An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfrn. Christine Liedtke

12. August 2018

Mal ganz bewusst: Danke

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen - und ich auch. Ich durfte mit einer Delegation des Kirchenkreises Wittgenstein unseren Partnerkirchenkreis Ngerengere im Nordosten von Tansania besuchen. Dieser Kirchenkreis liegt - genau wie unser - im ländlichen Bereich und auch er hat zu wenig Pastoren; aber damit hört die Ähnlichkeit auch schon fast auf.

In Tansania sind nur knapp drei Prozent der Menschen älter als 65 Jahre, wenig mehr sind im dortigen rüstigen Seniorenalter von 55 bis 64 Jahren, fast 30 Prozent sind zwischen 25 und 54 Jahre alt, ein Fünftel der Bevölkerung ist 15 bis 24 Jahre alt und 44 Prozent der Menschen in Tansania sind Kinder, also bis 14 Jahre alt.

Da die Kirche als ein guter und werte-vermittelnder Ort angesehen ist, werden viele Kinder im Kirchenkreis Ngerengere getauft und die Kirchengemeinden wachsen. Neue Kirchen werden gebaut oder bestehende vergrößert, soweit das Geld reicht. Dabei gehen die Kirchengemeinden andere Wege als wir für das Fundraising: Sie machen zum Beispiel Versteigerungen nach einem Gottesdienst. Das haben wir selbst erlebt: Da sind bei einem Taufgottesdienst in Kwaba anlässlich der Taufe von etwa 20 Kindern nicht nur Geldspenden, sondern auch Sachspenden gegeben worden, was in Tansania auf dem Land nicht unüblich ist. Diese Sachspenden werden an den Meistbietenden versteigert - und dann werden beispielsweise Zuckerrohrstangen für einen weit höheren Preis als der Marktpreis erstanden. In Kwaba wechselte sogar ein lebendiges Huhn die Besitzerin.

Dass wir Christen eine weltweite Gemeinschaft sind, die unter ihrem Herrn Jesus Christus verbunden sind, wurde für uns ganz deutlich, als Pfarrer Oliver Lehnsdorf und ich eingeladen wurden, die 20 Kinder im Gottesdienst in Kwaba zu taufen. Das war eine ganz besondere und beglückende Erfahrung.

Während unseres Aufenthaltes in Ngerengere waren wir in den wohlhabenderen Familien untergebracht, was bedeutete, dass wir nicht auf dem Boden sitzend essen mussten, dass wir ein Bett mit Matratze hatten und eine Toilette im Hausbereich. Auch wurden uns Löffel zum Essen angeboten; dort essen die Menschen meistens mit den Fingern. Aber auch in diesen Familien wurde auf dem offenen Feuer gekocht, die große Wäsche fand in Waschschüsseln statt (es gibt dort keine Waschmaschinen), fließendes Wasser, Geschirrspüler, Mikrowellenherde oder Staubsauger suchte man vergeblich. Nur die reicheren Familien haben Moskitonetze über jedem Bett und Fliegenschutz vor den Fenstern.

Das Essen ist teuer, Zucker und Fleisch sind Luxuswaren. Dass der Strom zuweilen ausfällt, wird als normal empfunden. Während zwei Monaten, im März und April, essen die Familien aus saisonbedingtem Nahrungs- und Einkommensmangel nur höchstens eine Mahlzeit am Tag, die manchmal nur aus Tee besteht. Aber die Menschen dort beklagen sich nicht und jammern nicht. Sie stellen sich den täglichen Aufgaben und versuchen, ihr Leben zu meistern.

Sie feiern fröhliche Gottesdienste mit mehrstimmigem Gesang, ganz ohne musikalische Begleitung, ohne Gesangbücher, weil die zu teuer sind, in Lehm- oder Holzkirchen, die bei uns als Ställe gelten würden, mit einfachst zusammengezimmerten Holzbänken ohne Rückenlehne und mit einigen wenigen Monoblock-Plastikstühlen, auf denen wir Platz nehmen durften. Kinder und Babys sind selbstverständlich mit dabei in den etwa drei bis vier Stunden langen Gottesdiensten. Zwischendurch steht die Gemeinde auf, singt und klatscht, einer trommelt kunstvoll auf einem Plastikeimer.

Zweimal gehen die Gottesdienstbesucher nach vorne, um ihre Gaben (Geld oder Naturalien) an den Altar zu bringen. Die Predigt wird ausdrucksstark in Gestik, Mimik und Stimme vorgetragen, immer wieder unterbrochen durch „Bwana asifiwe - Gelobt sei Gott“, was mit einem lauten „Amen“ beantwortet wird. Hat der Prediger das Gefühl, dass nicht mehr alle bei der Sache sind, so ruft er noch einmal „Bwana asifiwe“ und erwartet ein noch lauteres „Amen“. Manchmal lässt sich der Prediger ein Wort wiederholen: „Der ältere Sohn aber, als er hörte, dass für den missratenen Bruder ein Fest gefeiert wurde, war neidisch. Was war er?“ Alle antworten: „Neidisch!“

Wegen der ganz anderen Altersstruktur in Tansania muss die Kirche dort viele Angebote für junge Menschen machen und auch besonders die Bildungsarbeit unterstützen. In manchen Volksstämmen Tansanias ist noch die Vielehe verbreitet, die in in diesem Land gesetzlich nicht verboten ist, aber als ein großes Problem empfunden wird.

Ja, ich könnte noch viel mehr erzählen. In allem, was mir begegnet ist, - und so geht es Ihnen sicher auch, wenn Sie in ein anderes Land verreisen – vergleiche ich in Gedanken oft mit den Zuständen zuhause; dann bin ich dankbar, dass wir in einer guten Demokratie leben dürfen, dass unser Wohlstand so groß und unsere Arbeitslosigkeit so niedrig ist und dass unsere Wirtschaft floriert. Dann bin ich dankbar, dass es bei uns Sozialleistungen gibt und wohltätige Einrichtungen vielerlei Art. Dass keiner einfach so verschwinden kann und die Regierung nur mit den Schultern zuckt. Dass wir mehr als drei Mahlzeiten täglich zu uns nehmen können. Dass bei uns die Schulbildung und Ausbildung der Kinder so kostengünstig ist. Dass viele Familien bei uns ein Auto (oder sogar mehr) besitzen; in Ngerengere können sich nicht einmal die Pfarrer und Lehrer ein Auto leisten. Dass wir vier Jahreszeiten haben und nicht nur Trockenzeit und - manchmal verheerende - Regenzeit. Ich bin dankbar, dass wir intakte Kirchgebäude und schöne Gemeindehäuser haben.

Diese Dankbarkeit findet ihren Adressaten in Gott, der für mich bestimmt hat, in Deutschland geboren zu werden, hier aufwachsen zu dürfen, hier leben und arbeiten zu dürfen. Im nächsten Gottesdienst will ich ihm bewusst „Danke“ sagen und für meine Schwestern und Brüder in Tansania beten.
Und nachdem Sie mir so lange bei meinen Reise-Erinnerungen gefolgt sind, bin ich gespannt auf Ihre Reise-Erlebnisse.