Abschied von Dieter Kuhli

Der Laaspher Pfarrer wird am 2. Mai nach gut 32 Jahren in der Lahnstadt mit einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet

Seit der Reformation sei er Pfarrer in Laasphe - diese augenzwinkernde Aussage über Dieter Kuhli hat sich in den vergangenen Jahren im Wittgensteiner Kirchenkreis eingebürgert. Auch er nutzt sie schon mal selbstironisch, wenn er sich vorstellt. Dabei stimmt das gar nicht. Schließlich hat er seinen Dienst hier nicht 1517, sondern erst zum 1. November 1988 angetreten. Und jetzt Ende Mai ist Schluss, der 65-Jährige wechselt in den Ruhestand und verlässt Wittgenstein. Mit ihm verliert der Kirchenkreis einen versierten, beschlagenen, nachdenklichen, gelassenen, klugen und reformierten Theologen. Obwohl er dann eigentlich schon in seinem Resturlaub ist, wird er am Sonntag, 2.Mai, in einem Gottesdienst ab 14 Uhr verabschiedet. Die Teilnehmerzahl in der Stadtkirche ist strikt auf ein Minimum reduziert - aber im Internet können Interessierte den Gottesdienst live in einer Zoom-Sitzung verfolgen, anschließend wird dieser in den nächsten Tagen auf dem YouTube-Kanal des Kirchenkreises hochgeladen. Alle notwendigen Informationen dafür gibt es auf der Homepage des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, in dem Dieter Kuhli Ende August 1955 das Licht der Welt erblickte.

Der gebürtige Saßmannshäuser, der in Feudingen aufwuchs, erlebte die hier typische Kindheit und Jugend, in denen CVJM und Kirchengemeinde eine wichtige Rolle spielten. Und der damalige Gemeindepfarrer Hans-Gerd Ströhmann. Einige aus seinem Feudinger Konfi-Unterricht studierten später Theologie - und Dieter Kuhli war nicht der Einzige, der morgens vor der Schule bei ihm Hebräisch lernte. Das Studium führte Dieter Kuhli nach Bethel, Heidelberg und Tübingen. Sein Vikariat absolvierte er im Kirchenkreis Tecklenburg. Als Pastor im Hilfsdienst - so hieß damals der Pfarrer-Entsendungsdienst - landete er einerseits im Sauerland, andererseits auch in Wittgenstein, denn die Kirchengemeinde Gleidorf als seine neue Wirkungsstätte auf Schmallenberger Stadtgebiet gehörte und gehört auch heute noch zum Wittgensteiner Kirchenkreis. In seiner ersten Pfarrstelle arbeitete Dieter Kuhli danach drei Jahre lang in der Kirchengemeinde Niederschelden, bevor ihn 1988 seine neue Stelle zurück an die Lahn brachte. Dabei hatte er Ehefrau Gunhild sowie die gemeinsamen Töchter Maren und Antje, in der Laaspher Zeit wurde noch Sohn Steffen geboren.

In einem so kleinen Kirchenkreis warten auf Pfarrer neben den Diensten in ihren eigentlichen Arbeitsbereichen immer auch andere Aufgaben. Dieter Kuhli gehörte zu manchem Ausschuss, aber zwischen Struktur- und Nominierungs- war für ihn der Theologische Ausschuss der wichtigste. Seit 1996 leitete er diesen, stets im Bewusstsein, dass alle Arbeit von Kirche heute genau wie ihre Haltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen aus der Theologie, aus der Bibel heraus begründet werden muss. Der Ausschuss positionierte sich an vielen Stellen ganz klar. Greifbar wurde das bei einer Kreissynode, in der abschließend übers Freizeitzentrum Wemlighausen entschieden werden sollte. Zuvor hatte die Kirchenkreis-Versammlung erst dem Umbau zugestimmt, ein Jahr später allen Planungen die Unterstützung wieder entzogen. Das Papier des Ausschusses zeichnete ein Bild davon, welche Rolle die Einrichtung spielen könne, „jungen wie älteren Menschen Erlebnisräume zu eröffnen, in denen sie christliche Lebensweisen kennenlernen und ausprobieren können“. Nach der Auseinandersetzung der Synode mit der Stellungnahme folgten das endgültige Ja zur Einrichtung und zum neuen Namen „Abenteuerdorf“ - möglicherweise wegen der fundierten Ausschuss-Vorarbeit.

Auf dem Weg zum Reformations-Jubiläum 2017 war der Theologische Ausschuss ab 2009 alljährlich dabei, um in einzelnen Themenjahre viele Facetten der Reformation zu beleuchten. Dabei arbeitete Dieter Kuhli kontinuierlich mit Dr. Johannes Burkardt, dem ehrenamtlichen Kirchenkreis-Archivar, zusammen. Auch zum 200-jährigen Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises in 2018 gestalteten der Laaspher Pfarrer und der Leiter der Abteilung „Ostwestfalen-Lippe“ im Landesarchiv NRW gemeinsam spannende Bausteine für ein neuerliches Jubiläums-Programm. Von 1996 bis 2011 war Dieter Kuhli ein Wittgensteiner Vertreter bei der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen. 2007 wurde er im Kirchenkreis zur Stellvertretung der Stellvertretung von Superintendent Stefan Berk gewählt, von 2014 bis 2020 war er als Synodalassessor dann selbst dessen Stellvertreter und gehörte so zum Kreissynodalvorstand (KSV), dem Kirchenkreis-Leitungsgremium.

In diesen Funktionen organisierte er allmonatliche Pfarrkonferenzen für seine Kollegen, um hier vor Ort Firmen zu besuchen, aktuelle und ehemalige heimische Bundestagsabgeordnete zu treffen, sich mit örtlichen Bestattern mal in einem anderen Zusammenhang zu unterhalten und mit Experten von außen beständig theologische Sachverhalte neu zu bedenken. Außerdem war er lange Vorsitzender des Trägerkreises für die Reformierte Konferenz und später das Reformierte Gemeindeforum Südwestfalen, wo zweimal im Jahr versierte Referenten einen reformierten Blick auf Themen warfen.

Und dann natürlich noch Dieter Kuhlis Arbeit in der Kirchengemeinde. Wenn er in der Kita Bäderborn des Evangelischen Familienzentrums oder im Konfi-Unterricht die Kinder und Jugendlichen zum Bibliolog einlud, einer Methode, bei der die Zuhörer selbst Akteure in einer biblischen Geschichte werden, wenn er mit den Frauenhilfen Ausflüge machte, wenn er sich alljährlich für die Passionsandachten neue Wege überlegte, das Leiden Jesu zum Ostergeschehen hin auf eine andere Art - oft mit auch mit Kunstwerken - erfahrbar zu machen, wenn er seine unvermeidlichen, oft überraschenden Sommerpredigt-Reihen konzipierte, wenn er die Gemeindeglieder in fröhlichen und in schweren Momenten begleitete, dann war Dieter Kuhli mit Leib und Seele Gemeindepfarrer. Hinzu kamen Laaspher Besonderheiten: Gern war er Ansprechpartner für den Ökumenischen Eine-Welt-Laden im Ort und Kooperationspartner für den örtlichen Christlich-Jüdischen Freundeskreis, bei dessen Pogrom-Gedenkveranstaltung 2019 Dieter Kuhli sehr deutlich Position gegen Rassenwahn, Hass und Menschenverachtung bezog, gern führte er die Laaspher Tradition der Bittgottesdienste für die Einheit der Christen fort und freute sich darüber, in Rosemarie Biedermann auf katholischer Seite eine engagierte Mitstreiterin zu haben, gern begleitete er mit seinem anglikanischen Kollegen Alan Barrett die Partnerschaft zwischen der Lahnstadt und dem englischen Tamworth und predigte auch in St. Editha. Wenn ihm hier mulmig war, dann lag es weniger an der englischen Sprache als an der Tatsache, dass die Kanzel in der Kirche ziemlich hoch und Dieter Kuhli nicht schwindelfrei ist.

All das ist nun vorbei - und Dieter Kuhli zieht jetzt im Ruhestand nach Littfeld. Die anstehende Vereinigung des heimischen Kirchenkreises mit dem in Siegen hatte der Wittgensteiner aus der Kenntnis heraus, dass es künftig in Wittgenstein und Hochsauerland zu wenig Schultern sein werden, um einen Kirchenkreis zu tragen, zähneknirschend mit auf den Weg gebracht. Mitgestalten kann er nicht mehr, aber als Reformierter vertraut er da auf die gewählten Gremien: die Presbyterien, die Ausschüsse und den KSV. Im neuen Kreissynodalvorstand sind übrigens nicht nur die Erndtebrücker Pfarrerin Kerstin Grünert, die in ihrem Vikariat Dieter Kuhli als Mentor hatte, sondern auch Steffen Post, mit dem Dieter Kuhli inzwischen seit über einem Jahrzehnt vertrauensvoll als Laaspher Gemeindepfarrer-Team zusammengearbeitet hat. Die Beiden gehören zur jüngeren Pfarrer-Generation im Kirchenkreis. Und so muss man sich über die Zukunft keine Gedanken machen.

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Kollekten-Möglichkeit für Dieter Kuhlis Verabschiedungs-Gottesdienst zugunsten des Abenteuerdorfs Wittgenstein und der Alten Synagoge Bad Laasphe - bitte anklicken