An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Peter Liedtke

14. April 2019

Zaubern ist eigentlich einfach

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Wir haben gezaubert. Wir, das sind Kolleginnen und Kollegen, die an einer Fortbildung in Genua teilnahmen. Mittags aßen wir in einer preiswerten Trattoria. Das Essen war schlicht, aber sehr schmackhaft. Und die Betreiber wuselten immer hin und her, um die zahlreichen Gäste zu versorgen. Das harte Leben hatte ihre Gesichter gezeichnet. Trotzdem waren sie immer zuvorkommend und hilfsbereit. An unserem letzten Tag wollten wir uns bedanken. Und so lockten wir zuerst den Koch an unseren Tisch. „Lobe den Herrn meine Seele“, ein Kanon nach dem bekannten Psalmwort sangen wir - für ihn. Und er, der zwar immer freundlich guckte, aber nie lächelte, schenkte uns ein breites Lächeln - mit nur noch zwei Zähnen im sichtbaren Bereich seines Mundes. Er war gerührt, mehr gerührt als über Trinkgeld und ein freundliches „Mille grazie“. Er, der anscheinend nicht gut genug verdient, um seine Zähne richten zu lassen, erlebt, nicht nur als „der da in der Küche“ wahrgenommen zu werden, sondern als Mensch. Sonst trieb er seine Frau, die für die Bedienung zuständig ist, immer an. Aber jetzt holte er sie weg von ihren Aufgaben, erzählte ihr, was geschehen war und zeigte stolz auf uns, auf die, die für ihn gesungen haben. Natürlich bekam auch seine Frau ein gesungenes „Dankeschön“.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - so heißt der erste Satz von Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Was ist das aber, die Würde des Menschen? In Genua haben wir es ablesen können an den Gesichtern der beiden Wirtsleute. Sie erlebten, dass sie in ihrer Würde wahrgenommen wurden. Diese Würde kommt jedem Menschen zu. Reichtum und Bildung bedarf es dafür nicht, man muss weder Ämter bekleiden noch die deutsche Sprache fehlerfrei beherrschen. Jeder Mensch verdient diese Würde. Als Christ ergänze ich: „Weil jeder Mensch von Gott in gleicher Weise geliebt wird.“ In seinen Augen sind alle gleich, in seinen Augen sind wir der Liebe wert.

Wir aber sind oft unzufrieden. Das Leben erscheint uns als ungerecht. Wir fühlen uns ausgenutzt oder unbedeutend. Die Härten des Alltags, die Sorge um Geld und Gesundheit, die Trauer über verlorene Lebensträume - all das zeichnet uns und macht uns zu Bausteinen einer brutalen Welt.

Doch wir können diesen Kreislauf durchbrechen, indem wir einander Würde zukommen lassen: am Kranken- oder Sterbebett, in der Warteschlange im Job-Center oder beim Hausarzt, bei der Arbeit oder im Straßenverkehr. Wir müssen nicht Superman oder -girl sein, um Wunder zu vollbringen. Zum Zaubern brauchen wir nur den Anderen wirklich wahrzunehmen und ihn ein bisschen menschliche Wärme spüren zu lassen.