Die Senfkorn-Waldkinder

Auch im ländlichen Kirchenkreis Wittgenstein kan man kritische Anfragen an das Konzept der Waldkindergärten haben. Die können mit viel Theorie und langen Sätzen entkräftet oder sogar widerlegt werden. Aber irgendwie fehlt bei solchen Beschreibungen etwas. Deshalb an dieser Stelle einfach mal direkt aus der Praxis ein Bericht über die Waldentdecker, die Waldkindergartengruppe des Evangelischen Kindergartens „Senfkorn“. Stellvertetend von einer Mutter für alle begeisterten Eltern der Gruppe geschrieben.

Der Waldkindergarten - eine echte Herzensangelegenheit

Wir, die Wald-Eltern, sind mehr als begeistert von unserem Waldkindergarten und davon, wie toll sich unsere Kinder dort entwickeln. Da uns aber immer wieder Fragen gestellt werden, die von Vorurteilen und enormer Skepsis geprägt sind, wollen wir hiermit ein wenig Infoarbeit leisten. Vielleicht gelingt es uns ja sogar, Menschen auf die pädagogische Arbeit im Wald neugierig zu machen.

Wir hoffen, dass wir mit den folgenden Infos viele Fragen beantworten können.

Unterkunft bei extremer Wetterlage

Jeder Waldkindergarten muss einen sogenannten Notraum vorweisen können. Dieser wird bei extremeren Witterungsverhältnissen anstelle des Waldes aufgesucht. In unserem Fall ist diese Unterkunft eine sehr großzügige, beheizbare Hütte im Stil eines kanadischen Blockhauses. Diese Unterkunft konnte vom Evangelischen Freizeitzentrum genau für solche Wetterbedingungen angemietet werden. Dort gibt es nicht nur Tische und Stühle, sondern auch Gesellschaftsspiele, Bilderbücher, so dass die Kinder auch bei Hagel, Sturm, Gewitter oder extremen Minusgraden einen sicheren und abwechslungsreichen Vormittag in ihrer gewohnten Gruppe verbringen können.

Bauwagen

Der Bauwagen dient der Aufbewahrung sämtlicher Materialien, die im Waldkindergarten so zum Einsatz kommen. Von Spiel-, Mal- und Bastelutensilien bis hin zu Bilderbüchern ist eigentlich alles da, was man auch in einem Kindergarten vorfindet. Zusätzlich gibt es für die Beschäftigung im Wald aber auch noch jede Menge Werkzeug (Sägen, Hämmer, Schaufeln und dergleichen), Seile (um damit etwa eine Hängebrücke zu errichten), Hängematten (die ganz schnell zwischen zwei Bäumen aufgehängt sind) und vieles mehr. Im Bauwagen hat zudem jedes Kind seine eigene Kiste, die für jede Witterung die passende Ersatzkleidung beinhaltet, getreu dem Motto: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung.“

Notfälle

Sollte es einmal zu einem Unfall kommen, der den Einsatz eines Rettungsfahrzeugs erfordert, so ist auch dies kein Problem: Der Waldkindergarten befindet sich unmittelbar neben einem gut befahrbaren Waldweg.

Ganztagsbetreuung

Auch Kinder, die eine Ganztagsbetreuung brauchen, können die Waldentdecker besuchen. Eine Anmeldung mit Buchung von 25, 35 oder 45 Stunden sind derzeit noch möglich. Die Kinder verbringen ihren Vormittag im Wald und kommen zum Mittagsessen ins Stammhaus der Evangelischen Kita „Senfkorn“. Hier verbringen sie ihren Nachmittag und genießen die Angebote.

Krankheiten
Das große Plus der Waldkinder: Waldkinder sind abgehärteter und sind viel seltener von den typischen Infektionskrankheiten betroffen (vgl. Studie aus Schweden unter der Leitung von Dr. Patrik Grahn => siehe Google).

Wickelkinder

Selbst Kinder, die noch nicht ganz stubenrein ;o) sind, können problemlos den Waldkindergarten besuchen. Zwar ist ein Windelwechsel innerhalb der vier Stunden im Wald meist gar nicht nötig, sollte es aber doch mal zu einem größeren Geschäft kommen, so wird das Kind ganz einfach im Bauwagen gewickelt, der im Winter für derlei Zwecke geheizt werden kann.

Toilette
Für die kleineren und größeren Geschäfte steht eine moderne und hygienische Torftoilette zur Verfügung. Sie ist in einem kleinen, zünftigen Holzhäuschen untergebracht, das sich wunderbar der Natur anpasst und sogar die obligatorische Herzschnitzerei aufweist. ;o)

Natur hautnah erleben – eigene Projekte schaffen Selbstvertrauen

Die Waldkinder erleben die Natur intensiver als Kinder, die nur durch nachmittägliche Spaziergänge mit Wald und Flur in Berührung kommen. Die Eigenschaften und Vorzüge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden unmittelbar und mit allen Sinnen erfahren. So sind auch die Aktivitäten der Kinder im Wald der jeweiligen Jahreszeit angepasst.
Damit es den Waldkindern gar nicht erst kalt werden kann, wird im Winter z.B. jeden Tag Schlitten gefahren. Ab und zu geht man auch auf Spurensuche und erkundet die Fährten, welche die Tiere im Schnee hinterlassen. Durch die ständige Bewegung bleibt es den Kindern auf diese Weise schön warm.
Im Wald können die Kinder darüber hinaus über Tage hinweg an eigenen, selbst ausgedachten Projekten arbeiten, die ihnen oft so sehr am Herzen liegen, dass sie vollkommen traurig sind, wenn der Vormittag rum ist und sie ihren geliebten Wald verlassen müssen. Da werden Hütten, Piratenschiffe oder sogar Ställe für die Tiere gebaut (im Winter natürlich entsprechend Schneemänner, -burgen oder Iglus). Und am nächsten Tag kann man da weitermachen, wo man am Vortag aufgehört hat. Dies ist im Wald rund ums Jahr möglich. Dies ist mit ein Grund dafür, weswegen die Waldkinder in der Regel wesentlich ausdauernder und konzentrierter sind: Sie dürfen stets aufs Neue die Erfahrung machen, dass es sich lohnt, an einer Sache dran zu bleiben, denn das Ergebnis erfüllt sie mit einer unglaublichen Begeisterung, Selbstbestätigung und inneren Zufriedenheit. So entwickeln die Kinder auf ganz natürliche Weise ein gesundes Selbstbewusstsein und ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Schaffenskraft.

Wie schulfähig macht der Waldkindergarten?

„Aktives Spielzeug macht passive Kinder“ - das genaue Gegenteil dieses schlauen Lehrsatzes gilt für den Wald. Die Waldkinder spielen in erster Linie mit Naturmaterialien und da kann es sein, dass ein Tannenzapfen eine Kuh, ein Rennauto oder zu einem Würstchen wird. Die schwierigste Aufgabe ist, sich mit den anderen Spielteilnehmern über die aktuelle Bedeutung des Tannenzapfens zu verständigen und sich einig zu werden. Dies alles erfordert Kreativität, Fantasie, Kommunikationsfähigkeit sowie Sozialkompetenz.
Spannend ist es, die Veränderungen der Koordination sowohl bei den Kindern als auch bei den Erzieherinnen zu beobachten: Fragt man die Erzieherinnen, so können diese geschlossen berichten, dass nicht nur die Kinder, sondern auch sie selbst zu Beginn ihrer Waldzeit ständig gestolpert oder gar gefallen sind. Dies ist kein Wunder, denn im Wald geht es nicht nur über Stock und Stein; auch Wurzeln, Zapfen, Erdhügel sowie -löcher erschweren das Gehen über den ohnehin unebenen Waldboden. Nach ein paar Tagen oder Wochen im Wald hat sich das Gehirn jedoch auf diesen neuen Umstand eingestellt, man braucht nicht mehr unaufhörlich vor seine Füße zu schauen, um ja nicht schon wieder zu stolpern. Dieser Prozess hat sich automatisiert und wird fortan vom Unterbewusstsein gesteuert. Mit anderen Worten: Es fällt einem gar nicht mehr auf, dass man so ganz nebenbei ununterbrochen den Waldboden im Blick hat.
Da sich das Auftreten des Fußes auf dem Waldboden zudem ständig anders anfühlt und man sich selbst so manches Mal ausbalancieren muss, wird obendrein die Grob-Motorik in einem nicht zu unterschätzenden Maße gefördert.

Naturmaterialien fördern die Hirnleistung und Kreativität

Den vorigen Informationen nach ist es also kein Wunder, dass die Studie von Peter Häfner zu dem Schluss kommt, dass Waldkinder gegenüber anderen Kindern einen deutlichen Vorteil in den Bereichen „Motivation - Ausdauer – Konzentration“, „Mitarbeit im Unterricht“ und „Sozialverhalten“ besitzen. Fairerweise muss man sagen, dass sie auch einen kleinen Nachteil haben und zwar in puncto „Feinmotorik“. Weil sie etwa nicht so oft mit einer Schere hantieren, wie die Regelkindergartenkinder, besitzen sie nicht immer das gleiche motorische Feingefühl. Dies holen die Kinder aber meist innerhalb kürzester Zeit auf.
Da der Stellenwert der Sozialkompetenz heutzutage immer wichtiger wird, sei zum Abschluss noch einmal eine nähere Erläuterung angehängt.
Peter Häfner zufolge können sich Waldkindergartenkinder leichter in eine Gruppe einfügen, sie sind rücksichtsvoller gegenüber anderen Kindern, lösen auftretende Konflikte friedlicher und zeigen weniger aggressives Verhalten. Ferner sind die Kinder im Wald viel mehr auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Dies wirkt sich natürlich positiv auf die Kooperations- und Teamfähigkeit der Kinder aus. Sicherlich sind solche positiven Verhaltensweisen auch auf den sehr guten Personalschlüssel in einem Waldkindergarten zurückzuführen. So hat jede Erzieherin durchschnittlich mehr effektive Zeit pro Kind. Daneben trägt das Spiel mit Naturmaterialien enorm dazu bei, dass die Kinder auf verbaler Ebene wesentlich mehr miteinander kommunizieren müssen. Das wiederum fördert nicht nur eine vielschichtige Ausdrucksweise sowie einen umfangreichen Wortschatz, sondern hat auch positive Auswirkungen auf das Verhalten im Umgang mit den anderen Kindern der Gruppe (vgl. „Kindergarten heute - Zeitschrift für Erziehung“ Heft 4/2003).
Genau diesen Umstand haben übrigens auch die beiden Erzieherinnen unseres Waldkindergartens besonders hervorgehoben.

Dieses Gemeinschafts-Gefühl teilen übrigens auch wir Wald-Eltern. Die Bereitschaft mitanzupacken und etwas zusammen auf die Beine zu stellen ist einfach klasse (aber das ist bestimmt auch bei den Eltern anderer Gruppen der Fall) und wer hätte gedacht, dass ein Elternabend so lustig sein kann? Es war einfach ein richtig lockerer und fröhlicher Abend. So viel gelacht, wie bei diesem Treffen, hat so manch einer gewiss schon lange nicht mehr... ;o)

Kurzum: Wir stehen absolut hinter unserem Waldkindergarten und wollen ihn auf keinen Fall mehr missen. Hoffentlich konnten wir mit unseren Ausführungen wenigstens ein paar Ihrer möglichen Bedenken ausräumen und Ihnen vielleicht sogar so manchen Vorteil vor Augen führen.

Es grüßen Sie aufs Herzlichste,
die Wald-Eltern

P.S.: Nur interessant für die Hausfrauen und -männer unter Ihnen: Ein weiterer Vorteil besteht übrigens darin, dass die Kinder bei gleichbleibender Wetterlage jeden Tag dieselben Sachen anziehen können. Da wird man nicht komisch angeschaut, sobald man sein Kind mit schmutzigen Sachen in den Kindergarten schickt. Die Kleidung jeden Tag zu waschen wäre sowieso reine Zeit- und Energieverschwendung, da diese nach kürzester Zeit im Wald schon wieder genauso aussieht. ;o)