Weiterentwicklung der Gemeinde- und Pfarrstellenkonzeption

In großer Gelassenheit diskutierte die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein am Montag den Tagesordnungspunkt „Mündige Beteiligungskirche werden und bleiben“. Dabei hatten Dr. Dirk Spornhauer und Dr. Ralf Kötter in ihren Ausführungen zur Weiterentwicklung der Gemeinde- und Pfarrstellen-Konzeption im Wittgensteiner Kirchenkreis den Delegierten aus den 16 Kirchengemeinden und den unterschiedlichen Arbeitsbereichen keine leichte Kost aufgetischt.

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Zunächst einmal hatte der Raumländer Pfarrer Dirk Spornhauer als Vorsitzender des Pfarrstellen-Planungs-Ausschusses darüber berichtet, was das Gremium in diesem Jahr erarbeitet hatte. Vom Wittgensteiner Kreissynodalvorstand hatte der Ausschuss den Auftrag bekommen, zu überlegen, wie in Zeiten sinkender Gemeindegliederzahlen und weniger werdenden Pfarrstellen die Versorgung der Evangelischen auf den knapp 950 Quadratkilometern des Wittgensteiner Kirchenkreises gesichert werden kann.

Aktuell gilt in der evangelischen Kirche von Westfalen ein Korridor von 2500 bis 2750 Gemeindegliedern pro Pfarrstelle, bis 2020 wird die Zahl der Gemeindeglieder im Wittgensteiner Kirchenkreis auf 31.300 Menschen absinken. Bis dahin müssen auch die fünf Zusatzpfarrstellen, die die Wittgensteiner aufgrund ihrer weiten Wege in der ländlichen Region von den Bielefeldern zugesprochen bekommen haben, auf drei abschmelzen. Insgesamt müssen bis 2020 vier Pfarrstellen eingespart werden.

Bisher gib es ein System, das neben konkreten Gemeindegliederzahlen weitere Faktoren berücksichtigt: Kindergartenarbeit, die Zahl von Dörfern mit über 100 Evangelischen in einer Gemeinde, die Größe einer Gemeinde. Unter der Maßgabe, Einheiten mit ganzen Pfarrstellen zu schaffen, die in einer größeren Einheit zusammenarbeiten und Vertretungsdienste organisieren, entwarf der Pfarrstellen-Planungs-Ausschuss fünf rechnerische Varianten als Diskussions-Grundlage.

Vom Prinzip war es die Fortschreibung des bisherigen Regionen-Modells, das allerdings der Zukunft durch veränderte Zahlen Rechnung trägt. Dieses Modell hat für die Menschen in den vier Regionen generell eine größere Sicherheit gebracht, dabei gibt es jedoch sehr große Unterschiede zwischen den vier Regionen, je nachdem wie stark das Modell mit Leben gefüllt wird. In den Ausführungen von Dirk Spornhauer ergab Variante 5 am ehesten Sinn, demnach würde es im Kirchenkreis Wittgenstein künftig drei Regionen geben: die Gemeinden Dorlar, Gleidorf, Girkhausen und Winterberg mit insgesamt drei Pfarrstellen, die Gemeinden Birkelbach, Wingeshausen, Raumland, Bad Berleburg, Arfeld, Lukas und Wunderthausen/Diedenshausen zum einen sowie Erndtebrück, Feudingen, Fischelbach, Banfe und Bad Laasphe zum anderen mit jeweils sechs Pfarrstellen. Aber das war zunächst einmal nur die rein rechnerische Betrachtung.

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Ralf Kotter beschäftigt sich nicht nur - wie alle seine Kollegen - in der Praxis des Alltags mit Kirche im ländlichen Raum. Der Pfarrer der Lukas-Kirchengemeinde, die vor sieben Jahren aus der Fusion der Kirchengemeinden Elsoff und Schwarzenau entstanden ist, hat auch die Theorie zum Thema stets im Auge: seien es statistische Erhebungen und daraus abgeleitete Prognosen oder auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik, sowohl ganz allgemein als auch aus dem speziellen kirchlichen Blickwinkel. Bereits gemachte Fehler nicht wiederholen und Sinnvolles übernehmen, das wollte Ralf Kötter.

Seine Bestandsaufnahme war schonungslos: Perspektivisch sei die Hälfte der Wittgensteiner Pfarrstellen nicht mal mehr eine halbe Pfarrstelle, perspektivisch hätten sogar die großen Kommunen nicht mehr genug Gemeindeglieder für zwei Pfarrstellen. Das verzweifelte Festhalten am Bestehenden führe zu einer kompletten Überforderung der Ehrenamtlichkeit, auch der große Gebäudebestand bedrohe die Gemeinden. Und sowieso werde es auf dem Land kontinuierlich schwieriger, überhaupt Pfarrer zu finden.

All sein Lesen und Nachdenken hatte Ralf Kötter zu der Einsicht gebracht, dass sowohl das alte Konzept „Kirche im Dorf“ als auch der neue Ausweg „Regionalkirche“ gescheitert seien. Stattdessen ermunterte der Lukas-Pfarrer zu einem Mittelweg. Man müsse gewachsene Strukturen, gemeinsame Netze und gewohnte Verbindungen entdecken und für Gemeinden nutzen. Wobei das für Ralf Kötter nicht heißt, dass das Lukas-Modell plötzlich zum Patentrezept für den gesamten Kirchenkreis wird. Jede Gemeinde muss ihren richtigen Weg finden.

Ein wichtiger Partner seien die Kommunen, die letztendlich die gleichen Probleme hätten. Und wenn Ralf Kötter sagt „Wir sind doch nicht allein“, dann hört es sich bei ihm nicht nach selbst-beruhigendem Pfeifen im Keller an, sondern nach der ermutigenden Gewissheit, dass man einen gangbaren Ausweg in ganz neuen Konstellationen findet: „In diesen neuen Verbünden werden wir einerseits viel Gewachsenes erhalten können – viel mehr als wir vielleicht denken. Aber gleichzeitig muss nicht mehr jedes Dorf alles machen, sondern ein Dorf kann sich auf das konzentrieren, was seine Stärke ist, was seine Seele ist, was seine Identität ist. Dann sind wir eine Kirche von unten, eine Kirche bei den Menschen vor Ort, eben eine ländliche Kirche, die nicht über das Leben auf dem Land klagt, sondern eine Kirche, die froh und dankbar ist über die großartigen Chancen, die sich gerade auf dem Land bieten.“

Die Diskussionen, die schon jetzt bei der Synode begannen, werden weiter geführt. Einstimmig wurde ein Perspektiv-Ausschuss mit zwei Mitgliedern aus dem Kreissynodalvorstand, zwei Mitgliedern aus dem Pfarrstellen-Planungs-Ausschuss, Vertretern aus den vier Regionen und aus dem Funktionsstellen-Arbeitsbereich beschlossen, der anderthalb Jahre Zeit hat, den Wittgensteiner Weg zwischen der Kirche im Dorf und der Regionalkirche zu suchen. Zudem wird es zwischendurch Synodalversammlungen geben, wo dann alle Interessierten sich über die neuesten Gedanken des neuen Ausschusses informieren können.