An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfrn. Christine Liedtke

20. Oktober 2019

Loslassen gibt Hände frei für Neues

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Der Herbst macht es uns bewusst, und die Bäume machen es uns vor: das Loslassen. Die Laubbäume legen ihr allerschönstes Farbenkleid an - und dann lassen sie es zur Erde fallen. Die Bäume ziehen sich geradezu ein bisschen in sich selbst zurück und lassen Ruhe einkehren. Im Winter stehen sie kahl da, aber tief in ihnen werden schon die Knospen vorbereitet, ist neues Leben im Aufbruch.

„Das letzte Kind hat jetzt das Elternhaus verlassen“, sagt der Familienvater, „das ist ganz merkwürdig.“
„Nach der gescheiterten Ehe zieht jetzt meine erwachsene Tochter mit ihren Kindern wieder bei uns ein - wir räumen die obere Etage und richten uns unten ein; da ist natürlich weniger Platz und wir müssen vieles weggeben“, sagt eine junge Großmutter.
„Nächste Woche gehe ich ins Altenheim“, sagt die hochbetagte Seniorin, „und was wird dann mit all meinen Sachen?“

Loslassen - können Sie das gut? Im Grunde verlangt uns das Leben ständig ein Loslassen ab: der Verlust des schützenden Mutterleibes, der Abschied von der Kindheit, das Loslassen geliebter Menschen, das Realisieren, dass sich manche Träume nicht umsetzen lassen. Mit fortschreitendem Alter wird uns dann das Loslassen von der jugendlichen Unbeschwertheit abgefordert, von der selbstverständlichen Gesundheit, von einer Zukunft voller Möglichkeiten und geradezu unbegrenzter Dauer. Nichts lässt sich festhalten. Aber wir würden doch so gerne festhalten: den kostbaren Augenblick, das Gefühl des Glücks, die erfüllten Lebensmomente!

„Nur wer loslassen kann, hat die Hände frei für Neues“, lautet ein Sprichwort. Es ist gut, wenn wir die Hände frei haben: frei für eine liebevolle Umarmung, frei für beherztes Anpacken, frei für gestalterisches Wirken. Loslassen können, um die Hände neu gefüllt zu bekommen, jeden Tag von Neuem.

Ein Meister im Loslassen ist unser Schöpfer: Er schuf die Welt mit ihren Naturgesetzen und ließ sie dann weitgehend frei. Er machte den Menschen mit seinen Begabungen und schenkte ihm eine Freiheit, die sich sogar gegen den Schöpfer und seine Schöpfung entscheiden kann. Er sandte seinen Sohn Jesus Christus und ließ zu, dass er als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde. Er schenkte uns das Leben und wirbt um unsere Liebe, aber er ließ uns los, so wie Eltern ihre Kinder ins Leben gehen lassen, und wir können auch ganz ohne Gott unser Leben gestalten.

Die Bäume machen es uns vor: Das Loslassen gehört wesentlich zu unserem Leben dazu. Auch wenn wir Dinge und Geld und Erlebnisse anhäufen: Sie gehören uns nur auf Zeit.
Ein letztes und endgültiges Loslassen wird einmal von uns in der Stunde unseres Todes verlangt. Aber dann sind wir vielleicht schon eingeübt in der Kunst des Loslassens, die jeden Tag von uns ein Stück beherzigt werden kann.