An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Henning A. Debus

9. Dezember 2018

Weihnachts-Botschaft: Schubladen auf!

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

Wie kämen wir wohl im Alltag zurecht ohne Schubladen? In Küche und Wohnzimmer, in Bad und Schlafzimmer, in Kinder- und Arbeitszimmer, in Keller und Garage helfen uns Schubladen, Ordnung zu halten. Die Weihnachts-Dekoration würde uns noch an Pfingsten im Weg liegen und der Osterschmuck noch an Weihnachten, wenn es keine Schubladen gäbe. Sie sind da für Dinge, die wir immer wieder brauchen oder nur gelegentlich oder die uns einfach nur nerven, weil sie herumliegen: Schublade auf, Gegenstand rein - Problem gelöst!

Nun gibt es Schubladen, die kein Problem lösen, sondern nur vertagen. Es sind die Schubladen in unseren Köpfen. Es sind Schubladen, in die wir andere Menschen stecken. Es sind die Schubladen „Gläubig“ und „Ungläubig“, „Einheimische“ und „Fremde“, „Fleißige“ und „Faule“, „Menschen vom Land“ und „Menschen aus der Stadt“, „Vorlaute“ und „Schüchterne“, „Vertrauenswürdige“ und „Suspekte“ undundund…

Diese Schubladen öffnen wir aus Unsicherheit und auch aus Angst vor dem Anderen, dem Fremden. Da kommen sie hinein, und wir machen schnell wieder zu. Problem gelöst?

In diesen Tagen bereiten wir uns wieder vor auf die Ankunft des Gotteskindes in der Welt. Es ist Advent. Als dieses Gotteskind ein erwachsener Mann war, zeigte er sich als der größte Schubladenöffner aller Zeiten, weil er aus einer Kraft von oben lebte. Die Schubladen „Krankheit“ und „Behinderung“ riss er weit auf und holte diese Menschen wieder zurück in die Gesellschaft. Die Schublade „Kinder“ riss er weit auf und machte deutlich, dass ihnen das Reich Gottes gehört. Die Schublade „Frauen“ riss er weit auf. Die Schubladen „Römer“, „Zöllner“, „Prostituierte“ zählten für ihn nicht. Nur der Mensch, der zählt!

In den letzten Tagen haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7b des Johannes-Althusius-Gymnasiums 600 Streichholzschachteln beschriftet und weihnachtlich gestaltet. Im Weihnachtsgottesdienst vor den Ferien soll jeder in der Schulgemeinde eine solche „Schublade“ geschenkt bekommen als symbolische Erinnerung an das, was Weihnachten im Tiefsten bedeutet: „Schubladen auf! Frohe Weihnachten 2018!“ Christ, der Retter ist da: Er reißt die Schubladen unseres oft so eingefahrenen Denkens weit auf und entlässt alle, die darin sind, in die Freiheit der Kinder Gottes. Übrigens: Bei irgendjemandem stecken auch wir in einer Schublade. Es wäre doch schade, wenn das auf immer so bliebe!