Die Frohe Botschaft fürs 21. Jahrhundert übersetzen

Vikarin Carmen Jäger absolviert ihren letzten Ausbildungs-Abschnitt auf dem Weg zur Pfarrerin in Wittgenstein

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“ so beginnt das Johannes-Evangelium und die Vokabel „Evangelium“ selbst bedeutet „Gute Nachricht“ oder „Frohe Botschaft“. Egal, wie man drauf schaut, eins steht unumstößlich fest: Die Sprache ist im christlichen Glauben ein entscheidender Dreh- und Angelpunkt. Sprache ist auch der 34-jährigen Carmen Jäger ganz wichtig. Seit dem Frühjahr absolviert sie ihr Vikariat im Wittgensteiner Kirchenkreis. Nach dem langen eher theoretischen Theologie-Studium führt dieser letzte zweieinhalbjährige Ausbildungs-Abschnitt die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer mitten in die Praxis.

Bis zu den Sommerferien war Carmen Jäger in einer ersten Vikariats-Etappe vornehmlich in der Berleburger Realschule, wo sie mit ihrer Schulmentorin Astrid Kühn die Praxis in Religions-Stunden erkundete und selbst Unterricht vorbereitete, um mit Schülerinnen und Schülern in diesem sehr persönlichen Fach ins Gespräch zu kommen. Seit den Sommerferien ist die Vikarin wöchentlich nur noch für die beiden Reli-Stunden einer einzigen Klasse zuständig. Hauptsächlich ist sie nun mit ihrer Mentorin Berit Nolting in der Gemeinde unterwegs. Berit Nolting ist für den Berghäuser Bezirk der Raumländer Kirchengemeinde zuständig, außerdem sitzt die Pfarrerin aber als stellvertretendes Mitglied im Kreissynodalvorstand und ist Beauftragte für die Frauenarbeit sowie den Konfi-Unterricht im Wittgensteiner Kirchenkreis. Neben gemeindlichem Alltag mit Gottesdiensten, Besuchen, Taufen, Trauungen und Beerdigungen erlebt Carmen Jäger so im Schlepptau ihrer Mentorin auch in unterschiedlichen Gremien viel Nachdenken und Diskussionen zu kleinen und großen Problemen. Aber am Ende geht es immer um das eine: die Kommunikation des Evangeliums in der Gegenwart.

Womit man wieder bei der Sprache ist. Zunächst hatte Carmen Jäger begonnen, in den Fußstapfen ihrer Mutter Medizin zu studieren. Doch nach vier Semestern war sie sicher, dass das schier endlos scheinende Auswendiglernen nicht ihr Weg zu einem Beruf war. Sie wechselte zur Theologie. Bereits das Erlernen von fremden Vokabeln nahm sie ganz anders wahr. Egal, ob Alt-Griechisch oder Alt-Hebräisch, das Latinum hatte sie schon aus der Schule mit ins Studium gebracht. In der Uni unterstützte sie andere Studierende beim Erlernen der alten Sprachen, die für manche eine hohe Hürde sind. Auch als wissenschaftlicher Mitarbeiterin machte es ihr Spaß, die jahrhunderte-alten Texte aus der Heiligen Schrift zu lesen, zu deuten, für den Alltag im 21. Jahrhundert zu übersetzen: Sie ist überzeugt von der christlichen Botschaft und möchte diese an die Menschen weitergeben. Als eine moderne Frau, die selbstverständlich auf geschlechter-gerechte Sprache achtet und außerdem Vegetarierin ist. Da müsse ja eigentlich ihr Ziel sein, dass sie am Ende Veganerin werde. Doch diese striktere Form der Ernährung ganz ohne tierische Produkte sei sowieso kompliziert - und für eine Pfarrerin in ihrem Gemeinde-Alltag bestimmt nochmal mehr. Nicht verbissen, sondern ganz gelassen analysiert sie das. Und spricht es anschließend klar und deutlich aus. Dieses Ruhrgebiets-Klischee trifft auf Carmen Jäger perfekt zu und passt auch nach Wittgenstein in den westfälischen Süden.

Aufgewachsen ist die Berghäuser Vikarin in Gelsenkirchen, studiert hat sie an der Bochumer Uni, auch weiterhin spielt sie die zweite Oboe in einem Marler Orchester. Ihren Ehemann Teemu Schulz hat Carmen Jäger mit nach Wittgenstein gebracht, er arbeitet im Siegerland. Mit ihrer Hündin Polly freuen sich die Beiden über den Auslauf in der schönen Landschaft hier. Zumindest bis Herbst 2024 wird das ihre Heimat sein, auch wenn die Vikarin für einzelne Theorie-Ausbildungs-Blöcke immer wieder nach Wuppertal muss. Und hier vor Ort wird sie zwischendurch in der Praxis zur Pfarrerin: Sie war schon in Gottesdiensten für die Liturgie zuständig, hat bereits selbst gepredigt, die erste Trau- Ansprache ist geschrieben. Und für den Erntedank-Gottesdienst der Kirchengemeinden Raumland und Arfeld steht ihr Name bereits im neuen Gottesdienstplan.