An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfrn. Claudia de Wilde

8. Dezember 2019

Gott hilft beim Aufräumen

von Krankenhaus-Seelsorgerin Pfrn. Claudia de Wilde, Hemschlar

Aufräumen ist in. Die Bücher mit Anleitungen zur perfekten Ordnung stehen auf den Bestsellerlisten. Selbsternannte Expertinnen lassen uns per Video in ihre Kleiderschränke, Regale und Küchenschubladen sehen, um ihre Erfolge beim Aufräumen zu demonstrieren.

Und wir? Natürlich räumen wir auf: Weil wir es für uns schön haben wollen, weil Gäste kommen, weil ein Fest vor der Tür steht. So wie jetzt: Weihnachten steht vor der Tür. Gäste kommen, und Gott kommt in diese Welt. Von einem Mann habe ich einmal eine Geschichte gelesen, die damit begann, dass er Post bekam, in der Gott seinen Besuch in den nächsten Tagen ankündigte. Da lief dieser Mann verzweifelt durch sein Haus: Vom Keller bis zum Dachboden lagen unaufgeräumte Dinge herum, die Treppen mussten gefegt, die Bäder geputzt und das Geschirr abgewaschen werden. „Oh nein!“, rief der Mann, machte die Haustür auf und rief: „Freunde! Nachbarn! Kommt alle her und helft mir aufräumen! Gott will mich besuchen!“ Und hektisch begann er schon einmal mit dem Wohnzimmer, als ein Mann zum Helfen dazukam. Gemeinsam machten sie alles sauber, räumten auf, putzten und wuschen ab. Am Ende war alles tipptopp und der Mann lud den fremden Gast ein, mit ihm Kaffee zu trinken. Erst jetzt kam er aus dem atemlosen Aufräumen heraus und sagte dem Gast: „Gott will zu Besuch kommen, und da musste ich doch alles sauber haben! Vielen Dank für die große Hilfe!“ „Alles gut“, erwiderte der fremde Mann, „ich bin es doch selbst und habe dir beim Aufräumen geholfen!“

Wenn Gott zu uns kommt, kommt er mitten hinein in das, was nicht aufgeräumt ist bei uns, auch im Innern: Die alten Verletzungen, der Groll, die schwelende Wut, die Verzagtheit, die Hoffnungslosigkeit, die Zukunftsangst, Krankheiten, seelische und äußere Nöte. Unser Leben ist nicht so heile, wie wir es gern nach außen darstellen und vielleicht auch Gott vorweisen würden. Aber er will trotzdem zu uns kommen. Und er will genau deswegen zu uns kommen. Denn er will uns aufräumen helfen: die Verletzungen heilen, dem Groll auf den Grund gehen, der Wut zuhören, die Verzagtheit mit dem Mut in Kontakt bringen, der Hoffnungslosigkeit neue Zukunftsbilder vor Augen malen, der Zukunftsangst deutlich machen, dass er auch der Gott der Zukunft ist, den Krankheiten und körperlichen Verletzungen sein Mitgehen und Durchhelfen anbieten, den seelischen Nöten ein Zuhörer und Begleiter sein, den äußeren Nöten einen Samen der Hoffnung in die Hand geben.

„Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt“, singen wir in der Adventszeit in den Kirchen aus einem Lied von Jochen Klepper. Vergessen wir nicht, dass er voller Liebe zu uns kommt und zurecht bringen will, was noch nicht hell ist.