Herzlich willkommen in der Girkhäuser Kirche

• Übergangsbau Romanik-Gotik, mehrere Vorgängerbauten
• ehemalige Wallfahrtskirche bis Mitte des 16. Jahrhunderts
• Einsturz des dreijochigen Mittelteils 1680, von da an isoliert stehender Kirchturm
• „Marienglocke“ ist die älteste Glocke Wittgensteins
• Epitaphien aus dem 14. Jahrhundert
• Weihe-Inschrift aus dem Jahr 1298

Der Ort Girkhausen wird zum ersten Mal 1220 als ‚Gerharttinkusin‘ erwähnt, dürfte aber erheblich älter sein.

Geprägt wird das Ortsbild des im oberen Odeborntal gelegenen Dorfes von der alten Kirche und ihrem markanten, etwas abseits stehenden mächtigen Kirchturm. Der Turm war ursprünglich mit der Kirche verbunden. Das zwischen ihm und der heutigen Kirche befindliche dreijochige Mittelteil des Schiffs stürzte 1680 ein und wurde aus Kostengründen nicht wieder aufgebaut. Errichtet wurde die Kirche an einem exponierten, hochgelegenen Punkt unmittelbar neben der Mündung des Osterbaches in die Odeborn. Rund um das Kirchengebäude war bis 1875 die Begräbnisstätte für Girkhausen.

Die evangelisch-reformierte Kirche zu Girkhausen stammt aus der Übergangszeit der Romanik zur Gotik, ist aber größtenteils als gotisch anzusehen. Baubeginn war vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der Chor ist zweischiffig und einjochig mit 5/8 Schlüssen. Die beiden Apsiden sind mit einem rundbogigen Durchbruch verbunden. Eines der Zierbänder an diesem Durchgang ist mit Eichen- und Ahornlaub umkränzt.

Im Schiff sind spitzbogige Gurten, die Pfeiler dort sind unregelmäßig angeordnet; im Chorraum sind Säulen, Wandvorlagen mit Halbsäulen und Konsolen anzutreffen, die als rein gotisch anzusprechen sind. Die beiden Joche sind nahezu baugleich; welch imposanter Bau muss die Girkhäuser Kirche vor dem Wegfall der drei westlichen Joche gewesen sein?

Dennoch übt sie auch heute noch ihren besonderen bau- und kunstgeschichtlichen Reiz aus. Die Fenster in den Chören sind spitzbogig und zweigeteilt, mit Maßwerk in den Chorschlüssen. Ein spitzbogiges und einteiliges Fenster ist auf der Nordseite über der Empore anzutreffen; flachbogig erweitert ist das Fenster auf der Südseite des Schiffs. Hervorzuheben sind die beiden großen Rosetten im Nord- und Südjoch, die wohl aus dem 14. Jahrhundert stammen. Sämtliche Verglasungen wurden 1909 erneuert.

Die Figuren und Ornamente an den Kapitellen sind nicht vollständig erhalten. In beiden Jochen fehlt jeweils eine Figur. Abgebildet sind auch Fratzen von Dämonen und Fabelwesen. Einige Figuren auf den Choraußenseiten scheinen miteinander zu sprechen. Andere strecken in ihren Höllenqualen vor Durst die Zungen heraus, bzw. haben den durstigen Mund weit geöffnet. Die Abbildungen sollen auf das drohende Endgericht bildlich hinweisen. Die Figuren sind mit aufgeputztem Eichen- und Ahornlaub umkränzt.

Hinzuweisen ist auf die vier Schlusssteine; die mystische Rose als Schlussstein im Südteil der Kirche deutet auf die ursprüngliche Funktion des südlichen Schiffs als Wallfahrtskirche hin (das Nordschiff diente als Pfarrkirche). Das Lamm Gottes (Agnus Dei) mit der Siegesfahne im Chor und auch der Adler im Mitteljoch als Symbol für den Evangelisten Johannes sind leicht zu identifizieren. Sie und auch die Rose stammen wohl aus der Bauphase der Romanik. 1846 wurden die Schlusssteine ausgebessert. Damals wurde das nicht deutbare Löwenwappen (eventuell der Sayner Löwe; gegen das Zeichen für den Evangelisten Markus sprechen die starke Stilisierung und die fehlenden Flügel) wahrscheinlich neu eingesetzt.

Im Mittelalter hatte Girkhausen Bedeutung als Wallfahrtsort. Hauptbeleg dafür ist die anfangs enorme Größe der Kirche. Leider sind ansonsten keine aussagekräftigen Dokumente über die Wallfahrten überliefert. Selbst der bekannte Bericht von der „Schlegerey zu Girckhausen, geschehen auf eine Walfart. Anno Christi 1521“ schildert wenig von der Kirche und ihrer Ausstattung. Besonderer Verehrung erfreute sich ein angeblich wundertätiges Gnadenbild (Maria als Mutter Gottes), das während der Reformation verschwand. Anziehend auf die Pilger dürfte ein Ablassbrief gewirkt haben, den Papst Johannes XXII. 1325 in seiner Residenz Avignon ausstellte. Kraft dieser Urkunde erhielt die Girkhäuser Marienkirche das Recht, einen 40-tägigen Ablass zu gewähren. Mit Einführung der Reformation in Wittgenstein unter Graf Johann zu Sayn-Wittgenstein 1534 hörte das alles auf.

Nach dem Verlust der drei westlichen Kirchenjoche im 17. Jahrhundert wurde der verbliebene Kirchenraum ökonomisch durch den Einbau von Emporen genutzt, indem man 1680 und 1729 Emporen einzog. In die ältere Nordempore ist in den unteren Balken folgender (aus Offenbarung 2,10 und 5. Mose 32,2 entlehnte) Spruch eingeschnitzt: SEI GEDREI BIS IN DEN DOTT SO WIL ICH DIER DIE KR[O]NE DES LEBENS GEBEN GIB GOTT ALLEIN DIE ERE VNT SONST NIMANT MER ANNO 1680. In dem unteren Balken der Westempore finden sich die Namen der Spender und des Erbauers sowie die Jahreszahl 1729. Die biblischen Sprüche aus Psalm 95,1, Psalm 26,8 und Johannes 8,51 an den oberen Emporenbalken sind jüngeren Datums, sie wurden bei der Renovierung 1909 aufgemalt.

Ursprünglich gab es eine bis in den Chr reichende Südempore, die 1909 abgebrochen wurde. Zugleich bekam auch die aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts stammende Kanzel ihren steinernen Sockel. 1909 wurde ebenfalls der Altar angeschafft. Vorher stand hier ein schlichter reformierter Abendmahls-tisch. Den neuen Altar hatten die Kinder des ehemaligen Girkhäuser Pfarrers Ludwig Wilhelm Florin (1807 bis 1888) gestiftet. Das darauf stehende Holzkreuz wurde der Kirchengemeinde 1962 von dem ehemaligen Girkhäuser Fritz Weiland geschenkt. Zwei der Fenster im Nordchor sind Stiftungen von Girkhäuser Auswanderern und deren Familien aus den USA. Das farbenfrohe Fenster im Südchor ist eine Gabe des Patrons der Gemeinde, Fürst Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1882 bis 1925). Es zeigt das Wappen der fürstlichen Familie.

An der Südwand stehen zwei Grabplatten. Die rechte mit dem Kreuz und dem Wappen der Familie Gherhardinghusen weist uns auf den Tod der beiden Herren Hartmann und Gerhard von Gherhardinghusen 1341 bzw. 1348 hin. Das Bild auf der linken Platte ist nicht leicht zu deuten. Es wird angenommen, daß es sich um ein Liliengewächs handelt, welches den Lebensbaum symbolisieren soll. Allerdings ist es auch gut vorstellbar, dass es sich um einen Anker o.ä. handelt. Rechts und links daneben finden sich die Wappen der Familien von Gherhardinghusen bzw. das einer Familie von Brobeck. Die Umschrift erinnert an den Tod von Sophia und Heinrich von Gherhardinghusen 1321 bzw. 1361. Bis 1846 lagen die Grabplatten noch im Chorraum.

Beim Einbau einer neuen Warmluftheizung stieß man vor wenigen Jahren auf alte Fundamente im Altarraum, die von einem nicht datierbaren Vorgängerbau stammen. Auch wurden, wie schon bei früheren Renovierungsarbeiten, menschliche Skelette entdeckt. Wer hier bestattet wurde, ob es sich viel-leicht gar um die Gebeine der auf den Grabplatten Genannten handelt, wissen wir nicht.

Die lateinische Inschrift an der Südwand ist nur unvollständig erhalten. Hier wird auf einen Stifter Wypert verwiesen, der 1298 umfangreiche Baumaßnahmen durchführen ließ. Zu erkennen ist, daß die Kirche umfangreich erweitert wurde, u.a. um einen Turm und einen Chor. Auch wurde die Ausstat-tung um einige Altäre, drei Glocken, zwei Kelche, Paramente und andere Gegenstände erweitert.

Im Chorraum ist neben der ehemaligen Tabernakelnische ein Kinderepitaph von 1647 zu finden. Ein gewickeltes Kleinkind namens Georg Lutwig ist auf dieser Sandsteintafel abgebildet. Es handelt sich dabei um den Sohn des damaligen Girkhäuser Pfarrers Jakob Althaus.

1999 wurde die Kirche von innen frisch gestrichen, das schlichte Weiß paßt gut zur reformierten Tradition. Im Zuge dieser Renovierungsarbeiten wurden auch die Wandsprüche Psalm 119,105 / Johannes 14,6 in den beiden Chorräumen aufgetragen, die keinerlei historisches Vorbild haben.

Die zweimanualige Orgel mit zwölf Registern aus der Werkstatt Kemper in Lübeck kam 1950 in die Kirche.

Der markante Kirchturm von Girkhausen beherbergt die älteste Glocke im Kirchenkreis Wittgenstein. Als Inschrift trägt diese sogenannte Marienglocke die Worte AVE MARIA. Sie stammt wohl aus der Zeit der großen baulichen Veränderungen um 1298. Daneben verrichten noch drei weitere Glocken ih-ren Dienst. Die zweite Glocke kam 1954 aus Berleburg. Sie war der dortigen Kirche 1665 von Graf Georg Wilhelm und seiner Gemahlin Amalia Margerita gestiftet worden. 1954 wurde eine weitere Glocke von der Gießerei Rincker angeschafft. Alle drei Glocken sind aus Bronze. Die vierte Glocke aus Stahlguss ist die Schulglocke (sie wird zu Schulzeiten morgens um 7.30 Uhr immer noch von Hand geläutet). Sie wurde 1883 vom Bochumer Verein gegossen.

Der Turm wurde im 20. Jahrhundert großen Restaurierungen unterzogen. 1901 wurde das lädierte Obergeschoss mit dem Dachstuhl stark verändert, die alte Balkenkonstruktion von 1824 wurde jedoch beibehalten. Dabei wurde alles im neogotischen Stil gut aufeinander abgepaßt.

1991/92 wurde der Turm für über 1 Mio. DM saniert. Unter anderem wurde seine Westwand komplett neu aufgemauert.

Die Kriegergedächtnishalle (Ehrenmalraum) im ersten Obergeschoß des Turms wurde 1920 eingeweiht. 1960 wurden das Bronzekreuz und die Gedenktafeln für die Opfer der beiden Weltkriege von Wolfgang Kreutter geschaffen. Vielleicht war im Mittelalter in diesem Raum eine Kapelle untergebracht. Wahrscheinlich ist, dass er zugleich als befestigter Schutz- und Vorratsraum diente. Denn der Kirchturm fungierte früher auch als Wehrturm und Schutz in kriegerischen Zeiten.

Dr. Ulf Lückel

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