Angedacht

18. April 2021

Gerade für die im Dunkeln auf dem See
von Pfarrerin Claudia de Wilde, Hemschlar

Mit 35 jungen Menschen und einigen Mitarbeitern leben wir für zwei Wochen zusammen in urigen Blockhäusern mit Kamin im Wald am Ufer des Saimaa-Sees in Finnland - eine Freizeit des CVJM zu Beginn der 90er Jahre. Auf einige von den Jugendlichen wartet ein besonderes Abenteuer, weil ein zuverlässiger Mitarbeiter eine mehrtägige Bootstour vorbereitet hat. Mit den kleinen Motorbooten wollen sie ein paar Tage das Saimaa-Seengebiet nach Karte erkundigen und in Zelten am Ufer übernachten. Die Gruppe verabschiedet die acht Abenteurer am Strand. Für den vierten Tag erwarten wir sie zurück.

Aber dann warten wir vergeblich. Am vierten Tag ist kein Boot in Sicht. Und wir haben in den Jahren noch keine Handys. Unser Leiter setzt sich ins Auto und fährt die Küstenstraßen ab. Er findet sie nicht. Unruhe machte sich breit, die Stimmung in der Gruppe ist gedrückt. Ob den Abenteurern etwas passiert ist? Ob sie die Orientierung verloren haben? Ob der Proviant, das Wasser reichen? Wir sind in großer Sorge.

Einer kommt auf die Idee für eine Strandparty. Wir zünden abends am Strand mehrere Lagerfeuer an, Küstenfeuer, die den Bootsfahrern den Weg zeigen sollen. Einer bringt seinen CD-Player an den Strand, und so tanzen wir zur Musik im Schein des Lagerfeuers. Die ausgelassene Stimmung kann nicht hinwegtäuschen über das, was uns bedrückt. Aber dann entdeckt einer im Mondlicht die Boote auf dem See, noch in weiter Ferne. Sie rudern langsam herbei. Als sie ankommen, bestürmen wir die Gruppe mit Fragen.

Das Benzin hat nicht gereicht. Es war berechnet für die gesamte Strecke, aber auf windigem See fuhren sie im Zickzack, damit die Boote nicht kentern, und so war der Tank schneller leer als gedacht. Den Rest der Strecke mussten sie rudern, und das dauerte. Aber jetzt feiern sie mit uns, essen und trinken sich satt und tanzen mit uns am Strand in der Nacht im Schein der Lagerfeuer.

Ob es damals so ähnlich war, als die Jünger nach einer erfolglosen Nacht vom Fischen zurückkamen? Kein einziger Fisch war ihnen ins Netz gegangen. Eine erfolglose Nacht, nichts zu essen, kein Verdienst in Sicht. Sie sind verzweifelt, hungrig, ungeborgen, es ist kalt. Jesus steht morgens dort am Ufer, wartet am Lagerfeuer auf sie und versorgt sie mit Brot und Fisch. Nach der Dunkelheit und der Verzweiflung werden sie erwartet. Jesus sorgt sich um sie, versorgt sie mit dem, was nottut. Und sie werden satt an Leib und Seele.

Diese Geschichte (nach Johannes 21) muss immer wieder erzählt werden - vor allem denen, die noch in der Nacht auf dem See sind. Damit sie die Küstenfeuer entdecken und den, der am Ufer mit Brot und Fisch auf sie wartet. Damit sie sich aufwärmen und satt werden können.

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.