Angedacht

25. September 2022

Einladung zum Gemeinsam-Feiern
von Pfarrerin Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

: Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön, Offenheit, Expertise, Zukunft, Heimat, Berührt-Sein, Kraft, Freude, Fülle, Ganz-Sein… Mit diesen Begriffen fassten Teilnehmer*innen eines kreiskirchlichen Ausschusses ihre besondere ökumenische Erfahrung zusammen. Ich hatte sie gebeten, sich an ein ökumenisches Erleben zu erinnern, das für ihren Glauben wichtig geworden ist, und dann dafür ein Wort zu finden. Viele der Geschichten beschrieben Gottesdienste, die man mit kirchlichen Partnerschaftsgruppen bei gegenseitigen Besuchen oder als Gast in einem anderen Land gefeiert hat.

Die Begriffe sind treffende Beschreibungen für mein aktuelles Gottesdienst-Erleben Anfang September auf der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe mit Delegierten aus rund 350 Mitgliedskirchen der ganzen Welt. Im Messegelände war ein großes Zeltdach aufgespannt, unter dem vor und nach allem Diskutieren und Arbeiten Gottesdienste gefeiert wurden. Es war für mich nicht nur eine örtliche, sondern auch die inhaltliche Mitte dieses Treffens. Vieles war ungewohnt: maronitisch-liturgische Gesänge, das polynesische Lied, fremde Sprachen, fremde Klänge, fremde Liturgien. Aber im Gottesdienst miteinander verbunden zu sein als die eine Kirche Jesu Christi weltweit und durch alle Zeiten hindurch entsprach für mich im Erleben genau den Begriffen von oben: Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön…

Jede und jeder kennt und schätzt die eigene kirchliche und gottesdienstliche Tradition, ist in ihr beheimatet und kann genau deswegen in der anderen zuhause sein und mitfeiern. Solche ökumenischen Erfahrungen sind für mich nicht einfach nette Erlebnisse einzelner, ein Sahnehäubchen für das kirchliche Grundprogramm. Sondern sie bilden Kirche in ihrem eigentlichen Wesen ab, nämlich in aller Verschiedenheit im Glauben verbunden zu sein.

Und sie sind für mich ein Schlüssel für Kirche-Sein im 21. Jahrhundert, gerade hier im ländlichen Raum: Es sind doch so viele Christ*innen aus unterschiedlichsten Ländern und Traditionen bei uns in den Ortschaften angekommen und leben hier. Wie können wir mit ihnen zusammen Gottesdienst feiern? Mit der Baptistin aus Nigeria, dem Kopten aus Ägypten, und aktuell den Geflüchteten aus der Ukraine mit orthodoxem Glauben. Zu den großen kirchlichen Festen oder bei Hochzeiten und Taufen werden sie sicher in ihre Kirche fahren in eine größere Stadt, wo es eine entsprechende Gemeinde gibt. Aber für den Gottesdienst am normalen Sonntag ist doch die Kirche vor Ort das in jeder Weise naheliegende.

Es sind dazu wohl zwei Dinge nötig: Erstens müssen wir selbst in unserer Tradition und in unseren Gottesdiensten beheimatet sein und sie lieben. Und zweitens müssen wir anderen Ausdrucksformen des Glaubens auch Raum geben, vorzukommen. Also nicht nur einladen, mitzufeiern, sondern gemeinsam feiern! Und dann werden wir hoffentlich von dem Gottesdienst am Sonntag erzählen, was wir in ihm erfahren haben: Weite, bewegend, etwas Besonderes, wunderschön…

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Claudia Latzel-Binder arbeitet seit diesem Jahr im Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung der Evangelischen Kirche von Westfalen

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Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, in der Pfarrer*innen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein jeden Samstag zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind die Verfasser*innen. Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leser*innen als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der heimischen Gemeinden zu besuchen.