Am Ende blieben viele Fragen

Doch das Miteinander-Sprechen war in Eslohe ein guter Anfang, andere Antworten müssen aber auch aus Bielefeld kommen

Superintendentin Simone Conrad informierte bei der jüngsten Synode des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein die Delegierten aus den 14 Kirchengemeinden und den Arbeitsbereichen, dass die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) darüber nachdenke, dass in den 2030er Jahren für eine Pfarrstelle 5000 Gemeindeglieder benötigt würden. Das sorgte in der Kirchengemeinde Dorlar-Eslohe für Unruhe. Sie hat auf 180 Quadratkilometern gerade mal 1100 Gemeindeglieder. Nach der Pensionierung ihres früheren Pfarrers versuchte sie knapp zwei Jahre vergeblich, jemand Neues zu finden. Vor zwölf Monaten wurde dann der damals 61-jährige Peter Liedtke als neuer Pfarrer ins Amt eingeführt, der jetzt neben seinen übrigen Kirchenkreis-Aufgaben im Rahmen einer 50-Prozent-Stelle in der Gemeinde arbeitet. Mit dieser landeskirchlichen Perspektive fragte sich das Presbyterium in Eslohe: Wie können wir die Zukunft unserer Kirchengemeinde sichern und gestalten?

Genau diese Frage stand am Donnerstagabend über einer Veranstaltung in der St. Johanniskirche in Eslohe. Rund 30 Leute hatten sich hierher auf den Weg gemacht. Vor allem örtliche Gemeindeglieder, aber auch Einzelne aus den anderen beiden Hochsauerländer Kirchengemeinden des Wittgensteiner Kirchenkreises, Gleidorf und Winterberg, sowie aus Wittgenstein selbst. Außerdem war Volker Rotthauwe vor Ort, er leitet beim EKvW-Institut für Kirche und Gesellschaft den Fachbereich „Umwelt und Soziales“ und ist damit auch für die Kirche im ländlichen Raum zuständig. Der Pfarrer startete in den Abend, indem er zunächst feststellte, dass in der oft städtisch geprägten Westfälischen Landeskirche Lübbecke und Wittgenstein die einzigen ländlichen, am Rande gelegenen Kirchenkreise seien. Demographischer Wandel und die steigende Attraktivität der Städte für junge Leute veränderten in vielen Bereichen das Landleben, absehbar seien immer weniger Pfarrer für immer größere Bereiche zuständig, das Ehrenamt sei bei der Evangelischen Kirche in Deutschland dankenswerterweise eine stabile Größe. Für die konkrete Situation im Kirchenkreis selbst und in dessen Hochsauerländer Diaspora-Situation habe er zwar keine fertigen Lösungen, aber Erfahrungen und mutmachende Beispiele mitgebracht. Mit Zuversicht sollten die Besucher nach Hause gehen.

Dafür kamen in den Ausführungen des Münsterländers zwei ehemalige Wittgensteiner vor: der Aufruf des früheren Elsoffer Pfarrers Dr. Ralf Kötter für eine „leidenschaftliche Kirche in der Mitte der Gesellschaft“, festgehalten in seinem Buch von 2014 „Das Land ist hell und weit“, und das Engagement des früheren Superintendenten Stefan Berk für das landeskirchliche Netzwerk „Kirche im ländlichen Raum“ und dessen Innovationsfonds. Volker Rotthauwe ermunterte die Gemeinden zum Blick nach außen. Im Sozialraum könne man schauen, was für Aufgaben es für die Kirche vor Ort konkret gebe. Der Kirchenkreis sei Leader-, Tourismus-, Wirtschafts-Region, wie könne man hier interkulturell, interreligiös, schöpfungs-bewahrend arbeiten? Statt eines festen Engagements über Jahre funktioniere heute eher projekt-bezogener Einsatz für einen bestimmten Zeitraum. Man könne nicht mehr alle Angebote an jedem Standort vorhalten, es müsse und es werde andere Formen der Kirchengemeinden geben. Und ein ganz großes Plus sei es hier, dass das Land ein „Anpackraum“ sei: Viele Menschen im ländlichen Raum brächten sich gern ehrenamtlich für die Gemeinschaft ein.

Nach diesem halbstündigen Aufschlag von Volker Rotthauwe entwickelte sich eine lebendige Diskussion. Wo soll bei den geplanten großen Kirchengemeinden noch der Raum für die Seelsorge durch den Pfarrer sein, die der Fragesteller selbst erst nach seinem Umzug von der Stadt aufs Land kennengelernt hatte? Wo finden sich in unserer Kirchengemeinde die 25- bis 40-Jährigen und die 40- bis 50-Jährigen? Wofür soll man noch Kirchensteuer bezahlen, wenn die Ehrenamtlichkeit absehbar eine immer wichtigere Rolle spielt? Wieso gibt es nicht auch andere, weniger traditionelle Gottesdienst-Angebote? Wer bemüht sich um Pfarrer, wieso gibt es keine Theologen mehr? Was wollen eigentlich die 90 Prozent der Gemeindeglieder, die man höchstens mal zu Weihnachten in der Kirche sieht, wenn überhaupt? Wie begegne ich der Beliebigkeit, die sich bei allzu offenen Aktionsformen schnell einstellt? Wie definieren Sie in diesem Konzept die Gemeinde Jesu Christi?

Auch wenn diese letzte sich ganz direkt an den Referenten des Abends richtete, so wurde doch klar, wie viele Fragen den Anwesenden auf der Seele brannten. Manche hätte nur die Landeskirche beantworten können, aber manche richtete sich auch ganz konkret an die Kirchengemeinde selbst. Sie hätten ganz genau so auch in anderen Gemeinden des Wittgensteiner Kirchenkreises gestellt werden können. Und deshalb war es gut, dass all diese Fragen an diesem Abend auf den Tisch kamen, dass man ins Gespräch miteinander kam. Presbyter Dr. Wolfgang Beer, der mit Finanzkirchmeister Dr. Hans Dürr und den anderen Presbyteriums-Mitgliedern den Abend akribisch vorbereitet hatte, sagte zu: „Die Landeskirche wird von uns nicht unbehelligt bleiben“, dies sei nur die erste von mehreren Veranstaltungen gewesen. Volker Rotthauwe regte an, dass es neben weiteren Diskussions-Veranstaltungen ja auch einen Ideenworkshop und eine Zukunftswerkstatt geben könne. Und so wie Volke Rotthauwe den Besuchern Zuversicht mit auf den Heimweg geben wollte, so warb auch der ehemalige Pfarrer Jürgen Rademacher, der zu seinem Ruhestand aus Eslohe fortgezogen war, für die Hoffnung. Dazu nutzte er das Bild vom Senfkorn: der kleinste Same, der zu einem riesigen Baum wird. Jesu Gleichnis vom Himmelreich gilt auch heutzutage noch.