An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Horst Spillmann

21. Oktober 2018

Kontaktabbruch - und dann?

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

„Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben!“ Ein bitterer, zerstörender Satz. Wie oft habe ich ihn schon gehört, etwa wenn Mütter schildern, dass ihr Sohn oder ihre Tochter von heute auf morgen den Kontakt zu den Eltern abgebrochen hat und dieser Bruch mitunter über Jahre währt. Welch eine Seelennot auf beiden Seiten, bei den Eltern und den Kindern!

Die Ursachen dieser familiären Katastrophe sind mannigfaltig; die Psychotherapeutin Claudia Haarmann geht in ihrem Buch „Kontaktabbruch“ darauf ein. Und ja, da ist auch Schuld im Spiel, bei den Eltern, aber auch bei Kindern. Kontaktabbruch ist zunächst aber auch Ausdruck von Verzweiflung, mit einer bestehenden Situation nicht mehr klar zu kommen, weil man sie als krankmachend erlebt. Daraus entstehende Schuldzuweisungen - so verständlich sie erst einmal sind - verbauen allerdings auf Dauer ein seelisch gesundes Leben und bringen nicht selten körperliche Krankheiten hervor.

Kontaktabbrüche gibt es zudem in vielen anderen Bereichen: an der Arbeitsstelle, in der Nachbarschaft, in der Freundschaft, in der Ehe - ja, auch in der Beziehung zu Gott. Wie viele Menschen haben gerade hier gesagt: „Mit diesem Gott, der so viel Leid in meinem Leben und auch in der Welt zulässt, will ich nichts mehr zu tun haben.“ Ja, so kann man fühlen, aber auch mit dem Kontaktabbruch zu Gott wird man keinen Frieden finden.

Es gibt nur eine verheißungsvolle Lösung aus diesen Brüchen, in welchen Bereichen auch immer sie auftreten: Sich aufeinander zubewegen! Dazu ist es nie zu spät. Allerdings ist es unabdingbar dann auch seine alten Positionen der eigenen Rechthaberei aufzugeben und dem anderen auf Augenhöhe zu begegnen. „Augenhöhe bedeutet: Ich bemühe mich, dich so wahrzunehmen, wie du bist, und - bitte! - sieh du mich auch!“ (Claudia Haarmann)

Wie dem Menschen, so können wir auch Gott auf Augenhöhe begegnen - in seinem Sohn Jesus Christus. In ihm ist Gott ja Mensch geworden. Und wenn wir uns so auf Jesus einlassen, auch indem wir uns ehrlich selbst hinterfragen, werden wir mit der Zeit ein anderes Gottesverständnis erlangen, werden erkennen, dass er uns schon immer in seiner Liebe begegnet ist. Sie ist Ausdruck einer großen Weite und Freiheit, in der sich ebenfalls die drei grundlegende Bedingungen einer gelingender Eltern-Kind-Beziehung ausdrücken: Annahme des Kindes (Geborgenheit), ihm die Autonomie gewähren (Freilassen) und das Kind mit seiner Lebensgestaltung und seiner Leistung würdigen (Anerkennung). In einer Begegnung auf Augenhöhe werden jedem diese drei Vorgaben gewährt. Gott schenkt sie uns, können wir sie auch Gott entgegenbringen? Und wenn sich darüber die Herzen öffnen, dann wird es vielleicht möglich sein über alles zu reden, was früher passiert war. Dann kann der Bruch überwunden werden.