An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

17. Februar 2019

Zeitdruck, weil die Ewigkeit fehlt

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

„Was aber ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemand erklären, so weiß ich es nicht.“ Schon vor 1600 Jahren stellte sich Augustinus diese Frage. Obwohl wir die Zeit sehr genau messen können, erscheint sie uns doch verschieden. Zeit ist nicht gleich Zeit. So drückt sich die Zeit nicht nur die Quantität, sondern ganz stark auch durch die Qualität meiner Lebenstage aus. Die entscheidende Frage lautet: Wie werden meine Stunden und Minuten des Lebens nicht nur eine gefüllte, sondern eine erfüllte Zeit?

Die Zeit ist mehr als die Summe von Augenblicken, mehr als die Spanne zwischen Geburt und Tod, sie umfasst mehr als Jahrmillionen der Schöpfung. Sie hat einen Ursprung und ein Ziel. Sie kommt von Gott und hat in ihm ihr Ziel. Was das für eine Gelassenheit bedeutet, hat Jochen Klepper in einem Lied so ausgedrückt: „Der du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt, im Fluge unserer Zeiten. Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ Ein Psychotherapeut formuliert es so: „Wo uns die Ewigkeit fehlt, geraten wir in Zeitdruck. Je mehr uns der Glaube an das ewige Leben verloren geht, umso mehr verlieren wir Stress vorbeugende Gelassenheit.“

Weiß ich also, dass meine Zeit in die Ewigkeit Gottes eingebunden ist, und ich zu diesem ewigen Gott gehöre, dann lebe ich nie in verlorener Zeit. Dann kann ich Zeitraubendes tun - solche Zeit ist dennoch aufgehoben in Gottes ewiger Zeit. Wer zum ewigen Gott gehört - also mit Ewigkeit in der Zeit rechnet - der kann ruhig und gelassen seine Zeit leben, die ihm bleibt. Denn ich bin in Gottes ewiger Zeitrechnung geborgen.

Das Steigerungsdenken und das ausschließlich leistungsorientierte Arbeiten unserer Zeit bringen uns in einen tödlichen Zirkel. Wir müssen in immer weniger Zeit immer mehr erreichen. Wird diese Wirtschaftsmentalität auf alle Bereiche unseres Lebens übertragen, breitet sich Hektik zerstörend aus und zerfrisst alle Menschlichkeit. Zeit wird dadurch zum Verbrauchsgut und hat als Konsequenz: Zeit sparen, als ob es etwas wäre, das man horten könnte; Zeit herausholen, Zeit wieder hereinholen, oder sogar Zeit schinden. Dabei wird aber nicht die Zeit geschunden, sondern immer nur der Mensch.

Dem ersten Lebenstag des Menschen folgte der Ruhetag Gottes (1. Mose 1, 26). Das erste, was Gott den Menschen schenkt, ist Ruhe. Gott will den Menschen vor einem Übermaß an Arbeit schützen. Darum schafft er ihm einen Ruhetag durch das Arbeitsverbot am Sabbat (2. Mose 20, 10).

Wenn Gott meine Zeit erfüllt mit Leben, dann lebe ich aus der Fülle, während meine Zeit vergeht. Auch wenn wir durch Zeitdruck erschöpft neu dem Schöpfer begegnen, werden wir Kraft schöpfen und wieder schöpferisch leben können.