Ein neuer Gedenkstein und viele geputzte Stolpersteine

In der Banfer Dorfmitte wird jetzt an die jüdische Familie Burg erinnert, in Bad Laasphe waren Schülerinnen und Schüler mit Reingungsmitteln unterwegs

Schweren Herzens schicken Eltern ihren 15-jähriger Sohn in harten Zeiten von zuhause weg, aus der Heimat in ein fremdes Land mit einer anderen Sprache. Auch wenn wir gerade solche Dinge wieder in Europa hören, so haben sich die Geschehnisse aus diesem Satz schon 1939 zugetragen. Selbst wenn sich Geschichte nicht wiederholt, Geschichten wiederholen sich doch. Der 15-Jährige hieß Simon Burg, sein Vater Benjamin war in Fischelbach geboren, Simon kam in Banfe zur Welt, sie waren Juden. Kontinuierlich hatte Nazi-Deutschland mit willigen Vollstreckern vor Ort die jüdischen Nachbarn immer stärker ausgegrenzt. Nichts zählte mehr, auch nicht, dass Simons Onkel im Ersten Weltkrieg fürs Deutsche Reich gekämpft hatte. Eben jener Onkel und dessen Schwester überlebten die Nazi-Herrschaft nicht, genauso wenig wie Simons Eltern, Benjamin und Berta, genau wie Simons kleiner Bruder Martin. Am Tag nach Martins 15. Geburtstag war die ganze Familie aus Banfe deportiert worden: Zunächst brachte sie ein Bus von der Eiche in der Dorfmitte nach Laasphe, aus der Lahnstadt ging es einen Tag später mit 47 anderen jüdischen Kinder, Frauen und Männern nach Dortmund, schließlich ins Ghetto Zamość, ein Lager der Nazis im besetzten Ostpolen.

Simon Burg, der 1945 als britischer Soldat erstmals in seine alte Heimat zurückkam und dann nochmal 1988 auf Einladung des Laaspher Bürgermeisters Otto Düsberg zum 50. Jahrestag des Reichspogromnacht, ist 1995 verstorben. Jetzt zum 80. Jahrestag der Deportation seiner Verwandten kamen Simon Burgs Nachfahren nach Wittgenstein. Seine Töchter Nurit und Edna mit ihren eigenen Familien, deren Geschichte - jedem Nazi zum Trotz - bis in alle Ewigkeit auch im Banfetal wurzelt. Die beiden Frauen waren zunächst ins Laaspher Rathaus eingeladen, wo sie sich ins Goldene Buch der Stadt eintrugen. Anschließend zeigte ihnen Bürgermeister Dirk Terlinden das Gedenkbuch, das hier ausliegt, in dem Seite für Seite die einzelnen Namen, der während der Nazi-Herrschaft deportierten und getöteten Juden, festgehalten sind: „Ein sehr emotionaler Moment. Mehr als 70 Menschen, darunter Kleinkinder, teilweise Verwandte, sind namentlich mit ihren Geburtsdaten aufgeführt“, daran erinnerte der Bürgermeister nachmittags bei einer Gedenkveranstaltung in der Banfer Kirche.

Die stellvertretende Landrätin Waltraud Schäfer betonte in Banfe ebenfalls den Wert des Erinnerns. Deshalb dankte sie dem Christlich-Jüdischen Freundeskreis Bad Laasphe für seine Arbeit, zudem ging sie auf Siegen-Wittgensteins Verbindungen nach Israel ein: „Auch die Partnerschaft unseres Kreises mit Emek Hefer trägt dazu bei, dass wir uns erinnern.“ Allon Sander wies fürs Erinnern als jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland auf ein wichtiges Detail hin: „Es ist wichtig zu erinnern, dass es nicht ‚Deutsche gegen Juden‘ waren. Es waren Nazis gegen Juden, gegen Kommunisten, gegen Homosexuelle, gegen Behinderte und Kranke. Es waren Nazis gegen andere Deutsche!“ Banfes Pfarrer Peter Mayer-Ullmann, der sich darüber freute, dass die Gedenkstunde in der Kirche stattfand, war es dennoch ein Anliegen, einzuräumen, dass damals auch die Kirchengemeinde versagt habe, als die jüdischen Mitbürger abtransportiert wurden. Verantwortung übernehmen, darum geht es dem Laaspher Freundeskreis, der 2009 zum Beispiel in der Ukraine die jüdischen Gemeinden in Lemberg und Czernowitz besuchte, und deshalb umso fassungsloser auf die aktuellen Nachrichten schaut, wie Vorsitzender Rainer Becker ausführte: „Wie schwer diese Verantwortung sein kann, sehen wir täglich an den unerträglichen Bildern des Krieges in der Ukraine, wenn wir uns fragen, warum können die Menschen nicht aus dem unsäglichen Leid aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen? Unser Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit kann nicht die Welt retten, aber wir können ein Zeichen setzen für Toleranz, Mitmenschlichkeit und Völkerverständigung - gegen Ausgrenzung, Hass und Fremdenfeindlichkeit.“

Nach all den Grußworten hielt Ido Kanyon als Simon Burgs Enkel eine bewegende Ansprache in eben jenem Geist der Völkerverständigung. Im Namen aller anwesenden Nachgeborenen hatte er einen Brief an die fünf Banfer Verwandten geschrieben, die von den Nazis umgebracht wurden. Dieser endete: „Wir können euch nicht im Gelobten Land beerdigen, aber jetzt, Dank der lieben Menschen, die es angeregt, unterstützt und hart dafür gearbeitet haben, dieses Denkmal und die Zeremonie zu gestalten, können wir euer Andenken hier ehren und euer Erbe in uns zurücktragen, dahin, wohin ihr euren Sohn Simon vor 80 Jahren geschickt habt - in das Land Israel.“

Das Denkmal, von dem Ido Kanyon sprach, war ein knapp ein mal ein Meter großer Stein, der jetzt mit einer Tafel an der Bushaltestelle bei der Eiche in der Banfer Dorfmitte an die Familie Burg erinnert. Den Gedenkstein hatte Hermann Böhl vom Natursteinwerk Raumland für diesen Anlass gespendet, die Gedenktafel Anette Sailer und deren Bruder Michael Ullrich. Die Beiden sind die Kinder von Gottfried Ullrich. Der Laaspher war 1991 eines der Gründungsmitglieder des Christlich-Jüdischen Freundeskreises, als Siebenjähriger war er aus dem Erzgebirge zunächst nach Banfe gekommen, hatte sich mit dem etwas älteren Nachbarsjungen Martin angefreundet, kannte die ganze Familie Burg. Nach Gottfried Ullrichs Tod 2017 fand seine Tochter Anette verschiedene Aufzeichnungen ihres Vaters mit ganz konkreten Erinnerungen etwa an das Nikolaus-Gehen 1937 mit seinem Freund Martin oder an die Begegnung mit dem britische Soldaten Simon Burg gleich nach dem Krieg in Laasphe. Dieser Fund ließ Anette Sailer zuhause im Allgäu aktiv werden, von dort suchte sie Kontakt nach Israel und zum Freundeskreis. Einige Planungen waren nötig, vieles wurde liebevoll vorbereitet, am Ende stand der würdevolle Gedenktag, zu dem rund 80 Menschen kamen.

Aber auch tags drauf war der Christlich-Jüdische Freundeskreis schon wieder aktiv. Während in Israel am Holocaust-Gedenktag „Jom haScho’a“ die Sirenen heulten, Alltag und Leben für zwei Minuten stillstanden, waren Rainer Becker, Rosemarie Bork, Jochen Menn und Klaus-Peter Wolff in Bad Laasphe mit Schüler*innen unterwegs, um die örtlichen Stolpersteine zu putzen. Wolfgang Henkel beteiligte sich mit sieben Jugendlichen aus seinem Religionsunterricht in den Klassen acht und zehn am Gymnasium „Schloss Wittgenstein“, Ulrike Halbach hatte 18 Neuntklässler*innen vom Städtischen Gymnasium dabei. Nicht wenige machten sich mit wahrem Feuereifer daran, die Steine zu säubern, so dass die knappen Daten darauf schnell wieder gut zu lesen waren. Und währenddessen hörten die Jugendlichen mehr von den Lebensgeschichten der Menschen, an die diese Stolpersteine erinnern. Zu den interessierten und engagierten Reli-Unterricht-Schülergruppen an diesem Morgen gehörten übrigens auch der Muslim Tunahan sowie Katya aus Charkiv.

>>> Rainer Becker beim Empfang im Rathaus
>>> Text Goldenes Buch Bad Laasphe
>>> Pressemitteilung Stadt Bad Laasphe
>>> Begrüßung Rainer Becker in der Banfer Kirche
>>> Grußwort Dirk Terlinden
>>> Grußwort Waltraud Schäfer
>>> Grußwort Allon Sander
>>> Ansprache Rainer Becker
>>> Ansprache Ido Kanyon
>>> Erläuterung Gedenktafel Rainer Becker
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