Angedacht-Archiv 2020

2. August 2020

Einladung zur Aufzählung
von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Unsere Heizung wird nachhaltig erneuert. Das ist prima. Nicht so schön ist, dass wir fast drei Tage ohne warmes Wasser sein werden. „Du kannst bei mir duschen,“ schlägt mir meine 82-jährige Freundin vor, die nicht weit weg wohnt. Und fügt hinzu: „Wir haben uns die ersten 20 Jahre meines Lebens immer nur gewaschen, und samstags kamen alle in die Badewanne - und das Wasser musste noch ins Haus getragen werden.“ Diese Zeiten kenne ich nicht mehr. Ich bin groß geworden mit fließend warmem Wasser, mit Waschmaschine und später einer Spülmaschine.

Vor zwei Jahren in Tansania habe ich die Erfahrung gemacht: Duschen geht auch anders. Wir Frauen waren bei reichen Leuten untergebracht, weil unsere tansanischen Kirchen-Partner uns gut wollten. Die Dusche war ein gekachelter Bereich, in dem ein ebenfalls gekacheltes Loch im Fußboden auch als Toilette diente. Das Wasser stand in einem großen Eimer bereit. Es wurde jedes Mal extra vom Hof hinein geholt. Darum wollte ich sparsam sein. Das Schöpfgefäß fasste etwa einen halben Liter. Mit fünf Füllungen kam ich aus - mit Haarewaschen!

Heute habe ich mir die doppelte Menge unter die Dusche geholt und warmes Wasser, denn der Wasserkocher funktioniert ja. Was für ein Luxus!

Warum nehmen wir so vieles so selbstverständlich hin? Im Winter haben wir warme Wohnungen, weil alle eine Heizung haben. Wir haben fließend warmes und kaltes Wasser im Haus. Wir haben vielfältige Maschinen, die uns einen großen Teil der Arbeit erleichtern. Wir haben Arbeit und bekommen eine Grundsicherung, wenn wir kein Einkommen haben. Im Alter bekommen wir Renten. Ja, ich weiß auch, dass vieles besser sein könnte. Aber lasst uns nicht vergessen: Vieles könnte auch viel schlimmer sein! Die gegenwärtige Krise, die in unserem Land wirklich gut angegangen wird, sollte uns ebenfalls dankbar machen. Für viele junge Leute ist es das erste Mal, dass sie erkennen, dass manches nur vorläufig und gefährdet ist. Meine Gesundheit, mein Einkommen, meine älteren Angehörigen, die medizinische Versorgung, die soziale Absicherung, die vielfältigen Hilfsstrukturen und Unterstützungsangebote: wäre ich in Tansania geboren worden, dann sähe das ganz anders aus. Ich habe nichts dazu getan, dass ich in Deutschland zur Welt gekommen und aufgewachsen bin. Aber ich kann etwas dazu tun, dass unser Land demokratisch bleibt, dass es ein guter Lebensraum für viele Menschen ist, dass in meinem Lebensumfeld Menschen gesehen werden, dass es ein gutes Miteinander gibt, dass Nachbarschaft funktioniert.

Der Psalmbeter bringt es auf den Punkt: Nicht ich kann für das Gute in meinem Leben sorgen. Das meiste fällt mir unverdient zu. Und es gibt einen Adressaten für meinen Dank. Psalm 103: „Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:“ Und dort steht ein Doppelpunkt am Ende. Und nun können Sie und ich für uns aufzählen, was es alles Gutes in unserem Leben gibt. Lasst uns nicht vergessen, dass fast alles uns unverdient zufällt. Wer schon einmal in sehr armen Ländern war, der kann vergleichen. Und der wird darunter leiden, dass die Güter dieser Welt so ungleich verteilt sind. Darum ist neben der Dankbarkeit die Suche und das Bemühen nach Gerechtigkeit so wichtig. Und das Abgeben. Wir können spenden. Die Welt schreit nach Hilfe. Der Hunger tötet täglich unvorstellbar viele Menschen, die fehlende medizinische Versorgung, die kriegerischen Auseinandersetzungen, die politische Verfolgung und daraus folgende Flucht ebenfalls. Lasst uns nicht vergessen, wie gut es uns geht! Und dann etwas tun, auch wenn unsere Schritte nur klein sind.

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26. Juli 2020

„Alles hängt mit allem zusammen“
von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Beim Blick aus dem Fenster schaue ich auf ein Stück Garten unseres Nachbarn, das voller Mohn und Kornblumen ist. Diese Mischung aus zartem rot, hellblau und einem Tupfen violett tut den Augen und der Seele gut. Und wenn der Wind die langen Halme leicht hin und her wiegt, möchte ich gar nicht aufhören, hinzuschauen. Als Schüler habe ich auf dem Heimweg gerne diese Blumen gepflückt und meiner Mutter mitgebracht. Ein Bauer, auf dessen Feld diese besonders schön wuchsen, fand meine Blumensammelaktion gut, solange ich nicht die Getreidehalme platt trat. Denn er schimpfte auf dieses Unkraut. Warum - das hatte ich nicht verstanden. In Erinnerung blieb, wie unterschiedlich Teile der Natur bewertet werden: für den einen Unkraut, für einen anderen ein Fest für die Augen.

Auf dem Höhepunkt der Lockdown-Maßnahmen erlebte ich ähnliches. Viele Menschen wurden in ihrer persönlichen Freiheit auf das schärfste beschnitten, andere aber atmeten auf - sogar im wörtlichen Sinne. Bewohner der Ballungsräume konnten viel besser Luft bekommen, Fotografen erfreuten sich an einem streifenfreien Himmel und viele Tiere hatten wegen des geringeren Lärmpegels weniger Stress.

Was immer wir tun, es kann für die einen eine Steigerung der Lebensqualität bedeuten und für andere einen deutlich negativen Einschnitt. Ohne Insektizide im Garten muss man sich öfter bücken, aber die Insekten und Vögel haben mehr Lebensraum. Missachte ich die aktuellen Modetrends, bin ich out und meine Kleidung hat möglicherweise Gebrauchsspuren. Dafür muss weniger Material auf eine Reise um die Welt gehen. Kaufe ich nicht alle zwei Jahre ein neues Handy oder einen neuen Computer, dann kann mein Gerät vielleicht nicht alles, was die neueste Generation auf dem Markt zu bieten hat. Aber ich schone die sowieso schon knappen Ressourcen an seltenen Erden und Edelmetallen.

Alles hängt mit allem zusammen. Und es gibt keinen idealen Weg, keine absolut eindeutige Position. Felder, auf denen nur Blumen wachsen, machen nicht satt. Ohne Warenverkehr wäre ein Leben, wie wir es kennen, nicht möglich. Und Hosen mit Rissen über dem Knie und unter dem Knie und unterhalb des Pos sind nur für die attraktiv, die nicht so schnell frieren. Aber im Zuhören und Nachdenken können wir mit Sicherheit Wege finden, die das Leben für alle auf unserem Planeten verbessern und nicht nur Dividenden wachsen lassen. Denn das ist unsere Verantwortung: Wir sind die, die Konsequenzen unseres Handelns bedenken können. Das ist unsere Gottebenbildlichkeit. Diese Gabe nicht zu nutzen, wäre ein Verrat an unserem innersten Wesen.

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19. Juli 2020

Das „Du“ suchen
von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Wir kennen das Gefühl, nur ein kleines Licht zu sein, unbedeutend, einer unter vielen. Ob wir uns in den Verflechtungen deutscher Verwaltung verirren, ob wir - trotz aller Beteuerungen aus der Politik - auf den Arzttermin viele Monate warten müssen, oder ob uns Händler oder Handwerker ansprechen und die gegebene Zusage auf die nächste Woche, den nächsten Monat, das nächste Quartal verschieben, immer wieder schleicht sich das Gefühl ein: Mit mir kann man es ja machen, auf mich kommt es nicht an, die scheren sich um meine Sorgen nicht.

Als Jugendlicher habe ich eine Erfahrung gemacht, die mich darin bestärkt, wie schnell wir solche Erfahrungen persönlich nehmen. Bei mir war es ein positives Ereignis: Eine Mitarbeiterin des Sozialamtes rief bei uns an. Zwei Jahren zuvor bei der Berechnung der uns zustehenden Leistungen sei ein Fehler unterlaufen. Sie habe festgestellt, uns sei zu wenig ausgezahlt worden. Sie bat um Entschuldigung, und der Fehlbetrag werde in den nächsten Tagen gutgeschrieben. Mich hat diese außergewöhnliche Erfahrung einige Jahre begleitet und für diese Zeit mein Verhältnis zu Behörden und Institutionen verändert.

In unserer Gesellschaftsform, in der unser Gegenüber immer größere und immer ferner rückende Institutionen sind, tut es gut zu erleben, dass ich nicht eine Nummer, eine Diagnose, ein Fall bin.

Das war - in anderen Zusammenhängen - zur Zeit Jesu das erste Wunder, das Menschen in der Begegnung mit dem Mann aus Nazareth widerfuhr. Sie waren nicht der Leprakranke, die Hure, der Zöllner, der Geldsack, der Bettler. Sondern sie waren immer ein „Du“, ein Gegenüber. Jesus interessierte sich dafür, was sie plagt, was ihre Geschichte ist und worauf sie hoffen.

Noch vor ein paar Wochen sah es so aus, als würde dieses Interesse an der Situation von Leidenden und Verzweifelten eine neue Kultur unter uns entfalten. Wir nahmen Anteil an den Mühen der Pflegekräfte, der Einsatzkräfte, der KurzarbeiterInnen und der Kleingewerbetreibenden.

Aber es scheint damit schon wieder vorbei zu sein. Es sind inzwischen wieder nur „die“ Pflegekräfte, wir sehen nur die Prozentzahlen der Arbeitslosen und Kurzarbeiter. Das Leid des einzelnen tritt dahinter zurück.

Sehr bedauerlich. Denn ich meine, wir brauchen eine Leitkultur, die sich an dem Vorbild des Manns aus Nazareth orientiert, ob wir in ihm nun den Christus sehen oder nur einen herausragenden Menschen. Wir brauchen die Sicht auf das „Du“, denn dann blitzt in jedem Fall etwas auf von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wie ich es erlebt habe: Von einem Sozialhilfefall, der der Welt gleichgültig ist, hin zu einem Menschen, mit dessen Namen man etwas verbindet.

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12. Juli 2020

Gleich - und anders
von Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Hätte Gott mich anders gewollt,
So hätt' er mich anders gebaut.
Johann Wolfgang von Goethe

Alle Menschen sind gleich. Lange Zeit wollten uns Wissenschaftler erklären, dass einige gleicher sind. Unterscheidung von körperlichen Merkmalen diente zur Einordnung der Menschen. Die, die herrschen (wollen), erklärten die ihnen ähnlich Sehenden zu hochwertig, die Anderen als Minderwertige. Heute wissen wir genau, dass die Gene der äußerlich unterschiedlichen Menschen gleich sind. Vor allem wissen wir, dass gar nichts einen qualitativen Unterschied ausmacht. Der liegt nicht in den Genen, nicht in Farben, nicht in Kulturen.

Weltweit führen wir gerade die Rassismus-Debatte. Nicht nur in den USA, sondern auch bei uns ist sie aufgeflammt. Jetzt steht unsere Polizei auf dem Prüfstand. Anders als der Innenminister können sich viele in der Polizei eine kritische Überprüfung vorstellen. Die Polizist*innen halten für die Wahrung unseres Grundgesetzes ihre Köpfe hin - der übergroße Teil steht natürlich auf der richtigen Seite. Richtig ist, dass die Polizei ein Spiegel der Gesellschaft ist. Rassisten gibt es überall. Das nötigt uns alle, auf uns selbst zu schauen und jede Gruppierung unserer Gesellschaft zu beäugen: Wieviel ausgrenzende, rassistische Vorurteile und Beurteilungsmuster stecken in mir? Rassismus ist keine Frage der Biologie, sondern der Kulturen: „Die sind anders, die verstehen uns nicht!“

Zur Kultur wird auch die Religion gezählt: Religionen, die verschieden sind. Unsere Religion ist die einzig wahre - das ist unser Denken. Zur Kultur wird auch die sexuelle Identität gezählt: So wie ich liebe, ist normal - das ist unser Denken.

„Die Zeit ist gekommen, in der wir einen bestimmten Ruf vernehmen: Dass die Welt als EINE zusammen kommen muss.“ Seit 1985 gibt es das Lied „We Are the World“. Die bekanntesten überwiegend amerikanischen Musiker unterschiedlichster Hautfarbe sangen, um acht Millionen Äthiopier vom drohenden Hungertod zu retten. Die Welt sollte ihren Geschwistern helfen - sofort. „Wir sind die Welt. Wir sind die Kinder. Wir sind die, die einen leuchtenderen Tag machen können - lasst uns beginnen, zu handeln, zu geben. Schickt ihnen eure Herzen, dass sie wissen, dass es jemanden gibt, der sich kümmert, dass sie stärker und freier leben können. Gott hat uns gezeigt, dass aus Steinen Brot werden kann. So strecken wir die helfende Hand aus.“

Angesichts der Bedrohung der Menschen durch ein Virus, das unsere Gesellschaft verändert, viele Menschen zerstört, können wir uns Rassismus endgültig nicht mehr leisten. Wir müssen - und können - als EINE Welt zusammenstehen. Alle Menschen sind gleich - und jede/r anders.

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5. Juli 2020

Ferien sind heilige Tage
von Jugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

Die Ferien haben endlich begonnen. Und doch ist dieses Jahr alles anders. Urlaubsreisen können nur eingeschränkt und unter Auflagen stattfinden. Auch unser Begegnungsprogramm „Young Ambassadors“ zwischen Jugendlichen aus dem Kirchenkreis Wittgenstein und der United Church of Christ in Indiana und Kentucky in den USA, das dieses Wochenende beginnen sollte, musste wegen der Corona-Pandemie auf nächstes Jahr verschoben werden.

Dennoch: Es sind Ferien! Wenn nun auch alles anders ist als geplant, sind die Ferien von vielen Schülern, Eltern und Lehrern regelrecht herbeigesehnt worden. Ferien sind besondere Zeiten im Jahr. Der englische Begriff dafür - „holiday“ - kann das sehr schön veranschaulichen. Es setzt sich aus den Wörtern „holy“ und „day“ zusammen. Damit wird deutlich, was Ferien sind: heilige Tage.

Heilige Tage beinhalten mehr als das Verreisen in ferne Länder und zu interessanten Orten. „Heilig“, das bedeutet Gott geweiht. Dabei ist der Fokus auf Gott gerichtet. Es geht bei den „heiligen Tagen“ also darum, in Beziehung mit Gott zu treten und dankbar und fröhlich zu erkennen, was er uns täglich Gutes gibt. In den Ferien, wenn wir zur Ruhe kommen, die Seele baumeln lassen, neue Kräfte sammeln, erleben wir Gottes Nähe nochmal viel intensiver. Vieles was im Alltag untergeht, wird neu und anders wahrgenommen. Deshalb sind besonders die Ferientage - wie aber generell jeder andere Tag auch - von Gott geschenkte Tage.

So bekennt auch der Beter des 118. Psalms in Vers 24: „Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Der Beter sieht die Tage als ein Geschenk Gottes. Jeder Tag bietet viele neue Möglichkeiten, etwas Spannendes zu erleben, über kleine und große Dinge zu staunen, Menschen zu begegnen und Gottes Größe, Macht und Liebe zu erfahren. Gerade in den Ferien sind wir eingeladen, gezielt inne zu halten und die Einzigartigkeit und besonderen Momente jedes einzelnen Tages wahrzunehmen und zu genießen.

Lassen Sie uns trotz all der Umstände und Einschränkungen fröhlich und gespannt schauen, was Gott für uns in diesen heiligen Tagen bereithält. Vielleicht reflektieren Sie am Ende eines jeden Tages beim gemütlichen Abendessen, was Sie heute erlebt haben und wofür Sie dankbar sind.

Möglicherweise hilft diese Übung dabei, auch im Alltag vermehrt innezuhalten, um Gottes Nähe zu suchen und seine Liebe zu erkennen und all die wunderbaren Gaben wahrzunehmen.

Ich wünsche Ihnen schöne „holy days“.

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28. Juni 2020

Nächstenliebe ist der Weg
von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Timotheus 1, 7

Warum geht mir dieses Bibelwort jetzt durch den Kopf? Weil die Nachrichten zum Thema „Corona“ mich fast schon wieder fürchten lassen, dass alles, was wir hofften überwunden zu haben, zurückkommt: Ausgangs- und Reisebeschränkungen, Kontaktverbote…

Ein Geist der Furcht könnte sagen: „Diese zweite Welle kommt doch sowieso.“ Dann sind ab jetzt wieder allen anderen zuerst ein mögliches Risiko für meine Gesundheit, erst dann meine Mitmenschen. Oder aber: „Die zweite Welle kommt sowieso - darum tue ich jetzt alles, was Spaß macht, bevor es zu spät ist...“

Hier steht aber das Wort „Besonnenheit“: Natürlich fragen wir uns, ob wir nicht alles zu früh wieder angefangen, gelockert haben, haben Angst, dass eine zweite Infektionswelle uns wieder in einen Lockdown zwingt - und das ist verständlich und hat sein Recht. Aber Angst kann auch kippen, zu Panik werden. Dann suchen wir schnell nach Schuldigen und laden alles auf sie ab. Denn wir sind doch nur unschuldige Leidtragende dieses Skandals… Aber ist das wirklich so einfach?

Die Besonnenheit versteht unsere Gefühle, aber sie fragt mit großer Klarheit zurück: Wovor hast Du Angst? Wie willst es vermeiden? Was ist die Alternative? Was kannst Du daraus lernen?

Besonnen ist, uns einzugestehen: Wir wissen einfach nicht, wie gefährlich Corvid-19 (wieder) noch werden wird. Es könnte unser Gesundheitssystem überfordern - es kann aber auch so kommen wie eine heftige Grippe - zumindest hier.

Besonnen ist, das zu tun, was nachweislich zur Eindämmung hilft, was auch alle wissen und die meisten beherzigen. Aber: Das ist nicht einfach nur „soziale Distanzierung“! Es gibt manchmal Nähe, die gefährlich ist, wo man andere anstecken kann, ohne es zu merken, sich auch selbst infizieren kann. Aber: Es gibt auch Distanz, die schaden kann, Menschen, die auf uns und unsere Zuwendung, wie sie auch aussehen mag, angewiesen sind. Besonnenheit heißt eine gesunde Balance finden…

Was kann uns dabei helfen? Ich denke, die beiden Begriffe „Kraft“ und „Liebe“ aus dem Bibelvers können uns helfen. Gott verspricht uns neue Kraft, wenn wir ruhig bleiben, mit ihm sprechen, uns von ihm ansprechen lassen - und uns fragen: Bemitleiden wir uns nur selbst, weil wir eingeschränkt sind in unserer Freiheit, oder tun wir etwas für die, die uns brauchen? Jesus ist immer gerade auf die zugegangen, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte: etwa auf die Schwachen, Ausgegrenzten; sogar auf die, die schuldig geworden waren. Das ist unser Weg: Nächstenliebe - ohne jede Bedingung. Und die entwickelt ein feines Gespür für die, die Beistand und Unterstützung benötigen, ist erfinderisch darin, wie sie das tut. Lassen wir uns doch von Nächstenliebe leiten...

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21. Juni 2020

Träumen von der Leichtigkeit
von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas zur Eröffnung der Fußball-EM schreiben, aber die ist wegen Corona verschoben. Dafür rollt der Ball bei Geisterspielen in der Bundesliga. Nicht alle Fußballfans sind von diesem Format und der Fortsetzung der Saison begeistert. Das zeigt mir, dass Fußballfans durchaus ein feines Gespür für das gesellschaftliche Miteinander haben, auch wenn sich manche Personen im Stadion gelegentlich anders verhalten.

Im vergangenen Jahr bin ich auch beim Kirchentag in Dortmund darauf gestoßen, dass es inzwischen eine ganze Reihe christlicher Fanclubs gibt. Einige haben sich unter dem Namen „Totale Offensive“ zusammengeschlossen und sind im Stadion an Fahnen in Vereinsfarben mit einem Fischsymbol, dem Zeichen der ersten Christen, zu erkennen. So verbinden sie ihre Begeisterung für den Fußball mit ihrem christlichen Glauben: Sie treffen sich nicht nur zu Andachten oder Gottesdiensten vor Fußballspielen, sondern kümmern sich auch um ihre Mitmenschen, etwa durch Beratungsangebote, organisieren Lebensmittelspenden für bedürftige Menschen, helfen bei Wohnungssuche und Umzügen oder laden Fans mit geringem Einkommen zu Themenrunden und Fußballübertragungen ein.

Andere Fans setzen sich für die Aufarbeitung der Vereinsgeschichte ein. Dabei haben sie in den vergangenen Jahren zu Tage gefördert, dass in den Anfangsjahren einiger Bundesligaclubs ein Präsident, ein Trainer oder Spieler mit jüdischen Wurzeln von entscheidender Bedeutung waren, die dann häufig während der Zeit des Nationalsozialismus als Mitglieder ausgeschlossen wurden. Dank dieser Fan-Initiativen konnte inzwischen das Schicksal einzelner Sportler und Funktionäre aufgearbeitet werden; Lebensgeschichten, die uns heute im Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zur Mahnung und Wachsamkeit dienen können.

Auch während der Corona-Pandemie waren Fangruppen ehrenamtlich aktiv: So boten BVB-Fans ihre Hilfe bei Einkäufen und Botengängen für Menschen an, die zur Risiko-Gruppe gehörten, und FC-Fans unterstützten den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei der Essensausgabe in einer Suppenküche für Wohnungslose in der Domstadt.

In dieser Vielfalt haben Fußballfans das in die Tat umgesetzt, was sie sonst ab und an im Stadion singen und was auch für unser Leben immer wieder eine ermutigende Melodie sein kann: „Wenn Du durch einen Sturm gehst, geh‘ erhobenen Hauptes. Und hab‘ keine Angst vor der Dunkelheit. Am Ende des Sturms gibt es einen goldenen Himmel. Und das süße, silberhelle Lied der Lerche. Geh‘ weiter, durch den Wind, geh‘ weiter durch den Regen; auch wenn sich alle deine Träume in Luft auflösen. Und Du wirst niemals alleine gehen. Du wirst niemals alleine gehen. Geh‘ weiter, geh‘ weiter, mit Hoffnung in Deinem Herzen. Und Du wirst niemals alleine gehen: You'll Never Walk Alone.“

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14. Juni 2020

„You'll Never Walk Alone“
von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas zur Eröffnung der Fußball-EM schreiben, aber die ist wegen Corona verschoben. Dafür rollt der Ball bei Geisterspielen in der Bundesliga. Nicht alle Fußballfans sind von diesem Format und der Fortsetzung der Saison begeistert. Das zeigt mir, dass Fußballfans durchaus ein feines Gespür für das gesellschaftliche Miteinander haben, auch wenn sich manche Personen im Stadion gelegentlich anders verhalten.

Im vergangenen Jahr bin ich auch beim Kirchentag in Dortmund darauf gestoßen, dass es inzwischen eine ganze Reihe christlicher Fanclubs gibt. Einige haben sich unter dem Namen „Totale Offensive“ zusammengeschlossen und sind im Stadion an Fahnen in Vereinsfarben mit einem Fischsymbol, dem Zeichen der ersten Christen, zu erkennen. So verbinden sie ihre Begeisterung für den Fußball mit ihrem christlichen Glauben: Sie treffen sich nicht nur zu Andachten oder Gottesdiensten vor Fußballspielen, sondern kümmern sich auch um ihre Mitmenschen, etwa durch Beratungsangebote, organisieren Lebensmittelspenden für bedürftige Menschen, helfen bei Wohnungssuche und Umzügen oder laden Fans mit geringem Einkommen zu Themenrunden und Fußballübertragungen ein.

Andere Fans setzen sich für die Aufarbeitung der Vereinsgeschichte ein. Dabei haben sie in den vergangenen Jahren zu Tage gefördert, dass in den Anfangsjahren einiger Bundesligaclubs ein Präsident, ein Trainer oder Spieler mit jüdischen Wurzeln von entscheidender Bedeutung waren, die dann häufig während der Zeit des Nationalsozialismus als Mitglieder ausgeschlossen wurden. Dank dieser Fan-Initiativen konnte inzwischen das Schicksal einzelner Sportler und Funktionäre aufgearbeitet werden; Lebensgeschichten, die uns heute im Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zur Mahnung und Wachsamkeit dienen können.

Auch während der Corona-Pandemie waren Fangruppen ehrenamtlich aktiv: So boten BVB-Fans ihre Hilfe bei Einkäufen und Botengängen für Menschen an, die zur Risiko-Gruppe gehörten, und FC-Fans unterstützten den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei der Essensausgabe in einer Suppenküche für Wohnungslose in der Domstadt.

In dieser Vielfalt haben Fußballfans das in die Tat umgesetzt, was sie sonst ab und an im Stadion singen und was auch für unser Leben immer wieder eine ermutigende Melodie sein kann: „Wenn Du durch einen Sturm gehst, geh‘ erhobenen Hauptes. Und hab‘ keine Angst vor der Dunkelheit. Am Ende des Sturms gibt es einen goldenen Himmel. Und das süße, silberhelle Lied der Lerche. Geh‘ weiter, durch den Wind, geh‘ weiter durch den Regen; auch wenn sich alle deine Träume in Luft auflösen. Und Du wirst niemals alleine gehen. Du wirst niemals alleine gehen. Geh‘ weiter, geh‘ weiter, mit Hoffnung in Deinem Herzen. Und Du wirst niemals alleine gehen: You'll Never Walk Alone.“

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7. Juni 2020

„Ja zum Leben“
von Pfr. Jaime Jung, Erndtebrück

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte weitergeben, die mir zur wertvollen Erkenntnis verholfen hat, dass ich öfters Ja sagen soll und darf.

Einem Bauern lief sein einziges Pferd davon. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Mann und sagten: „Du Ärmster! Dein einziges Pferd ist weggelaufen: Welch ein Unglück!“
Der Bauern antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist?“

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück - und brachte ein Wildpferd mit. Da sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das einzige Pferd davon - und dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“
Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?“

Das Wildpferd wurde von seinem ältesten Sohn eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: „Welch ein Unglück!“
Der Bauer gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs ins Dorf und zogen alle jungen Männer zum Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen sie zurück - mit seinem gebrochenen Bein.
Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“
Der Bauer: „Wer sagt denn, dass dies ein Glück ist?“

Endlos könnte man dieses Märchen weitererzählen: Glück oder Unglück - wer soll das entscheiden? Oft erfahren wir erst im Nachhinein, dass vermeintliches Glück gar keins war und dass ein offensichtliches Unglück am Ende Glück bedeuten kann. So sollten wir nicht zu schnell urteilen, was schlecht im Leben läuft. Manchmal entdecken wir, dass schwere Zeiten im Nachhinein ein Geschenk waren. Nicht immer, aber oft.

Vor Allem, dürfen wir als Christen fest daran glauben, dass auch in schwierigen Zeiten Gott bei uns ist. Dann reden wir nicht von Glück oder Zufall, sondern von Segen. Gott beschenkt uns mit seinem Segen immer wieder neu. Ob wir diese Segen erkennen und dankbar dafür sind, darf jeder Mensch selbst beantworten. Auf jeden Fall kann uns die Gewissheit, dass Gott bei uns ist, Mut machen, mit Hoffnung und neuer Kraft die Welt verändern zu wollen oder Dinge so anzunehmen, wie sie auf uns zukommen.

„Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja. So wie die Blume still im Regen abends spricht, weil sie im neuen Licht auch wieder blühen will: Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja.“ Das schreibt Wolfgang Borchert. Leichter gesagt als getan, das merke ich bei mir selbst.

Ach, wenn ich das nur immer so könnte… Ja sagen! Ja zum Heute. Ja zum Morgen. Ja zu mir. Ja zu den Anderen. Ja zum Gestern. Ja zum Leben. Ja zur Liebe. Einfach Ja.

Ich möchte es mindestens versuchen, denn mit Gottes Hilfe kann und darf ich Ja sagen, egal was kommt. Das ist für mich Zuversicht: Ich kann Ja sagen, denn ich weiß, ich bin in guten Händen aufgehoben und geborgen, komme was wolle.

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31. Mai 2020

Gott versteht alle Sprachen
von Pfr. Stefan Berk, Erndtebrück

Ich gehe einkaufen, natürlich mit vorgeschriebenem Mundschutz. Die meisten Leute, denen ich begegne, auch. Außerdem achten sie genau auf den Abstand. Wir machen einen weiten Bogen umeinander. An der Kasse schaut mich jemand an und schaut wieder weg. Komisch, denke ich: Wer war das? Draußen nickt mir jemand zu. Kenne ich den?

Ich weiß jetzt, warum es das Vermummungsverbot gibt: Mit ihrem Mund-Nasen-Schutz erkenne ich die Leute nicht mehr! Und natürlich passiert es, wie es passieren muss: Einen Tag später habe ich einen guten Bekannten am Telefon, der das Gespräch ein bisschen spitz beginnt: „Du willst scheinbar auch nicht mehr alle Leute kennen, was?“ Genau: Er hatte mich vor dem Supermarkt freundlich gegrüßt, wollte auch noch einen Satz mit mir reden - und ich bin einfach zum Auto weitergegangen.

Natürlich, die Masken sind nötig. Das haben (fast) alle inzwischen begriffen. Aber sie machen auch deutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns mit offenem Visier begegnen können. Für ein gutes Miteinander muss ich den anderen erkennen können. Das Gesicht erzählt viel darüber, wie es dem Gegenüber geht, in welcher Stimmung er ist, worüber wir reden werden. Vielleicht telefoniere ich deshalb nicht so gerne, weil ich dann nur die Stimme höre und die Mimik des anderen nicht sehen kann. Kommunikation, das fällt mir in diesen Wochen auf, braucht viele Kanäle. Wenn so etwas Wichtiges wie ein Gesichtsausdruck fehlt, geht die Leichtigkeit und die Alltäglichkeit verloren.

Morgen ist Pfingsten. In der zentralen Geschichte am Anfang der Apostelgeschichte im Neuen Testament (Kapitel 2) geht es um eine Sprachenvielfalt. Die „be-geisterten“ Freunde Jesu fanden passende Worte für alle, die sie trafen, so unterschiedlich sie waren. Dieses Kirchenfest erinnert mich daran, dass die Gute Nachricht vom Leben, das auf immer bleibt, keine Grenzen kennt. Jede Möglichkeit der Kommunikation ist eine gute Möglichkeit. Jeder Weg, Menschen zu erreichen, ist ein richtiger Weg. Mit und ohne Maske, mit Gesten und Zeichen, mit Bildern und Liedern, mit Plakaten und auf YouTube. Das braucht Aufmerksamkeit und Offenheit. Das braucht die Fantasie, sich immer wieder neu zu überlegen, wie wir kommunizieren und welche neuen Formate es gibt. Ich bin begeistert, wie viele Leute sich gerade Gedanken machen, wie diese Gute Nachricht von Gott in unsere digitale Welt transportiert werden kann.

Vielfalt ist angesagt. Vielfalt ist gut und normal. Jede und jeder von uns hat ihre und seine eigene Sprache fürs Leben. Gut zu wissen, dass Gott sie alle spricht, so geheimnisvoll das auch klingt. Da könnte ich ruhig mutiger sein und diesem Pfingstgeist mehr zutrauen.

Wenn mir wieder jemand beim Einkaufen begegnet, der mich merkwürdig ansieht oder mich freundlich grüßt und ich kann mir keinen Reim drauf machen, dann habe ich mir vorgenommen: Ich frage einfach nach. Was ist schon dabei? In der Zeit der Masken muss man manchmal eben deutlicher werden, um sich zu verstehen. Und darauf kommt es am Ende an.

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24. Mai 2020

„Auf das, was da noch kommt“
von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

„Auf das, was da noch kommt“ - mit dieser Liedzeile habe ich den Silvestergottesdienst 2019 bei uns in Bad Laasphe eröffnet und dabei erklärt, was mich daran anspricht: Es ist der ehrliche Blick auf unser Leben, denn neben der Freude „auf Euphorie und alles Leichte“, wird auch „jedes Stolpern, jedes Scheitern“ auf unserem Lebensweg nicht verschwiegen.

Dass wenige Monate später ein Virus kommt und unseren Alltag so massiv verändert, das war damals nicht zu erahnen. Gefühlt haben wir in diesem Jahr schon mehrere Silvester hinter uns: „Auf das, was da noch kommt“, nach dem 16. März, 20. April und 11. Mai und der jeweils neu gefassten Corona-Schutzverordnung. „Stolpern und Scheitern“, weil Vieles auf einmal so ungewohnt ist. Weil Politiker und Virologen hier und da unsicher sind bei dem, was jetzt richtig ist. Inzwischen werden erste Lockerungen gewagt, mit deren Hilfe das ein oder andere Gewohnte wieder vorsichtig möglich ist, ohne, dass gleich schon „Euphorie“ ausbricht für „alles Leichte“.

„Auf das, was da noch kommt“ - vielleicht hätte diese Liedzeile damals auch die Jüngerinnen und Jünger unmittelbar nach Jesu Himmelfahrt angesprochen. Nach dem „Stolpern und Scheitern“ an Karfreitag und der „Euphorie“ an Ostern, stand auch ihnen mit der Rückkehr von Jesus zu seinem himmlischen Vater ein erneuter Silvestertag ins Haus: Abschied von Vertrautem und Unsicherheit mit Blick „auf das, was da noch kommt“. „Stolpern und Scheitern“? Weil die bohrenden Fragen dominieren: Wie soll es jetzt weitergehen? Wie lange wird das dauern, bis der versprochene Heilige Geist kommt? Oder doch zuversichtlich „auf Euphorie und alles Leichte“ nach vorne schauen? Weil die Hoffnung überwiegt: „Was er verspricht, das bricht er nicht. Er bleibet meine Zuversicht...“ (Ev. Gesangbuch, 374, 5)

Mit der Himmelfahrt von Jesus fällt die Tür nicht zu, nein, das Tor zum Himmel bleibt und ist geöffnet für „das, was da noch kommt“: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.“ (Johannes 14, 2) Nach seiner Himmelfahrt wird Jesus zum Wohnungseinrichter für uns, damit wir ein Zuhause haben für immer und ewig.

Und für die Gegenwart? Zehn Tage müssen die Jüngerinnen und Jünger warten. Dann kommt er, der Heilige Geist, die „Kraft aus der Höhe“ (Lukas 24, 49), die sie zu neuen Schritten ermutigt und Kraft für den Alltag gibt. So macht Jesus sein Versprechen wahr, dass er bei uns sein will alle Tage, auch im „Stolpern und Scheitern“. Und gleichzeitig will er mir durch seinen Heiligen Geist die Augen öffnen für „alles Leichte“, für hoffnungsvolle und tröstliche Momente in meinem Leben: Für helfende Hände, wachsende Blumen, ermutigende Melodien, einen postalischen Gruß. Gott ist immer für eine Überraschung gut. Darauf will ich vertrauen, bei dem, „was da noch kommt“.

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17. Mai 2020

Behüte dein Herz mit allem Fleiß
von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Auf der Suche nach einem Thema fürs Angedacht hänge ich meinen Gedanken nach. Die Schlagzeilen der Woche gehen mir durch den Kopf. Corona-Müdigkeit, Überforderung, Schlachthöfe, Demonstrationen, Verschwörungstheorien, Reproduktionszahl, Grenzöffnungen, Abstand, Spielplatz, Bundesliga. Ein heilloses Durcheinander an Themen und je nach Mischung so richtig brisant. Manchmal denk‘ ich, ob wir überhaupt noch klar denken können. Ob es nicht einfach wirklich zu viele Informationen sind, die ein einzelnes Hirn gar nicht richtig verarbeiten kann. Wahrscheinlich müsste man viel mehr aus dem Bauch heraus entscheiden. So, wie es sich gerade anfühlt, dann auch danach handeln. Schließlich weiß ja nur ich am besten, was gut für mich ist. Da soll mir niemand anderes von außen etwas vorschreiben.

Hört sich nach starker Parole und absolut nachvollziehbar an. Aber dann auch wieder nicht. Denn natürlich bin ich für mich selbst der beste Experte, aber ich bin ja nicht alleine auf dieser Welt! Da braucht es andere Fachleute, die den Überblick haben und Dinge aus den verschiedenen Richtungen einordnen können. Sonst fühlen wir zu einseitig.

„Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben“ - ein weiser Rat aus dem Buch der Sprüche. Manchmal muss der Kopf das Herz bewahren. Fleißig denken, um nicht alles fühlen zu müssen. Der Kopf weiß Konsequenzen, die das Herz bisweilen gar nicht fühlen kann. Da hilft dann bevor wir handeln das Nachdenken während oder darüber, wie wir etwas tun.

Eine Krise fordert den Menschen besonders heraus. Die Zündschnur ist kurz, unterschiedlichste Gefühle machen das Denken mitunter schwer. Und gerade, weil jeder für sich selbst der beste Experte ist, ist es wichtig, das Herz zu schützen. Nicht aus kardiologischer Sicht. Es ist lebenswichtig, dass wir Herz UND Kopf gebrauchen, das Denken, die Vernunft und die Fakten nicht vergessen. So überfordere ich mich nicht in meinem Fühlen, kann Konsequenzen im Blick haben und lebensfördernd handeln. Denn darum geht es uns wohl doch. Dass das Leben hervorquelle. Es soll blühen, wachsen und gedeihen. Alles soll wieder gut werden! Und schön. Und lebendig. Überall. Dass das so wird, dafür brauchen wir aber auch unseren Verstand. Das Herz ist der Motor des Lebens, der Kopf ist das Lenkrad. Und das brauchen wir nun mal, damit wir nicht mit voller Wucht gegen die Wand donnern oder in den Abgrund fahren.

Danke Gott, dass Du mir Herz und Verstand gegeben hast. Schenk‘ mir auch Nerven, dass ich das eine nicht gegen das andere ausspiele, sondern nur das tue, was Leben fördert. Meins und das meiner Mitmenschen. Amen.

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10. Mai 2020

Wo Gott ist, sind Liebe und Freiheit
von Pfr. Joachim Cierpka, Lukas

Heute ist der Sonntag Kantate, das heißt: Singet! Genau das wird aber in den Kirchen, die nun wieder Gottesdienste anbieten, unterbleiben müssen. Jedenfalls darf es kein gemeinsames Singen geben. Das ist verständlich, aber auch schade. Denn gemeinsames Singen und Musizieren verbindet Menschen nicht nur miteinander, auch über alle sprachlichen und kulturellen Unterschiede hinweg, es macht die Seele frei. Es ist Ausdruck von Lebensfreude gerade in Zeiten langsam wieder gewonnener Freiheiten.

Die Freiheit zu feiern bezieht sich allerdings nicht nur auf die Lockerungen im Rahmen der Corona-Krise. Am 8. Mai vor 75 Jahren machten nicht nur die Gefangenen des NS-Regimes endgültig erste Schritte in die wiedergewonnene Freiheit, sondern nach den besetzten Völkern Europas endlich auch das deutsche Volk. Gewiss geschah dies auch unter Schmerzen, aber es waren nach der durch Deutschland hervorgerufenen Katastrophe die Geburtswehen des freien Europa und der Demokratie, derer wir uns unterdessen im vereinigten Land erfreuen können. Nur politische - vielleicht unterdessen auch senile - Wirrköpfe bestreiten dies.

Die Freiheit haben Menschen zu allen Zeiten besungen: als Gospel schwarzer Sklaven, als Befreiungslied in der Urzeit wie Mirjam beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, als Volkslied wie in „Die Gedanken sind frei“‘. Singen stiftet Freude, macht Mut, stiftet Gemeinschaft.

Die Bibel erzählt davon, dass da, wo Menschen Gott singend loben, die Herrlichkeit Gottes erscheint und wohnt, wie zum Beispiel im Tempel zu Jerusalem „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiel erhob und man den Herrn lobte, erfüllte die Herrlichkeit des Herrn das Haus Gottes“, vergleiche 2. Chronik, 5. Wo Gott ist, sind Liebe und Freiheit.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende, das Ihnen Augenblicke dieser Herrlichkeit schenkt, in neuer Freiheit des Miteinander und Hoffnung und Kraft für das Kommende.

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3. Mai 2020

Jubel - eine Art Gottesdienst
von Jugendreferent Daniel Seyfried, Girkhausen

Heute feiern wir den Sonntag Jubilate, auf Deutsch: Jubelt. Die Bedeutung für Jubel ist große Freude, die durch entsprechendes Verhalten in Gestik, Mimik, Stimme und Sprache deutlich wird.

Jubel ist uns vielleicht etwas fremd. Bestenfalls sehen und erleben wir den Jubel beim Sport, wenn eine oder einer oder ein ganzes Team gewonnen hat. Mit einem lauten Schrei, hoch gereckten Fäusten und strahlendem Gesicht wird der Sieg gefeiert, möglichst so intensiv, dass alle anderen mitmachen und applaudieren.

Aber wie sieht es in unserem Alltag mit Jubel aus? Wann haben Sie sich das letzte Mal so sehr gefreut, dass es alle anderen an ihrer Mimik und Gestik mitbekommen haben oder sogar angesteckt wurden?

Der Sonntag Jubilate möchte uns in der Zeit zwischen Ostern (Jubel über die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus) und Pfingsten (Jubel über die Kraft des Heiligen Geistes) einladen das Jubeln auch in unserem Alltag nicht zu vergessen.

Mag sein, dass wir in Zeiten der Corona-Krise wenig Grund zum Jubeln empfinden. Aber ist es nicht gerade jetzt gut, sich über manche Kleinigkeit zu freuen und sie vielleicht sogar zu bejubeln? Schauen Sie doch mal in die Natur, wie schön alles wieder anfängt zu blühen. Es führt uns vor Augen, dass Gott immer wieder einen neuen Anfang schafft. Freuen wir uns doch über jedes nette Wort, das wir gesagt bekommen, über jede Geste der Hilfsbereitschaft, die wir erleben.

Und mit jedem Jubel feiern wir eine Art Gottesdienst. Wir freuen uns, über all die wunderbaren Dinge, die Gott uns schenkt. Das tun wir beim Jubeln nicht nur mit der Sprache, sondern der ganze Körper, die ganze Seele ist daran beteiligt. Sichtbar zu jubeln und unserer Freude und unserem Dank Ausdruck zu verleihen, dazu sind wir am Sonntag Jubilate eingeladen.

So steht schon in der Bibel: „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9, 7)

Bei diesem Satz muss ich immer an unsere jüngste Tochter denken, wie wir gemeinsam am Tisch sitzen und essen. In dem Moment, wo sie wahrnimmt, dass es etwas zu Essen gibt, fängt sie an heftig mit den Armen zu wedeln, grinst über das ganze Gesicht und hoppelt aufgeregt in ihrem Stühlchen umher. Ihr ganzer Körper ist von der Vorfreude ergriffen. Das ist Jubel!

Ich möchte von meiner Tochter lernen mich über die Kleinigkeiten des Alltags zu freuen und Gott so meine Dankbarkeit zu zeigen. Gott gefällt es, wenn wir unserer Freude Ausdruck verleihen und einander daran teilhaben lassen.

Lassen Sie uns kreativ werden, wie wir in Zeiten der Kontaktsperre voneinander wissen und gemeinsam über die kleinen Freuden und unseren großen Gott jubeln können.

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26. April 2020

Halte durch!
von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Morgen in einer Woche wäre Konfirmation gewesen in Birkelbach. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie das war, als meine Kinder Konfirmation hatten: Jahrelang vorher Raum reserviert. Catering festgemacht. Monatelang vorher Einladungskarten gebastelt. Gästelisten gemacht, Tortenliste geführt, Konfirmationstorte bestellt. Tischdeko ausgesucht, wieder gebastelt. Klamotten gekauft, bloß nicht zu früh, das Kind wächst ja wie wild.

Und jetzt? Dieses Jahr ist alles anders. Abschließendes Unterrichtsgespräch: abgesagt. Präsentationsgottesdienst: ausgefallen. Konfirmation: verschoben.

Und darum heute ein ganz besonderer Gruß an die Konfirmanden und Konfirmandinnen in unserem Kirchenkreis: Wir denken an euch! Wir sind mit euch traurig, dass euer großer Tag verschoben werden muss und wir werden uns mit euch freuen, wenn wir mit euch feiern dürfen!

Gottes „Ja“ zu euch, das bei der Konfirmation genauso befestigt wird wie euer „Ja“ zu ihm und seiner Kirche - das gilt auch trotz und wegen und gerade in Corona-Zeit. Ihr seid ihm wertvoll und wichtig - auch wenn die Konfirmation verschoben wird. Und er ist an eurer Seite - darauf dürft ihr vertrauen, auch wenn ihr auf euren Ehrentag noch warten müsst.

An Ostern lag vor unserer Kirche in Birkelbach ein Hoffnungsstein, darauf stand: Halte durch! Nur diese zwei Worte: Halte durch. Halte durch und lass dich nicht entmutigen!

Halte durch - und sei gewiss, dass die Kraft zum Durchhalten gegeben wird. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden“ (Jesaja 40, 31) heißt es in der Bibel. Das ist ein großartiges Durchhalte-Wort - es ist mehr, als „das-wird-schon-wieder“. Denn es sagt: Das wird wieder - mit Gottes Hilfe. Und du schaffst das. Du hältst das durch. Und eure Konfirmation - die machen wir euch besonders schön!

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19. April 2020

Mehr aufs Gute schauen

von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Es gibt Worte, die sich im Moment immer wieder Gehör verschaffen: Corona, Abstand halten, Kontaktsperre, Rezession, Krise. Worte sind nicht nur Informationsträger. Sie prägen auch unsere Stimmungen und Haltungen. Wir wissen doch: Ein Schüler, der immer wieder vorgehalten bekommt, mit seinem fehlenden Leistungswillen werde er später scheitern, geht nicht sehr motiviert an das Lernen heran. Eine Mitarbeiterin, die am Freitagnachmittag im Team nicht nur gespiegelt bekommt, wo Verbesserungsmöglichkeiten wären, sondern auch hört, was Ihr besonders gelungen sei, wird mit mehr Elan und geringerer Neigung zu Erkrankungen in die nächste Woche gehen.

Die aktuelle Situation ist eine massive Herausforderung für uns alle. Gerade deshalb ist es aber nicht hilfreich, die kleine positive Rückmeldung „Wir haben beobachten können, dass sich fast alle an die Auflagen gehalten haben“ zunichte zu machen, indem dann fortgefahren wird mit „Aber...“ und dann soviel in dieses „Aber...“ gepackt wird, dass das Positive vom Anfang am Ende vergessen ist.

Als Pfarrer mache ich es häufig umgekehrt. Ich nehme das Negative, Schmerzliche ernst und benenne es. Dann aber kommt mein „Aber...“ und ich spreche von der Hoffnung, von der Nähe Gottes, von dem Vorbild Jesu, der es verstand, vieles zum Guten umzukehren. Als Christ fällt mir das natürlich etwas leichter. Denn ich lebe von der Gewissheit, dass am Ende der Zeit Gott alles so fügen wird, dass wir sagen können: „Es ist alles gut.“ Oder wie ein Film diesen Gedanken fortführt: „Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.“

Zu diesem Schauen auf die Chancen und Möglichkeiten möchte ich ermutigen. Nicht, weil die Chancen und Möglichkeiten die Schmerzen und das Leid aufwiegen. Sondern weil wir an dem Negativen, was geschieht, nichts oder nur wenig ändern können. Aber bei der Frage, was wir aus der Krise lernen können und welche Ideen wir für die Zukunft retten sollten, können wir gestalten, können wir zum Positiven hin verändern.

Ein Schauen auf das Positive kann viel Kraft freisetzen. Meine Großmutter sagte - zum Ärger und zum Spott der Familie - seit ihrem 60. Geburtstag immer wieder: „Wenn ich das noch erlebe.“ Sie sagte das nicht resignativ, sondern für uns war jedes Mal zu spüren: Sie möchte es erleben! Und dieses Hoffen auf den Besuch bei den Enkeln, auf die Fahrt mit ihrem Frauen-Clübchen oder auch nur den Gang über den Wochenmarkt baute sie auf. Sie wurde 87 Jahre alt und hat ihr Leben, gerade weil sie immer auf das Positive schaute, bis fast zum Ende genossen.

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12. April 2020

Osterlicht strahlt im Dunkel heller

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

„Kinder“, spricht die Mutter Hase, „putzt euch noch einmal die Nase
mit dem Kohlblatttaschentuch! Nehmt nun Tafel, Stift und Buch!
Tunkt auch eure Schwämmchen ein! Sind denn eure Pfötchen rein?“
„Ja!“ „Nun marsch, zur Schule gehen!“ „Mütterchen, auf Wiedersehn!“

Der erste Schultag ist da! Fröhlich machen sich Hasengretchen und Hasenhans auf den Weg in die Häschenschule im Wald. Dort erwartet sie der alte Lehrer, um ihnen alles beizubringen, was ein richtiger Hase wissen sollte: Neben Pflanzenkunde, Gartenarbeit, Hakenschlagen und Geschichten über den gefährlichen Fuchs, lernen die Häschen natürlich auch das überhaupt Wichtigste, was es für einen Hasen zu lernen gibt.

Seht, wie ihre Augen strahlen, wenn sie lernen Eier malen!
Jedes Häslein nimmt gewandt einen Pinsel in die Hand,
färbt die Eier, weiß und rund, mit den schönsten Farben bunt.
Wer‘s nicht kann, der darf auf Erden nie ein Osterhase werden.

Tja, so ist das in dem Wald, wo die Häschenschule steht. Es scheint für einen normalen Feld-, Wald- und Wiesenhasen nichts Schöneres zu geben, als irgendwann einmal Osterhase zu werden. Nostalgie und heile Welt, davon erzählt das Buch „Die Häschenschule“. Unbeschwert hüpfen die kleinen Hasen durch den Wald und müssen sich nur vor dem Fuchs in Acht nehmen. Naiv-kitschig, so könnte man sagen. Was gäb‘ ich drum, wenn wir dieses Jahr was davon an Ostern hätten. Aber, trotzdem!!! Ostern ist bunt! Wie die Eier und die Regenbögen, die man überall sehen kann.

Blau für die Treue. Die Bibel erzählt von der Geschichte Gottes mit den Menschen, davon, wie er Wort und Treue gehalten hat. Angefangen beim Regenbogen bis hin zum leeren Grab von Ostern. Er ist der, der Bund und Treue ewiglich hält und das nicht loslässt, was er geschaffen hat. Das finden wir auch im der Farbe Rot, die natürlich für die Liebe steht. Die Liebe und das Leben haben ein für alle Mal gesiegt. Und Gelb? Wie das Sonnenlicht. Ostern ist ein Sonnenaufgang nach durchwachter und durchweinter Nacht. An diesem Morgen, mit diesem Sonnenaufgang hat sich alles verändert. Die Trauer ist der Freude gewichen, das Grau dem leuchtendem Sonnengelb. Und als Letztes kommt das Grün. Das steht für das größte Ostergeschenk: die Hoffnung. Das Grab war leer. Der Tod musste vor der Macht des Lebens weichen. Ostern zeigt uns, dass Gott die Welt nicht aufgegeben hat und sie nicht aufgeben wird. Ostern zeigt uns, dass wir hoffen dürfen.

„Färbt die Eier, weiß und rund, mit den schönsten Farben bunt!“ An Ostern muss es bunt zugehen. Ostern muss in den verschiedensten Farben schillern: Blau, Rot, Gelb, Grün.

Ich wünsche uns allen, dass wir die Farbenpracht erkennen und uns daran freuen können. Trotz Allem! Dann kann das Licht von Ostern auch in dunkler Zeit umso heller leuchten.

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5. April 2020

Die Glocken läuten zur Erinnerung

von Superintendent Stefan Berk

Wenn es vor rund 2000 Jahren eine globale Pandemie-Strategie gegeben hätte, wäre es eine gespenstische Szene geworden: Jesus sitzt auf einem Esel und reitet mutterseelenallein auf der staubigen Hauptstraße Richtung Jerusalem. Ach nein, er ist nicht ganz allein, einer darf ja dabei sein. Aber wer von seinen zwölf besten Freunden? Petrus, der Fels? Johannes, zu dem er eine besonders enge Beziehung hatte? Oder hätte er Maria von Magdala ausgesucht?

Ganz gleich, die beiden wären nicht weit gekommen. Das Stadttor ist zu. Nur wer in Jerusalem seinen ersten Wohnsitz hat, darf raus und wieder rein. Vorausgesetzt, man gehört zu den Schlüsselpersonen oder kann nachweisen, dass der Weg aus der Stadt unverzichtbar ist für die Daseinsvorsorge.

Da hat Jesus schlechte Karten. Er ist einer vom Land, gehört nicht zu den Stadtbewohnern. Dringende Geschäfte kann er auch nicht belegen. Und Daseinsvorsorge? Das nimmt ihm niemand ab. Ein Zimmermann auf Wanderschaft kann genauso gut woanders bleiben. Die Angst vor einer Ansteckung ist viel zu groß.

Da hätten die Leute gar nicht unrecht. Denn dieser Mann aus Galiläa wirkt ansteckend! Wer ihm begegnet, kriegt Herzklopfen, weil der Himmel plötzlich offen steht. Da wird eine Ewigkeitssehnsucht wach, die einen nicht mehr los lässt. Da droht das berüchtigte Gerechtigkeitssyndrom, das Menschen ständig unbequeme Fragen stellen lässt. Und plötzlich auftretende Visionen vom Leben, in dem alle zu ihrem Recht kommen, alarmieren die Gesundheitsbehörden: Wo kämen wir hin, wenn alle meinten, das Miteinander könnte ohne Krieg geregelt werden!

Heute ist Palmsonntag. Unsere Kirchen bleiben leer. Es muss wohl sein. Aber richtig fühlt es sich nicht an, weil es das Gegenteil von der Geschichte in den Evangelien ist, wie Jesus unter dem Jubel ungezählter Menschen in Jerusalem ankommt. Deshalb müssten unsere Kirchen gerade heute voll sein, und ausgelassene Freude müsste nach draußen dringen.

Andererseits: Schon damals erlebten die Menschen, wie schnell Stimmungen kippen können. Heute grenzenloser Jubel, weil die Menschen in Jesus den starken Mann sehen, der endlich aufräumt. Nur wenige Tage später ein wütender Mob, der Fäuste reckt - voller Frust und Enttäuschung, dass Jesus ihre Erwartungen nicht erfüllt hat. So endet er in einem qualvollen Tod an einem Verbrechergalgen. Wieder draußen, vor den Stadtmauern. Doch diesmal ohne Jubel, dafür lastendes Schweigen des Todes.

Ich merke, dass mir unsere leeren Kirchen weh tun. Wie gut, dass wenigstens die Glocken weiter läuten und daran erinnern: Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben. Denn Ostern kommt. Jesus Christus lebt und steckt uns an: mit dem Glauben, dass Gott da bleibt. Mit der Hoffnung, dass es Zukunft für unsere Kinder gibt. Mit der Liebe zu allem Leben. Mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die alle umschließt. Und mit der Vision, dass sich Dinge ändern lassen – in unserem Land und in dieser Welt. Trotz und nach Corona.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag und Hoffnung in der Seele! Wir hören uns - heute Abend um halb Acht.

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29. März 2020

Der Frühling ist nicht aufzuhalten

von Pfr. Jaime Jung, Erndtebrück

Wer einen Garten pflegt sieht deutlich, wie die verschiedenen Jahreszeiten wirken. In der Natur verläuft jedes Jahr nach dem gleichen, fast unveränderlichen Rhythmus. Grundsätzlich: Es gibt den Neuanfang im Frühling, den hellen Sommer, den stürmischen Herbst, den frischen Winter. Es gibt das Wachsen, das Reifen, das Ernten und das Ruhen. Wie im Jahreslauf gibt es auch im menschlichen Leben einen Rhythmus, in dem Höhepunkte und scheinbare Tiefpunkte sich abwechseln.

Jeder Mensch braucht einen Ausgleich im Leben: Arbeit und sinnvolle Aufgaben, aber auch Freizeit und Erholung. Essen und Trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, aber auch Musik, Blumen und Bilder. Wir brauchen den Frühling unseres Lebens, die glücklichen und bunten Zeiten, in denen wir neue Anfänge wagen können. Wir brauchen den Sommer, das volle Leben draußen in der weiten Welt, die Begegnungen, die Festlichkeiten. Auch der Herbst gehört zu unserem Leben, die Zeit der Ernte, der Dankbarkeit für alles, was uns gegeben wird. Wir brauchen ebenso den Winter, die Zeit des Abschieds und der Einsamkeit. In all seinen Lebensabschnitten braucht der Mensch den Kontakt zu anderen.

Nun erleben wir dieses Jahr eine ungewöhnliche Veränderung. Während draußen nach und nach der Frühling sich von seinen besten und bunten Seiten zeigt, wird uns empfohlen, drinnen zu bleiben: „Alle sozialen Kontakte werden in der nächsten Zeit ruhen müssen“, heißt es in der Politik. Das Normale ist gerade, dass vieles nicht normal ist. Es ist für mich nun so, als wäre mitten im Frühling wieder der Winter ausgebrochen, die Zeit des langen Wartens.

In unserer Region sind wir ja gewohnt, dass es auch mitten im Frühling plötzlich wieder kalt werden kann. Aber wir wissen dann: Auch das wird vorbei gehen. Und für unsere jetzige Situation gilt: Es wird wieder Begegnungen geben.

Was uns noch entgegenkommen wird, steht in Gottes Händen - und das ist gut so. Sicher ist: In allen Jahreszeiten des Lebens ist er bei und mit uns, als treuer Wegweiser und Begleiter. Er kennt unsere Freuden, aber auch unsere Sorgen, Ratlosigkeit und Ärgernisse. Er möchte uns täglich die Kreativität und den Mut schenken, das Beste aus unserer jetzigen Situation zu machen - egal, ob von einem unsichtbaren Virus verursacht oder von einem verzweifelten Herzen empfunden.

Bei der Coronavirus-Krise - samt Quarantäne - geht es nicht nur um Angst und um Verlust, sondern um Fragen, die über die Gegenwart hinausgehen: Wird mir deutlicher, was mir im Leben wirklich wichtig ist? Worauf kann ich und will ich in Zukunft verzichten? Was fehlt mir? Was habe ich in dieser Zeit gewonnen, zum Beispiel an Erkenntnissen über mich selbst und über andere Menschen?

Es mag wie ein Klischee klingen - und ist vielleicht auch eins - aber ich halte fest daran: Alles hat seine Zeit. Der Frühling lässt sich nicht aufhalten.

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22. März 2020

Jetzt gibt's die Zeit

von Pfr. Joachim Cierpka, Lukas

„In der Ruhe liegt die Kraft“ pflegte mein Ausbilder mir zu sagen, wenn ich mal wieder etwas zu hektisch voran wollte. Viele von uns fühlen sich derzeit zu häuslicher Ruhe verurteilt. Jedenfalls merken wir, wie schwer wir uns an verlangsamtes Leben gewöhnen, wie schwer es uns fällt, auf noch unbestimmte Zeit Teilbereiche unseres Lebens in den Ruhemodus zu versetzen.

Die hebräische Bibel kennt das Ruhegebot des Sabbats, das älteste Sozialgebot der Menschheit. Zeit zur Muße, zur Reflexion, zum Gespräch mit Gott, für mich selbst und die, die mir nahe sind.

Natürlich, man kann in diesen Tage sorgenvoll auf das schauen, was derzeit alles nicht möglich ist. Oder aber das annehmen, was plötzlich möglich ist. Die geschenkte Zeit lässt sich sinnvoll füllen. Gerade in so ungewöhnlichen, teils hysterischen Zeiten wie der unseren bietet das erzwungene ‚Jetzt nicht‘ auch Chancen.

Trotz der Sorgen, wie sich die nächsten Tage und Wochen entwickeln, sollten wir uns auch Zeit nehmen, zu uns selber zu finden: Was ist mir wirklich wichtig? Was brauche ich, was ist vielleicht nicht nur dieser Tage verzichtbar? Was ist tragende Säule meins Lebens, und was - obgleich mir sonst selbstverständlich - ist eigentlich eher überflüssige Belastung.

Im Großen gilt das auch für unser gesellschaftliches Miteinander. Vielleicht gelingt uns in diesen Tage der Krise und danach eine neue Ausrichtung, die allen Gewinn bringt. Vielleicht lernen wir eine neue Sprache des Miteinanders. Welche demokratischen Werte dürfen wir im Normalfall genießen. Welche Freiheiten sind unverzichtbar, welche scheinbar unverzichtbaren Freiheiten aber belasten Umwelt und Mitmenschen mehr als nötig und können anders gestaltet werden?

Ich möchte Sie einladen, in dieser Zeit auch die Chancen zu sehen, die für die Gestaltung unseres Lebens durch die erzwungene Zeit des Innehaltens möglich werden. Und ich bin gewiss, dass uns daraus auch Kräfte erwachsen können, die uns nach überwundener Krise mit Freude neues Miteinander im Großen wie im Kleinen gestalten lassen werden.

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15. März 2020

Anschauen - und lächeln!

von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Eine Kollegin, die viel mit afrikanischen Geflüchteten arbeitet, erzählte mir von einer afrikanischen Begrüßungsweise. Der, der beginnt, sagt dem, den er begrüßt wird: „Ich sehe dich“. Und der andere antwortet: „Ich bin da.“

„Ich sehe dich“ - welch vielschichtige Zusage. Ich nehme dich wahr, in all deinen Facetten, ich erkenne dich wieder, ich weiß, wer du bist, kenne deinen Namen, deine Geschichte, deine Hoffnungen und Ängste. Für den, dem dies zugesprochen wird, bedeutet es die Zusage, nicht einer von vielen in einer namenlosen Masse zu sein, sondern herausgehoben zu sein, einen Platz zu haben in der Gemeinschaft, unverwechselbar und eindeutig, verflochten mit anderen Menschen um ihn herum.

Wir Deutschen haben uns darauf eingerichtet, aneinander vorbeizugehen. Wir scannen eben, ob wir die Menschen um uns herum unserem engeren Umfeld zurechnen. Wenn nicht, gehen wir achtlos aneinander vorbei. Wir sagen möglicherweise trotzdem brav „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“, „Bitte“ und „Danke“, aber ohne innere Beteiligung. Wenn jemand dann doch ein freundliches Wort oder sogar ein offenes Lächeln schenkt, ist das Gegenüber dann verwundert, selbst in unserem überschaubaren Wittgenstein, wo man sich doch eigentlich vom Sehen kennen könnte.

Im WDR 2 waren die Hörerinnen und Hörer aufgefordert zu überlegen, wie wir denn einander begegnen können ohne das im Zeichen von Corona zu vermeidende Händeschütteln. Ein Vorschlag war, einander etwas länger anzusehen und einander ein herzliches Lächeln zu schenken. Das erinnerte mich an die afrikanische Begrüßungsweise. Und an das, was im Moment - neben medizinischer Versorgung und kluger Umgangsweise - Not tut: Dass wir einander zugewandt begegnen. Die einen haben Angst um sich oder kranke Angehörige, andere sind cool und gelassen, wieder andere können die Situation nicht einschätzen und fühlen sich völlig verunsichert und hilflos. Wie wir auch empfinden, die Folgen des Corona-Virus beschäftigen uns alle.

Aber es ist viel leichter damit umzugehen, wenn wir einander das Gefühl geben, dass der einzelne nicht allein da steht. „Ich sehe dich, deine Ängste, deine Unsicherheit, dein großes Vertrauen. Aber ich sehe dich nicht nur, ich fühle mich dir nahe, mich mit dir verbunden. Auch wenn ich ganz anders mit der Situation umgehe als du es tust, bist du Teil unseres Miteinanders.“ Und der andere fühlt sich wahrgenommen und angenommen. Die Herausforderungen lassen sich leichter meistern, wenn ich weiß, ich stehe nicht allein da.

Wir müssen keine afrikanischen Bräuche einführen. Das Anschauen und ein warmherziges Lächeln vermögen das gleiche. Wenn wir das lernen würden, dann hätte der Virus wenigstens eine gute Sache bewirkt.

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8. März 2020

Beten ist wie Händewaschen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Infektionskette, Gefahr, Sterbefälle, Hygiene, Isolation, Tausende von Menschen… All das ist schon zum Alltag geworden und - ganz ehrlich - macht mich, je nach Tagesform, mehr oder weniger verrückt. So ein Virus hat schon etwas Bedrohliches. Trotz medizinischer Entwicklung kann uns so ein Winzling in Angst und Schrecken versetzen. Obwohl die Forschung unheimlich weit und gut ist, hat so eine Geschichte wie die Grippe- oder Corona-Epidemie etwas Mittelalterliches. Als man noch nicht so viel über Krankheiten wusste. Wir erleben, wie wir ausgeliefert sind. Und nichts tun können. Und das ist kaum auszuhalten. Ich kann das kaum aushalten. Es muss doch etwas geben, das man tun kann. Allein schon, um nicht nur Angst zu haben.

Als Pastorin bilde ich mir ein, dass ich etwas gegen die Angst tun muss. Jedenfalls etwas parat haben sollte. Hab' ich aber auch nicht immer. Und schon gar nicht bei solch einer unsichtbaren Bedrohung. Hoffentlich verhalte ich mich richtig und bringe nicht auch noch die Familie oder sonst wen in Gefahr. Man trägt ja nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch noch für die anderen. Ein guter Nährboden für die Angst, die sich so immer weiter fressen kann.

Der Virus, die Angst vor der Unsicherheit kann uns voll im Griff haben. Obwohl wir ja bestens informiert sind. Haben Landkarten, in Echtzeit, können genau verfolgen, wie die Spuren von Corona durch die Welt ziehen. Und bleiben dennoch ausgeliefert. Erschreckend, was man lesen muss über Diebstahl von Schutzkleidung oder Desinfektionsmitteln. Angst kann einen wohl auch auf ganz falsche Wege leiten. Angst oder Gier. Ich weiß gar nicht, was mich da mehr erschreckt.

Jedenfalls fühle ich mich wie ein Darsteller in einem Kinofilm. Alles, was man sich früher als besonders gruselig und aufregend ausgemalt hat, wird jetzt wahr. Ich wünschte, einer würde das Licht anmachen und fragen: Möchte noch jemand Eis? „Mein Herz ist voller Verlangen nach deiner Nähe, Gott“, so heißt es im 25. Psalm. Gott wird den Virus wohl nicht stoppen, keine Supersauger vom Himmel schicken, die alles Gefährliche einfach wegsaugen. Aber für mich könnte er das Licht anmachen. Dass ich meine Angst sehen und sie so besser in Angriff nehmen kann. Ich hab' in den vergangenen Tagen festgestellt, dass Beten da so ähnlich wie Händewaschen ist. Ich kann den Virus nicht wegbeten, aber ich kann damit all das Konfuse abspülen. Kann zur Ruhe kommen und wieder klare Gedanken fassen. Besinne mich darauf, dass ein wachsamer Blick auf das Tagesgeschehen am besten ist. Lasse mein Herz ruhiger werden. Und so bete ich: Gott, lass uns da alle durchkommen, gib uns Menschen Kraft in unserer Machlosigkeit. Amen.

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1. März 2020

„Steh‘ auf und geh‘“

von Pfrn. Ute Hedrich, Martin-Luther-Gemeinde Harare, ursprünglich aus Balde

Simbabwe - bekannt durch die Viktoriafälle, den Ex-Präsidenten Robert Mugabe, Diamanten- und Goldvorräte, große Elefantenherden und jetzt, weil es Weltgebetstags-Land 2020 ist. Mit Texten, Liedern, Bildern und Gebeten, die Frauen aus Simbabwe vorbereitet haben, und vielleicht sogar Köstlichkeiten nach Rezepten von dort ist am Freitag in vielen Kirchen das afrikanische Land präsent. „Steh‘ auf und nimm Deine Matte und geh‘“ - dieses Wort aus dem Johannes-Evangelium ist nicht nur das Weltgebetstags-Motto, sondern konkrete Lebenserfahrung von Frauen und Männern hier.

Steh‘ auf und nimm Deine Matte und geh‘ und hole Wasser, weil es dies sogar in der Hauptstadt nur selten noch aus Leitungen gibt und oft nicht richtig geklärt ist: Frauen tragen dann nicht nur Matten, sondern bestimmt auch 20 Kilo auf dem Kopf - Wasserholen aus den Brunnen ist Frauensache.

„Steh‘ auf und geh‘“ sagen Mütter zu ihren Kindern, die sie gerade auf dem Land auf lange Schulwege schicken müssen, mit der Sorge, dass die Kinder vielleicht nicht sicher ankommen. Aber bei teilweise über 80 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ist gute Schulbildung so wichtig. Zugleich machen Mütter sich schon früh auf, um auf Märkten Gemüse oder Eier zu verkaufen, auf dem Feld zu arbeiten. Die Sorge um Haushalt, Kindererziehung, kleines Familieneinkommen tragen Frauen oft allein - in einem Land, wo es kaum formelle Arbeit gibt, sind Männer auf der Suche nach einer Stelle oder im Ausland.

Dennoch klagen die Frauen nicht, lassen nicht ihre Matte liegen und schlafen, weil alles schwierig ist. Sie machen sich auf, erfinderisch mit Kraft Neues zu probieren, konkrete Dinge zu verbessern. So setzten sie durch, dass dort, wo der Schulweg gefährlich war, mit kirchlichem Geld eine neue zentrale Schule gebaut wird und nicht mehr 15 Kilometer Weg anfallen. So haben wir in der Martin-Luther-Kirche in Harare, wo ich in der Gemeinde arbeite, einen Markt, wo nach der Kirche aus eigenen Gärten verkauft wird: Lebensunterhalt für die einen, gutes, frisches, ungespritztes Gemüse für die anderen. Dies ist wichtiger geworden, nachdem durch eine der weltweit höchsten Inflationsraten, sogar Grundnahrungsmittel so teuer sind, dass das Geld noch weniger reicht, die Mahlzeiten pro Tag auf zwei reduziert wurden.

Steh‘ auf, nimm Deine Matte und geh‘ - Jesu Wort an den kranken Menschen in Bethesda befähigt Frauen (wie Männer) aufzustehen, trotz aller Widrigkeiten, weiterzugehen, sich in Arbeit und Gemeinschaft untereinander zu stärken, selbstständige Projekte zu beginnen, immer im Vertrauen darauf, dass Gott neue und oft ungewöhnliche Wege aufzeigt. Mehr davon bei den Wittgensteiner Weltgebetstags-Gottesdiensten. In Harare werden wir einen gemeinsamen großen Gottesdienst im Sportstadium feiern mit Frauen und Männern aus mehr als 20 unterschiedlichen Kirchen.

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23. Februar 2020

Für mehr Wahrhaftigkeit

von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Eigentlich wollte ich einige Gedanken über das Lachen teilen und wie wichtig es ist, wie gut das Lachen tut. Die Nachrichten aus Hanau, die Nachbeben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen und die Aufdeckung einer Verschwörergruppe, die bürgerkriegsähnliche Zustände schaffen wollte, lassen mich aber erst einmal innehalten.

In dieser Zeit sind wir Christen herausgefordert: Es ist nötig, Stellung zu beziehen. Wir müssen uns öffentlich bekennen zu unserem biblisch geprägten Menschenbild, das alle Menschen als von Gott geliebte Menschen sieht, unabhängig von Rasse, Sprache, Bildung und Wohlstand. Wir sind gefordert, für Menschlichkeit einzutreten. Und es ist unbedingt notwendig, dass wir eine neue Kultur der Wahrhaftigkeit und Wahrheit leben. Es darf nicht sein, dass wir durch falsche Informationen und gezielte Manipulation in die Irre geführt werden und uns aufhetzen lassen.

Dieses Bekenntnis „Mitmenschlichkeit und Wahrheit“ ist jetzt dran. Es ist keine Zeit zum Abwarten, denn je länger wir schweigen, umso mehr driftet unsere Gesellschaft auseinander.

Uns können dabei die karnevalistischen Beiträge helfen, denn sie überspitzen die Dinge derart, dass wir nicht drumherum kommen, darüber nachzudenken. Uns helfen Kabarett und Satire aus dem gleichen Grund. Und es hilft uns, uns daran zu erinnern, dass wir bei allem, was wir tun, in Gottes Hand ruhen. Wie Hanns Dieter Hüsch dichtete: „Gott nahm in seine Hände / Meine Zeit / Mein Fühlen Denken / Hören Sagen / Mein Triumphieren / Und Verzagen / Und Elend / Und die Zärtlichkeit“. Und er eröffnete diesen Kehrvers mit den Worten: „Ich bin vergnügt / erlöst / befreit“.

Und damit bin ich dann doch noch beim Lachen.

Wir sollen nicht über Menschen lachen. Niemand von uns weiß, was sie zum dem gebracht hat, das wir als komisch oder albern wahrnehmen.

Aber wir dürfen mit den Menschen lachen, lachen auch über Pannen, Missverständnisse, peinliche Momente. Dann macht das gemeinsame Lachen aus uns Verbündete, wir stärken einander und nehmen den misslungenen Momenten ihre Peinlichkeit. Das Lachen macht uns zu Menschen, die spüren, dass sie erlöst und befreit sind.

Wir werden im Lachen zu Kindern, welche die unzähligen Möglichkeiten des Lebens wahrnehmen. Und wir sind ja Kinder, Kinder unseres himmlischen Vaters. Es stimmt: Wir tragen Verantwortung. Aber in unserer Verantwortung liegt nur das, was zu tun uns möglich ist. Die Verantwortung für das, was uns unmöglich ist, die dürfen wir getrost in Gottes Hand legen.

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16. Februar 2020

Dient einander in der Liebe

von Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

„Kein Millimeter nach rechts“ - letztes Jahr im Konzert in Frankfurt, mit Kolleg*innen aus dem Kirchenkreis unterwegs, sang eine sehr große Menschenmenge mit Herbert Grönemeyer. Überzeugt, dass eine Demokratie es auch aushält, wenn ein Teil der Bürger eine undemokratische, nationalistische Partei wählt. Spätestens seit Mittwoch, 5. Februar 2020, wird deutlich, dass Demokrat*innen nicht schweigen dürfen, wenn Rechtsextremisten, zu denen der radikalste Landesverband der AfD unter der Führung von Höcke gehört, bestimmen wollen, wer regiert.

Fünf leitende evangelische Geistliche haben sich sofort am nächsten Tag positioniert: „Aus christlicher Sicht darf es keine Regierung unter Mitwirkung von Rechtsextremisten geben“. Landesbischof Friedrich Kramer (EKM), Bischof Christian Stäblein (EKBO), Bischöfin Beate Hofmann (EKKW), Kirchenpräsident Joachim Liebig (Ev. Luth. Kirche Anhalts) sowie Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Nordkirche) begründeten es damit, dass „dies […] antidemokratischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Positionen Vorschub (leistet) und […] sie salonfähig (macht). Für Christinnen und Christen aber hat jeder Mensch seine Würde. Aufgabe der Politik ist es nach Artikel 1 Grundgesetz, diese Würde zu wahren und zu verteidigen. Dies kann nicht gelingen, wenn mit Rechtsextremisten gemeinsame Sache gemacht wird.“

Diese klare Positionierung der Kirche fehlte vor 90 Jahren als die NSDAP im Thüringer Landtag die Regierung mitbildete und Hitler von einem Experimentierfeld redete. So weit ist es 2020 nicht gekommen - die Parteien der Mitte haben verstanden, dass sie sich nicht von der AfD abhängig machen können.

Tausende Menschen zeigten gesterm in Erfurt: Nicht mit uns.

Zur Freiheit seid ihr berufen; deshalb sorgt dafür, dass die Freiheit nicht eurer Selbstsucht die Bahn gibt, sondern dient einander in der Liebe“ (Galater 5, 13). So spricht der Apostel Paulus von Freiheit und Liebe. Diese Freiheit und Liebe kann unsere Kirche hoch halten und leben. Sie weiß, wovon sie lebt und was sie weitergeben kann. Sie hat die Freiheit des Glaubens geschmeckt und mit diesem Geschmack auf der Zunge und dem befreienden Wort im Ohr geht sie auf die Menschen zu, die ihr am Wege und unterwegs begegnen. Zur Kirche gehört deshalb immer auch die Wahrnehmung der gegenwärtigen Zeitumstände, unter denen die Menschen leben. Vor ihrem Hintergrund und in sie hinein will die Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes selbstbewusst und fröhlich verkündigt werden.

Kirche will auf Menschen zugehen, die sich ungerecht behandelt fühlen und wütend Hass spucken. Sie will aber auch an der Seite der Menschen stehen, die Hilfe brauchen, die Freiheit suchen und Brot, wenn sie dieses dort nicht mehr finden, wo sie herkommen. Und: Kirche steht dafür in unserem Land, dass Ausgrenzung und Hass, Antisemitismus und engmachender Nationalismus nie wieder Verbreitung findet.

Kein Millimeter nach rechts. Dafür stehen wir weiter auf.

Einen gesegneten Sonntag.

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9. Februar 2020

Einladung zum Neugierig-Machen

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Als ich in den Weihnachtsferien mal in Siegen zum Stadtbummel war, sah ich im Schaufenster eines Geschäftes besondere Thermosflaschen stehen. Ihre Form, ganz leicht - und ohne dieses verspiegelte zerbrechliche Innere. Sie sahen total stylisch aus.

Als ich sie mir näher anschaute, habe ich mir die Frage gestellt: Würde mein Tee darin wohl wirklich heiß bleiben? Und wenn Ja, wie geht das?

Ein paar Tage später bekam ich so eine Flasche geschenkt. Da es jetzt ja meine war, habe ich sie noch mal näher untersucht und sofort ausprobiert. Tatsächlich, sie hielt meinen Tee sehr lange richtig heiß.

Stolz habe ich die Flasche rumgezeigt und immer gleich die Frage in den Raum gestellt: Wie funktioniert das? Denn unsere normalen Thermoskannen, von denen wir ja viele im Gemeindehaus haben, besitzen doch alle diese verspiegelte Innenhülle.

Von den physikalisch gebildeten Menschen bekam ich zur Antwort: Das ist doch ganz logisch. Das ist die extrem gute doppelwandige Vakuumisolierung der Thermosflasche.

Die Erklärung war simpel. Ganz einfach. Klar, für alle die, die es wussten. Und als es mir erklärt wurde, auch für mich.

So im Nachhinein habe ich mich über mich selbst gewundert: dass mich so etwas Neues und für mich Ungewöhnliches so neugierig machen kann.

Ich habe mich dann gefragt, gibt es wohl auch etwas im christlichen Glauben, das jemand so spannend findet, dass er neugierig wird, nachfragt und ausprobiert? Was könnte das wohl sein?

Eigentlich ist der kirchliche Unterricht ja ein Ort, um neugierig zu machen. Viele Kinder kommen heutzutage ohne Vorbildung in diesem Bereich in den Unterricht. Sie kennen die biblischen Geschichten kaum noch. Beten und christliche Inhalte und Gott sind ihnen fremd.

Schaffen wir es, sie neugierig zu machen? So, dass sie christlichen Glauben ausprobieren, ihn drehen und wenden. Und dann für gut befinden? Zum Glück haben wir viele Mitarbeiter in der Jugendarbeit, die uns dabei unterstützen. Und außerdem? Was macht Erwachsene heutzutage noch neugierig? So dass sie etwas ausprobieren und für gut befinden? Eine spannende Frage. Man muss wirklich mal darüber nachdenken. Lassen Sie sich doch auch selbst mal darauf ein!

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2. Februar 2020

„Los, machen wir es hell“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Was machen Sie eigentlich mit nicht abgebrannten Adventskranzkerzen? Bei mir ist es jedes Jahr das Gleiche. Im Advent denke ich noch so, zünd' den Kranz nicht zu oft an, dann ist er nicht so schnell abgebrannt. Und Anfang Januar hab' ich dann die vier Kerzen in der Hand und weiß nicht wohin damit. Man kann sie ja schlecht bis zum nächsten Advent verwahren. Kerzen auf dem Adventskranz müssen doch unverbraucht und noch ganz neu sein. Also, stehen sie jetzt hier, noch in der Schale, aber ohne Tannengrün und Apfelsinenscheiben. Gewissermaßen als Erinnerung an die gemütliche Zeit im Dezember.

An diesem Wochenende ist es aber nun wirklich vorbei. Der Weihnachtsfestkreis endet, auch im Kirchenjahr. Dann müsste jetzt auch der letzte Stern und der letzte Tannenzweig verschwinden.

Was sind Sie denn für ein Typ? Alles höchstens bis zum 6. Januar und dann die Deko sofort komplett umstellen? Oder hängen Sie dem Heimeligen und den schönen Dingen auch noch ein bisschen nach und räumen nur erst langsam alles weg? Abends hab' ich unterwegs tatsächlich noch in drei Fenstern Sterne leuchten sehen.

Und weil die liturgisch verordnete Zeit des Lichtes jetzt zu Ende ist und es dann bald schon wieder auf die düstere Passionszeit losgeht, will ich heute noch mal total adventlich dazu aufrufen: Tragt in die Welt nun ein Licht!

Licht brauchen wir nämlich immer. Nicht nur im Dezember, nicht nur in den dunklen Wintermonaten. Wir müssen immer wieder dunkle Winkel erhellen. In Köpfen, hinter Mauern und ganz besonders in den Herzen. Wie dunkel können Beziehungen zwischen Menschen sein. Nicht nur in den Partnerschaften, auch inder Familie, zwischen Freunden, Kollegen und Kameraden. Wie düster fühlt es sich an, wenn man Bindungen abbrechen muss, aus welchem Grund auch immer. Abschiede, für immer oder auch nur für eine bestimmte Zeit, selbst gewählt oder hilflos ausgeliefert, ziehen wie eine dunkle Wand im Leben auf.

Tragt in die Welt nun ein Licht! Macht es hell! Findet den Lichtschalter! Zündet die alten Kerzen an und stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel. Hört sich abgedroschen an, wie auf einem Motivationsseminar. Ist aber so! Wir brauchen unendlich viel Licht, um uns im Alltag der Welt und eines jeden Lebens nicht zu verlaufen. Los, machen wir es hell!

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26. Januar 2020

„Mit Jesus diese Welt aushalten“

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

In meiner Zeit als Klinikseelsorger hat ich mich eine Beobachtung besonders beeindruckt: Wie manche Patientinnen und Patienten sogenannte schwere Schicksalsschläge überwunden haben. Sie erzählten von eigenen Krankheiten, von mehreren Sterbefällen - auch eigener Kinder - in ihren Familien, von materiellen Verlusten, von der Aufgabe der Heimat. Das Auffällige war bei vielen, dass sie nicht in eine Depression geraten, nicht verbittert, nicht gebrochen waren. Sie wirkten wohl getroffen, vom Leben gezeichnet, aber immer noch dem Leben zugewandt.

Wir haben umgangssprachlich dafür das Bild des Stehaufmännchens geprägt. Man kann dieses Männchen - warum sagt man eigentlich nicht Stehauffrauchen? - auf einer Seite nach unten drücken, und wenn man es loslässt, richtet es sich wieder auf. Der tiefe Schwerpunkt verschafft dieser Figur Standfestigkeit und Stabilität. Das gilt beispielsweise auch bei Sportautos oder im Kampfsport, das gilt für unser ganzes Leben, wir brauchen einen tiefen Schwerpunkt.

Der Apostel Paulus hatte diesen Grund in seinem Leben gefunden, sodass er schreiben konnte: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ (2. Korinther 4, 8f.) Warum nicht? Seine Antwort: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (Vers 10) Mit Jesu Sterben meint er nicht nur die Todesstunde Jesu, Paulus hat vielmehr das ganze Leben Jesu im Blick.

Jesus, der mit Gott, seinem himmlischen Vater, eins war (und ist) hat einen Schmerz über diese kaputte Welt empfunden, den wir niemals ermessen können. Er hat die Gottesferne durchmessen. Es muss ihm das Herz zerrissen haben, wenn er das Elend der Menschen sah, das wir im hohen Maße selbst verschulden, dabei könnten wir doch in der Einheit mit Gott leben, die er uns angeboten hat.

Ähnlich zerreißt es Eltern ihr Herz, wenn sie sehen, wie ihr Kind einen katastrophalen Weg einschlägt, sie es aber nicht darin hindern können. Wie soll man dann reagieren? In Liebe dem Kind zugewandt bleiben! Macht Gott, der himmlische Vater, auch. Und das heißt, die Situation annehmen, wenn ich sie nicht ändern kann, sie aushalten und durchkämpfen. So haben sich auch viele der eingangs erwähnten Patientinnen und Patienten durchgekämpft, sind nicht einfach in die mannigfachen Betäubungsmöglichkeiten dieser Welt geflüchtet. Das kennzeichnet auch unseren Glauben: Mit Jesus diese Welt aushalten, die noch nicht das Paradies ist; es gibt keine andere. Das klingt erst einmal wenig attraktiv, hat aber eine große Verheißung. Denn wenn ich diesen tiefen Schwerpunkt in Gott habe, habe ich Bestand: in dieser und in Gottes neuer Welt.

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19. Januar 2020

Puzzleteile in unserer Hand

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

„Ach, ich kann die ganzen Bilder gar nicht sehen! Das zerreißt einem ja das Herz!“
„Die armen Koalas, die sind so süß, und jetzt sind so viele verbrannt!“
„Ich habe gehört, über eine Milliarde Tiere sind gestorben!“
„Das ist so gemein, wir Menschen sind verantwortlich - und die armen Tiere müssen das ausbaden!“
Stimmen aus der vergangenen Woche, quer durch alle Alters-, Gemeinde- und sonstigen Gruppen.

Daneben:
„Es kann doch nicht wahr sein, dass man einen Cent bezahlen muss, wenn man seine eigene Dose für den Aufschnitt mit zum Metzger bringt!“
„Da werden die noch bestraft für ihre Umweltfreundlichkeit!“
„Die da oben müssen endlich mal umdenken und das ändern!“
Reaktionen auf einen Zeitungsartikel, ebenfalls aus unterschiedlichsten Mündern.

„Klimahysterie als Unwort - so ein Quatsch! Das ist doch wirklich hysterisch, was da mittlerweile abgeht!“
und – ganz anders:
„Endlich mal ein wirklich passendes Unwort! Ich kann es nicht fassen, dass es immer noch Menschen gibt, die versuchen, den Klimawandel wegzureden. Es ist doch gut, dass endlich was getan wird und dass das Thema ist. Das ist keine Hysterie! Es ist fünf vor Zwölf!“
Beides habe ich gehört – -und Leserbriefe in der Presse spiegeln beides wider.

Diese Stimmen, diese Meinungen sind für mich wie ein großes Puzzle zum Thema Klima, Schöpfung und Verantwortung. Sie zielen auf ganz verschiedene Aspekte, die doch alle dazu gehören und alle wichtig sind. Manche Puzzleteile fügen sich ineinander, manche sind sperrig, manche passen nicht.

Wichtig ist dabei doch: Welches Puzzle-Teilchen lege ich? Welche Stimme bringe ich ein?

Nun, ich bin Pfarrerin, Theologin, und als solche ist für mich ganz klar: Wir haben einen Auftrag – nämlich den, Gottes Schöpfung zu bewahren (1. Mose 2, 15).

Und ich bin Mutter, und als solche! ist für mich ganz klar: Damit können wir nicht warten, bis es fünf nach zwölf ist. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern.

Es bleibt die Frage, wie wir das leben, jede und jeder für sich. Vielleicht, indem wir unsere Aufschnitt-Dose mit zum Metzger nehmen. Vielleicht, indem wir an manchen Stellen auf Fleisch verzichten. Faire Kleidung kaufen. Müll vermeiden. Ja, ich weiß, kleine Schritte. Und ja, ich weiß auch, dass die da oben in der Welt ihren Kurs ändern müssen.

Aber ich erinnere mich an ein Graffiti, dass jemand an eine Wand der Ruhruniversität Bochum gesprüht hatte: „100 000 sagen: Ich alleine kann ja doch nichts tun.“

In diesem Sinne - lassen Sie uns unser Puzzleteil gestalten!

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12. Januar 2020

Gesegnetes Wachsen und Reifen!

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Will ich so bleiben, wie ich bin? Wenn Sie, wie ich, auch schon drei Jahrzehnte mit Leichtigkeit zurückblicken können, dann denken Sie jetzt vielleicht ebenfalls an eine Frau in figurbetonter Kleidung, die eine neue kalorienreduzierte Nahrungsmittelmarke entdeckt hat, die ihr genau das erlaubt, und so trällert sie fröhlich: Ich will so bleiben, wie ich bin.

Nein, ich will nicht so bleiben, wie ich bin. Natürlich habe ich gute Vorsätze gefasst. Sie auch? Noch ist das Jahr ganz jung. Es ist gut, sich etwas vorzunehmen für das neue Jahr. Und dazu gehören auch die guten Vorsätze. Denn sie zeigen: Wir nehmen unser Leben kritisch in den Blick, wir sagen nicht: Weiter so! Sondern wir schauen hin, wir bewerten, wir entdecken, was anders werden könnte und was anders werden sollte. So entwickeln wir uns, wie wir uns ja immer verändern und entwickeln, solange wir leben. Denn gestern hatten wir noch einen anderen Blick auf das Leben und auf uns selbst, und morgen werden wir auch wieder anders darauf schauen. Heute erweitern wir unseren Horizont und verarbeiten die Dinge, die uns begegnen. So entwickelt sich alles, was lebt.

An uns selbst merken wir es meist nicht, wie wir uns von Jahr zu Jahr verändern. Leichter bemerken wir das bei Menschen, die wir lange nicht gesehen haben oder die wir, wie unsere Kinder, über lange Zeit begleiten dürfen.

Um eine Entwicklung geht es auch in der Jahreslosung für 2020, die hier schon mit einem ausführlichen Artikel bedacht wurde. „Ich glaube“, sagt ein verzweifelter Mensch da zu Jesus, „hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9, 24) Auch der Glaube darf sich entwickeln, ja, er verändert sich lebenslang, er wird reifer und anders - hoffentlich, denn ein Kinderglaube kann uns, wenn wir erwachsen sind, nicht tragen; und wenn er uns als Kinderglaube zu klein geworden ist, dann werfen wir ihn schnell leichtfertig über Bord, und er kann nicht weiter mit uns wachsen.

Wie nah ist mir die kurze Szene von Herrn Keuner, die uns Bert Brecht geschenkt hat:
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘, sagte Herr K. und erbleichte.“

Es wäre in der Tat erschreckend und zum Erbleichen, wenn wir uns nicht verändern würden! Das ist die Kunst des Lebens: Zu wachsen, zu reifen, sich gegebenenfalls anzupassen, andere Wege zu suchen, manches zu integrieren, manches abzuwerfen, etwas hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen - und dabei immer wieder mal innezuhalten: In welche Richtung möchte ich mich verändern, was will ich zurücklassen, was möchte ich wagen?

So wünsche ich Ihnen ein entwicklungsreiches Jahr, das Sie nicht unverändert lässt, ein gesegnetes Jahr, das uns reifen und wachsen lässt.

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5. Januar 2020

Gottes Sternzeichen

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Fast jede Zeitung bringt am Wochenende ein Horoskop. Da liest der Krebs, was seine Gefahren und was seine Chancen in den nächsten Tagen sind. Erstaunlich, wer alles daran glaubt!

Ist was dran?

Ich meine: Ja. Die Bibel berichtet ausdrücklich: Bei der Geburt und bei der Kreuzigung waren Zeichen am Himmel zusehen - bei der Geburt ein Stern, beim Tod eine Sonnenfinsternis. Es hing das Geschehen auf der Erde irgendwie mit dem Kosmos zusammen. Und das ist heute nicht anders. Die Frage ist nur: Wie sieht der Zusammenhang aus?

Sehen wir uns die beiden Verse von Matthäus 2, 1 und 2 an:

„Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: ‚Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben sein Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.‘“

Uns soll der Stern von Bethlehem beschäftigen. Eigentlich ist er die natürlichste Sache der Welt. Dass wir uns über ihn wundern, zeigt nur, wie weltfremd wir sind. Vielleicht dass die Astronauten uns wieder die Augen für den Zusammenhang zwischen uns und dem Weltraum öffnen. An sich müsste dieser Zusammenhang selbstverständlich sein, auch und gerade für den Christen. Wie oft heißt es in den Psalmen: „Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.“ Sollte Gott die Geburt seines Sohnes nicht auch durch ein Stern anzeigen! Und sollten Menschen wie diese Weisen nicht dieses Zeichen lesen können!

Wir heute merken langsam wieder: Mancher ist wetterfühlig. Sonnenschein macht gute Laune, Regen schlechte. Warum sollen nicht auch andere Planeten uns beeinflussen! Und warum soll dieser Einfluss nicht bei meiner Geburt beginnen! Schon meine Eltern und Voreltern haben mir eine bestimmte Erbmasse mitgegeben. Die Kultur prägt mich. Mein Unbewusstes trägt in sich uralte Bilder aus der Erfahrung meiner Urahnen. Ich bin ein unentwirrbares Geflecht von Einflüssen. Und da sollte zwischen mir und den Sternen eine isolierende Wand bestehen?! Das Wunder meiner Geburt und meiner Eigenart wird durch meinen Bezug zu den Sternen größer.

So weit, so gut. Aus diesem guten Glauben wird aber dämonischer Aberglaube, wenn - ja wenn der Einfluss für mein Schicksal gehalten wird. In den Sternen steht eben nicht mein Schicksal. So wenig meine Gene mein Schicksal sind; wir sind nicht programmiert wie ein Roboter. Und so wenig wir willenlos der Gesellschaft oder unserem Unbewussten ausgeliefert sind. Ich bin von Gott als eine einmalige, unverwechselbare Person geschaffen. Auch die Milliarden Menschen zählt er und nennt sie mit Namen. Bekanntlich besitzt jeder eigenen Fingerabdruck. Erst recht seine persönliche Eigenart. Die Sterne, die Gene, die Triebe, die gesellschaftliche Systeme und was sonst noch uns zu bestimmen scheinen - das alles sind nur Einflüsse, mehr nicht. Was wir aus ihnen machen, ist unsere Entscheidung.

Dass wir von dem Einfluss der Sterne wissen, soll uns zur Andacht führen vor dem Wunder, das in Jesus uns widerfährt. Ich soll Gott loben, dass er Himmel und Erde in Bewegung setzte, damit Jesus geboren wurde. Meine ganze Natur, so wie sie auch durch den Einfluss der Sterne zustande kam und täglich neu gestaltet wird, mein ganzes Wesen soll in den Dienst Jesu gestellt werden. Wenn ich so lebe, ist die Aufgabe, die die Sterne an mir haben, erfüllt.

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.