, die unterhalten werden?

Jeder von uns kennt dunkle Tage, vieles scheint sinnlos und bleiern, Zweifel schleichen sich ins Herz, wie Ratten nagen sie an uns, lassen uns bitter werden, Versäumnisse der Vergangenheit werden groß. Und die Hoffnung, die dich beflügelt, hebt nicht mehr ab. Das alte Wort dafür heißt Anfechtung. Auch heute spielen sich in unserem Inneren bittere Kämpfe ab: neue Hoffnung oder doch wieder nur Verzweiflung?

Eine Anekdote erzählt von Martin Luther, dass er in Wittenberg spät abends in seinem Arbeitszimmer studiert. Der Teufel schleicht durch die Stadt und will den Reformator bei der Arbeit stören. Unter dem Fenster des Arbeitszimmers ruft der Teufel nach oben: „Wohnt hier der Doktor Martin Luther?“ Luther hört die Stimme des Teufels, springt zum Fenster, reißt die Läden auf und ruft hinunter: „Nein, der Martin Luther, der ist längst gestorben. Hier wohnt Jesus Christus!“ Da zieht der Teufel den Schwanz ein und flüchtet. Warum sagt der Reformator nicht einfach „Ja, hier wohnt Martin Luther”? Weil er weiß, wie mächtig die Dunkelheit ist, wie sehr er Jesus braucht, denjenigen, der die Macht des Bösen gebannt hat. Nicht unsere kostümierten Halloween-Gaukeleien können uns schützen und heitere Gelassenheit verleihen, mitten in den Kämpfen, die wir durchstehen. Nein! Das kann nur Gott selbst. Luther wollte sagen: Der alte Mensch ist gestorben, ein neuer soll in euch geboren werden, fähig zu lieben, wo andere längst aufgegeben haben.

Nebst dem Genuss einer Kürbissuppe mit Karotten, Speck und Ei wünsche ich uns in diesen Tagen den Tod des alten furchtsamen Ichs in uns: „Legt von euch ab den alten Menschen... und zieht den neuen Menschen an.“ (Epheser 4, 22 und 24) Allein die Gnade, der Glaube an Jesus Christus rettet, gelegentlich vor uns selbst. ER möge Besitz von uns ergreifen!

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23. Oktober 2022

Wir sind alle Lieblingsmenschen
von Pfarrer Jaime Jung, Erndtebrück

Einen Lieblingsmenschen hat bestimmt jeder von uns. Vielleicht sind es ja sogar mehrere: Der Herzallerliebste, die beste Freundin, der Bruder? Vielleicht auch Eltern und Großeltern oder jemand, den man leider nicht mehr an der Seite hat.

Klar, der Lieblingsmensch wird oft idealisiert, denn eigentlich ist ja niemand perfekt.

Aber es gibt ihn, diesen Lieblingsmenschen. Es ist jemand, bei dem ich mich nicht verstecken muss und es wohl auch gar nicht kann. Da fühle ich mich gut aufgehoben, egal, was ist. Mit einem Lieblingsmenschen kann ich streiten und mich wieder versöhnen. Vergnügt miteinander plaudern und zusammen schweigen. Wir können einander vertrauen, einander etwas anvertrauen. Uns auch mal kritische Kommentare zumuten und einander auf die Nerven fallen. So ist das mit einem Lieblingsmenschen.

Und jetzt stellt sich die Frage: Hat auch Gott eigentlich Lieblingsmenschen? Muss ich etwas Besonderes leisten, damit Gott den Daumen für mich hochhält?

Angenommen, Gott würde in diesen Tagen gefragt werden, wer denn sein Lieblingsmensch sei. Was würde er dann antworten? Würde er sagen: Abraham, David, Paulus, Maria Magdalena oder der Papst?

Ja, Gott hat Lieblingsmenschen, aber deren Name lautet ganz anders, nämlich: Welt. Genau so steht es in der Bibel: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab.“ (Johannes 3, 16)

Also er liebt nicht nur ein paar wenige, nicht nur ein paar Superheilige. Nein, Gott sagt von sich selbst, dass er die ganze Welt geliebt hat und noch immer liebt.

Das gibt vielleicht auch die Antwort auf die Frage, was ich machen soll, wenn mir kein Lieblingsmensch einfällt: Gott hat mich zuerst geliebt. Ich bin immer und auf jeden Fall schon ein Lieblingsmensch, auch wenn ich selbst gerade keinen habe. Und ich kann jederzeit anfangen, andere Menschen zu lieben, sie mit Gottes Augen zu sehen und ihnen mit seinem großen Herzen zu begegnen.

Es ist so, als hätte Gott jeden von uns mit einem Stempelabdruck vom Wort „Lieblingsmensch“ versehen, damit wir es immer wieder ganz deutlich und konkret vor Augen haben. Aber schnell vergisst man, dass wir geliebt werden, wir fangen lieber an, uns zu bemitleiden und Fehler an uns selbst zu suchen. Das ist menschlich.

Dennoch sind wir Gottes Lieblingsmenschen und jeder darf wissen: Ich werde von Gott geliebt - egal, was die Welt sagt und denkt, egal, was ich selbst von mir halte!

Auch wenn du meinst, du bist wenig wert, auch wenn du meinst, andere sind besser, auch wenn du meinst, dich kann keiner mögen, vergiss es nie: Du bist und bleibst ein Lieblingsmensch!

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16. Oktober 2022

Auch das Leid der anderen sehen
von Pfarrer Peter Liedtke, Girkhausen

Gesellschaftsspiele liebe ich. Auch wenn ich nicht immer gewinne. Verlierer zu sein gehört dazu und wertet es erst auf, wenn man dann selber auf der Gewinner-Seite ist. Es gibt aber Bereiche, in denen ich es bedenklich finde, von Gewinnern und Verlierern zu reden. Ich denke da vor allem an Nachbarschafts-Streitigkeiten, an Scheidungen und an Kriege.

Anfang der Woche las ich, dass anscheinend Russland Verlierer sein wird des Krieges in der Ukraine und die Ukraine und der unterstützende Westen Sieger. Mich als Christen erschüttert diese Sprechweise, die die Augen verschließt vor dem Leid anderer. Denn ich sehe die Bilder der zerstörten Städte, die entdeckten Massengräber, die Kreuze der gefallenen Soldaten und der ermordeten Zivilisten. Viele Menschen wurden Opfer, hier wie dort. Sie haben verloren, was sie aufgebaut haben, sie verloren ihre Gesundheit, ihre Unversehrtheit und viele sogar ihr Leben.

Und die Menschheit hat das Vertrauen verloren in die Gültigkeit von Absprachen und Verträgen und in die Wertschätzung von Mitmenschlichkeit und Menschenwürde. Kann man da von Gewinnern sprechen? Es ist wie bei Scheidungen und Nachbarschafts-Streitigkeiten. Mag am Anfang ein berechtigtes Interesse bestanden haben, so stellt sich am Ende für die Beteiligten heraus, dass alle verloren haben. Was bleibt sind Regelungen, die niemanden zufrieden stellen, sondern nur tiefe Gräben zurücklassen, die für lange Zeit unüberwindbar erscheinen.

Wäre es nicht angemessener, wenn alle sich als Verlierer begreifen, die ihre Verluste betrauern? Dann gäbe es bei allem Leid, dass man einander angetan hat, eine Gemeinsamkeit: eine Trauer, den Schmerz angesichts der erlittenen Wunden. Diese gemeinsame Trauer könnte zu einer Brücke werden über die aufgeworfenen Gräben hinweg.

Also nicht triumphieren angesichts erlittenen und zugefügten Leids. Nicht verdrängen, was an Schwerem ertragen werden musste und in die Zukunft ausstrahlen wird. Sondern es betrauern und erkennen, dass es oft nicht in einem rechten Verhältnis steht zu dem angestrebten Ziel. Das gilt in meinen Augen nicht nur für den Krieg in der Ukraine, sondern für all die Auseinandersetzungen, in die wir uns hineinstürzen in unserem Alltag. Sicher, man kann den, der Böses tut, nicht gewähren lassen. Aber bei der Wahl der Mittel sollte man immer bedenken, welchen Schaden man am Ende dem anderen und sich selbst zufügt.

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9. Oktober 2022

„Komm' und still' den Sturm“
von Vikarin Carolin Kremendahl, Bad Laasphe

„So viele Fragen, wer weiß schon, was kommt; nur dunkle Wolken am Horizont“ so singt Samuel Harfst gefühlsvoll in seinem Lied „Komm' und still' den Sturm“, das bei mir seit ein paar Tagen in Dauerschleife läuft.

Recht hat er, nichts scheint mehr beständig zu sein. Und niemand weiß so genau, was noch alles in diesem Herbst und Winter auf uns zu kommt. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Kaum noch sicherer Boden unter den Füßen. So vieles scheint in der Schwebe zu sein. Unser Leben wie ein aufgewühltes Meer, wilde Wellen und unruhige Gezeiten wie das Lied so passend beschreibt. Seit über zwei Jahren unruhiger, fast schon stürmischen Zeiten sehnen sich Menschen nach etwas, das bleibt, nach Ruhe, nach etwas, das sich nicht so schnell verändert.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass Gott vielleicht nicht immer die Lösung ist, doch einen Zufluchtsort im Sturm des Lebens und der Welt für uns hat. Gott, der beständig ist. Gott ist durch die Gezeiten der Fels in der Brandung und er ist unser Land in Sicht, weil er uns nicht alleine lässt, sondern da ist und da bleibt. Und er stillt den Sturm. Bei ihm komme ich zur Ruhe, mit meinem rastlosen Herz. Zumindest innerlich verlasse ich mich für einen Augenblick und lasse mich bei ihm fallen.

Während ich mal wieder das Lied höre, atme ich tief ein und aus und tanke so Kraft für all das Stürmische um mich herum. Das wünsche ich Ihnen auch: inmitten von stürmischen Zeiten hin und wieder eine innere Sturmstillung. Vergessen Sie nicht: Er ist da und stillt den Sturm.

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2. Oktober 2022

Das „Dennoch des Glaubens“ hochhalten
von Pfarrer Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

In den letzten Monaten haben wir erleben müssen, dass es immer häufiger zu Dürre- und Hungerkatastrophen oder zu Überschwemmungen kommt. Wir erinnern uns an das Niedrigwasser im Rhein oder die Bilder von vertrockneten Anbauflächen. Und nicht zuletzt gab es in der letzten Zeit auch viele große Waldbrände. Zudem gab es zum Beispiel auch in Süddeutschland und in Österreich sintflutartige Regenfälle. Die negativen Folgen des Klimawandels sind nicht nur weltweit, sondern auch bei uns deutlich sichtbar. Dazu kommen auch die vielen Kriege. In einer besonderen Weise bewegt uns der Krieg in der Ukraine und die unheilvollen Folgen davon. Wir sehen, wie schwierig der Export von Lebensmitteln aus der Ukraine war und ist, und welch negativen Folgen dies insbesondere für viele Länder in Afrika hat.

Wenn wir im Jahr 2022 Erntedank feiern, dann kommen mir diese und weitere ähnliche Ereignisse in den Sinn. Aber ich denke auch an einen Vers aus dem 1. Buch Mose, wo es heißt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8, 22) Diese Worte von Gott sind wichtige alttestamentliche Verheißungen, die auch heute gelten. Wenn ich sie lese, machen sie mir Mut. Sie sind für mich gute Beispiele für das „Dennoch des Glaubens“. Und ich möchte auch heute am Erntedanktag dieses „Dennoch des Glaubens“ hochhalten. Denn ich will nicht einfach resignieren und den Kopf nur in den Sand stecken.

Trotz allem dürfen wir auch in diesem Jahr für die guten Gaben dankbar sein, die wir von Gott geschenkt bekommen haben. All die Dinge zum Essen und Trinken, die wir haben, sind nicht selbstverständlich. Und es ist auch nicht selbstverständlich, dass so viele Menschen in einer guten Weise an der Herstellung, Verarbeitung und Verteilung beteiligt sind. Für all das und sehr viel mehr gilt es, dankbar zu sein. Und diese Dankbarkeit kann für uns auch ein Ansporn sein, uns in einer guten Weise für unsere Umwelt einzusetzen. Umweltschutz ist sehr wichtig. Denn dadurch leisten wir einen Beitrag, Gottes Schöpfung zu erhalten. Schon kleine Dinge bringen uns weiter. Und gemeinsam können wir sehr viel bewegen und erreichen. Zudem möchte ich an die denken, die es nicht so guthaben wie wir. Von daher ist die Aktion „Brot für die Welt“ so segensreich. Mit unseren Spenden können wir dabei wichtige Projekte unterstützen. Möge Gott uns bei all diesen Bemühungen immer wieder neu segnen.

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25. September 2022

Einladung zum Gemeinsam-Feiern
von Pfarrerin Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön, Offenheit, Expertise, Zukunft, Heimat, Berührt-Sein, Kraft, Freude, Fülle, Ganz-Sein… Mit diesen Begriffen fassten Teilnehmer*innen eines kreiskirchlichen Ausschusses ihre besondere ökumenische Erfahrung zusammen. Ich hatte sie gebeten, sich an ein ökumenisches Erleben zu erinnern, das für ihren Glauben wichtig geworden ist, und dann dafür ein Wort zu finden. Viele der Geschichten beschrieben Gottesdienste, die man mit kirchlichen Partnerschaftsgruppen bei gegenseitigen Besuchen oder als Gast in einem anderen Land gefeiert hat.

Die Begriffe sind treffende Beschreibungen für mein aktuelles Gottesdienst-Erleben Anfang September auf der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe mit Delegierten aus rund 350 Mitgliedskirchen der ganzen Welt. Im Messegelände war ein großes Zeltdach aufgespannt, unter dem vor und nach allem Diskutieren und Arbeiten Gottesdienste gefeiert wurden. Es war für mich nicht nur eine örtliche, sondern auch die inhaltliche Mitte dieses Treffens. Vieles war ungewohnt: maronitisch-liturgische Gesänge, das polynesische Lied, fremde Sprachen, fremde Klänge, fremde Liturgien. Aber im Gottesdienst miteinander verbunden zu sein als die eine Kirche Jesu Christi weltweit und durch alle Zeiten hindurch entsprach für mich im Erleben genau den Begriffen von oben: Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön…

Jede und jeder kennt und schätzt die eigene kirchliche und gottesdienstliche Tradition, ist in ihr beheimatet und kann genau deswegen in der anderen zuhause sein und mitfeiern. Solche ökumenischen Erfahrungen sind für mich nicht einfach nette Erlebnisse einzelner, ein Sahnehäubchen für das kirchliche Grundprogramm. Sondern sie bilden Kirche in ihrem eigentlichen Wesen ab, nämlich in aller Verschiedenheit im Glauben verbunden zu sein.

Und sie sind für mich ein Schlüssel für Kirche-Sein im 21. Jahrhundert, gerade hier im ländlichen Raum: Es sind doch so viele Christ*innen aus unterschiedlichsten Ländern und Traditionen bei uns in den Ortschaften angekommen und leben hier. Wie können wir mit ihnen zusammen Gottesdienst feiern? Mit der Baptistin aus Nigeria, dem Kopten aus Ägypten, und aktuell den Geflüchteten aus der Ukraine mit orthodoxem Glauben. Zu den großen kirchlichen Festen oder bei Hochzeiten und Taufen werden sie sicher in ihre Kirche fahren in eine größere Stadt, wo es eine entsprechende Gemeinde gibt. Aber für den Gottesdienst am normalen Sonntag ist doch die Kirche vor Ort das in jeder Weise naheliegende.

Es sind dazu wohl zwei Dinge nötig: Erstens müssen wir selbst in unserer Tradition und in unseren Gottesdiensten beheimatet sein und sie lieben. Und zweitens müssen wir anderen Ausdrucksformen des Glaubens auch Raum geben, vorzukommen. Also nicht nur einladen, mitzufeiern, sondern gemeinsam feiern! Und dann werden wir hoffentlich von dem Gottesdienst am Sonntag erzählen, was wir in ihm erfahren haben: Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön…

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Claudia Latzel-Binder arbeitet seit diesem Jahr im Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung der Evangelischen Kirche von Westfalen


18. September 2022

Egal, ob Königin oder Bettelmann
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Das war schon eine besondere Nachricht, die die Welt vergangene Woche erreicht hat. Die Queen ist tot, London Bridge is down. Man mag zur Monarchie stehen, wie man will, aber Elizabeth II. war einfach eine besondere Frau. Und gerade das Thron-Jubiläum hat sie noch einmal in den Fokus gerückt. Jedenfalls für mich. Diese weise Großmutter, die für einigen Spaß zu haben ist: Die Szene mit Paddington Bär ist nur das letzte Beispiel für ihren feinen Humor.

Und übermorgen wird sie beerdigt. Seltsam waren die Prozessionen anzusehen, als tausende Menschen den Weg für den Sarg von Queen Elizabeth säumten. Das kann man sich hier kaum vorstellen. So viel Tamtam. Es zeigt aber auch, wie wichtig eine Abschiedskultur ist, für die, die übrig bleiben. Für Familie und Angehörige, für die Hinterbliebenen. Wir brauchen einfach eine Form, um uns von den Menschen zu verabschieden, die wir aus diesem Leben abgeben müssen. Da ist die Bandbreite groß, zwischen anonymer Beisetzung und Staatsbegräbnis. So unterschiedlich diese Formen auch sein mögen, sie haben - Gott sei Dank - keinen Einfluss darauf, wie es nach dem Tod aussieht. Wo man da hinkommt. An welche Stelle im Himmel, nah oder weiter weg von Gott. Ich glaube ja, dass wir alle gleich nah an Gott sein werden und sind, ob Königin oder Bettelmann, ob Hüterin des Glaubens oder unsicherer Zweifler.

Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“, so sagt Jesus zu seinen Jüngern. Die Worte sind im Johannes-Evangelium überliefert und immer, wenn ich sie höre oder selbst vorlese, dann stelle ich mir das wie eine Hochhaussiedlung vor. Oder wie so kleine Ferienhäuser, alle mit gleicher Ausstattung. Keine unterschiedlichen Preisklassen, wie wir es aus dem Urlaub kennen. Und während ich diese Zeilen schreibe, merke ich schon wieder, wie gern ich es ganz genau wissen würde, wie das mit dem Himmel ist, wie es da aussieht. Wahrscheinlich wird es überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was wir uns als Menschen räumlich und zeitlich vorstellen können. Der Himmel ist eine ganz eigene Dimension. Da ist es nur nachvollziehbar, dass jeder und jede eine eigene Vorstellung davon hat. So wie der Glaube eine persönliche Angelegenheit zwischen Mensch und Gott ist. Was dem einen der Himmel ist, muss für die andere noch längst nicht reichen. Wenn wir es doch nur ganz genau wüssten. Gott sei Dank wissen wir es nicht. Denn der Glaube hat so viel mehr Möglichkeiten. Im Glauben kann ich einen viel weiteren Raum erfassen. Im Glauben lasse ich zu, dass es allein in Gottes Hand liegt, wie er den Platz im Himmel sortiert, so dass genug für alle da ist.

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11. September 2022

Wenn man den Schirm aufspannt, an Gott denken
von Jugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

Gott sei Dank regnet es mal wieder. Es ist schön, das kühle Nass auf die Erde fallen zu sehen. Ganz unterschiedlich verhalten sich die Menschen bei diesem Wetter. Die Kinder springen und spielen in den Pfützen, während die meisten Erwachsenen eher versuchen einen Bogen darum zu machen. Auf den Straßen sind die Leute unter bunten Regenponchos oder Schirmen zu sehen. So ein Schirm ist echt praktisch. Klein und handlich passt er zusammengefaltet in die Tasche oder den Rucksack und wenn er gebraucht wird, hat er auseinandergeklappt eine große Fläche, die vor Regen schützt. Schirme können mittlerweile auch sehr kreativ und lustig gestaltet sein. Aber nicht nur vor Regen bieten die Schirme Schutz, sondern auch im Sommer sind sie gern gesehen. Gerade wenn es heiß ist, kommen die Menschen oft unter den großen schattenspendenden Flächen eines Schirmes zusammen. Hin und wieder werden Schirme auch zweckentfremdet, etwa als Stock zum Aufstützen oder um daraus eine Bude zu bauen.

Auch die Bibel nimmt das Bild dieses nützlichen Utensils auf, indem der Beter des 91. Psalms in Vers 1 schreibt: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Was für ein schönes Bild, das uns hier vor Augen gestellt wird. Unter Gottes Schirm ist doch ein wunderbarer Platz. Aktuell gibt es vieles, was uns Angst und Sorgen bereitet. Wie tröstlich ist es da zu wissen, dass wir einen Ort haben, an dem wir geborgen sind. Hier können wir erleben, wie Gott uns schützt vor den äußeren Einflüssen, die auf uns einströmen. Unter dem Schirm Gottes können wir zur Ruhe kommen und Gott in den Blick nehmen. Dabei werden wir hoffentlich erkennen, dass er alles in seiner Hand hat. So werden wir auch erleben, wie er uns stärkt und neuen Mut schenkt. Zugleich ist der Platz unter dem Schirm Gottes ein Ort der Gemeinschaft. Hier sitzen wir nicht alleine, sondern mit vielen anderen Menschen. Auch das ist tröstlich, dass Gott uns andere Menschen an die Seite stellt.

Vielleicht denken Sie das nächste Mal, wenn Sie einen Schirm benutzen, an das Bild von Gottes großem Schirm und erinnern sich an seine Nähe und seinen Schutz.

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4. September 2022

Wir können mit seiner Hilfe rechnen
von Pfarrer Thomas Janetzki, Wingeshausen

Stellen Sie sich bitte einmal vor, dass jemand zu Ihnen sagt: „Du bist meine Stärke - bitte hilf mir doch!“ Wenn das ein Familienmitglied, eine Freundin oder ein Freund als Bitte vorbringt, bedeutet das für mich: Die oder der andere fühlt sich so, als ob das Fundament unter den Füßen zusammengebrochen, als ob ihre oder seine innere und äußere Kraft aufgebraucht wäre. „Du bist meine Stärke!“ Das ist für mich ein Hilfeschrei, wie er dringender kaum sein kann…
Und den meisten fällt das unendlich schwer, weil ich damit erstens meine Selbstständigkeit, auf die ich ja eigentlich stolz bin, ein großes Stück weit aufgebe, und zweitens dem oder der anderen eine große Verantwortung aufbürde - ihn oder sie bitte, nun für mich und an meiner Stelle Dinge anzupacken und Probleme zu lösen, an denen ich scheitere…
Aber was bedeutet dann unsere Losung für den heutigen Tag: „Du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen“? Da betet jemand zu Gott, der fest davon überzeugt ist, dass er oder sie allein auf verlorenem Posten steht. Hier geht es nicht um das letzte Quäntchen zusätzlicher Kraft, um eine Situation durchzustehen, sondern um die Art von Hilfe, ohne die es einfach nicht mehr weitergeht. Darum ist der Ruf auch so dringend: Eile, mach schnell, Gott, sonst bin ich verloren!
Den Menschen der Bibel ist dieses Gefühl nicht fremd, sondern sie leben aus dem Bewusstsein, ganz und gar angewiesen zu sein auf Gott, das Wasser des Lebens nur aus dieser Quelle trinken zu können, neue Stärke nur dort finden zu können, wo sie ihren Ursprung hat…
Und sie empfinden deshalb solche Zeiten der Ängste, des Zweifels, ja der eigenen Ohnmacht, in denen man nach Gottes Kraft und Hilfe ruft, auch als Zeiten, in denen Gott uns näherkommen kann, als wir es uns vielleicht bisher vorstellen konnten.
Viele Menschen sind gerade in den letzten Monaten hin- und hergerissen zwischen dem Willen, ihr Möglichstes zu geben, um sich und andere durch das Meer der vielen existentiellen Probleme hindurch zu navigieren, und dem immer wieder neuen Gefühl, vielem auch einfach ohnmächtig gegenüber zu stehen, vor Ängsten und Sorgen nicht mehr weiterzuwissen…
Auch Gott verspricht uns nicht: Alle Eure Probleme verschwinden mit einem Schlag, wenn Ihr Euch damit an mich wendet. Aber er sagt uns zu, dass wir mit seiner Hilfe rechnen können, dass seine Stärke uns neu aufrichtet, er unser Fundament ist, auf dem wir immer feststehen können. Das ist mehr, als alle anderen uns versprechen können - davon bin ich überzeugt, und damit kann ich meinen Weg getrost weiter gehen.
In dieser Hoffnung wünsche ich uns allen ein gesegnetes Wochenende!

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28. August 2022

Ausbruch ins Ungewisse
von Vikarin Carmen Jäger, Bad Berleburg:

Ein Lächeln, ein Blick, eine Geste - nur ein Wort und es war um die Menschen geschehen. Sie bewunderten und liebten sie. In ihr sahen sie Träume wahr werden. Aus einer Kindergärtnerin wurde eine Prinzessin. Aus einer Prinzessin eine Kämpferin für das Leben. Aus einer Kämpferin für das Leben eine Stil-Ikone.

Am Mittwoch jährt sich der Todestag von Diana, der Princess of Wales, zum 25. Mal. Viele Medien berichten anlässlich dieses Tages über ihren märchenhaften Aufstieg, dessen tragischen Verlauf und ihr von vielen Fragen überschattetes Ende.

Als ich über Dianas Leben nachdachte, kam mir ein Satz in den Sinn: Der Auszug aus der Sklaverei führt nicht sofort in das gelobte Land, sondern durch die Wüste. Er spielt auf die Geschichte des Volkes Israel an. Sie erzählt von einem unterdrückten Volk, das aus Enge und Zwang befreit wird, um sich auf den Weg in ein unbekanntes, wunderschönes Land zu machen.

Auch Diana floh aus dem Gefängnis der Ehe zu dritt, aus dem Kerker der Ansprüche ihrer angeheirateten Familie, auf der Suche nach Freiheit und nach sich selbst. Statt einen Ort, an dem Milch und Honig fließen, fand sie sich im Chaos wieder: Wem kann sie vertrauen, wer meint es ernst, wer will sie nur benutzen? Wohin soll sie gehen, beruflich, privat, in der Öffentlichkeit? Manchmal sehnte sie sich vielleicht zurück nach den geordneten Verhältnissen, den klaren Rollen und der Sicherheit des Königshauses. Stattdessen lebte sie sprunghaft, mit neuen Bekanntschaften, neuem Image und an neuen Orten. Mal selbstbestimmt, mal schutzlos ausgeliefert - immer unter Beobachtung. Verfolgt von Paparazzi, endete ihr Leben infolge eines Aufpralls auf einen Tunnelpfeiler. Und die Welt saß fassungslos am Fernseher. Die meistfotografierte Frau, die Königin der Herzen war tot: Ohne das gelobte Land erreicht zu haben, in der Wüste verloren. Dabei hätten wir es ihr so sehr gewünscht, dass sie nicht nur in unserer Erinnerung lebt, sondern wirklich ankommt in einem neuen Leben.

Auch die Spuren der Israelit:innen sind längst verweht, während ihre Träume in der biblischen Erzählung vom Ausbruch aus der Sklaverei lebendig bleiben. In dieser Geschichte lässt sich die Sehnsucht spüren nach einem Land, in dem jede:r ein Zuhause hat und von den Früchten isst, die aus eigener Arbeit erwachsen. In diesem Land wird gerettet und geteilt, sodass niemand Mangel leidet. Dort wird nicht mehr gekämpft, besiegt und gerichtet. Jede:r ist hier zufrieden.

Im Hoffen auf Gott, der uns in seinem Land wohnen lässt, im Vertrauen auf Gott, in der unsere Geschichten aufgehoben bleiben, und in der Liebe Gottes, die uns befreit, wünsche ich Ihnen Mut zu neuen Aufbrüchen, Stärkung für das Durchqueren der Wüste und unbändige Freude beim Erreichen Ihres Zieles. Amen - es werde wahr.

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21. August 2022

Vorsatz: Weniger um Unwichtiges sorgen
von Pfarrer Jaime Jung, Erndtebrück

Ich gebe es zu: Ich bin müde. Gerade blicke ich auf einen vollen Terminplan zurück - und nächste Woche wird es nicht weniger sein. Ich weiß aber auch: Dieses Gefühl trifft auf viele Menschen zu. Da frage ich mich: Wie kann ich das Wichtige vom Unwichtigen trennen oder was sollte Vorrang in meinem Leben haben? Was mache ich falsch?

Ich erinnere mich dabei an einen ehemaligen Lehrer, der mit uns in der Schule mal ein Experiment machte. Die Idee dazu hatte er von seinem eigenen Lehrer und dieser wohl noch von jemandem anderen. Das ist halt so mit solchen Geschichten.  

Also: Der Lehrer zeigte uns ein großes, leeres Glas und füllte es mit großen Steinen. Danach fragte er uns, ob dieses Glas voll sei. Wir, die Schüler, stimmten ihm zu. Er nahm dann eine Schachtel mit Kieselsteinen aus seiner Tasche und schüttete diese in das Glas. Natürlich rollten sie in die Zwischenräume. Wieder fragte er uns, ob das Glas nun voll sei. Lächelnd sagten wir „Ja“.
Der Lehrer seinerseits nahm nun wieder eine Schachtel. Diesmal war es Sand. Er schüttete diesen in das Glas und auch der verteilte sich in den Zwischenräumen. Nun sagte unser Lehrer: Ich möchte, dass ihr erkennt, dass dieses Glas wie euer Leben ist. Die großen Steine sind die wichtigen Dinge im Leben, wie eure Liebe, eure Familie, eure Gesundheit, euer Glaube. Also Dinge, die, wenn alles andere wegfiele und nur ihr übrig bliebet, euer Leben immer noch erfüllen würden. Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge, wie eure Arbeit, euer Haus, euer Auto. Der Sand symbolisiert die ganz kleinen, unwichtigen Dinge im Leben, wie die Zeit, die ihr sinnlos totschlagt, die Energie, die ihr beim Lästern oder beim Streiten vergeudet, eure sinnlosen Sorgen um die Zukunft. Wenn ihr also den Sand zuerst in das Glas füllt, ist es gleich voll, es bleibt kein Raum für die Kieselsteine und die großen Steine. So ist es auch in eurem Leben. Wenn ihr all eure Energie für die bedeutungslosen Dinge im Leben aufwendet, habt ihr keine mehr für die großen.
Achtet daher immer zuerst auf die wichtigen Dinge! Nehmt euch Zeit für die Liebe und eure Familie, achtet auf eure Gesundheit, nehmt euch Zeit, eurem Glaubensleben nachzugehen. Es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt und derartige Dinge. Achtet zuerst auf die großen Steine, denn sie sind es, die wirklich zählen. Denn der Rest sind nur Kiesel und Sand.

Und ich füge hinzu, was auch Jesus sagt: „Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch Gottes Herrschaft unterstellt. Dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen. Quält euch also nicht mit Gedanken an morgen.“ (Gute Nachricht Bibel Matthäus 6, 33f.)

Auch wenn ich weiterhin gerne arbeiten muss und es auch gerne tue, werde ich nun versuchen, mir weniger Sorgen um unwichtige Dinge zu machen, denn Gott sorgt schon jetzt für mich.

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14. August 2022

Kluge wählen ihre Worte so, dass sie heilen
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück:

Kommunikation ist alles! Völlig klar. Wer etwas möchte, muss einfach nur den Mund auf machen. Und andersherum auch: Wenn ich etwas nicht will, dann muss ich das auch äußern. Klar und unmissverständlich. Reden ist wichtig. Da sind wir uns wohl einig. Und miteinander reden ist noch viel wichtiger. Normalerweise gehören zu einer guten Kommunikation immer zwei Seiten. Jemand sagt etwas und jemand versteht es, falsch oder richtig. Es kommt darauf an, was gesagt wird und wie und wie der oder die andere es dann verstehen. Eine Botschaft hat vier Seiten, man oder frau hört mit vier Ohren. Manchmal hab‘ ich sogar das Gefühl, ich höre eine fünfte, sechste und siebte Seite und mein Gegenüber ahnt gar nicht, dass er das hätte sagen können. Aber, Spaß beiseite. Es geht nichts über ein gutes Gespräch, mit Tiefgang und Gehalt und guten Ergebnissen.

Daneben gibt es auch noch eine Form von Kommunikation, die, wenn sie beherrscht wird, einfach nur die Leichtigkeit des Seins hervorhebt. Ein paar Minuten ordentlich dumm geschwätzt, das kann für einen ganzen Tag vorhalten. Ein Kommentar jagt den nächsten, beide Parteien übertreffen sich in Wortgewandtheit und Sinn für Humor. Manches darf auch richtig dumm sein, Hauptsache das Timing stimmt. Ja, so ein Dummschwätz hat schon einige unangenehme Situationen aufgefangen oder die Hemmschwelle zu Beginn gesenkt. Wahre Könner sind in Beidem zuhause: Sie können dummschwätzen und vernünftig miteinander reden.

Dummschwätz ist nicht etwa einfach nur ein Dreschen von hohlen Phrasen. Dummschwätz ist Beziehungspflege. Da ist jemand, mit dem kann ich einfach mal fünf gerade sein lassen und nahezu alles raushauen. Und das fühlt sich gut an und ist locker und leicht. Gelingt ein Dummschwätz, dann zeigt das, dass die Beziehung zwischen den jeweiligen Menschen stimmt. Egal, ob man sich besonders nahe steht oder nicht. Klar ist, es gibt nichts Ungesagtes, das zwischen diesen Menschen steht und die lockere Kommunikation überlagern oder unterwandern könnte. Am wichtigsten ist aber, dass sich beim dumm schwätzen jeder nur selbst aufs Korn nimmt. Dann kann auch nichts schief gehen. „Manche Worte von Schwätzern wirken wie Messerstiche“, so steht es in der Basis-Bibel im Buch der Sprüche 12, 18. Eine Weisheit, die für jede und jeden gelten sollte, die oder der den Mund aufmacht oder Worte niederschreibt: „Kluge aber wählen ihre Worte so, dass sie heilen.“ Wenn man miteinander in Kontakt ist, dann kommt es darauf an, ob die Beziehung stimmt. Dann sind auch kritische Worte heilsam oder ein einzelnes „Joa“ kann schon ganz viel ausdrücken.

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7. August 2022

Für alle Neuanfänge: Seid mutig und stark!
von Pfarrerin Simone Conrad, Wingeshausen

Und schwupp, sind sie um: die lang herbeigesehnten Ferien. „Das machen wir, wenn Ferien sind!“ - wie oft habe ich diesen Satz im Vorfeld dieser magischen sechs Wochen gesagt, in denen das Leben langsamer tickt, zumindest ein wenig… Und nun sind sie um, die Ferien. Und meine innere und äußere Liste mit den Dingen, den Aufgaben, den Begegnungen, die ich mir für die Ferien vorgenommen hatte, ist noch nicht einmal zur Hälfte abgearbeitet. Was mich eigentlich nicht überraschen sollte, denn das ist irgendwie jedes Jahr so. Das Leben hat bisweilen andere Pläne als wir Menschenkinder.

Nun beginnt also wieder der Alltag: für Schulkinder und Eltern, für Lehrer und Lehrerinnen und für alle, deren Lebensrhythmus durch die Ferienzeit beeinflusst wird. Für manche beginnt aber noch viel mehr: ein neuer Lebensabschnitt für die Grundschüler*innen, die mit klopfendem Herzen ihrem ersten Schultag entgegenfiebern. Manche voll ungetrübter Vorfreude, manche wohl auch mit Unsicherheit oder Fragen: Wie wird der Schulalltag aussehen? Habe ich einen netten Klassenlehrer oder eine nette Klassenlehrerin? Neben wem werde ich in der Klasse sitzen? Werden mich meine Mitschüler*innen mögen? Und: Verstehe ich wohl alles?

Ein neuer Abschnitt beginnt auch für all diejenigen, die nun die fünfte Klasse einer weiterführenden Schule besuchen werden, genau wie für alle, die nächste Woche in ihr letztes Schuljahr, dem Abschluss entgegen starten. Herausforderungen warten auf alle Beteiligten: Ankommen, Einleben oder eben Prüfungen und die Überlegung, was nach Schule kommt.

Wie gut, dass wir uns den Herausforderungen, die auf uns warten, nicht allein stellen müssen. Dass es Menschen gibt, die uns dabei begleiten und es gut mit uns meinen, und dass es einen Gott an unserer Seite gibt, er sagt: „Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst“.

Ich wünsche allen einen gesegneten Start in das neue Schuljahr, gutes Gelingen und ein gutes Miteinander und vor allem: viel Freude!

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31. Juli 2022

Glaube will sich zeigen
von Pfarrerin Christine Liedtke, Girkhausen

Nein, heute geht es nicht um den Frauenfußball und seine starken Frauen, nicht um das Finale gegen England. Es geht auch nicht darum, dass Frauen im Fußball ungerechterweise weit weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ (Matthäus 12, 34) Mein Herz ist voll davon, dass seit diesem Jahr die Zahl der Menschen, die Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche in unserem Land sind, kleiner ist als die Zahl der Menschen, die nicht dazu gehören. Vor einem halben Jahrhundert, als ich noch selbst zur Schule ging und es an der weiterführenden Schule um die Teilnahme am Religionsunterricht ging, war nicht die Frage, ob ich an etwas glaube oder nicht und, falls ich glaube, woran. Die Frage war schlicht: evangelischer oder katholischer Religionsunterricht? - und damit waren alle aufgeteilt.

Es geht seit Jahrzehnten mit uns Christen bergab - rein zahlenmäßig gemeint!  Und der Gegenwind wird stärker. Die Medien finden es zunehmend vorteilhaft, die Kirchen zu verunglimpfen. Und die Menschen, die mir bei gottesdienstlichen Handlungen gegenübersitzen, benehmen sich nun auch teilweise anders: Sie sitzen mit verschränkten Armen und kritischem Gesicht dabei, kauen mitunter Kaugummi, reden halblaut mit ihren Sitznachbarn oder fixieren mich mit einem derart stechenden Blick, dass ich schon vermute, bei TikTok gibt es eine neue Herausforderung: „Bring einen Geistlichen mit deinem Starren aus dem Konzept!“

Schade: Diese Menschen vermiesen mit ihrem ablehnenden Verhalten den Menschen, denen zum Beispiel bei ihrer Diamantenen Hochzeit die gottesdienstliche Feier im Kirchraum wichtig ist, den besonderen Tag.

Ich muss nicht alles gut finden, muss nicht alles mitmachen. Aber wenn ich als Eingeladener bei einer Feier sitze, dann benehme ich mich höflich. Dann dreht es sich mal nicht um mich. Und wenn ich als Nicht-Christ keinen Gottesdienst mitfeiern möchte: Niemand wird dazu gezwungen. Unsere Gottesdienste sind öffentlich, wirklich Jede/r darf kommen. Aber niemand muss!   

Wir Christen werden nicht drumherum kommen: Farbe zu bekennen ist angesagt! Glaube drängt immer nach außen, will sich zeigen, will sich ausdrücken. Das ist in unserer Demokratie Gott sei Dank möglich und nicht lebensgefährlich. Wir Christen nehmen Stellung zu gesellschaftlichen Entwicklungen, zu Zukunftsplänen der PolitikerInnen, zu ethischen Fragen, zu Herausforderungen der Gegenwart. Wir setzen dabei andere Schwerpunkte als Philosophen, Wissenschaftlerinnen oder Wirtschaftsbosse. Wir setzen darauf, dass Gott diese Welt noch nicht verloren gegeben hat, dass er uns liebt, dass er uns hilft. Das stößt auch auf Ablehnung. Aber für uns Christen ist und bleibt es der feste Grund, auf dem wir stehen. Wer dann zur Gegenrede ansetzt, ist willkommen, aber nicht als Miesmacher dort, wo es um die Seelsorge an Menschen geht.

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24. Juli 2022

Berge laden zur Begegnung mit Gott
von Jugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

Heute vor 84 Jahren, also am 24. Juli 1938, gelang die Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Die Kletterer Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek haben in den frühen Morgenstunden den Gipfel über die 1800 Meter hohe und extrem anspruchsvolle Nordwand erreicht. Dafür benötigten sie insgesamt drei Tage mit spärlicher Ausrüstung.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Abenteuerlust und welchem Ehrgeiz sich die Bergsteiger ans Werk machten. Dabei zeigt sich eine hohe Faszination für die Berge, in diesem besonderen Fall für die Eiger Nordwand.

Und irgendwie kann ich es ein Stück weit verstehen. Denn es ist schon beeindruckend, wie die Berge hoch oben mit ihren Gipfeln thronen. Schon aus der Ferne sind die Berge zu sehen und bieten ein herrliches Panorama. Nicht umsonst zieht es viele Urlauber zum Wandern in die Berge, auch hierher nach Wittgenstein oder ins Hochsauerland.

Sicher kann es auch mal ziemlich anstrengend werden, den Gipfel eines Berges zu besteigen. Doch am Ziel wird man mit einer tollen Aussicht belohnt. Neben dem Nervenkitzel ist das sicher ein Grund, warum Menschen gerne auf Berge steigen und die Strapazen auf sich nehmen. Von Bergen hat man einen wunderbaren Überblick über die Umgebung. Es tut der Seele gut, in der Natur unterwegs zu sein.

Berge haben etwas Faszinierendes. Auch in der Bibel ist an vielen Stellen von Bergen die Reden. Hier sind die Berge besondere Orte der Begegnung mit Gott. So bekam beispielsweise Mose die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai und er durfte vom Berg Nebo in das verheißene Land schauen. Jesus stieg auf einen Berg, um zu beten und zu lehren.

Somit sind Berge auch eine Einladung an uns, mal unseren Alltag zu verlassen und Abstand von den täglichen Herausforderungen zu bekommen. Es tut gut, mal wieder durchzuatmen, sich zu orientieren und einen Überblick zu erhalten. Berge laden uns ein, Gott zu begegnen: in der Stille und im Gebet mit ihm im Gespräch zu sein, seine Nähe bewusst zu erfahren und von ihm gestärkt zu werden.

Ich wünsche Ihnen, dass sie diese Sommerzeit genießen und auch den ein oder anderen Ausflug auf einen oder mehrere Berge machen können. Ich hoffe, dass Sie dabei Gottes wunderbare Schöpfung bewundern können, Erholung und Besinnung erleben und Gott ganz neu begegnen: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Psalm 121, 1 und 2

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17. Juli 2022

Behutsamer Umgang, nicht Sparen
von Pfarrer Peter Liedtke, Girkhausen

Mit 63 ist der Ruhestand schon in Sicht. Natürlich frage ich mich, was ich im Ruhestand noch Neues beginne. Aber ich bin dankbar, dass vieles erhalten bleibt: das Haus, in dem ich wohne, meine Familie, mein Freundeskreis und auch Geld zum Leben. Völlig neu anfangen, alles hinter mir zu lassen, wäre nicht mein Ding.

Da staune ich, wenn ich von einem 75-jährigen Mann lese, der alles Gewohnte hinter sich lässt und mit seiner Frau und ein paar wenigen Verwandten in ein völlig unbekanntes Land aufbricht. Er weiß nicht, wie es dort aussieht, welche Sprache die Menschen sprechen, ob er dort sein Auskommen haben wird. Aber es schreckt ihn nicht. Dabei ist er kein Weltenbummler mit dem Drang nach ständig neuen Herausforderungen. Er macht sich auf den Weg, allein weil es ihm jemand gesagt hat.

Es ist Abraham, von dem ich rede, einer der ganz großen Glaubensväter im Alten Testament. Gott beauftragt Abraham, und Abraham bricht ohne großes Wenn und Aber auf. Welch ein Vertrauen auf Gott.

Aufbrechen ist nicht mein Ding, wie ich anfangs schrieb. Aber auch wir sind aufgefordert, mit viel Vertrautem und Gewohntem zu brechen. Der Krieg in der Ukraine und der Mangel an Gas bei uns und Getreide in vielen Ländern Afrikas sind nur einige wenige der Herausforderungen, die wir heute zu meistern haben. Die Klimakrise mit den lebensbedrohenden Veränderungen gehört ebenso dazu wie der Umgang mit einer immer stärkeren Kluft zwischen den Armen und den ganz Reichen. Aussitzen lässt sich das alles nicht. Wir müssen aufbrechen und an manchen Stellen unsere Komfort-Zone verlassen, wie eine Aktivistin es beschreibt. Nur sollten wir es nicht sparen nennen. Vielmehr ist es ein behutsamerer Umgang mit dem, was uns anvertraut ist. Energie reduzieren, wo wir sie nicht unbedingt brauchen, Lebensmittel so einkaufen, dass wir möglichst wenig wegwerfen müssen, Treibhausgase vermeiden durch Verwendung regenerativer Energien. Wir sollen es nicht deshalb tun, weil andere es fordern, sondern weil uns so viel anvertraut ist, das zahllosen Menschen Leben ermöglicht, wenn wir es in Verantwortung vor Gott und in Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen einsetzen. Da es um uns anvertraute Kostbarkeiten geht, schätze ich das Wort vom behutsamen Umgehen mehr als das Wort vom Sparen.

Es ist eine neue Sicht - für uns, die wir groß wurden mit dem Bekenntnis, dass alles, was wir wollen, in Fülle vorhanden ist. Es ist ein Aufbrechen, es ist ein Verlassen der Komfort-Zone. Es kann aber zu einem Weg in ein verheißenes Land werden. Denn vielleicht gewinnen wir durch den behutsamen Umgang mit den Ressourcen eine neue Form des solidarischen Miteinanders.

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10. Juli 2022

Wenn Gemeinschaft die wichtigste Zutat ist
von Pfarrer Jaime Jung, Erndtebrück

Aus meiner Kindheit kenne ich noch eine Geschichte, die mich daran erinnert, dass viele kleine gemeinsame Schritte zu einem großen Ergebnis führen können. Sie geht so:

Vor langer Zeit, da herrschte große Armut. Die Menschen horteten daher alles Essbare, was sie finden konnten und versteckten es sogar vor ihren Freunden und Nachbarn. Eines Tages kam ein Hausierer mit einer Schubkarre in das Dorf.
„Es gibt in der ganzen Gegend keinen Bissen zu essen“, sagte man ihm. „Es wäre besser, Sie würden weiterziehen.” „Oh, ich habe alles, was ich brauche“, sagte der Hausierer. „Eigentlich hatte ich mir gedacht, ich mache eine Steinsuppe und lade euch alle dazu ein.”
Er hob daraufhin einen eisernen Kessel von seiner Karre, füllte diesen mit Wasser und machte ein Feuer darunter. Dann nahm er einen schlichten Stein aus seiner Tasche und legte ihn in das Wasser.
Mittlerweile waren viele Dorfbewohner auf dem Platz erschienen, weil sie das Gerede über das Essen gehört hatten. Als der Hausierer an der Suppe schnüffelte und in freudiger Erwartung mit der Zunge über seine Lippen fuhr, begann der Hunger das Misstrauen der Dorfbewohner zu besiegen.
„Ah”, sagte der Hausierer recht laut zu sich selbst, „ich liebe eine schmackhafte Steinsuppe. Natürlich, eine Steinsuppe mit Kohl, das wäre sicherlich kaum zu übertreffen.”
Kurz darauf eilte ein Dorfbewohner herbei, der einen Kohl aus seinem Versteck in der Hand hielt und diesen in den Kessel legte. „Großartig”, rief der Hausierer. „Wissen Sie, einmal hatte ich sogar eine Steinsuppe mit Kohl und einem Stück Wurst darin. Die war köstlich!”
Der Dorfmetzger besorgte daraufhin etwas Wurst, und so ging es dann mit Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Salz und weiter. Jeder brachte vorbei, was ihm zur Verfügung stand, bis sie tatsächlich ein köstliches Mahl für alle hatten. Das ganze Dorf wurde satt.
Am nächsten Tag zog der Unbekannte weiter. Von dieser Zeit an, noch lange nachdem die Not vorbei war, dachten die Leute an die köstlichste Suppe, die sie jemals gegessen hatten. Und sie hatten so auch das Teilen gelernt.

Was mir an dieser Geschichte Hoffnung macht: Um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, kann jeder etwas beitragen, wenn es auch nur etwas Kleines ist. So wird allen geholfen. In der Geschichte hätte jeder Einzelne für sich keine Suppe kochen können. Weil sie aber das, was sie besaßen, miteinander teilten, hatten alle ein gutes Essen. Das ist wahre Gemeinschaft!
Bei der Geschichte ist das Erstaunlichste nicht, dass am Schluss alle satt werden. Sondern, dass sie miteinander gegessen haben und satt wurden, obwohl jeder nur wenig dabeihatte. Denn jeder hatte seinen kleinen Teil dazu beigesteuert. Was kann mein Beitrag sein, damit alle in der Welt genug für ein gutes, würdiges Leben haben?

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3. Juli 2022

Es kommt auf die Sichtweise an
von Pfarrer Steffen Post, Bad Laasphe

2+3=5; 4x6 =24; 28:7=3; 31-12=19 - was fällt Ihnen an diesen Rechenaufgaben auf? Vermutlich haben Sie den EINEN Fehler entdeckt. Aber haben Sie auch die DREI richtigen Ergebnisse bemerkt? Es kommt auf den Blickwinkel an.

Eine spannende Sehschule ist für mich das Lied von Paul Gerhardt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘ in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben“. Was für ein herausfordernder Blick! Nicht: „Finde den Fehler“, sondern: „Suche Freud‘!“ Achte auf das Positive. Sei offen für Überraschendes. In sieben Strophen hat Paul Gerhardt seine freudigen Beobachtungen in der Natur und der Tierwelt zusammengetragen und dann noch einmal acht Strophen drangehängt, in denen er „des großen Gottes großes Tun“ für sein Leben und seinen Glauben besingt. Ich staune deshalb über diese Sichtweise, weil Paul Gerhardt auch ganz andere Themen in seinem Lied hätte ansprechen können: die unzähligen Opfer, die der Dreißigjährige Krieg forderte, und damit verbunden der tägliche Kampf gegen Hungersnot und Seuchen.

Ein ähnlich innovativer Sammler findet sich im Kinderbuch von Leo Lionni: Dort wird die Maus Frederick skeptisch von den anderen Nagern beäugt, weil er scheinbar faul rumsitzt und im Sommer Farben, Sonnenstrahlen und Wörter sammelt, während die anderen Körner, Nüsse, Weizen und Stroh heranschleppen und für den Winter einlagern. Als dann aber in den Wintermonaten nach und nach die Vorräte aufgebraucht sind, teilt er mit seiner Familie die gesammelten Sonnenstrahlen, um sie zu wärmen; die Farben, um den Winter weniger grau und trist sein zu lassen; und die Worte, in Form eines Gedichtes, das die Zuhörenden berührt.

Die Ferienzeit bietet in Phasen der Erholung zuhause oder unterwegs die Möglichkeit, Neues in den Blick zu nehmen und besondere Eindrücke zu sammeln, als ermutigende Ration für den Alltag. Ob ich dabei auf so viele Strophen wie Paul Gerhardt komme oder so ausgefallene Vorräte wie Frederick finde, weiß ich nicht.

Bei der Rückkehr in den Alltag kann ich mich aber auch gut auf die Sichtweise einlassen, die ich auf einem älteren Kalenderblatt gefunden habe: Ich bin dankbar für die laut geäußerten Beschwerden über die Re­gierung, weil das bedeutet, dass wir in einem freien Land leben und das Recht auf freie Meinungsäuße­rung haben; für die Frau in der Gemeinde, die hinter mir sitzt und falsch singt, weil das bedeutet, dass ich gut hören kann; für die Wäsche und den Bügelberg, weil das bedeu­tet, dass ich genug Kleidung habe; für das Durcheinander nach der Feier, das ich auf­räumen muss, weil das bedeutet, dass ich von lieben Menschen umgeben war; für den Rasen, der gemäht, die Fenster, die geputzt werden müssen, weil das bedeutet, dass ich ein Zu­hause habe; für den Wecker, der morgens klingelt, weil das be­deutet, dass mir ein neuer Tag geschenkt wird.

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26. Juni 2022

Die Zukunft liegt nicht in unserer Hand
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

„Que sera, sera?“ - unvergessen das Lied, das Doris Day als Jo McKenna in dem Film „Der Mann, der zu viel wusste“ singt. Geht es in dem Film darum, eine gefährliche Situation zu meistern und Entführern zu entkommen, schildert der Text des Liedes etwas ganz anderes. Es geht um den Blick in die Zukunft. Um Aussichten. Um Fragen, die ein Kind seiner Mutter stellt.

Que sera, sera? Whatever will be, will be! The future's not ours to see. Es kommt, wie es kommt, die Zukunft liegt nicht in unserer Hand. Vertröstung oder Trost, das ist hier die Frage.

Wie gerne hätte ich eine Glaskugel und dann würde ich immer einen Blick hineinwerfen, wenn mich die Unsicherheit packt. Nicht unbedingt, um die Lottozahlen vom nächsten Samstag schon vorher zu wissen. Eher um zu sehen, ob das, was ich jetzt gerade tue, Sinn macht. Ob die Gedanken und Ideen, die wir haben, in der und für die Zukunft richtig sind. Wie gerne würde ich vorher prüfen können, welcher Weg der richtige ist. Oder gibt es vielleicht bei beiden Alternativen ein Ziel? Unsicherheit und Ungewissheit kann ich echt nur schwer aushalten. Ist schon komisch, denn zu enge Wege und zu feste Strukturen sind ja auch nichts für mich. Raum für Ideen und Kreativität und eine Garantie auf Erfolg, oder wenigstens Funktionstüchtigkeit. Das hätte ich gerne. Und auf keinen Fall die Katze im Sack. So viele Wünsche und es gibt bestimmt noch mehr. Aber: Es kommt, wie es kommt, und die Zukunft liegt nicht in unserer Hand.

Mal abgesehen von Doris Day und dem Hitchcock-Thriller ist das schon ein gutes Motto, um im Alltag zu bestehen. Als Kirche sowieso. Leben wir doch im und vor allen Dingen vom Vertrauen. Aber es ist eben auch nicht immer einfach, dieses Vertrauen groß zu machen und angesichts äußerer Zwänge zu behalten. Und wann ist es überhaupt Vertrauen, wann ist es Naivität? Und wie geht das zusammen mit der Verantwortung, die wir tragen? Als Menschen in der Welt, als Menschen in der Institution „Kirche“, als Menschen in den Gemeinden vor Ort, als Menschen, die Entscheidungen treffen müssen. Que sera?

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“, so heißt es in einem Kirchenlied von Arno Pötzsch. Ein Satz, der schon oft zitiert wurde, der deswegen aber nicht abgenutzt ist. Die Zukunft liegt nicht in unsrer Hand heißt ja nicht, dass ich sie aus der Hand geben muss. Darf ich auch gar nicht. Denn ich will ja was tun für meine und unsere Zukunft. Ich hab' sie in der Hand. Und die Gewissheit, dass sie in jedem Fall auch in einer anderen Hand ist. Eine, die viel stärker und umfassender ist, als alle anderen Hände der Welt.  

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19. Juni 2022

Als Menschen können wir handeln
von Pfarrer Peter Liedtke, Girkhausen

Als die ersten Bilder der Pandemie zu sehen waren von dem unsäglichen Leid in Norditalien, war ich erschüttert. Doch mit den Wochen und Monaten wurde es normal, von überfüllten Intensivstationen zu hören und der steigenden Zahl der Todesopfer. Das furchtbare Leid der Betroffenen wurde Alltag. Anscheinend gewöhnt man sich auch an so etwas. Das änderte sich, als ich einen Mann kennenlernte, der nur mit knapper Not dem Tod durch den Corona-Virus entronnen war. Da bekam das Leid ein Gesicht und einen Namen.
Ähnliches erlebte ich, als es noch das Flüchtlings-Camp in Bad Berleburg gab. Natürlich las ich über die Situation in Syrien. Aber das Schlimme blieb auf Distanz. Das änderte sich, als ein Ehepaar in die Beratung kam, sich zu verabschieden. Sie hätten gerne hier gearbeitet oder gelernt. Sie dürften aber nur warten. Das würde sie verrückt werden lassen. Dann würden sie lieber zurückkehren nach Syrien, auch wenn es wahrscheinlich viel Leid oder sogar den Tod bedeutet. Mit einem Mal kannte ich jemanden, auf den in Syrien geschossen wird oder der gezwungen wird, selber zu schießen. Dieser sinnlose Krieg hatte nun ein Gesicht. Und ähnlich ging es mir bei dem jungen Mann im Kirchenasyl, der aus Afghanistan kam, und der mir dann noch Fotos seines Freundes zeigte, der der Abschiebung nicht entgangen war.

Gott hat uns eine wunderbare Gabe geschenkt: Er schuf uns als Wesen, die Beziehungen brauchen und die von Beziehungen her denken. Zahlen sagen uns nichts. Ob in einem Krieg so viele Menschen sterben, wie in ganz Wittgenstein leben oder soviel wie im Raum Dortmund, es berührt uns nicht. Aber wenn wir einen einzigen persönlich kennen, der Opfer ist, seinen Namen wissen und eine Vorstellung davon haben, wie er aussieht, dann rückt uns das Leid ganz nahe. Ist das nicht eine ständige Überforderung?

Es gibt viele Menschen, die sich davon nicht schrecken lassen. Sie stehen Menschen bei, die auf der Flucht sind oder als Obdachlose auf der Straße leben. Sie haben die Menschen im Ahrtal nicht vergessen und packen mit an. Sie sind Paten von behinderten Menschen oder stehen als Gesprächspartner für psychisch Erkrankte zur Verfügung. Was sie tun - ehrenamtlich oder hauptberuflich - ist schwer, denn das Leid bekommt ein Gesicht. Sie nehmen immer ein Stück davon mit nach Hause. Kriege zu beenden oder eine gerechte Wirtschaft zu schaffen liegt nicht in unseren Händen. Aber indem wir eine Beziehung haben zu einem Leidtragenden, machen wir aus einer Ziffer in der Statistik wieder ein Gegenüber. Die Menschen erhalten ein Stück ihrer Würde zurück. Und die, die helfen auch. Denn sie werden von hilflos Zuschauenden zu Menschen, die handeln können!

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12. Juni 2022

Unendlich viele Gründe, Gott zu danken
von Pfarrer Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Heute ist das Trinitatisfest. Entsprechend steht der dreieinige Gott im Mittelpunkt der Betrachtung. Gott offenbart sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Daran wird dabei gedacht. So heißt es auch im Wochenspruch: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2. Korinther 13, 13)

Dieser Bibelvers lädt uns ein, im Einzelnen auf die Wirkungsweise von Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist zu schauen. Beginnen wir mit Gott Vater, oder so, wie es im Wochenspruch heißt, mit der „Liebe Gottes“: Worin zeigt sich diese Liebe von Gott Vater? Nun, das ist meiner Ansicht nach vergleichsweise einfach. Man muss nur einmal Gottes Schöpfung näher betrachten, und man erkennt Gottes wunderbares Wirken. Ob es die kleinsten Dinge sind, oder die größten Einheiten: Alles in Gottes Schöpfung ist wunderbar. Das gilt auch ganz besonders deswegen, weil die Strukturen immer die gleichen sind: Sowohl die kleinsten Einheiten als auch die größten Strukturen sind gleich aufgebaut. Allein das schon lässt einen staunen. Und wenn man dann noch ins Detail geht, wird man schnell merken, wie einzigartig Gottes Schöpfung ist. Zum Beispiel gleicht kein Blatt dem anderen. Alles ist auf Einmaligkeit angelegt. Das gilt natürlich auch für uns Menschen.
Kommen wir zum Gottessohn Jesus Christus. Von ihm heißt es im Wochenspruch: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus“. Jesus ist in diese Welt gekommen, und lebte und wirkte bei uns, um uns dadurch Gottes Liebe zu uns Menschen zu offenbaren. Durch sein Erlösungswerk am Karfreitag und an Ostern hat er uns gerettet. Wenn wir über Jesus sprechen, dann ist das Wort „Liebe“ zentral. Jesu Liebe bleibt bis in alle Ewigkeit.
Und nicht zuletzt geht es am Trinitatissonntag auch um den Heiligen Geist. Der Wochenspruch sagt von ihm: „Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ Hier wird gleich deutlich, was der Heilige Geist bewirkt: Er schafft Gemeinschaft. Er ist der Grund, warum es die Kirche und die Kirchengemeinden gibt. Ohne den heiligen Geist gäbe es keinen Glauben. Durch ihn sind wir miteinander verbunden. Dies gilt vor Ort und auch weltweit. Denn das Wirken des Heiligen Geistes unterscheidet nicht zwischen Kulturen, Hautfarben, Geschlechtern oder Nationen. Der Heilige Geist verbindet uns über alle Grenzen hinweg.

Also, wenn man diese Dinge und noch vieles Weitere betrachtet, dann gibt es unendlich viele Gründe, Gott für sein Wirken zu danken. Dazu lädt uns der Trinitatissonntag ganz besonders ein. Doch das können wir auch an jedem anderen Tag des Jahres tun: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

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5. Juni 2022

„Nie war er so wichtig wie heute...“
von Superintendentin Simone Conrad, Wingeshausen

Haben Sie das auch manchmal: Dass Ihnen alte Werbeslogans durch den Kopf geistern, die sich in früheren Zeiten durch Allgegenwart und beständige Wiederholung in Ihr Gehirn gefräst haben? Mir passiert das bisweilen. Verse oder Jingles aus der Zeit, als man noch Fernsehen sah und nicht bei Streamingdiensten unterwegs war; als zwischen den Mainzelmännchen mit großer Verlässlichkeit stets dieselben Werbespots liefen. Ich kann immer noch „Lavendel, Oleander, Jasmin…“ singen oder „Nichts ist unmöglich…“ ergänzen. Zu manchen Slogans erinnere ich das Produkt, dann wurde das Werbeziel erreicht, bei manchen erinnere ich noch gut den Jingle, aber nicht, was dazu gehört, damit wurde das Werbeziel klar verfehlt.

In der Vorbereitung auf das Pfingstfest, dass wir an diesem Wochenende feiern, ging mir auch solch ein Vers durch den Kopf: „Nie war er so wichtig (oder wertvoll?) wie heute...“ Das passende Produkt dazu kann ich Ihnen nicht mehr sagen - also: verfehltes Werbeziel. Aber ich kann Ihnen sagen, woran ich sofort dachte: An Gottes Heiligen Geist, den er den Menschen an Pfingsten schenkt. Gottes Geist hat viele Bedeutungen in der Bibel: Tröster, Geistkraft, Lebensatem, Mut und Stärke, Be-geisterung, mit der Gott uns Menschen erfüllt. Und es wird deutlich: Pfingsten, das ist kein Fest von gestern, nicht einfach eine alte Geschichte, die erzählt wird. Pfingsten, das heißt, sich erfüllen lassen von diesem guten Geist, mit dem Gott uns beschenkt und stärkt. Wir brauchen ihn so sehr!

Wir brauchen Trost in dieser von Krieg und unfassbarer Gewalt beschwerten Welt. Wir brauchen Kraft und Mut und Stärke, um an dem Platz, an den wir gestellt sind, das unsere zu tun, damit das Angesicht der Welt menschlicher wird. Wir brauchen langen Atem, um für unsere Schöpfung und deren Bewahrung einzustehen. Wir brauchen den Geist der Liebe und Barmherzigkeit, um Respekt und Toleranz täglich neu zu buchstabieren. Wir haben ihn bitter nötig, Gottes Geist. Heute. Hier. Jetzt. Nie war er so wichtig wie heute!

Und so wünsche ich allen ein erfülltes und gesegnetes Pfingstfest - dass Gottes Geist uns berührt, stärkt und tröstet.

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29. Mai 2022

Was brauche ich mehr, wenn ich Segen habe?
von Pfarrer Jaime Jung, Erndtebrück

Neulich im Park: Zwei kleine Kinder sitzen neben der Mutter auf einer Bank. Ein Kind hält ein Eis in der Hand, leckt es ab und reicht es weiter an seinen Bruder. Dieser leckt es auch ab und gibt es wieder zurück. So machen die beiden Kinder weiter, hin und her, bis das geteilte Eis alle ist. Sie lachen dabei, mit klebrigen Händen, zufrieden.

Ich merke, dass wir Erwachsene das Teilen erneut erlernen sollten, da wir lieber „mein“ als „unser“ sagen. Das Hamstern haben viele in der jüngsten Vergangenheit schnell gelernt. Wie wäre es jetzt mit Teilen? Wenn man eigeladen wird, zu spenden, geht es ja nicht nur um Geld oder Lebensmittel. Es geht auch darum, von meiner Zeit abzugeben, offene Ohren für jemanden zu haben. Es geht in erster Linie um Menschen, die Hilfe brauchen. Diese Menschen können einige tausend Kilometer von mir entfernt leben, aber vielleicht sitzen sie auch unterm selben Dach wie ich.

Liebe teilen kann sicher nur, wer sich selbst geliebt fühlt. Verschenken kann auch nur, wer sich reich beschenkt fühlt. Und reich beschenkt ist jeder von uns - manche Menschen aber nehmen das nicht wahr. Wenn man damit anfängt, für den Segen Gottes zu danken - auch für die kleinen und einfachen Dingen des Alltags - fällt es sofort auf, wie reichlich man von Gott beschenkt ist. Was macht mich nun aber zu einem wertvollen Menschen, der bereit ist, seinen eigenen Wert mit anderen zu teilen? Sicher nicht das Haben. Nicht, was ich mir erarbeitet habe, macht mich wertvoll. Nicht, was ich geleistet habe, macht mich liebenswert, auch nicht, was ich mir leisten kann.

Jesus verweist uns an Gott, der in das Verborgene sieht. Der jeden Menschen liebt. Dass ich Gott „unseren Vater“ nennen darf, weil er mich als sein Kind angenommen hat, macht mich wertvoll. Ich bin wichtig, weil Gott mich für so wichtig erachtet, dass er sich auf den Weg macht, um mich zu suchen. Und Gottes Liebe zu mir will weitergegeben werden. Nur wenn meine Liebe den Weg zum Nächsten findet, wird es mir leichtfallen, loszulassen und wegzugeben, was ich im Überfluss habe. Und vielleicht kann ich ja dann das Erstaunliche der Liebe erleben: Dass ich reicher werde, wenn ich gebe. Wie können wir je glücklich werden, wenn wir immer alles von anderen erwarten?

Ich denke wieder an die zwei Kinder, die das Eis miteinander geteilt haben. Leben ist Nehmen und Geben. Daher, lasst uns immer wieder neu anfangen, nicht für uns zu fordern und zu nehmen, sondern zu geben, uns für andere einzusetzen, sie zu trösten, mit ihnen zu lachen. Wenn ich Segen habe in Fülle, was brauche ich mehr? Da muss ich mich nicht durch große Gesten wichtig machen. Was mich am Leben hält, ist nicht mein Besitz und auch nicht meine gute Vorsorge. Was mich am Leben hält, das ist der Segen Gottes - und so kann auch ich ein Segen für meine Mitmenschen sein.

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22. Mai 2022

Geprägt heißt nicht erstarrt
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Warum sind wir eigentlich so, wie wir sind? Warum denken, handeln und reden wir so? Das ist unsere Prägung. Das scheint eine plausible Antwort zu sein. Das Umfeld, die Kultur, Menschen, bestimmte Werte, all das hat einen Einfluss. Als Mensch suche ich mir das heraus, was für mich wichtig, sinnvoll und wertvoll ist. Manches wird mir aber auch einfach zugeschrieben, obwohl ich es vielleicht gar nicht für mich selbst in Anspruch nehme. Klar, das sind die Erwartungen, die die anderen an mich haben. Als Mensch, als Frau, als Mutter, als Pfarrerin und was ich auch sonst noch für Rollen ausfüllen mag. Wenn diese Prägungen und Erwartungen mal sichtbar gemacht werden könnten, etwa als Klebezettel, die einem anhaften, dann wäre jeder und jede von uns sicher ganz schön zugepflastert.

Geprägt zu sein, ist an sich erst einmal nicht schlimm, auch nicht gefährlich. Kann ich ja nichts für. Geprägt und erstarrt zu sein, das ist schon eher bedenklich. Werte können sich verändern. Ich kann auch in Abgrenzung zu meiner Prägung leben und handeln, in dem Bewusstsein, dass hier und da doch immer wieder Dinge aus der alten Prägung aufblitzen können. Ich kann mich neuen Prägungen zuwenden und auch selbst andere prägen. Wichtig ist, dass alles in Bewegung bleibt. Geprägt heißt nicht erstarrt.

Münzen sind geprägt. Und am besten gehören Münzen in eine Schatzkiste. So könnte ich es auch mit Prägungen machen, die ich von früher her kenne, die ich auch schätze, die ich aber nicht weiter als Hauptzahlungsmittel verwenden möchte. Nur weil ich weiter denke, neue oder andere Werte formuliere, muss ich die alten ja nicht verleugnen oder wegwerfen. Loswerden kann ich meine Geschichte ja nie. Also packe ich sie, wie die Münzen in eine Schatzkiste. Da hab‘ ich einen Vorrat, da ist meine Geschichte. Manche sagen dazu auch Wurzeln. Mir gefällt das Bild der Münzen ganz gut, weil es ein munteres Bild ist. Münzen klimpern, wenn sie aneinanderstoßen. Manchmal verdecken sie einander, können zusammengelegt oder neu sortiert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein Mensch ist so, wie er ist. Oder sie. Ich bin so, wie ich bin, mit den unterschiedlichen Münzen in der Tasche oder in der Schatzkiste. Die Welt fordert mich heraus, jeden Tag neu über meine Prägung nachzudenken und zu überlegen, wie ich durch mein Handeln, Denken und Reden präge. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gefällt der Gedanke der Schatzkiste. Da kann ich rein räumen, manches drin verstecken, aber es ist eben trotzdem wertvoll. Und man bleibt im Denken mobil und die Gefahr zu erstarren ist geringer. Wie war das noch beim kleinen Tiger und beim kleinen Bären: Komm', wir finden einen Schatz.

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15. Mai 2022

Lasst uns gemeinsam singen!
von Pfarrerin Christine Liedtke, Girkhausen

Er stimmt leider gar nicht, dieser fröhliche Liedruf: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder: böse Menschen kennen keine Lieder!“ Davon zeugen Kriegslieder und gesungene Hass-Parolen.Was aber stimmt: Singen macht den Körper weit, es erdet, es macht mutig. Wer singt, der kann - das ist erwiesen - keine Angst empfinden. Darum ist der Rat, singend in den gefürchteten dunklen Keller zu gehen, ein hilfreicher Rat: Singen hilft gegen die Angst, Singen stärkt die Zuversicht.

Einer der drei Sonntage jetzt, in denen vielerorts die Konfirmationen stattfinden, heißt: Kantate - Singet! Er steht in der Mitte des Dreiklanges: Jubilate! Kantate! Rogate! Das sind drei Aufforderungen: Jubelt! Singet! Betet! Ein hilfreicher Dreiklang für unser Leben: Besinne dich auf das Gute! Singe deinen Dank! Bete deine Sorgen!

Heute feiern wir den Sonntag Kantate. Und schon gestern wurde der Eurovision Song Contest in Italien ausgetragen: Da hören wir viele unterschiedliche Lieder, die aber nicht zum Mitsingen gedacht sind, sondern die nur angehört werden wollen. Ich singe gerne. Viele wissen das. „Lasst uns lieber gemeinsam singen!“, möchte ich rufen: Lasst sie uns hervorrufen, diese Kraft, die sich im gemeinsamen Singen einstellt, lasst uns - miteinander singend - erleben, wie die Zuversicht stärker wird und Ängste kleiner werden. Lasst uns gemeinsam singen!

Was wir singen könnten? „We shall live in peace“ - wir werden im Frieden leben. Oder: „Dona nobis pacem“ - Herr, schenk uns Frieden. Oder: „It’s me, o Lord“ - Auf mich, Gott, kommt es an!

Wo wir singen könnten? Ich verspreche dir: In unseren Gottesdiensten wird gesungen. Und gebetet. Und gedankt. Vor Gott dürfen wir unser Leben in den Blick nehmen. Gutes wahrnehmen und dafür danken. Unsere Stimmen im Gesang vereinen und Trost und Zuversicht erfahren. Und alle Sorgen und Ängste vor ihn bringen.

Und: Was wir dort tun, verhallt nicht ungehört. Es kommt direkt vor Gott. Vor ihn, der die Welt in seinen Händen hält. Immer noch. Gott sei Dank!

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8. Mai 2022

Im Zweifel Vorrang für den anderen
von Pfarrer Thomas Janetzki, Wingeshausen

Nur ein kleiner Artikel in der Zeitung diese Woche, über ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes, in dem es darum geht, wer Vorfahrt hat, wenn aus zwei Fahrstreifen einer wird, aber mit einer bemerkenswerten Begründung: Keine Partei hat Vorfahrt, urteilte das Gericht, es bedarf „besonderer Aufmerksamkeit, Besonnenheit und Geistesgegenwärtigkeit“: „Im Zweifel seien die Verkehrsteilnehmer gehalten, jeweils dem anderen den Vorrang einzuräumen.“

Passt ein solches Urteil in unsere Zeit, in der wir gewohnt sind, unser Recht einzufordern und auch durchzusetzen, im Kleinen wie im Großen - oder ist das Denken von Gestern? Freiwillig zurückstecken und auf den anderen warten statt Gas geben, das Recht des Stärkeren oder des Schnelleren in Anspruch nehmen?

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass das Gericht ausdrücklich darauf aufmerksam macht, dass unsere Gesellschaft nicht auf Letzterem aufgebaut sein sollte, sondern dass - und ich glaube: nicht nur im Straßenverkehr - gegenseitige Rücksichtnahme und Abwägen der Interessen aller Seiten ein Grundprinzip unseres Handelns sein müsste.

Für die Bibel ist dieses Denken selbstverständlich; in einer neueren Übersetzung heißt es dort: „Denkt bei dem, was ihr tut, nicht nur an euch. Denkt vor allem an die anderen und daran, was für sie gut ist.“ (1. Korinther 10, 24)

Ist es nicht schade und traurig, dass uns dieses Denken, diese Art des Umgangs miteinander so sehr verloren gegangen ist? Ich glaube, es ist an vielen Punkten wirklich an der Zeit, sich hier mal wieder häufiger die Frage zu stellen: Ist das, was ich jetzt gerade will und vorhabe, nur zu meinem Vorteil oder denke ich dabei auch an die Folgen für andere?

Und ich bin überzeugt: Das gilt nicht nur für den Autoverkehr…

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1. Mai 2022

Einladung zum Zusammenrücken
von Pfarrer Steffen Post, Bad Laasphe

Als unverzichtbares Möbelstück ist er in jedem Haushalt zu finden. An ihm wird gequatscht und gespielt, gegessen und gesessen: der Tisch.

Ein solcher Tisch hat vor wenigen Wochen eine eher unrühmliche Geschichte geschrieben: Dieser Tisch, sechs Meter lang und gut zweieinhalb Meter breit, an den Wladimir Putin Mitte Februar zunächst Emmanuel Macron und später auch Olaf Scholz zum Gespräch lud und in Wirklichkeit gar nicht zum Gespräch bereit war. Für all die Bilder brutaler militärischer Gewalt und Verwüstung, die uns in diesen Tagen aus der Ukraine erreichen, lieferte dieser absurde Tisch das traurige Vorspiel. Da sitzt einer nicht mit anderen zusammen, im Gegenteil: Er nutzt den Tisch, um größtmöglichen Abstand zu markieren, Coronaschutzmaßnahmen hin oder her. Einsam, völlig isoliert, sitzt er da in seinem Größenwahn: An diesem gespenstischen Tisch, der Menschen nicht miteinander verbindet, sondern voneinander trennt. Eine Karikatur von Tisch.

Auch ein anderer Tisch hat Geschichte geschrieben. Zumindest für die Evangelisten, die Szenen aus dem Leben von Jesus schriftlich festgehalten haben, war er das Aufschreiben wert. Neben dem Gastgeber sorgt vor allem die Tischgesellschaft für Verwunderung: „Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.“ (Matthäus 9, 10) Am Tisch setzt sich Jesus an die Seite der Menschen. Er rückt nicht von ihnen ab, sondern er sucht den Kontakt, nimmt Teil an ihrem Leben, sucht das Gespräch, die Nähe, den Austausch. Dieser Tisch, das ist die Einladung von Jesus auf vier Beinen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)

Daran erinnert in unseren reformiert geprägten Kirchen der Abendmahlstisch. Es ist der Tisch der Gemeinschaft: Eine bunte Mannschaft mit unterschiedlichen Charakteren hat Jesus sich an die Seite geholt und ich darf dazu gehören. Es ist der Tisch der Versöhnung: Meine Fehler und Schwächen stehen nicht mehr trennend zwischen Gott und mir. Jesus hat sie am Kreuz getragen und so die Beziehung zu Gott wieder in Ordnung gebracht. Er lädt mich zum Neuanfang ein. Es ist der Tisch der Stärkung: Keine üppige Mahlzeit wird aufgetischt, aber im Brot und im Saft der Trauben darf ich schmecken: Ich bin geliebt und ich bin versorgt, auch in turbulenten Zeiten.

Einige Internetnutzer haben die verstörende Leere am Tisch zwischen Putin und Macron nicht ausgehalten und das bei diesem Treffen entstandene Foto bearbeitet. Bei einer dieser Fotomontagen sitzen zwischen Putin und Macron Jesus und seine Jünger beim letzten Abendmahl. Diese mutige Darstellung zeigt, was in Zeiten der Angst und der Verzweiflung wirklich tröstet und stark macht: Wenn Menschen zusammenrücken, Gemeinschaft suchen, miteinander teilen.

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24. April 2022

Hoffnungsbilder einer kommenden Wirklichkeit
von Pfarrerin Claudia de Wilde, Hemschlar

Die Dia-Kästen brauchen viel Platz im Schrank. Ich habe sie gehütet wie einen Schatz. Reisen, Freizeiten, Begegnungen, Menschen, Landschaften, Kirchen. Auch viele Fotos sind in früheren Jahren entstanden, und die Negative liegen in den großen Umschlägen im Karton, sorgfältig beschriftet nach Jahren und Orten. Als ich sie anfertigte, um Erinnerungen zu bewahren, gab es noch keine Digitalkameras. Dafür aber später wunderbare Überraschungsmomente, wenn der Negativ-Scanner aus den scheinbar falschen Bildern, in denen die Farben nicht stimmen, wieder die richtigen Aufnahmen hervorbringt und Fotos als Abbild der Wirklichkeit ans Licht bringt.

Wenn das im realen Leben auch so einfach ginge: Aus den Negativen wieder das richtige Bild hervorbringen, so, wie es eigentlich sein müsste. Sich hineinträumen in eine andere, geordnete, heilsame Wirklichkeit, gerade wenn das Leben anders läuft. Welch eine Kraft zur Umgestaltung könnte daraus wachsen!

So erlebe ich es, wenn jetzt in der Europäischen Union und darüber hinaus über den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg gesprochen wird, wenn schon Gelder zurückgelegt werden für das, was später wieder an Gutem entstehen soll. Es sind Gegenbilder gegen die Negative, die wir gerade sehen - aber sie haben eine große Kraft. Mit dem Wiederaufbau kennen wir uns aus, haben starke Bilder im Kopf, auch von historischen Altstädten, die nach den Jahren der Zerstörung wieder neu errichtet wurden. Ich komme aus Münster, wo der prachtvolle Prinzipalmarkt heute davon erzählt, wie schön es wieder werden kann.

Hoffnungsbilder sind keine Utopie. Sie zeichnen ein Bild einer möglichen kommenden Wirklichkeit. Wie hilfreich das ist, wissen wir aus unserem persönlichen Leben. Es hilft bei der Genesung, sich vor Augen zu malen, was später wieder alles möglich werden könnte. Das Ausmalen einer freundlichen Perspektive kann uns viel Kraft geben.

Die Bibel ist voll von solchen Hoffnungsbildern. Die Ruhe im Sturm erleben wir mit dem Beter des 23. Psalms, dem Gott einen Raum der Ruhe am gedeckten Tisch schafft, während Feinde ihm nachstellen. Die Zeit, in der wir nach allem Schweren bei Gott zur Ruhe kommen können, beschreibt die Offenbarung mit Bildern von einer Welt, in der es kein Leid, keine Klagen, keine Trauer mehr geben wird, weil Gott selbst uns die Tränen abwischen wird - was für eine Geste! An vielen Stellen in den Psalmen wird Gott „Burg“, „Schutz“ und „Zuflucht“ genannt. Das ist keine Weltflucht in eine fromme Utopie, sondern Hilfe zur Gestaltung des realen Lebens mitten in der Bedrängnis: ein Hoffnungsbild, das Kraft gibt zum Durchhalten und Aushalten in dem Schweren, was es gerade zu bewältigen gilt. Welche Hoffnungsbilder stärken Sie auf Ihrem Weg durch unwegsames Gelände?

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17. April 2022

Der Plan B muss keine Notlösung sein
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ostern ist der Plan B! Wie bitte? Ist Ostern nicht das Allergrößte und sicher ganz bewusst von Gott so gewollt und vorherbestimmt worden? Ich finde nicht. Ich finde, es ist viel effektiver, Ostern als Plan B zu denken. Wie kann ein Plan B effektiv sein? Er ist doch nur eine Notlösung. Stimmt gar nicht. Das ist ein absolutes Missverständnis und wird dem Plan B nicht gerecht. Es ist eben eine andere Möglichkeit. Nicht weniger gut oder nur die Hälfte wert. In einem Buch bin ich auf diesen Gedanken gestoßen worden und ich habe ihn zu meinem diesjährigen Oster-Schatz erwählt.

Wie war es denn mit Jesus? Seine Laufbahn auf der Erde war schnell beendet. Anfang 30 war er, als er gekreuzigt wurde. Nun ja, als Aufrührer musste er wohl damit rechnen, dass er immer auch gefährlich lebt. Aber geplant hatte er solch ein Ende am Kreuz bestimmt nicht. Jetzt ist es aber doch so, dass man auch sagen kann: Gott hat es genau so geplant. Ein grausames Ende für seinen Sohn. Und es ist jedes Jahr das Gleiche. Ich kann Karfreitag kaum aushalten und denke immer: Hätte er sich das nicht anders ausdenken können? Warum gerade die grausamste Variante der damaligen Todesstrafe?

Die Bibel ist voll von Geschichten mit Plan B. Und das ist jetzt wirklich nicht abwertend oder so gemeint. Ich liebe diese Texte, seien es Psalmen oder andere Geschichten, in denen so richtig deutlich wird, wie schief es schon mal mit dem Menschsein laufen kann und wie gut es ist, dass Gott einen Plan B hat. Bei der Sintflut zum Beispiel, da wollte Gott die ganze Menschheit vernichten und hat das auch sehr eindrucksvoll gestaltet. Aber im großen Zorn ändert er seine Meinung und verspricht: Das mache ich nicht wieder! Samt Siegel, dem Regenbogen.

In diesen Geschichten zeigt sich ein Gott, der aus dem größten Schlamassel noch etwas Gutes machen kann. Der damit zeigt, wie Hoffnung über die Resignation siegt. So auch an Ostern. Hinter der grauseligen Todesstrafe steckt das wunderbare Geschenk, dass Gott sich für gar nichts zu schade ist, nicht mal für den Tod. Damit stellt er ein für alle Mal klar, dass es nichts gibt, was ihn von den Menschen trennt. Das hätte ja schon gereicht. Im Tod bewahrt und auch dann nicht verlorengegeben, damit lässt es sich doch leben. Viel besser lässt es sich aber mit dem Plan B leben. Der Auferstehung. Da setzt Gott noch einen drauf. Das mit Jesus sollte nicht tragisch und traurig zu Ende gehen, sondern verändert und verändernd. Deshalb Plan B, deshalb Auferstehung.

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10. April 2022

Nutzen wir unser Nardenöl
von Pfarrer Peter Mayer-Ullmann, Banfe

Geld oder Liebe - das ist nicht zuletzt das brisante Thema des heutigen Palmsonntags, wo ja die jubelnde Menge mit ihren Kleidern und Palmzweigen Jesus einen herzlichen und liebevollen Empfang in Jerusalem bereitet, um dann doch nach wenigen Tagen in das gewohnte Hamsterrad der Abhängigkeiten und scheinbaren Notwendigkeiten zu verfallen und das „Kreuzige ihn“ zu schreien.

Geld oder Liebe - das ist aber durchaus nicht nur das Thema der Kreti und Pleti zu diesem Tag, sondern auch das der Menschen, die Jesus eigentlich sehr, sehr nahe stehen. So erzählt Markus in einem der Evangelien-Texte zu diesem Tag (Markus 14, 3 bis 9) von einer namenlosen Frau, die Jesus schon im Vorfeld zum Karfreitags-Geschehen mit einer Flasche sündhaft teuren Nardenöls für sein Begräbnis salbt, dessen Wert umgerechnet dem eines Kleinwagens entspricht. Das allerdings stößt auf wenig Gegenliebe bei den Jüngern und den anderen Anwesenden, die dieses Nardenöl doch lieber zu Geld gemacht und den Armen zugewendet hätten. Einzig Jesus nimmt diese Frau in Schutz und weiß den Moment und diesen Liebesdienst zu schätzen.

Geld oder Liebe - das ist schließlich auch der Dreh- und Angelpunkt für das, was unser Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung mit dem Wort „Zeitenwende“ bezeichnet hat: den russischen Überfall auf die Ukraine und die Tatsache, dass die Welt dadurch und durch die folgenden, weltweiten Sanktionen gegen Russland eine andere geworden ist. Das alles wegen eines Mannes und seiner Regierungsmitglieder, die ein starkes, weltweit gefürchtetes Großrussland wollen und dafür das Völkerrecht brechen und Kriegsverbrechen begehen.

Hat die Liebe also wieder einmal verloren? Oder bringen wir unser Fläschchen Nardenöl zum Einsatz, indem wir uns der Menschen annehmen, die aus der Ukraine fliehen müssen: in den Kitas, den Schulen; im Dorf, Stadtteil oder in Kirchengemeinden; bei der Wohnungssuche oder beim Gang zu Behörden. Wir spenden etwas, sagen andere, die keine praktische Hilfe leisten können. Wir unterstützen die großen Hilfsorganisationen beim Kauf von Zelten, Nahrungsmitteln und Medikamenten. Wir beten für die Opfer und für die Täter und hoffen, dass dieser Wahn aufhört und Frieden möglich wird. Und schließlich: Wir überlegen ernsthaft, wie wir unsere Lebensweise weiterhin so verändern können, dass wir Energie einsparen.

Wie die namenlose Frau in der Salbungsgeschichte zu Palmsonntag halten wir uns so durch unser Tun manche Schrecken und Ohnmachtsgefühle ein klein wenig vom Leib. Gegen den Irrsinn dieses Krieges können wir nichts tun. Aber wir können etwas gegen seine Folgen tun. Wir können, mit Gottes Hilfe, den schwer geprüften, traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein sie achtender, hilfsbereiter Mensch sein und so der Liebe und schon gelebter Auferstehung das letzte Wort erteilen.

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3. April 2022

Was können wir ganz konkret vor Ort tun?
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Nachwuchs ist wichtig! Aber wo kommt er her? Nein, ich meine jetzt nicht die Geschichte mit den Bienchen und Blümchen und dem Klapperstorch. Sondern die dringende Angelegenheit, dass es an allen Ecken und Enden an Menschen fehlt, die einmal nachrücken und irgendwann das Ruder übernehmen. Das ist ein bekanntes Problem und lauter kreative Formate für Nachwuchs-Akquise sprießen wie Krokusse im Frühling aus dem Boden.

So auch bei der Kirche. Am Donnerstag habe ich zwei Theologiestudentinnen und einen Studenten kennengelernt, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen. Wie kann man den Pfarrberuf und andere kirchliche Berufe attraktiv machen? Was brauchen junge Menschen für Informationen, wenn sie sich mit dem Arbeiten bei Kirche auseinandersetzen möchten? Wie können sich die Kirchenkreise präsentieren, wenn es darum geht, (angehende) Pfarrerinnen und Pfarrer zu gewinnen? Für mich war das ziemlich spannend und aufschlussreich, denn vor 16 Jahren musste ich nach dem ersten Examen ganz anders denken und fühlen. Da war ich froh, dass mich die Landeskirche überhaupt in den Dienst übernommen hatte. Aber, die Zeiten haben sich geändert - wie überall.

Jedenfalls hat mich das Zusammentreffen mit den Studierenden dazu gebracht, noch einmal einen Blick auf unseren Kirchenkreis zu werfen. Und das war echt toll. So viel Schönes gibt es da zu entdecken. Menschen, Themen, Projekte, Einrichtungen und einiges mehr prägen das kirchliche Leben in Wittgenstein und im Hochsauerlandkreis. Klar, in den vergangenen zwei Jahren ist es an ein paar Stellen drunter und drüber gegangen und manches liegt auch noch brach. Aber im Großen und Ganzen genieße ich das, was mir da in den Sinn gekommen ist. Auch der Blick in die Nachbarschaft, zum Kirchenkreis Siegen, ist lohnenswert. Nicht umsonst wollen wir uns ja auch zusammentun und einen neuen, großen und deutlichen Kirchenkreis gründen. Das Verfahren dazu läuft noch.

Lange Rede, kurzer Sinn. Es geht um die Investition in die Zukunft, eigentlich schon in die Gegenwart. Als ich von dem Treffen nach Hause gefahren bin, war ich ziemlich in Gedanken versunken. Wie schön ist es, dass junge Menschen sich für kirchliche Berufe interessieren und einsetzen. Wie schade ist es, dass Kirche an ihrer Selbstverständlichkeit einbüßt. Und was kann ich, was können wir hier ganz konkret vor Ort tun, damit die Gegenwart und die Zukunft unserer Kirche lebens- und liebenswert bleiben? Und was ist überhaupt unsere Kirche? Der Kirchturm? Die Menschen, die dort arbeiten? Die Menschen, die dort hingehen? Ich bin gespannt auf die Antworten.

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27. März 2022

Wir selbst können viel bewirken!
von Pfarrerin Christine Liedtke, Girkhausen

„Dämmerstündchen“ nannte meine Mutter sie: diese Zeit am Abend, wenn das Tageslicht langsam schwindet und es draußen dunkler und stiller wird, wenn der Tag zu Ende geht und die Seele zur Ruhe kommen darf. In ihrer Kindheit wurde dann kein Licht im Zimmer gemacht. Mit dem schwindenden Tageslicht war es, als ob sie und ihre Mutter näher zusammenrückten. Ihr Vater war aus dem Krieg nicht zurückgekommen. Sie waren geflohen, mussten neu Wurzeln schlagen. Mutter und Tochter sangen in dieser Dämmerstunde und unterhielten sich. Dämmerstunden haben es an sich, dass man dabei schnell über Wesentliches spricht.

Zu einer Dämmerstunde oder sogar Dunkelstunde waren wir gestern aufgerufen! Zwischen 20.30 und 21.30 Uhr durften wir uns beteiligen an der „Earth Hour“, in der alle, die sich anschließen wollten, in Wohnung, Haus und Garten sämtliche Lichter ausschalteten. Es tat gut, eine Kerze anzuzünden und darüber nachzusinnen, warum die Earth Hour, diese Stunde für die Erde, durchgeführt wird: Wir können uns klar machen, dass uns diese Erde nur geliehen ist, dass wir Verantwortung für ihren Erhalt tragen, dass ihre Rohstoffe endlich sind und dass wir umdenken müssen, damit der Klimawandel die natürlichen Ordnungen nicht noch mehr durcheinander wirft. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unser Verhalten ändern können, um dem Klima weniger zu schaden. Zahlreiche Kommunen beteiligten sich an der Earth Hour und schalteten die Beleuchtung öffentlicher Gebäude und Plätze aus.

Das erinnert mich an eine Unterhaltungssendung Ende der 70er Jahre. Der Moderator forderte die Zuschauer und Zuschauerinnen auf, einmal in ihrer Wohnung alle überflüssigen Lichtquellen auszuschalten. Er konnte am Ende der Sendung verkünden, dass die eingesparte Energie dazu ausgereicht hätte, eine Stadt wie Hagen mit 200.000 Menschen einen Tag lang mit Energie zu versorgen! Das hat mich jungen Menschen damals sehr beeindruckt, weil ich selbst in Hagen wohnte. Und es zeigte uns allen, die wir mitgemacht hatten: Wir selbst können viel bewirken!

Ja, wir können viel bewirken! Sind wir doch von Gott „kaum geringer als Gott“ geschaffen worden, wie der Beter des Psalms 8 staunt: „Die Werke deiner Hände hast du dem Menschen anvertraut, alles hast du, Gott, ihm zu Füßen gelegt.

Das ist eine große Verantwortung: Gott hat uns Menschen die Erde in die Hand gegeben. Gott hat sich dabei keine Hintertür gelassen in dem Sinne: Und wenn ihr das nicht schafft, dann greife ich ein. Nein, Gott hat diese große Verantwortung an uns abgegeben. Lasst sie uns annehmen und wahrnehmen!

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20. März 2022

Ich packe meinen Koffer...
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: ein Buch, eine Zahnbürste, ein Foto meines Liebsten, ein Kuscheltier, die Lieblingsjeans, Gummibärchen, das gut riechende Parfum... So oder so ähnlich würde es sich bei mir anhören. „Ich packe meinen Koffer“ - ein Gesellschaftsspiel, das zum Nachdenken und Konzentrieren herausfordert und außerdem noch deutlich werden lässt, was einem wichtig ist und worauf man nicht verzichten kann.

Koffer packen, eigentlich etwas Schönes. Hat mit Vorfreude zu tun. Ist manchmal schwierig und nervig, vor allem, wenn der Koffer dann nicht zugeht. Kofferpacken heißt sein Leben für die nächsten zwei oder mehr Wochen kompakt zusammenzufassen, je nachdem, wie lange die Reise dauert und wohin es geht.

Und was ist, wenn es schnell gehen muss? Wenn die Sachen nur zusammengerafft werden können und gar nicht ordentlich gefaltet werden. Und was ist, wenn statt einem Urlaubsvergnügen die reine Ungewissheit auf einen wartet. Kein Abschied auf Zeit mit Freude auf das, was vor einem liegt, sondern Zurücklassen von allem, was einem lieb und teuer ist, auch von wichtigen Menschen.

Noch nie war mir das Thema „Flucht und Abschied“ so nah wie in den vergangenen drei Wochen. Ja, das muss ich zugeben. Die Schicksale der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, haben mich zwar auch vorher berührt und beschäftigt, aber jetzt, im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, ist es noch einmal ein ganz anderes Gefühl. Warum, weiß ich gar nicht. Vielleicht liegt es daran, dass mir an so vielen Punkten die Sicherheit abhandengekommen ist. Zu viele Meldungen, zu viel Bedrohung. Und die Bilder von den Menschen, oftmals Frauen und Kinder, die auf der Flucht sind, bringen mich dazu, über meinen eigenen Koffer nachzudenken. Was packe ich ein, wenn es mal schnell gehen muss? Menschen, Dinge, Erinnerungen, Lieblingsessen. Ich merke, das ist ein Gedanke, den ich gar nicht denken möchte und kann. Verbindungen kappen, Zelte abbrechen, Menschen aufgeben, ein Leben zurücklassen und ungewiss in ein neues aufbrechen.

Ratlos und überfordert sehe ich die Bilder und höre die Geschichten und voller Tatendrang sehe ich die Aufgabe, die auf uns zukommt. Ich packe meinen Koffer für das, was in den nächsten Wochen und Monaten zu tun ist, und nehme mit: Meine Angst, denn ohne sie wäre ich nicht echt. Meinen Trotz, dass es doch irgendwie auch wieder gut werden muss. Meine Hoffnung und meine Freude, denn ohne sie wäre ich auch nicht echt. Und den Gedanken, den Carl Friedrich von Weizsäcker formulierte: „Man kann in dieser Welt, wie sie ist, nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll.“

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13. März 2022

Nicht nörgeln, sondern beten
von PJugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es im Fernsehen viele Sondersendungen zu aktuellen Themen, wie Corona oder dem Krieg in der Ukraine. Es ist gut und wichtig, dass wir informiert werden über bestimmte Ereignisse in der Welt. Meist werden bei diesen Sondersendungen Politiker, andere ranghohe Persönlichkeiten oder spezielle Fachleute zu Rate gezogen. Dabei werden sie zu ihren Gedanken und Einschätzungen der weiteren Entwicklungen befragt. So spannend diese Fragen sind und so gern wir darauf eine präzise Antwort haben wollen, bleiben die Aussagen oft sehr vage. Wie sollte es auch anders sein, schließlich kann niemand in die Zukunft sehen. Die letzten Wochen haben uns deutlich vor Augen geführt, dass vieles unkalkulierbar ist. Dementsprechend fallen auch die Antworten der Politiker auf bestimmte Fragen aus. Manchmal sind es nur vorsichtige Vermutungen und hin und wieder bleibt das Gefühl, dass eher um das Anliegen herumgeredet wird.

Ich muss aber ehrlich gestehen, ich möchte mit keinem dieser Menschen tauschen. Es sind äußerst schwere Entscheidungen, die zurzeit getroffen werden müssen, und das auch noch innerhalb kürzester Zeit. Zudem nimmt auch die Unzufriedenheit der Bürger zu, und manch einer glaubt zu wissen, wie es richtig geht. In diesen Zeiten zu regieren ist kein einfacher Auftrag. Somit taucht die Frage auf, was wir tun können, um Politiker in ihrem Amt zu unterstützen. Im Timotheus-Brief erhalten wir einen Anhaltspunkt, wie solch eine Unterstützung aussehen kann: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland.“ (1. Timotheus 2, 1 bis 3) Nicht nörgeln, sondern beten. Dazu sind wir aufgefordert. Auch wenn wir nicht alle Entscheidungen gut finden oder uns mit manchen Werten, Prioritäten, Abläufen und Ansichten schwertun, ist es trotzdem unsere Aufgabe, für die Verantwortungsträger zu beten. Das ist das Wenigste und zugleich Beste, was wir tun können. Bringen wir Gott die Verantwortungsträger in Kirche, Politik und Gesellschaft und beten wir, dass Gott ihnen Weisheit bei allen Entscheidungen schenkt, dass sie mit Kraft und Geduld ausgestattet werden und Gott sie segnet für ihren Dienst. Beten wir dafür, dass sie zum Wohl der Menschen agieren und ihre Macht nicht missbrauchen.

Lassen Sie uns nicht müde werden zu beten - gerade jetzt.

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6. März 2022

„Gib Frieden, Herr, gib Frieden“
von Pfarrerin Simone Conrad, Wingeshausen

Mehr als eine Woche wütet nun schon ein grausamer und menschenverachtender Krieg in der Ukraine. Die Nachrichten und Bilder entsetzen und schockieren mich. Bombeneinschläge, Zerstörung, mehr als eine Million Ukrainer auf der Flucht. Verletzte. Tote, Zivilisten und Soldaten, Getöte aus beiden Ländern, aus der Ukraine und aus Russland - Opfer der Gewalt.

Ein machtgieriger Despot bringt unsägliches Leid über ein Land, das zwei Stunden und 35 Minuten Flugzeit von uns entfernt ist. So nah ist der Krieg - und so brüchig, verletzlich, fragil der Frieden.

In mir werden viele Erinnerungen und Bilder frei, die von der tröstenden Decke des andauernden Friedens in Europa umhüllt waren: Ich denke an meine Mutter, die keine Filme im Fernsehen anschauen konnte, in denen Schießereien vorkamen, weil sie als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte und traumatisiert war von den Schüssen, vor denen sie geflohen ist. Die in jeder Silvesternacht gelitten hat, weil das Böllern der Feuerwerksraketen Erinnerungen wachgerufen hat an die Bomben, die fielen. Die ihren Vater auf der Flucht verloren hat. Und die ihrem Kind und ihren Enkelkindern nichts dringlicher gewünscht hat, als dass wir in einer Welt des Friedens aufwachsen und leben dürfen.

Und nun ist Krieg in Europa. Ein Bild aus meiner Jugendzeit: Ein Button, dick bedruckt: „Schwerter zu Pflugscharen“ - das Motto der Friedensbewegung damals in den 80ern. Damals in der Zeit des Aufrüstens der Atommächte, als ich die Schule geschwänzt habe, um zu den großen Friedensdemos nach Bonn zu fahren. Schwerter zu Pflugscharen - ich weiß gar nicht, ob ich den Button noch habe, ich hatte die Hoffnung, ich bräuchte ihn nicht mehr.

Doch jetzt drückt dieses geflügelte Wort aus der Bibel, aus der Friedensvision beim alttestamentlichen Propheten Micha, den Herzenswunsch, die Sehnsucht von uns Menschen aus: dass der Krieg ein Ende haben möge und die Waffen schweigen. Dass aus Gewaltinstrumenten Nutzwerkzeuge werden; dass es nicht um Vernichtung gehen mag, sondern um Aufbau, nicht um Tod, sondern um Leben.

Ich weiß nicht, ob ich meinen alten Button noch finden werde. Aber ich weiß, dass ich beten will für den Frieden; beten, dass die Waffen schweigen; beten, dass der gierige Machthaber zur Vernunft kommt. Mit den Worten eines Liedes aus unserem Gesangbuch: „Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.“ Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

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27. Februar 2022

Beten mit dem Zukunftsplan „Hoffnung“
von Pfarrerin Berit Nolting, Berghausen

Vor Jahren hatte ich mir ein neues Kleidungsstück gekauft und stellte es meinem Sohn vor. Als ich ihn fragte, wie es ihm gefällt, fragte er zurück: Ach, ist wieder Weltgebetstag? Ich war schockiert und habe mich gefragt, was für ein Bild vom Weltgebetstag ich ihm bisher vermittelt hatte? Es geht doch um die Probleme der Menschen in dem jeweiligen Weltgebetstags-Land und darum, für die Menschen dort zu beten.

Okay, wir beschäftigen uns selbstverständlich wegen der Menschen dort auch mit ihrer Kultur und Kleidung, die für uns manchmal sehr fremd ist. Und vielleicht lernt man ein paar Wörter der Landessprache. Aber das hat nichts mit Verkleiden und Karneval zu tun. In diesem Jahr hätte uns das auch nicht passieren können. Der Weltgebetstag kommt diesmal aus England, Wales und Nordirland. Dort trägt man ja die Kleidung, die auch wir tragen. Und trotzdem ist es interessant, sich mit den Menschen und ihren Problemen dort zu beschäftigen. Natürlich sind sie unseren Schwierigkeiten ganz ähnlich. Wir bleiben ja in diesem Jahr in Europa und sind nicht in Afrika, Asien oder auf dem amerikanischen Kontinent.

 Zukunftsplan „Hoffnung“ ist das diesjährige Thema des Weltgebetestages. Ich finde es sehr aktuell.

Den Zukunftsplan „Hoffnung“, den haben hoffentlich auch unsere Politiker - einen Zukunftsplan, wie wir gut aus der Pandemie mit allem, was dazu gehört, herauskommen.

Einen Zukunftsplan „Hoffnung“ hat hoffentlich die Queen mit ihrer Familie und den Angestellten, dass sie ihre Corona-Infektion gut überstehen kann. Einen Zukunftsplan „Hoffnung“, haben hoffentlich auch wir. Eine Hoffnung für unser Leben und dafür einen Plan, was wir beruflich oder privat erreichen möchten.

Wir haben hoffentlich einen guten Plan für unser Leben. Beten wir am Weltgebetstag dafür, dass unser Zukunftsplan „Hoffnung“ in Erfüllung gehen möge, genauso wie die Zukunftspläne der Engländerinnen, Waliserinnen und Nordirinnen. Aber wir werden ganz sicher an diesem Weltgebetstag für die Menschen in der Ukraine beten, deren Leben und Zukunft gerade gefährdet ist. Und wir beten mit dem Zukunftsplan „Hoffnung“ am 4. März an vielen Orten im Kirchenkreis Wittgenstein auch ganz allgemein für den Frieden in der Ukraine und in der ganzen Welt.

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20. Februar 2022

„Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke“
von Jugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

Bei einer Autobahnfahrt letzte Woche geriet ich in einen Stau. Im Schritttempo kämpften sich die Autos vorwärts. Irgendwann waren viele gelb und blau blinkende Lichter zu sehen. Es folgte eine Fahrbahnverengung, die durch eine mobile Warntafel angezeigt wurde und mich an einem Unfall vorbeiführte. Ein Lkw war von der Fahrbahn abgekommen, stand nun hinter der Leitplanke. Im aufgeweichten Untergrund steckte das Fahrzeug fest. Dem Fahrer schien es, Gott sei Dank, gut zu gehen, das Führerhaus war kaum beschädigt. Vor der Leitplanke standen rund 15 Personen. Es waren Mitarbeiter des Bergungsunternehmens, der Straßenwacht sowie Polizisten. Sie waren in ein Gespräch vertieft, bei dem es wohl darum ging, wie der Lkw geborgen werden kann.

Auf meiner weiteren Tour musste ich immer wieder an den Unfall denken. Wie geht es dem Fahrer? Der Unfall hätte schlimmer ausgehen können. Mir gehen die vielen Leute an der Unfallstelle nicht aus dem Kopf.

Es hat mich fasziniert, das Zusammenspiel unterschiedlicher Arbeitsbereiche zu sehen. Die Polizei sicherte die Unfallstelle ab und nahm den Unfall auf. Die Straßenwacht hatte schnell die Verkehrsführung angepasst und gab frühzeitig Warnhinweise. Zudem kümmerten sie sich ums Zerlegen der Leitplanke, um den Lkw bergen zu können. Das Bergungsunternehmen kam mit einem Kran, einem Abschleppwagen, viel Werkzeug. Es war ein professionelles, routiniertes Miteinander.

Dieses Bild ließ mich nicht los. Mir wurde bewusst, dass es so auch im Leben ist. Die großen Aufgaben können nur gemeinsam bewältigt werden. Diese Menschen an der Unfallstelle zeigen eindrücklich, wie wichtig es ist zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu helfen. Es ist ein beeindruckendes Miteinander, bei dem jeder seinen Teil, seine Fähigkeiten und seine Erfahrung einbringt. Das wünsche ich auch uns, dass wir den Wert des Miteinanders erkennen und uns einbringen, wo wir gebraucht werden mit den Gaben, die Gott uns gegeben hat.

Immer noch fahre ich sehr nachdenklich weiter. Wieder muss ich an die vielen Leute denken. Doch diesmal aus einem ganz anderen Grund. Ich frage mich, ob diesen Menschen wohl jemand Danke sagt. Danke, dass sie selbstverständlich nachts im strömenden Regen bei Sturm ihren Dienst tun. Ich wäre am liebsten umgekehrt und hätte mich bedankt. Schlagartig fallen mir ganz viele Menschen ein, die selbstverständlich ihren Dienst tun. Menschen, die kein großes Aufhebens darum machen. Ich verspüre den Drang mich bei ganz vielen bedanken zu wollen. Da ich unterwegs bin, kann ich das nur tun, wie Paulus es im Brief an die Philipper schriebt: „Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke.“ Ich spreche ein Gebet, und danke Gott für all die wunderbaren Menschen, die einfach da sind, wenn man sie braucht, egal ob es stürmt oder schneit oder ob die Sonne scheint. DANKE.

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13. Februar 2022

Der Grund ist gelegt
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ich habe ihn geliebt. Am allermeisten, wenn er Schokoladenpudding kochte und dazu dann Ka-Ka-O benutzte. Einen großen Teil meiner Kindheit habe ich mit ihm verbracht und er war auch der Grund, warum ich als Studentin am Wochenende früh aufgestanden bin. Nur um ihn zu sehen. Ich mochte seine Weisheiten und seinen unbedingten Gerechtigkeitssinn. Er war schon älter, aber ich mag ältere Menschen, denen man das Leben so richtig anmerkt. Die guten und die schweren Zeiten. Ich mag es, wenn ich an ihrer Erfahrung und an ihrem Denken teilhaben darf. Das hat bei ihm immer funktioniert. Gustl Bayrhammer wäre gestern 100 Jahre alt geworden. Ich habe ihn als Meister Eder kennen und lieben gelernt. Wenn er dem kleinen Kobold die Welt erklärte, dann war ich ganz gefangen und habe mich gerne mit in die Welt der Münchener Hinterhofwerksatt hineinziehen lassen. Ist doch komisch, wie einen eine Figur aus dem Fernsehen so prägen kann. Ist es einfach die Erinnerung an die gute alte Zeit oder geht es wirklich um diesen Typen Mensch? Es ist wahrscheinlich beides. Ich merke, wie meine Gedanken immer öfter und immer deutlicher an FRÜHER hängen bleiben. Das liegt entweder an den letzten zwei Jahren oder daran, dass ich älter werde und anfange, von früher zu erzählen.

Es hat so ein bisschen etwas von den Fleischtöpfen Ägyptens. Früher war alles besser, eben: die gute alte Zeit. Ich glaube, das hat was mit Überwinden zu tun. Durchkommen und Überstehen. Und der Blick auf die Vergangenheit ist immer einfacher als in die Zukunft. Obwohl das ja auch nicht immer stimmt. Vergangenheitsbewältigung kann manchmal ganz schön gruselig sein und wirklich heftige Dinge hervorbringen. Da ist es doch schöner, von einer rosigen Zukunft zu träumen. Es ist wohl so, dass man beides braucht und im Blick haben sollte. Nicht nur in eine Richtung, sondern eine Rundumsicht. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, so heißt es im 31. Psalm. Eigentlich hatte ich diese Worte nie so richtig für mich in Anspruch genommen. Mal abgesehen davon, dass ich sie als Motto für unser Abenteuerdorf kannte. Aber letzte Woche hat mich ein wirklich lieber Mensch mit der Nase darauf gestoßen. Und im Nachdenken über die gute alte Zeit bekommen sie eine neue Bedeutung. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind der Raum, der mir zum Leben eröffnet wird. Mal ist er mir viel zu groß, und mal will ich aus den engen Grenzen ausbrechen. Aber immer bin ich hingestellt. Habe einen Grund unter meinen Füßen, den mir keiner nehmen kann. Nie und nimmer!

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6. Februar 2022

Gute Worte haben Kraft
von Pfarrer Jaime Jung, Erndtebrück

Am nächsten Freitag wäre Thomas Edison 175 Jahre alt geworden, er war einer der größten Erfinder, die es jemals gab. Deshalb wird an seinem Geburtstag, dem 11. Februar, in den USA der „Nationale Erfindertag“ gefeiert. Über Edison gibt es eine bewegende Geschichte:

Der kleine Thomas kommt eines Tages von der Schule nach Hause und überreicht seiner Mutter einen Brief. „Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben“, sagt er: „Ich soll ihn nur dir zu lesen geben.“ Die Mutter hat Tränen in den Augen, als sie ihrem Sohn den Brief vorliest: „Ihr Junge ist ein Genie! Unsere Schule ist viel zu klein für ihn. Sie verfügt nicht über die Lehrer, die gut genug wären, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn von nun an selbst.“ So geschieht es dann. Die Mutter gibt ihrem Sohn Unterricht. Und das mit großem Erfolg. Aus Thomas Edison wird ein genialer Tüftler. Jahre später - die Mutter ist schon lange tot - sucht Edison etwas in einer alten Schublade. Und findet ein Blatt Papier - den Brief, den sein Lehrer damals geschrieben hat. Edison fängt an zu lesen: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir können und möchten ihn nicht länger auf unserer Schule unterrichten.“ Es heißt, dass Edison nach dieser Entdeckung lange geweint hat. Das Vertrauen seiner Mutter hat in dieser Geschichte den Ausschlag gegeben, dass er so ein großer Erfinder wurde.

Wir haben das wohl alle schon erlebt: Da sagt jemand etwas Unangenehmes zu dir und es ist, als wenn dir ein nasser Lappen um die Ohren gehauen wird. Oder es sagt dir jemand etwas Nettes, und es ist, als ob die Sonne aufgeht. Gute Worte braucht die Welt, heute mehr denn je. Man kann damit anfangen, zu sich selbst Gutes zu sagen, auch wenn das ungewöhnlich ist. Denn es ist eher so, dass man sich oft kritisiert und selten mit sich zufrieden ist. Oft genug zweifelt man an den eigenen Möglichkeiten und fragt sich: Was kann ich schon ausrichten? Das kenne ich aus eigener Erfahrung.

Genau dann darf ich mich daran erinnern: Gott meint es gut mit mir. Ich bin sein Kind und er nimmt mich liebevoll an. Wenn ich Gottes Zusage höre, schaue ich neu auf meine Gaben und Möglichkeiten. Ich bin keiner, der die Welt retten wird, aber ich kann versuchen, sie für andere heller zu machen, zumindest hier und da. Ein Anfang könnte sein: „Ich will heute mindestens einem Menschen einen ermutigen Satz sagen, der ihm den Tag besser macht.“

Gott gibt uns seine Zusage jeden Tag neu. Er weiß: Menschen brauchen jemanden, der an ihrer Seite bleibt, der sie trägt und begleitet in ihrer Schwachheit und Angst. Der ihnen wieder aufhilft, wenn sie fallen. So geht Gott mit uns um, so können wir mit anderen umgehen. Mir hilft die Vorstellung, dass Gott etwa so ist wie die Mutter von Thomas Edison. Er vertraut uns, er traut uns zu, dass wir in seinem Sinne wirken können und dass dabei etwas Gutes herauskommt.

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30. Januar 2022

Kleine Momente sind wichtig
von Pfarrer Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Während meines sechswöchigen Diakoniepraktikums im Evangelischen Krankenhaus St. Johannisstift in Paderborn wurde ich gebeten, als Pflegehelfer in einer Diabetikerstation auszuhelfen. In dieser Zeit lernte ich die dortigen Krankenschwestern und Krankenpfleger, Ärztinnen und Ärzte und die weiteren Angestellten kennen.

Unter ihnen fiel mir eine Krankenschwester auf, die selten zu sehen war. Wenn ich mit ihr zusammen die gleiche Schicht hatte, wusste ich, dass sie kaum mit mir redete. Sie wirkte in sich gekehrt und schien mit ihren Gedanken immer woanders zu sein. Ich kam nicht an sie heran und dachte mir, dass sich dies in meiner Praktikumszeit auch nicht mehr ändern würde. Doch mit der Zeit stellte ich fest, dass sie recht lang auf den Zimmern der Patientinnen und Patienten zu finden war. Zudem fiel mir auf, dass sie sich dort viel Zeit für die Patientinnen und Patienten nahm und sich auch mit ihnen lange und ausführlich unterhielt. Dies war auch der Grund, warum sie so selten zu sehen war. Und ihre Gedanken waren oft noch bei den Gesprächen, die sie mit Patientinnen und Patienten führte, wie sie mir dann später einmal sagte.

Als ich dies herausfand, wurde mir einiges klar. Und mit der Zeit kamen wir beiden dann auch immer besser ins Gespräch. Mein erster Eindruck von ihr war nicht der richtige. Mit der Zeit musste ich etwas ganz anderes feststellen, nämlich dass sie sich sehr liebevoll um die Patientinnen und Patienten kümmerte und eine sehr einfühlsame Person war. Und dann erfuhr ich auch, dass sie dies alles aus einer christlichen Motivation heraustat. Dabei war ihr schon immer der folgende Bibelvers wichtig: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19, 18)

Einer, der sich ausführlich mit diesem Gebot der Nächstenliebe beschäftigt hat, ist Albert Schweitzer. In einem seiner Bücher schreibt er: „Tut die Augen auf und suchet, wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht. Vielleicht ist es ein Einsamer, ein Verbitterter, ein Kranker, dem du etwas sein kannst. Wer kann die Verwendungen alle aufzählen, die der Mensch haben kann. An ihm fehlt es an allen Ecken und Enden. Darum suche, ob sich nicht eine Anlage für dein Menschentum findet.“

Es gilt, sich im Sinne Albert Schweitzers anrühren zu lassen und in vielfältiger Weise zu handeln. Dabei müssen es nicht unbedingt die großen und aufwendigen Taten sein. Es sind gerade auch die vielen kleinen und oft unscheinbaren Momente, die so wichtig sind, Momente, in denen wir Nähe und Geborgenheit verschenken und für andere da sind und für sie Zeit haben.

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23. Januar 2022

Einladung zur Frohen Botschaft
von Pfarrer Dr. Andreas Kroh, Wolzhausen

Das Jahr 2022 ist jetzt schon einige Tage alt. Doch es passiert immer mal wieder bei meiner Arbeit im Krankenhaus, dass mir jemand begegnet und mir noch ein gutes neues Jahr wünscht. Ich freue mich jedes Mal über einen solchen Wunsch. Ich mache es nämlich auch so, wenn ich jemanden noch nicht gesehen habe, dann wünsche ich ihm oder ihr auch noch ein gutes neues Jahr. Diesmal ist mir aufgefallen, dass viele Menschen einen weiteren Wunsch hinzufügen, der ihnen besonders am Herzen liegt. Dieser weitere Wunsch ist, dass man doch bitte gesund bleiben möge. Ich kann einen solchen Wunsch angesichts der Corona-Pandemie gut verstehen. Die grassiert immer noch weltweit. Und mit dem Wunsch nach Gesundheit verbinden sehr viele Menschen - auch ich selbst - den Wunsch nach einem Ende der Pandemie. Und vielleicht tritt dies in diesem Jahr auch tatsächlich ein.

Gleichzeitig ist mir aber klar, dass ich Vieles im Grunde nicht selbst in der Hand habe. Auch das Jahr 2022 habe ich nicht selbst in der Hand. Sicher, manches kann ich absehen, manches kann ich sehr gut einschätzen, auch planen, aber sehr Vieles eben nicht. In einem meiner Klinik-Gottesdienste habe ich zum Jahresbeginn das neue Jahr mit einem Tor, mit einer Tür verglichen. Der Übergang nach 2022 ist so, als ob ich durch ein mir unbekanntes Tor gehen würde. Ich öffne eine mir unbekannte Tür. Durch diese unbekannte Tür betrete ich einen neuen Raum. Diesen kenne ich nicht: 2022 ist jetzt gerade drei Wochen alt, es liegt noch weitgehend unbekannt vor einem jeden, einer jeden von uns.

In Wittgenstein haben wir besonders viele historische Kirchen, deren Alter bis auf das Mittelalter zurückgeht. Besonders achte ich mittlerweile auch auf die Türen und Eingangsportale der einzelnen Kirchengebäude. Darunter finden sich hier in Wittgenstein nicht wenige Türen und Eingänge, die besonders verziert sind. Frühere Generationen haben sich sehr viel Mühe gegeben, die Eingänge zu ihren Kirchen für alle Besucherinnen und Besucher schön zu gestalten. Jeder und jede soll sich beim Betreten des Gotteshauses wohlfühlen. Aber es kommt neben dem Wohlfühlen noch auf etwas anderes an. Wer durch eine Kirchentür das Haus Gottes betritt, der kommt an einen besonderen Ort. Der Gang durch die Kirchentür ist ein Weg zur Gemeinde. Wenn sich die Gemeinde versammelt, dann geschieht dies in einer besonderen Absicht und zu einem besonderen Zweck. „Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.“ (Psalm 104, 33) Der Psalm spricht von einer lebenslangen Beziehung. Das ist eine Beziehung nicht nur für ein Jahr. Letztlich sind die Türen zu unseren Kirchen auch Türen zum Gotteslob und zur Frohen Botschaft des Evangeliums, einer Botschaft, die immer gültig ist.

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16. Januar 2022

Nicht im Alltag die Frohe Botschaft vergessen
von Pfarrerin Dr. Sandra Gintere, Winterberg

Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mit der Geschwindigkeit des heutigen digitalen Zeitalters kaum noch Schritt halten kann. Geht es Ihnen auch so? Die Zeitabschnitte und die Gültigkeit von Erkenntnissen, Verordnungen und Entwicklungen werden immer kürzer, die Liste der Fragen und Probleme leider immer länger und umfangreicher. Vor einigen Wochen haben wir noch um den Adventskranz gesessen, Plätzchen gebacken, Weihnachtseinkäufe gemacht, Geschenke verpackt und uns voll Freude auf Weihnachten vorbereitet: Die herausgeputzten Wohnungen, die festlich geschmückten Weihnachtsbäume sowie die Krippe mit Maria und Josef und dem Jesuskind sind äußere Zeichen dieser erwartungsvollen Zeit.

Soeben haben wir an Silvester einander ein glückliches neues Jahr gewünscht, und jetzt ist das neue Jahr schon zwei Wochen alt. Mir fällt es schwer, dies zu begreifen.

Ich wünsche mir so sehr, dass uns die alte kirchliche Tradition, dass die Weihnachtszeit eigentlich 40 Tage bis zum 2. Februar dauert, neu bewusst wird. Das Kirchenjahr kennt diesen besonderen Rhythmus von 40 Tagen. 40 Tage dauert die Fastenzeit. 40 Tage sind es von Ostern bis Christi Himmelfahrt. 40 Tage vom ersten Weihnachtstag bis zu Mariä Lichtmess. Solche wiederkehrenden Rhythmen, also gleichbleibende Abstände, tun gut, sie sprechen eine tiefe Zuversicht aus, dass das von Gott gegebene Leben weiter geht und unsere Zeit in Gottes Händen steht.

Weihnachten ist nicht vorbei, obwohl es für viele Menschen freilich so aussieht. Für viele ist Weihnachten im wahrsten Sinne des Wortes mit Epiphanias, dem Gedenken an die Heiligen Drei Königen, erledigt. Schon am ersten Weihnachtstag fragte ein Nutzer bei Facebook: „Wo sind eigentlich die Sammelstellen für ausrangierte Tannenbäume?“

Leider haben wir in unserer Zeit diese 40-tägige Weihnachtszeit ganz aus den Augen verloren. Warum wohl? Vielleicht, weil wir keine Zeit mehr dafür haben und wir nach Weihnachten wieder schnell zur Tagesordnung übergehen müssen.

Aber, die wichtigste Frage ist: Was ist von Weihnachten geblieben, außer großartigen Geschenken, festlicher Stimmung und gemeinsamem Feiern?

Hat die Weihnachtsbotschaft „In Jesus ist Gott Kind geworden, damit wir Gottes Kinder werden können“ unsere Herzen erreicht? Gott ist Mensch geworden. Er ist uns damit so nahegekommen, wie es nur möglich ist. Im Leben dieses Gotteskindes können wir Gott erkennen: an seinem Handeln und seinem Leben, aber auch an seinem Sterben.

Hat dieser göttliche Liebesbeweis, diese sprichwörtliche Frohe Botschaft in unserem Leben etwas verändert? Es wäre doch wunder-bar, wenn diese Botschaft Spuren in unserem Alltag hinterlassen würde. Denn, seine Liebe will unseren Alltag neugestalten und mit Freude, Sinn und Inhalt erfüllen. Ich wünsche Ihnen von Herzen ein reich gesegnetes Jahr 2022.

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9. Januar 2022

Wegweiser und Reiseproviant in einem
von Pfarrer Thomas Janetzki, Wingeshausen

Deshalb müssen wir umso mehr auf das achten, was wir hören. Sonst verfehlen wir noch das Ziel! (Hebräer-Brief 2,1)

Wer früher mit dem Auto eine Reise antreten wollte, musste erst einmal eine Landkarte studieren - bei längeren Fahrten auch schon mal mehrere Blätter aneinanderlegen, wenn es nur Teilkarten waren. Heute ist das mit der Hilfe von GPS und Navigationsgeräten sehr viel einfacher geworden. Aber immer noch muss man erst mal wissen, wo man überhaupt hinwill, um etwas eingeben und aufbrechen zu können.

Und wie ist das nun mit der Fahrt durch unser Leben? Wir sind ja alle auf unserer persönlichen Reise unterwegs; egal, auf welchem Streckenabschnitt…

Haben wir ein festes Ziel oder fahren wir eher ins Blaue? Das ist die entscheidende Frage, scheint mir. Und es geht mir dabei nicht um Ziele wie persönliches Glück, Erfolg im Beruf oder Vorkehrungen für meine Zeit im Alter - eher um die Frage, was ich als letztes großes Ziel im Auge habe, wo ich einmal am Ende meiner Zeit ankommen möchte.

Die Bibel sagt uns dazu, dass es nur ein letztes Ziel gibt, das sich anzustreben lohnt: die Ewigkeit bei Gott. Und der Weg dorthin ist sein Sohn Jesus Christus. Wer ihm die Führung durch sein Leben überlässt, der ist auf dem richtigen Weg.

Aber woher kann ich denn wissen, dass meine Straße die richtige ist? Auch da hat die Bibel einen Rat, denn sie selbst ist eine Art Landkarte auf dem Weg zu Gott. Der Bibelvers rät uns dazu, vor allem dabei auf das Wort zu achten, das wir hören, damit wir nicht das Ziel verfehlen.

Das bedeutet mehreres: Gottes Wort ist unser Wegweiser und Reiseproviant in einem. Es zeigt uns, wohin wir gehen können, und gibt uns die Kraft, loszugehen und diesen Weg auch zu verfolgen. Aber: Ein guter Start ist noch keine Garantie dafür, dass wir das Ziel auch wirklich erreichen. Wie schaffen wir es dann? Indem wir an unserer Reiseroute festhalten, indem wir dem treu bleiben, was wir hören und lesen.

An Jesus zu glauben, bedeutet ganz einfach, zielgerichtet zu leben, konzentriert auf der Reise durchs Leben zu bleiben, weil es sich lohnt. Es bedeutet aber auch, sich immer wieder selbst zu fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, um unser Ziel zu erreichen. Der Bibelvers aus dem Hebräer-Brief will uns genau dazu Mut machen. Er sagt uns: Bleibt dran an diesem Wort! Bittet Gott um die Kraft, auf seinem Weg weiter zu gehen! Jesus Christus hat versprochen, uns auf unserer Reise niemals zu verlassen und uns zu bewahren, gerade auf den schwierigen Stücken des Weges. Mit ihm können wir unser Ziel nicht verfehlen.

Also: Vertrauen wir ihm unseren Weg an; er wird uns sicher führen!

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.