Bei dieser Besonderheit ist Wittgenstein spitze

Jaime Jung lernte im Berleburger Haus der Kirche Bernhart Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein als Patron seiner Erndtebrücker Pfarrstelle kennen

Corona hat in den vergangenen 30 Monaten manch gern gepflegte Tradition wackeln lassen, fest gefügte Abläufe kamen ins Schlingern. Das spürte auch Jaime Jung. Der war als neuer Pfarrer mit je einer halben Stelle für die Kirchengemeinden Birkelbach und Erndtebrück Mitte Januar 2021 gewählt worden, seine feierliche Einführung fand allerdings erst Ende Mai 2022 statt. Nachdem viele Gemeindeglieder ihn da schon längst bei Gottesdiensten und Amtshandlungen erlebt und schätzen gelernt hatten, wurde er nach der pandemie-bedingten Verzögerung umso herzlicher in einem großen Freiluft-Gottesdienst mit vielen Besucherinnen und Besuchern begrüßt. Was für den 46-Jährigen etwas Neues war, dass er in beiden Ämtern künftig einen Patron an seiner Seite weiß: Für die Erndtebrücker Hälfte seiner Stelle ist das Bernhart Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, für die Birkelbacher Hälfte ist es Gustav Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg.

Schon in seinem Geburtsland Brasilien hatte Jaime Jung als Pfarrer gearbeitet, aber Patronats-Pfarrstellen kannte er von dort nicht. In Wittgenstein sind die indes ein jahrhundertealtes Erbe. Und in der Evangelischen Kirche von Westfalen ist der Wittgensteiner Kirchenkreis von den Gemeindeglieder-Zahlen mit Abstand zwar der kleinste, aber bei den Patronatsstellen liegt er unangefochten an der Spitze. Auch deshalb hat sich Dr. Johannes Burkardt schon vor 20 Jahren mit dem Thema beschäftigt und einen Vortrag dazu ausgearbeitet. Heute ist der Berleburger Pfarrerssohn Leiter der Abteilung Ostwestfalen-Lippe des Landesarchivs NRW in Detmold, darüber hinaus betreut er ehrenamtlich seit vielen Jahren das Archiv des Wittgensteiner Kirchenkreises.

Akribisch beleuchtet Johannes Burkardt die Anfänge des Patronats-Wesen im antiken Rom, für Wittgenstein nennt er eine Elsoffer urkundliche Erwähnung von 1059 als ersten Patronats-Hinweis: „Das Bild ist zunächst alles andere als einheitlich. Im Ganzen haben wir es bis zur Einführung der Reformation mit wenigstens zehn verschiedenen Parteien zu tun, die in unserem Interessensgebiet Patronate ausgeübt haben. Doch nach und nach kommt es zu einer Vereinheitlichung, indem fast alle Patronate von den Wittgensteinern übernommen werden.“ Als sich die Grafschaft zu den Linien Sayn-Wittgenstein-Berleburg im Norden und Sayn-Wittgenstein-Hohenstein im Süden hin zu Beginn des 17. Jahrhunderts teilt, da liegen alle Patronate bei den Wittgensteinern. Was das konkret für die Grafen bedeutete, weiß Johannes Burkardt: „Sie treten bei den folgenden Ereignissen in Erscheinung: bei der Besetzung von Pfarrstellen. Als Ehrenrechte kommen hinzu: eigene Sitze in den Kirchen, realisiert wurde das offenbar nur in den Residenzen Berleburg und Laasphe. In den anderen Kirchen scheinen keine abgetrennten Sitze eingebaut worden zu sein. Ehrenplätze waren aber mit Sicherheit reserviert. Dazu kam als Sonderrecht sicherlich die Fürbitte in den Gottesdiensten.“

Und während Jaime Jungs deutsche Vorfahren im 19. Jahrhundert aus ihrem kargen Leben im Hunsrück und in Pommern nach Südamerika auswanderten, da traten die Wittgensteiner gegenüber ihren reformierten Patronen sehr selbstbewusst, wenn auch zunächst erfolglos auf: „Bitten der Kreissynode, bei der Besetzung von Patronats-Pfarrstellen den Gemeinden ein Mitspracherecht einzuräumen, wurde nicht entsprochen. Auf vielen späteren Synoden, zwischen 1840 und 1847 auf allen Synoden, wurde die freie Pfarrwahl der Gemeinden gefordert. 1843 wurde sogar eine Eingabe an den König mit der Bitte verfasst, die Rechte und Pflichten der Kirchenpatrone zu klären.“ Zudem konstatiert Johannes Burkardt fürs 19. Jahrhundert: „Praktisch keine Kirchenrenovierung konnte ohne Unterstützung des Fürsten vonstattengehen.“ Mit etwa zehn Jahren Unterschied waren die Grafen in beiden Linien rund um den Jahrhundert-Wechsel 1800 zu Reichsfürsten erhoben wurden.

Mit der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. nach dem Ersten Weltkrieg endete in Deutschland die Monarchie. Die Patrone verloren jedes Recht auf die Pfarrstellen-Besetzung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um Patronate insgesamt, wie Johannes Burkardt erläutert: „Auch die evangelische Landeskirche von Westfalen war nach dem Krieg bestrebt, einen Schlussstrich unter diese Rechte zu ziehen. Gelungen ist dies nicht. Man führte Verhandlungen mit den Adelsfamilien Sayn-Wittgenstein-Berleburg, Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Bentheim-Steinfurt und Bentheim-Tecklenburg-Rheda. Ergebnis war das »Bosfelder Abkommen«, das 1949 unterschrieben wurde. Das Patronat blieb darin grundsätzlich anerkannt. Das Abkommen regelte die Beteiligung der Fürsten an Stellenbesetzungen. Sie haben noch ein Vorschlagsrecht für Kandidaten und fertigen, nachdem das Presbyterium gewählt hat und das Landeskirchenamt die Wahl bestätigt hat, die Berufungs-Urkunde für den Pfarrer aus. Ausschlaggebend sind heute Presbyterien und Landeskirchenamt.“

Und wenn ein Patronat über 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland auch aus der Zeit gefallen wirkt, so fällt das fundierte Fazit des Kirchenkreis-Archivars doch wohlwollend aus: „In der Praxis muss festgestellt werden, dass in Wittgenstein der Kontakt zwischen Fürstenhäusern und Kirchen nicht abgerissen ist. Profitiert haben in der Regel die Kirchen von ihrem Verhältnis zu den Patronen. Erinnert sei an die Glockenschenkungen von Fürstin Margaretha an die Stadtkirche Berleburg 1954 oder die Orgelschenkung durch die Hohensteiner in Oberndorf 1956. Von zahlreichen Geldzuwendungen bei Renovierungen oder sonstigen Anlässen abgesehen.“ Vor allem das regionale Identifikations-Moment möchte Johannes Burkardt nicht unterschätzt wissen, zudem fragt er in Bezug auf Patronate: „Warum wird ein solches Recht in Mecklenburg-Vorpommern in den 1990er Jahren wieder eingeführt, wenn es gestrig und überholt ist?“

Als sich jetzt im Berleburger Haus der Kirche Bernhart Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Pfarrer Jaime Jung und Superintendentin Simone Conrad trafen, um einander kennenzulernen, da sprachen die Drei über ganz aktuelle Themen: die Herausforderungen durch Corona und die Digitalisierung, den Krieg in der Ukraine, die Situation des Waldes, die beschämende Notwendigkeit von Tafel-Einrichtungen in Deutschland, die Hochzeit des Finanzministers in einer Kirche. Und Jaime Jung überlegt, ob er mit seiner Kollegin Kerstin Grünert und dem Presbyterium seinen Patron nicht mal zu einem Vortrag nach Erndtebrück einlädt.