Angedacht

17. Oktober 2021

Die positive Kehrseite der Gefahr
von Pfarrer Matthias Elsermann, Kreuztal

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlin hat dieses oft zitierte Wort gedichtet. Über 200 Jahr ist es alt, aber doch nicht veraltet. In diesen zwei kurzen Versen steckt Hoffnung und Ermutigung. Denn Gefahren und Schwierigkeiten sind uns vertraut. Schnell fühlen wir uns ohnmächtig und schwach. Alles scheint uns über den Kopf zu wachsen. Für Hölderlin aber vergrößert sich nicht die Krise. Er stellt fest: In der Gefahr wächst - das Rettende auch! Eine gehörige Portion Optimismus steckt in dem Satz. Dabei formuliert er keine Verheißung. Er drückt auch nicht einen Wunsch aus. Sondern er macht eine Feststellung: so ist es und nicht anders: es wächst - das Rettende auch!

Vielleicht hat sich dieser Satz auch in diesem Sommer bewahrheitet. Auf der einen Seite haben wir mit Entsetzen und tiefer Betroffenheit das Leiden und die Verluste der durch die verschiedenen Hochwasser betroffenen Menschen wahrgenommen. Aber dann durften wir auch die Bilder sehen und Berichte lesen von dem Einsatz der Freiwilligen, die zu Hilfe kamen - auch aus unserer Region!
„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Die erschreckende Seite der Gefahr hat auch eine positive Kehrseite: Diese ist Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Zitate werden oft aus dem Zusammenhang gerissen. Und es lohnt, sich bei diesem Zitat zusätzlich auf die ersten beiden Verse des - insgesamt sehr langen - Gedichtes „Patmos“ von Hölderlin zu schauen:
„Nah ist,
und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch.“

Wenn ich diese Verse lese, dann kann ich nicht anders, als in dem „Rettenden“, von dem Hölderlin spricht, die Nähe Gottes zu entdecken. So wird der für uns Menschen schwer zu fassende Gott konkret. Seine Gegenwart wird in dem rettenden Handeln erfahren. So stellt uns auch Jesus in seinen Gleichnissen Gott vor: In dem jeweiligen Geschehen, von dem die Gleichnisse erzählen, wird Gott mitten in dieser Welt erkennbar, wächst mitten unter uns sein Reich. Sei es im Rettungshandeln des barmherzigen Samariters für den unter die Räuber Gefallenen, sei es im Suchen und Finden des verlorenen oder verirrten Schafes. Im rettenden, helfenden Handeln des Menschen wird Gott erfahren und sein Reich erlebt.

Daran erinnert uns Hölderlin mit seinen Zeilen. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass wir in Gefahr nicht überwältigt werden und unterliegen. Gott ist nah, das Rettende wächst!

Dies lässt uns Menschen anders mit Gefahren umgehen. Wir müssen uns ihnen zwar immer noch stellen. Wir können ihnen nicht ausweichen. Wir können uns auch keinen hundertprozentigen Rundumschutz verschaffen. Aber wir dürfen auf Gott vertrauen und gewiss sein, dass das Rettende wächst. In der Gefahr werden wir so auch die positive Kehrseite erfahren: Solidarität und Hilfsbereitschaft.

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Matthias Elsermann ist seit 1. August der Schulreferent der Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein.

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.