Angedacht

22. Mai 2022

Geprägt heißt nicht erstarrt
von Pfarrerin Kerstin Grünert, Erndtebrück

Warum sind wir eigentlich so, wie wir sind? Warum denken, handeln und reden wir so? Das ist unsere Prägung. Das scheint eine plausible Antwort zu sein. Das Umfeld, die Kultur, Menschen, bestimmte Werte, all das hat einen Einfluss. Als Mensch suche ich mir das heraus, was für mich wichtig, sinnvoll und wertvoll ist. Manches wird mir aber auch einfach zugeschrieben, obwohl ich es vielleicht gar nicht für mich selbst in Anspruch nehme. Klar, das sind die Erwartungen, die die anderen an mich haben. Als Mensch, als Frau, als Mutter, als Pfarrerin und was ich auch sonst noch für Rollen ausfüllen mag. Wenn diese Prägungen und Erwartungen mal sichtbar gemacht werden könnten, etwa als Klebezettel, die einem anhaften, dann wäre jeder und jede von uns sicher ganz schön zugepflastert.

Geprägt zu sein, ist an sich erst einmal nicht schlimm, auch nicht gefährlich. Kann ich ja nichts für. Geprägt und erstarrt zu sein, das ist schon eher bedenklich. Werte können sich verändern. Ich kann auch in Abgrenzung zu meiner Prägung leben und handeln, in dem Bewusstsein, dass hier und da doch immer wieder Dinge aus der alten Prägung aufblitzen können. Ich kann mich neuen Prägungen zuwenden und auch selbst andere prägen. Wichtig ist, dass alles in Bewegung bleibt. Geprägt heißt nicht erstarrt.

Münzen sind geprägt. Und am besten gehören Münzen in eine Schatzkiste. So könnte ich es auch mit Prägungen machen, die ich von früher her kenne, die ich auch schätze, die ich aber nicht weiter als Hauptzahlungsmittel verwenden möchte. Nur weil ich weiter denke, neue oder andere Werte formuliere, muss ich die alten ja nicht verleugnen oder wegwerfen. Loswerden kann ich meine Geschichte ja nie. Also packe ich sie, wie die Münzen in eine Schatzkiste. Da hab‘ ich einen Vorrat, da ist meine Geschichte. Manche sagen dazu auch Wurzeln. Mir gefällt das Bild der Münzen ganz gut, weil es ein munteres Bild ist. Münzen klimpern, wenn sie aneinanderstoßen. Manchmal verdecken sie einander, können zusammengelegt oder neu sortiert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein Mensch ist so, wie er ist. Oder sie. Ich bin so, wie ich bin, mit den unterschiedlichen Münzen in der Tasche oder in der Schatzkiste. Die Welt fordert mich heraus, jeden Tag neu über meine Prägung nachzudenken und zu überlegen, wie ich durch mein Handeln, Denken und Reden präge. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gefällt der Gedanke der Schatzkiste. Da kann ich rein räumen, manches drin verstecken, aber es ist eben trotzdem wertvoll. Und man bleibt im Denken mobil und die Gefahr zu erstarren ist geringer. Wie war das noch beim kleinen Tiger und beim kleinen Bären: Komm', wir finden einen Schatz.

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.