Angedacht

9. August 2020

„Aufeinander achten, miteinander lernen“
von Pfarrerin Silke van Doorn, Bad Laasphe

„Uns ist heut' ein Kind geboren. Ein Sohn ist uns gegeben.“ Es ist nicht Weihnachten. Aber Jesajas Jubelruf liegt doch auf den Lippen derjenigen, die ein Kind geschenkt bekommen. Ich bin gerade eben wieder Großmutter geworden. Constantin ist vor einer Woche glücklich angekommen. Das Gefühl, ein Neugeborenes im Arm zu halten, ist immer wieder wunderbar und überwältigend. Es ist ein Geschenk in eine Zeit hinein, die uns vor neue Herausforderungen stellt. Die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen ist noch größer geworden.

Lasset die Kinder zu mir kommen“, sagte Jesus. Segnen will er die Kinder, teilhaben lassen, denn sie sind das Wichtigste. Seine Jünger sind ganz anderer Ansicht. Sie wollen von ihrem großen Idol lernen. Lernen: Nun sollen die Kinder wieder zum Lernen in die Schule. Die Herausforderung ist groß: Niemand weiß genau, ob durch die Urlaubsrückkehrer die Corona-Zahlen wieder sehr in die Höhe schnellen. Wir wissen vom ersten Shutdown, dass bei allen Bemühungen von Lehrer*innen und Eltern, viele Kinder nicht zum Lernen gekommen sind. Es sind gerade die Kinder, die sowieso schon Schwierigkeiten haben: Weil sie in prekären Verhältnissen leben. Weil sie keinen Zugang haben zu elektronischen Medien. Weil sie nicht zu den Aufgaben kommen, die ihre Lehrer*innen ihnen eigentlich stellen. Weil die Vertrautheit im Umgang mit E-Learning in vielen Schulen überhaupt noch nicht geschaffen sind. Nun sind die Vorgaben für das Öffnen der Schulen durch die Landesregierung nicht immer nachvollziehbar.

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Bedingungen in den Schulen endlich verbessert werden: Dass Seife und gute Sanitäreinrichtungen selbstverständlich werden. Dass Platz in den Klassenräumen ist. Dass wir einen neuen, sehr vorsichtigen und umsichtigen Umgang miteinander lernen, so dass Abstand- und Anstandsregelungen mit herzlichem, fröhlichem Miteinander-Wahrnehmen gelebt werden. Dass Freude über das wieder mögliche Miteinander gezeigt wird, ohne dass es gefährlich wird. Lasst die Kinder in die Schule kommen und miteinander sein. Lasst uns aufeinander achten und miteinander lernen. Für unsere Kinder.

Jedes Neugeborene weckt in jedem Menschen das Gefühl, dass wir es bewahren wollen und für das Baby unsere Welt. Mit jedem neuen Menschen, der uns anvertraut wird, erneuert Gott sein Versprechen, dass er Zukunft und Hoffnung will für seine Schöpfung.

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.