Von morgens bis abends

Ein voller Tag im Ablauf des Christlich-Jüdsichen Freundeskreises Bad Laasphe: vom Schloss Wittgenstein bis zur Alten Synagoge

Von morgens bis abends im Dienst für den Christlich-Jüdischen Freundeskreis Bad Laasphe - im übertragenen Sinn gilt das für den Vorsitzenden Rainer Becker und seinen Stellvertreter Jochen Menn schon eine Weile. Gerade nach dem Erwerb der ehemaligen Laaspher Synagoge im Frühjahr 2019 hat sich die Vorstandsarbeit enorm intensiviert. Aber jetzt galt der erste Satz wirklich wortwörtlich: morgens waren die Beiden bei einem ersten Termin im Gymnasium „Schloss Wittgenstein“, abends dann in der Alten Synagoge bei einem zweiten Termin.

In dem Gymnasium überreichten Rainer Becker und Jochen Menn ein Zertifikat an Schulleiter Christian Tang sowie an den evangelischen Religionslehrer Wolfgang Henkel und dessen katholischen Kollegen Friedhelm Koch, denn seit Jahren arbeiten die Schule und der Verein immer wieder für Aktionen zusammen. Dabei sind vor allem die Gedenkstunden am 9. November zu nennen, bei denen an die Laaspher Geschehnisse während der Reichspogromnacht 1938 erinnert wird. Aber auch beim Reinigen der Stolpersteine, die in Bad Laasphe an die Menschen erinnern, die unter der Nazi-Herrschaft ihre Heimat oder sogar in Leben verloren, waren die Schülerinnen und Schüler schon aktiv.

Und so steht in dem Zertifikat: „Wir als Freundeskreis bescheinigen daher dem Gymnasium ‚Schloss Wittgenstein‘ die konstruktive Zusammenarbeit mit uns. Ohne die Mitarbeit des Gymnasiums hätten die Veranstaltungen nicht die Wirkung, die ihnen in den Medien und der Öffentlichkeit zugesprochen wird. Das GSW leistet daher einen hervorragenden Beitrag gegen Diskriminierung und Rassismus. Zudem sind wir sicher, dass die Verwirklichung des Projektes ‚Alte Synagoge‘ zu weiteren gemeinsamen Aktivitäten mit dem Gymnasium ‚Schloss Wittgenstein‘ führen wird.“

Während es sich hier - nachdem die Nazis das jahrhundertelange jüdische Leben in Wittgenstein beendet haben - nur noch um eine historische Beschäftigung mit dem Thema handeln kann, gibt es für die Schülerinnen und Schüler außerdem noch die Chance, jüdisches Leben in der Gegenwart kennenzulernen. Seit 2010 reisen die Religionslehrer Friedhelm Koch und Wolfgang Henkel mit ihren jeweiligen Schülerinnen und Schülern der Oberstufe in die deutsche Hauptstadt. Hier besuchen sie die zentrale Synagoge der orthodoxen jüdischen Gemeinde Berlin an der Joachimsthaler Straße. Nur durch Corona unterbrochen waren die Wittgensteiner in diesem Jahr zum zehnten Mal in der Gemeinde zu Gast, dabei waren übrigens ein Drittel der Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens. Zu Yitshak Ehrenberg, dem Rabbiner der Gemeinde, haben die die beiden Religionslehrer inzwischen so einen guten Kontakt, dass dieser überlegt, mal nach Wittgenstein zu kommen. Das hörten auch die beiden Freundeskreis-Vertreter an diesem Morgen sehr interessiert.

Am Nachmittag wurde dann in der Alten Synagoge an der Laaspher Mauerstraße eine Ausstellung vorbereitet, die abends rund zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher in das ehemalige Gotteshaus lockten. Folker Winkelmann hatte Arbeiten mit nach Wittgenstein gebracht, mit denen er die zweite und dritte Etage des Gebäudes bestückte. Entlang von Kerzen auf den Treppenstufen ging es aus dem früheren Gebetstraum mit Taschenlampen in die nächsten beiden Stockwerke, wo der Bremer Fotograf seine Werke unter der Überschrift „Aufbruch - Verlassen - Utopie und Scheitern“ zeigte. Bild-, Audio- und Video-Installationen sowie Installationen zum Anfassen ergänzten einander. Die Dunkelheit machte es zum einen leichter, sich auf die Arbeiten zu konzentrieren, zum anderen transportierte sie ein Gefühl der Ungewissheit und Unsicherheit. In das Dunkel wurde auch ein Brief von Orna Naor verlesen.

Orna Naor ist eine israelische Straßen- und Dokumentar-Fotografin aus Tel Aviv. Sie hat ihre Werke nicht nur in Paris und San Francisco, in London und Rom gezeigt, im Juni waren ihre Fotos für kurze Zeit auch im Rahmen der internationalen Ausstellung „EinZweiBlicke - Ausblicke“ in der Alten Synagoge zu sehen. Vom damals veranstaltenden Laaspher Kunstverein 2013 war jetzt auch Harald Hagedorn unter den Gästen der Winkelmann-Veranstaltung, er überreichte die Fotografien von Orna Naor als Dauerleihgabe an Rainer Becker. Und damit ging für den Freundeskreis-Vorsitzenden ein langer Tag mit einem schönen Geschenk für den Verein zu Ende.