An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfrn. Claudia de Wilde

18. August 2019

Abstand schafft Durchblick

von Krankenhaus-Seelsorgerin Pfrn. Claudia de Wilde, Hemschlar

Sommerzeit ist Reisezeit. Die einen fliegen ganz weit weg, anderen reisen in eins der Nachbarländer, wieder andere bleiben im Inland und genießen Orte und Landschaften, vertraut oder ganz neu. Es tut einfach gut, wegzufahren und Abstand zum Alltag zu bekommen. Es tut gut, andere Landschaften zu sehen, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, andere Gerichte zu probieren.

Waren Sie in den Urlaub mit dem Auto unterwegs, so wie ich auch? Dann kennen Sie vielleicht auch die Situation, dass jemand hinter Ihnen her fährt, der Ihnen viel zu dicht auf den Fersen ist. Solche Drängler gefährden sich und andere. Wer nicht den nötigen Sicherheitsabstand einhält, läuft Gefahr, im Notfall nicht schnell genug reagieren zu können. Abstand hilft, die Situation früher einschätzen zu können und noch Zeit zum Handeln zu haben.

Abstand macht Sinn, im Straßenverkehr genauso wie im Urlaub. Das, was sonst nah um einen herum ist, kann man aus der Entfernung ganz anders würdigen: die Menschen, mit denen man sich umgibt, die Wohnung oder das Haus mit den Annehmlichkeiten und den Aufgaben, die Freizeitaktivitäten, das berufliche Umfeld, die Hobbies, die man pflegt oder für die man keine Zeit findet. Man sieht im Abstand die Kostbarkeiten des Alltags deutlicher - aber auch das, was vielleicht demnächst einer Klärung bedarf oder dringend zu ändern ist. So mancher kommt aus dem Urlaub zurück mit einer Liste von Dingen, die jetzt ganz bald zu erledigen sind. Oder zu ändern. Oder die nicht mehr zum eigenen Leben gehören und von denen man sich verabschieden wird. Oder mit einer Liste, auf der steht, was demnächst zum Leben dazugehören soll: eine sportliche Herausforderung, ein Musikinstrument, eine Umgestaltung des Gartens, eine Reiseplanung,…

Abstand schärft den Blick. Und das gilt nicht nur in Urlaubstagen, sondern jedes Mal, wenn wir aus dem Alltag herauskommen. Ein Aufenthalt im Krankenhaus oder in der Reha zum Beispiel, auch das schafft Abstand zu allem, was sonst so alltäglich ist, und zum Nachdenken über das, was uns wirklich wichtig ist.

Ganz ähnlich können wir aber auch mitten im alltäglichen Leben mit etwas Abstand auf unser Leben sehen. Dem einen hilft es, mal raus in die Natur zu gehen, um Dinge zu überdenken, dem anderen gelingt das in einem schönen Konzert. Oder wir sprechen unser Leben mit einem Freund durch. Manchen hilft es auch, mit Gott wie mit einem Freund darüber zu sprechen, was ihn besonders glücklich macht und gelingt, und das, was das Leben verdunkelt und gefährdet. Und aus diesem Abstand heraus können wir dann neue Handlungsspielräume ausloten und die Zukunft gestalten. Abstand schafft Durchblick…