Weihnachten kann auch ganz anders sein

Pfarrerin Dr. Sandra Gintere erinnert sich an ihre erste Weihnacht, Pfarrer David Mushi vergleicht Tansania und Deutschland

Das Foto zeigt Dr. Sandra Gintere während der Predigt am Tage ihrer Amtseinführung als Gemeindepfarrerin in der Evangelischen Kirche Winterberg im Dezember 2019.

Wenn wir in diesem Jahr das erste Weihnachtsfest erleben, an dem es keine Gottesdienste mit vielen Menschen in unseren Kirchen und Kapellen, nicht mal unter freiem Himmel gibt, dann kann sich in unseren Breiten niemand an so etwas erinnern. Der Heiligabend mit Krippenspiel, das manchmal auch schon ein paar Tage früher aufgeführt wird, damit wirklich alle Orte zu ihrem Recht kommen, die Aufgeregtheit und Spielfreude der teilnehmenden Kinder, die noch größere Nervosität der ehrenamtlichen Kindergottesdienst-Mitarbeiter und Pfarrer, die miteinander gehörte Frohe Botschaft, dass der Heiland geboren ist, und das am Gottesdienst-Ende von allen zusammen geschmetterte „Oh, du fröhliche“ - das ist die gemeinsame Erfahrung, die wir im Wittgensteiner Kirchenkreis haben, egal ob in Wittgenstein selbst oder im Hochsauerland. Aber hier arbeiten auch Menschen, deren Weihnachts-Erinnerungen ganz anders sind: zum einen die von Dr. Sandra Gintere aus Lettland, seit einem Jahr Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Winterberg und Tourismus-Pfarrerin für den gesamten Kirchenkreis Wittgenstein, zum anderen die Erinnerungen von David Mushi aus Tansania, der seit 2019 vornehmlich im Kirchenkreis Siegen arbeitet, aber auch einen kleinen Dienstauftrag im Wittgensteiner Kirchenkreis wahrnimmt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen kann sich die heute 59-jährige Sandra Gintere ganz genau an ihr erstes Weihnachtsfest erinnern. Das war nämlich vor 35 Jahren, der Staat, in dem sie wohnte, hieß Sowjetunion: „Ich war mit dem Studium fertig und arbeitete im ersten Jahr als Lehrerin an einem Gymnasium in Riga. Und einer von meinen Kollegen hat mir gesagt, er studiere Theologie, um Pfarrer in der lutherischen Kirche zu werden. Für mich war das etwas Unglaubliches, etwas, von dem ich nie gehört hatte oder das ich mir nie hätte vorstellen können. Bis zu meinem 22. Lebensjahr hatte ich nie bewusst einen ‚gläubigen Menschen‘ getroffen oder gar etwas vom christlichen Glauben gehört. Und dann sagte mir dieser Kollege, er glaube an Gott, und seine Frau und seine Kinder auch. Ich war neugierig und gespannt und ich wollte gerne mehr wissen über den Glauben und den Lebensstil meines Kollegen und seiner Familie. Und im Dezember 1985 hat mein Kollege mich eingeladen, am Weihnachts-Gottesdienst in seiner Gemeinde teilzunehmen.“

Was es im real existierenden Kommunismus der Sowjetunion bedeutete, Christ zu sein, macht Sandra Gintere an einem Detail klar, wenn sie über den Vater ihres Kollegen spricht: „Er war Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität und wusste ganz genau, sollte jemand in seiner Ausbildungs-Behörde erfahren, dass sein Sohn Pfarrer werden möchte, würde nicht nur sein Sohn seine Anstellung als Lehrer verlieren, sondern auch er als Professor an der Universität. Im Hinterkopf dachte ich sicherlich, ich sollte doch ähnlich besorgt sein, wie der Vater des Kollegen, da ich aus gegebenem Anlass meine Arbeit als Lehrerin auch verlieren könnte, sobald jemand erfahren würde, dass ich an Weihnachten zu einem Gottesdienst in einer Kirche war. Ich wusste ganz genau, dass die Klassen-Lehrer verpflichtet waren, an Weihnachten vor den Türen der Kirchen zu stehen, um aufpassen, dass ihre Schüler nicht in einen Gottesdienst gehen würden. Falls doch, wurden die Namen aufgeschrieben und an die entsprechende Schulbehörde weitergeleitet. Aber, ich war einigermaßen sicher, dass so weit weg von Riga uns keiner beobachten oder gar erkennen würde.“

Und nach zwei Stunden Fahrt kam die heutige Winterberger Pfarrerin in Aizpute an: „Erstmals in meinem Leben öffnete ich die Türe zu einer Kirche und wäre fast stehen geblieben. Denn, was ich nicht erwartet hatte, die Kirche war freundlich, hell und warm. Im absoluten Gegenteil zum Bus und der Natur um uns herum. Vorne standen zwei riesige Weihnachtsbäume. Diese waren mit Wachskerzen geschmückt und strahlten eine einladende und angenehme Wärme aus. Die Orgel spielte leise weihnachtliche Melodien. Die Kirche war, für mich relativ unerwartet, voll, nur ganz vorne waren noch einige Plätze frei. Die ganze Atmosphäre in der Kirche berührte mein Herz zutiefst. Und noch mehr überraschte mich das Gehörte, nämlich die erste Predigt in meinem Leben, die damals mein Kollege hielt. Er lud uns, die Weihnachts-Gemeinde, ein, mit ihm über Josef nachzudenken. Was hat Josef in der Heiligen Nacht wohl gedacht? Was könnte er gedacht haben? Wartete er auch, wie sein Volk, auf die Befreiung von der fremden Herrschaft? Hoffte er auch auf die baldige Ankunft des verheißenen Messias!? Josef war damals in einer ähnlichen Situation, wie das lettische Volk unter der kommunistischen Besatzung.“ Die befreiende Botschaft, dass der Heiland geboren ist, kann man in unterschiedlichen Situationen eben ganz unterschiedlich hören.

Für die damals 24-jährige Sandra folgte noch ein festlicher Abend mit ihrem Kollegen und seinen Verwandten sowie der Bilderbuch-Pfarrfamilie in Aizpute: „Weihnachten mit dem Pfarrer und seiner Familie zu feiern überstieg zunächst meine Erwartungen und meine Vorstellungskraft. Als wir in die Wohnung kamen, duftete es schon verheißungsvoll nach Zimt, Lebkuchen und Bratäpfeln. Der Pfarrer setzte sich ans Klavier im festlich hergerichteten Wohnzimmer, seine Frau und seine Tochter nahmen ihre Flöten und der Jüngste bekam zu seiner großen Freude eine kleine Trommel. Und zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich das weltumspannende Weihnachtslied ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘. Alles schien mir wie in einem Märchen oder einem Film aus ferner Vergangenheit, an dem ich plötzlich teilhaben durfte.“

Ganz anders die Erinnerungen des 40-jährigen David Mushi, der im Frühjahr 2019 nach Deutschland gekommen ist und jetzt in der Kirchengemeinde Klafeld sowie in den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein arbeitet: „Seit meiner Kindheit habe ich in Tansania Weihnachten gefeiert, in den ländlichen Gebieten am Kilimandscharo, wo unsere Vorfahren lebten, und in Daressalam, wo unsere Familie lebte.“ Auch wenn Weihnachten an diesen beiden Orten sehr unterschiedlich gefeiert werde, so gebe es doch etwas Verbindendes: „die Familien-Momente“. Weil fast ein Drittel der Tansanier Christen seien, sei das Fest auch in Tansania eine „große Sache“. Doch wegen des Wohlstands-Gefälles zwischen Deutschland und Tansania sehen die Festlichkeiten ganz anders aus: „Es geht hier nicht so sehr um gekaufte Karten und Geschenke, sondern um das Teilen der Familien-Momente. Für die meisten beginnt der Urlaub zwei Wochen vor Weihnachten. Drei bis zwei Wochen vor Weihnachten sieht man die Menschen auf der Straße, auf dem Weg zurück in ihre Dörfer, um Weihnachten mit Mutter, Vater und Großmutter zu teilen.“ David Mushi geht noch deutlicher auf die Weihnachts-Unterschiede zu Deutschland ein: „In einer Kultur, in der es nicht einfach ist, sich während des Jahres zu treffen, ist es eine perfekte Gelegenheit für die Familie, um ein neues Familienmitglied – Ehefrau, Mann, Kind - kennenzulernen und die Kontakte mit dem Familien-Clan - dem lange verschwundenen Cousin, der Großtante - wiederaufzufrischen.

Während man sich in Afrika früher auf den Heimweg macht, beginnt man in Deutschland früher mit dem weihnachtlichen Schmücken: „Vergangenes Jahr waren wir erstaunt, dass das Dekorieren in Deutschland schon am Samstag vorm Advent begann. In Tansania ist das anders. Erst ein paar Tage vor Weihnachten werden die Dekorationsstücke aus den Kartons geholt, abgestaubt und aufgestellt.“

Zum Weihnachts-Gottesdienst, der den Christen ganz wichtig ist, geht es in Tansania am 25. Dezember. Oft in den neuen Kleidern, die es als Weihnachtsgeschenk gab: „Es ist ein Brauch, dass die meisten neue Kleider kaufen. Auch für die Kinder. Es ist eine spannende Zeit für sie, und die Eltern versuchen, sie nicht zu enttäuschen. Für einige Kinder sind das die einzigen neuen Kleider, die sie das ganze Jahr bekommen werden.“ Und das Singen gehöre auf jeden Fall und unbedingt dazu, das kennen wir. Und das Tanzen gehöre manchmal auch dazu, das wäre dann wieder einer der Unterschiede. Das Krippenspiel komme In Tansania entweder vom Kindergottesdienst oder von der Frauenhilfe. Der Gottesdienst nimmt den größten Teil des Morgens ein, der könne auch zwei oder drei Stunden dauern, aber - und das ist David Mushi wichtig: „Zum Mittagessen ist man zuhause.“

Und die Sache mit dem Weihnachts-Essen fängt manchmal schon viel früher an: „Familien kaufen oft im Januar eine Kuh oder eine Ziege, um sie bis Weihnachten zu füttern. Es ist eine Tradition, die Tiere am Weihnachts-Vorabend zu schlachten, um Suppe und Fleisch zuzubereiten.“ Während es in den Städten zu Weihnachten die Getränke gebe, die auch wir kennen, Wasser, Cola Bier, ist die Sache auf dem Land anders: „Viele Dörfer brauen ihr eigenes Bier, Stämme entwickeln ihre eigenen Geschmacksrichtungen.“ David Mushi ist einer aus dem Volksstamm der Chagga, die brauen zum Beispiel ein Getränk - laut David Mushi mit „Wein-Qualitäten“ - aus Banane und Hirsesprossen. Das Bier gibt es dann zum Fleisch dazu. Die Evangelische Lutherische Kirche in Tansania habe allerdings den Genuss von Alkohol bei kirchlichen Veranstaltungen in den 1960er Jahren abgeschafft.

Das verbreitetste Weihnachts-Festmahl bestehe aus einem scharfen Reisgericht namens „Pilau“ mit Fleisch, gekochten Bananen und dem Fladenbrot „Chapati“. Und, auch das ist David Mushi wichtig: „Während dieses Weihnachts-Essens bringt eine christliche Familie eine Portion des Essens der benachbarten muslimischen Familie.“ Dafür revanchiere sich die muslimische Familie beim Fastenbrechen am Ende des Ramadans. Außerdem ist es David Mushi für die ökumenische Perspektive wichtig, dass am 26. Dezember immer ein ökumenischer Gottesdienst vieler christlicher Konfessionen ist. Und auch das sei ja irgendwie ein Familien-Moment. Diesmal im Rahmen der großen christlichen Familie.

Dieser Gottesdienst wird auch in diesem Jahr in Tansania gefeiert. An den meisten anderen Orten auf der Welt sehen die Weihnachtsfeierlichkeiten diesmal allerdings anders als gewohnt aus. Das ist schade, das ist traurig, ändert aber nichts an der Botschaft des Tages: Jesus Christus ist zu uns Menschen in die Welt gekommen.

„Mein erstes Weihnachten“ von Pfarrerin Dr. Sandra Gintere - zum Nachlesen
„The Mircale of Christmas in Tanzania and Germany“ von Pfarrer David Mushi - zum Nachlesen

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